{"id":187,"date":"2024-01-16T17:04:49","date_gmt":"2024-01-16T16:04:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/?p=187"},"modified":"2024-01-16T17:04:49","modified_gmt":"2024-01-16T16:04:49","slug":"august-bis-dezember","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/2024\/01\/16\/august-bis-dezember\/","title":{"rendered":"August bis Dezember"},"content":{"rendered":"<p>Die Zeit vergeht immer schneller. Zu Beginn meiner 12 Monate in Bolivien konnte ich mir kaum vorstellen, dass das Jahr irgendwann einmal enden wird. Nun ist es Mitte Januar und der Tag der Abreise ist nur noch knappe 5 Wochen entfernt. Die Endphase hat begonnen \u2013 fast jedes verbleibende Wochenende ist nun durchgeplant, immer mehr muss ich mir Gedanken \u00fcber das machen, was nach meiner R\u00fcckkehr kommt. Im Folgenden will ich meinen Blick aber weniger in die Zukunft als auf das richten, was bis zum Jahreswechsel 2023\/24 in meinem Leben hier in Bolivien passiert ist.<\/p>\n<p>Fangen wir dort an, wo mein letzter Blogeintrag vor \u2013 es ist tats\u00e4chlich wahr \u00ad\u2013 in etwa einem halben Jahr aufgeh\u00f6rt hat. Der August war ein sehr spannender Monat. W\u00e4hrend mich eine Freundin aus Deutschland besuchte, wurde am 6. August der bolivianische Nationalfeiertag gefeiert, knapp einen Monat sp\u00e4ter der \u201ed<em>\u00eda de Cochabamba<\/em>\u201c (Tag Cochabambas). An beiden Tagen gibt es gro\u00dfe Paraden, unter anderem vom Milit\u00e4r und von den Schulen. F\u00fcr mich war es die erste Milit\u00e4rparade meines Lebens, die ich am bolivianischen Nationalfeiertag sah. Zuerst tats\u00e4chlich befremdlich, hatte ich mich einen Monat sp\u00e4ter beim Tag Cochabambas schon fast an diesen Anblick gew\u00f6hnt. Hier konnte ich die Feierlichkeiten nicht nur beobachten \u2013 nach einem Angebot unseres Schulleiters nahm ich auch selbst an der Parade der Schulen zum \u201ed<em>\u00eda de Cochabamba<\/em>\u201c teil. Mit vollem Anzug mit Deutschlandkrawatte und Fahnenanstecker von Cochabamba im Gleichschritt mit den anderen Lehrer*innen durch das Zentrum Cochabambas zu laufen war eine fast surreale Erfahrung, insbesondere aufgrund der an diesem Tag herrschenden dr\u00f6hnenden Hitze muss ich sie aber nicht unbedingt nochmal wiederholen.<\/p>\n<p>Mein pers\u00f6nlicher Eindruck ist, dass das Milit\u00e4r, Nationalstolz sowie gewisse (milit\u00e4rische) Vorstellungen von Disziplin und Ordnung in Bolivien pr\u00e4sent sind. Schon in den ersten Wochen in meiner Arbeit in der Schule ist mir dies aufgefallen, so etwa bei der \u201e<em>inauguraci\u00f3n del nuevo a\u00f1o deportivo<\/em>\u201c (Beginn des neuen Sportjahres), bei der von Seiten der Schule gro\u00dfer Wert auf Marschieren und Disziplin gelegt wurde. Auch eine \u201ehiza de bandera\u201c (Hissen der Flagge) wird zu Beginn eines jeden Monats durchgef\u00fchrt. Dar\u00fcber hinaus gibt es in Bolivien einen obligatorischen Milit\u00e4rdienst f\u00fcr alle M\u00e4nner, der entweder am Ende der Schulzeit (\u201e<em>premilitar<\/em>\u201c) oder im Anschluss daran abgeleistet werden muss (es kann aber auch ein Zertifikat gekauft werden). Mir scheint, dass meine Freunde hier sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben \u2013 w\u00e4hrend einige es als eine der besten Zeiten ihres Lebens bezeichnen und viele gute Freunde kennengelernt haben, berichteten mir andere von teils harten Bedingungen in den Kasernen und der Verh\u00e4ngung k\u00f6rperlicher Strafen.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich gibt es an Feiertagen aber nicht nur diese formellen Facetten, so wurde beispielsweise der Tag bzw. die Woche Cochabambas mit einem gro\u00dfen Festival auf dem Messegel\u00e4nde ausgiebig gefeiert.<\/p>\n<p>Nach einem gro\u00dfen hoch im August, in dem ich auch nochmals die M\u00f6glichkeit des Reisens innerhalb Boliviens hatte, wurde meine Gef\u00fchlslage im September etwas durchwachsener. Gleichzeitig mit meiner besten Freundin aus Deutschland reisten auch einige andere Freiwillige von Kulturweit aus La Paz zur\u00fcck nach Deutschland, die f\u00fcr mich zuvor noch ein wertvolles Supportnetz waren. Zur selben Zeit gab es in meinem Freundeskreis in Cochabamba Ver\u00e4nderungen, die mich einiges an Kraft kosteten. Dar\u00fcber hinaus hatte ich fast den ganzen Monat eine Mandelentz\u00fcndung. Beim Arzt wurden mir sehr starke Antibiotika verschrieben, deren Nebenwirkungen fast so gro\u00dfe Auswirkungen hatten wie die Krankheit, die sie behandeln sollten. Wenn ich mich geschont h\u00e4tte, w\u00e4re es mir vermutlich schnell besser gegangen. Ich brachte es aber weder \u00fcbers Herz nicht zur Arbeiten zu gehen, noch wollte ich meine sozialen Kontakte vernachl\u00e4ssigen, und so zog sich alles sehr hin. In Deutschland h\u00e4tte ich dies vermutlich anders gehandhabt, mein pers\u00f6nlicher Eindruck ist jedoch, dass viele Menschen in Bolivien in jedem k\u00f6rperlichen Zustand \u2013 buchst\u00e4blich bis zum Umfallen \u2013 arbeiten und im Zweifel statt zu Hause zu bleiben lieber sehr viele, frei verk\u00e4ufliche, teilweise wirklich harte Medikamente nehmen. Dies liegt selbstverst\u00e4ndlich nicht zuletzt an nicht vorhandener Krankenversicherung. Nicht zur Arbeit gehen bedeutet kein Lohn \u2013 und das k\u00f6nnen sich die allermeisten Bolivianer*innen schlicht nicht leisten. Deswegen tendierte auch ich wohl eher in diese Richtung, wollte ich doch nicht zu sehr heraush\u00e4ngen lassen, dass ich mir keinerlei solche Gedanken machen muss.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gab es noch ein weiteres Projekt, dass meine letzten Monate bestimmte. Ende August begann ich mit der Vorbereitung auf ein offizielles Spanischzertifikat. Nach sehr intensiven drei Monaten der Vorbereitung mit hohem zeitlichem und finanziellem Einsatz machte ich Mitte November das DELE C1. Ich habe die Ergebnisse zwar noch nicht erhalten, dennoch bin ich schon jetzt davon \u00fcberzeugt, dass sich die Arbeit in jedem Fall ausgezahlt hat, denn dank eines deutlich erweiterten Wortschatzes und neuem grammatikalischem Wissen kann ich mich nun besser verst\u00e4ndigen als je zuvor. Verstehen kann ich nun praktisch alles, in Konversationen komme ich meist erst an meine Grenzen, wenn es sich um wirklich komplizierte abstrakte, beispielsweise politische oder wirtschaftliche Themen handelt. Trotzdem hat man an manchen Tagen das Gef\u00fchl, dass die W\u00f6rter nicht so richtig aus dem Mund kommen. Auch nach 10 Monaten in Bolivien sorgt das bei mir manchmal f\u00fcr Frust, h\u00e4ufig entstehen aber auch lustige oder abstruse Momente \u2013 so etwa als ich mit einigen Freunden in Tarija war und wir eine halbe Stunde dar\u00fcber redeten, dass wir \u201e<em>cangrejos<\/em>\u201c essen gehen. Ich \u2013 vollkommen euphorisiert \u2013 dachte aus irgendeinem Grund es gehe um Heuschrecken und packte mein gef\u00e4hrliches Halbwissen dar\u00fcber aus, dass das ja die Zukunft unserer Ern\u00e4hrung sei \u2013 bis ich dann nach einer halben Stunde verstand, dass es eigentlich um Krebse ging und die anderen \u00fcberhaupt nicht verstanden hatten, was ich die ganze Zeit geredet hatte.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck in die Chronologie. Meinen verpflichtenden Sprachkurs von Kulturweit nutze ich dazu, f\u00fcr eine Woche nach Lima zu reisen. Ich h\u00e4tte niemals erwartet, dass der Kulturschock bei meiner ersten Ausreise aus Bolivien so gro\u00df sein w\u00fcrde, wie er letztendlich war. Nat\u00fcrlich sind die Bezirke Miraflores und Barranco von Lima in keiner Weise repr\u00e4sentativ f\u00fcr das Leben in Peru, dennoch hat mich der Grad der Globalisierung dort im Gegensatz zu Bolivien sehr \u00fcberrascht. Als ich beispielsweise durch eine Mall ging, erinnerte mich auf einmal vieles an Deutschland. Die L\u00e4den, die Produkte, die Ger\u00fcche, das alles, was man genau so in Deutschland, den USA, Mexiko oder eben Lima findet, gibt es in Bolivien an keinem Ort. Wo in Bolivien am Flughafen Bilder vom Pr\u00e4sidenten oder Werbung der Regierung h\u00e4ngt, prangen in Lima gro\u00dfe Plakate mit Parfumwerbung von internationalen Gro\u00dfkonzernen. Sogar hinsichtlich der Kleidung, die die Menschen anhatten, hatte ich in dieser Woche einen kleinen Kulturschock. Au\u00dferdem habe ich in Lima an einem Tag mehr Touristen gesehen, als in meiner gesamten Zeit in Bolivien. Nicht nur an all diesen oberfl\u00e4chlichen Dingen, sondern auch an den vielen Vorurteilen, die die Menschen mir gegen\u00fcber in Lima \u00e4u\u00dferten (die in Deutschland vielleicht noch viel extremer w\u00e4ren), als ich erz\u00e4hlte, dass ich zurzeit in Bolivien lebe, merkte ich, dass Bolivien politisch, wirtschaftlich und kulturell deutlich isolierter ist, als ich es in meinem Leben hier wahrnehme.<\/p>\n<p>Nachdem die Ferien f\u00fcr die Sch\u00fcler*innen bereits Ende November begonnen hatten, hatten wir in der Schule noch einige eher ruhige Wochen bis auch unsere Weihnachtspause begann. So arbeiteten wir unter anderem an der Vorbereitung der Sprachcamps, der Umbenennung der Deutschr\u00e4ume (es m\u00fcssen ja nicht alle Namen von alten wei\u00dfen M\u00e4nnern sein\u2026) und einigen weiteren Aufgaben. Die Monate zuvor waren sehr voll mit Pr\u00fcfungen und verschiedenen Aktivit\u00e4ten, beispielsweise dem Landesfinale von Jugend debattiert in Bolivien \u2013 bei dem ich in den Halbfinalen sogar selbst als Juror fungieren konnte \u2013 sowie der Auff\u00fchrung eines Theaterst\u00fccks zur Deutschen Einheit. Das Theaterst\u00fcck ist mein kleiner Stolz, denn habe ich es selbst geschrieben und konnte beim Einstudieren des St\u00fccks mit einer 11. Klasse meinen Wunsch verwirklichen, mit einem Kurs intensiv in die Geschichte Deutschlands des 20. Jahrhundert einzutauchen. Die letzten Monate in der Schule waren mit die interessantesten, da ich mich oft einbezogen und gebraucht gef\u00fchlt habe, au\u00dferdem sind im September eine neue Praktikantin und eine neue Freiwillige an die Schule gekommen, mit denen die Arbeit nicht nur deutlich produktiver als zuvor ist, sondern auch viel mehr Spa\u00df macht.<\/p>\n<p>Nun habe ich es doch noch geschafft, einen kleinen \u00dcberblick \u00fcber einige weitere Monate meiner Zeit hier in Bolivien zu geben. Fortsetzung folgt. Versprochen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeit vergeht immer schneller. Zu Beginn meiner 12 Monate in Bolivien konnte ich mir kaum vorstellen, dass das Jahr irgendwann einmal enden wird. Nun ist es Mitte Januar und der Tag der Abreise ist nur noch knappe 5 Wochen entfernt. 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