Sommer

Langsam, aber sicher, neigt sich meine Zeit in Lima dem Ende zu. Gerade war ich noch auf dem Weg nach Cusco, und jetzt ist schon Februar, und ich fliege in zwei Wochen nach Hause!

Diese Woche war meine letzte ganze Arbeitswoche am Goethe, denn nächste Woche habe ich frei und fahre nach Arequipa (endlich, knapp drei Wochen später als ursprünglich geplant)! Im Anschluss darauf bin ich noch drei Tage im Büro, und dann geht es auch schon ans packen. Bis dahin haben Antonia und ich aber noch einen straffen Zeitplan, um alle unsere Lieblingsorte nochmal abzuklappern! In Lima ist es schön wie nie: Der Sommer ist endgültig in der Stadt angekommen, und auch wenn es um die Mittagszeit fast unerträglich heiß werden kann, ist es vor allem Abends wunderbar, wenn der warme Wind um die Häuser weht.

Im Goethe-Institut wurde diese Woche vor allem durch die Lehrerkonferenz dominiert, zu der jede PASCH-Schule aus unserer Region – Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien – zwei Lehrer nach Lima schicken durfte. Zum Anfang der Woche waren wir mit den Vorbereitungen beschäftigt, und am Donnerstag kamen dann endlich die Lehrer bei uns an. Es war total faszinierend, mal die Menschen kennenzulernen, mit denen ich in den letzten Monaten per E-Mail so viel Kontakt hatte, und mir von ihnen von ihren Heimatstädten erzählen zu lassen. Leider konnten zwei der Lehrer aus Venezuela nicht kommen, da sie kein Visum bekommen haben – die Lage bleibt angespannt, und es war interessant zu hören, wie die Lehrer dort mit den Stromausfällen und der Inflation umgehen.

Zwischen meinen organisatorischen Aufgaben habe ich immer wieder Zeit, mich selbst in die Seminare zu setzten, und wer weiß, vielleicht kann ich mein neu erworbenes Wissen zu Methodik und Didaktik tatsächlich mal anwenden :) Alle waren total lieb, und am Samstagabend gab es dann ein großes Abschiedsessen, bevor alle wieder abgereist sind. Ein toller Abschluss für meine Zeit im PASCH-Büro!

Fotos: https://kulturweit.blog/juliagoeslima/sommer/

Wahlen

Am Sonntag, den 26. Januar, fanden die Wahlen für den neuen Kongress Perus statt – 16 Monate vor Ende der Legislaturperiode. Wie es dazu kam, habe ich in meinem Blogeintrag zur politischen Lage in Peru schon erklärt, hier nochmal die Kurzfassung: Nach einem monatelangem Machtkampf zwischen Kongress und Präsidenten wurde der Kongress aufgelöst, und wird jetzt neu gewählt!

Normalerweise finden die Wahlen alle fünf Jahre statt, dementsprechend wurde der jetzige Kongress 2016 gewählt und ist nur noch bis April 2021 im Amt. 130 Sitze sind zu besetzen, wegen der Bevölkerungsverteilung in Peru werden 25% der Sitze von den Menschen in Lima bestimmt. Es herrscht Wahlpflicht, viele PeruanerInnen wählen aber aus Protest „weiß“, füllen ihren Wahlzettel also so aus, dass ihre Stimme als ungültig erklärt wird. Das Parteiensystem unterscheidet sich stark von dem in Deutschland; anstatt von einigen etablierten Parteien mit recht konstanter Wählerschaft gibt es immer wieder Neugründungen und generell große Veränderungen. So ist die Partei PPK (Peruanos por el cambio = Peruaner für den Wandel), die 2016 als zweitstärkste Kraft den Präsidenten gestellt hat, heute mit 1,1% fast unbedeutend. Von den 22 Parteien, die zur Wahl angetreten sind, ziehen alle ins Parlament ein, die ein Wahlergebnis von über 5% haben.

Nach den ganzen Voraussetzungen jetzt aber zur eigentlichen Wahl: Hauptthemen waren (mal wieder) die Korruption und die enorme Ungleichheit im Land, und bis kurz vor dem Wahltag ließen sich keine eindeutigen Voraussagen treffen, weil viele PeruanerInnen noch unentschieden waren.
Gewinner der Wahl war mit 10,1% die Partei Acción Popular (= Handeln des Volkes), eine konservative Partei mit einigen modern-liberalen Zügen, gefolgt von der Fuerza Popular (= Kraft des Volkes) mit 7%. Die Fuerza Popular wurde von der Tochter des ehemaligen Präsidenten Fujimori gegründet, und steht dementsprechend auch seiner Politik sehr nahe. Bei der Wahl 2016 war sie die stärkste Kraft, und hat seitdem die Mehrheit im Kongresses gestellt. Sowohl beim jetzigen parteilosen Präsidenten Vizkarra als auch bei seinem 2018 zurückgetretenen Vorgänger hat die Fuerza Popular viele innenpolitische Entscheidungsprozesse blockiert, deswegen ist es sehr bedeutend, dass sie jetzt nicht mehr die stärkste Kraft im Parlament ist.

Es bleibt die Frage, wie wirksam ein Kongress ist, der nur 16 Monate im Amt ist – und sich dessen sehr bewusst. Da im April 2021 schon wieder gewählt wird, war es für die Parteien außerdem schwierig, geeignete Kandidaten zu finden: viele Politiker wollten sich nicht aufstellen lassen, weil sie dann nicht an der Wahl 2021 teilnehmen dürfen – und natürlich möchten sie lieber für eine reguläre Amtszeit von fünf Jahren Teil des Kongresses sein als nur für 16 Monate.

Ob sich aber tatsächlich etwas ändert, hängt auch davon ab, ob die Acción Popular und ihre Koalitionspartner den liberalen Kurs Vizkarras mittragen oder sich ebenfalls gegen ihn stellen. Und selbst wenn Vizkarra unterstützt wird und sich wieder etwas tut in der peruanischen Politik, ist das mit Vorsicht zu genießen: sein neoliberaler Wirtschaftskurs hat auf die Arbeitswelt keinen guten Einfluss, und schadet vor allem der indigenen Bevölkerung extrem.

Mehr Hintergrundwissen zur politischen Geschichte Perus findet ihr hier: https://www.bpb.de/internationales/amerika/lateinamerika/44854/geschichte

Feliz cumpleaños!

Recht überraschend hat mir Nadim am Wochenende eröffnet, dass er in ein paar Tagen Geburtstag haben wird, und gerne ein paar Leute einladen würde. Ob mich das stört? Nein, im Gegenteil!
Also kamen am Dienstag eine Handvoll Peruaner, eine weltwärts-Freiwillige und Sandra vorbei, um Nadims 20. Geburtstag zu feiern. Er hat sich ordentlich ins Zeug gelegt, Snacks vorbereitet und ganz ohne Rezept wohl den besten Dip aller Zeiten gezaubert. Die Peruanerinnen haben eine Girlande dabei, Luftballons, schließlich muss ja richtig dekoriert werden, Rocio (meine supersüße Vermieterin) hat eine riesige Schokotorte besorgt, Sandra bringt auch noch Kuchen mit. Und bald wir auf Deutsch, Englisch und Spanisch erzählt und diskutiert, und natürlich Cumpleanos feliz gesungen – mit Klatschen, ganz nach Peruanischer Tradition. Übrig geblieben ist jede Menge Kuchen und Wassermelone, die es die nächsten Tage für uns drei geben wird, und die Erinnerung an einen total schönen Abend.

Nachdem die Woche so gut angefangen hatte, kam dann am Donnerstag die Ernüchterung: Ich war nochmal beim Arzt, der mir eröffnet hat, dass sich meine Mittelohrentzündung nicht nur hartnäckig hält, sondern auch auf das andere Ohr ausgeweitet hat. Großartig. Also nehme ich noch ein anderes Antibiotikum, und verschiebe meine Reise nach Arequipa weiter nach hinten. Hier ein großes Danke an die ganzen lieben Menschen, die mit mir telefoniert und meine Langeweile bekämpft haben!

Zurück in Lima

Ich bin schon wieder zwei Wochen in Lima, kaum zu glauben! Das bedeutete aber vor allem: zurück ins Büro. Die gute Seite daran ist ganz klar, dass ich wieder mit Antonia Mittagspause hatte! Sie hat gerade ihre Freundin Emma aus Deutschland zu Besuch, und natürlich mussten wir ihr am Wochenende unserem Lieblingsveganer zeigen. Außerdem ging es für uns zum ersten Mal nach Callao, der Hafenstadt im Norden Limas, die aber inzwischen mit Lima zu einer Riesenstadtverwachsen ist und eher als Art Stadtviertel gilt. Der Hafen und die gesamte dazugehörige Landzunge La Punta sind wirklich schön, und vor allem eine willkommene Abwechslung zur lauten Stadt. Man kann an der Küste entlang fast ganz Lima sehen, außerdem die kleinen Inseln im Pazifik; und wir haben es sehr genossen, einfach am Strand entlangzuspazieren und vom Wind durchgepustet zu werden.
Ein weiteres Highlight des Wochenendes war eindeutig, Clara und Saskia wiederzusehen! Wie ich waren die beiden über die Weihnachtszeit in Peru bzw. Ecuador unterwegs, und so gab es einiges zu erzählen. Wir haben uns in einer süßen Bar in Miraflores getroffen, und uns über Reisetipps, Hostels und Co. Ausgetauscht.
Diese Woche stand aber leider unter keinem so guten Stern: Schon am Montag hatte ich Ohrenschmerzen, nach typischer Julia-Manier wurden diese aber erstmal zwei Tage lang ignoriert („wird schon wieder weggehen“). Erst als ich am Mittwoch dann auf dem linken Ohr nichts mehr hören konnte und durchgehend Schmerztabletten nehmen musste, hab dann auch ich eingesehen, dass es wahrscheinlich klug wäre, zum Arzt zu gehen – allem bürokratischen Versicherungsaufwand zum trotz. Jetzt nehme ich also Antibiotika und verbringe die meiste Zeit im Bett, yay. Leider muss ich jetzt auch meine geplante Reise nach Arequipa verschieben – hoffentlich nur ein paar Tage, ich freue mich nämlich schon sehr.

Fotos 

Cusco

Letztens hat sich jemand beschwert, dass ich ziemlich lange nichts mehr gepostet habe – und naja, die Person hat nicht unrecht. Da es für mich schon am 26.12. nach Cusco ging, habe ich es über Weihnachten nicht mehr geschafft, einen Blogeintrag zu schreiben. Schande über mich.

Zum Ausgleich folgt jetzt der wohl längste Artikel aller Zeiten, denn wie schon erwähnt, habe ich acht Tage in der ehemaligen Inkahauptstadt Cusco verbracht, und bin restlos begeistert!

Cusco, auf Quechua Qosqo, bedeutet „Mitte der Welt“. Das Wort kommt aus dem Aymara, einer weiteren indigenen Sprache der Anden, die heute hauptsächlich in Bolivien gesprochen wird. Schon diese Wortherkunft zeigt, dass die Geschichte Cuscos nicht nur von den Inka, sondern von vielen verschiedenen Völkern geprägt wurde. Als der erste Inka Manco Cápac („Inka“ ist in dem Fall wie Herrscher oder König zu verstehen) die Stadt gegründet hat,wurde die Gegend von den Tampu besiedelt und lag im Einflussbereich der Wari-Kultur. Auch sonst gab es in Peru vor den Inka verschiedenste Kulturen, die uns Europäern kaum bekannt sind; als kurze Übersicht:
https://info-peru.de/peru-und-seine-kulturen-prae-inka/

Für die Inka war Cusco lange das landwirtschaftliche und politische Zentrum ihres Reiches, während der Herrschaft des 9.Inka Pachacútec Yupanqui (ca. 1438-1471) wurde die Stadt auch als Ausgangspunkt für Eroberungen immer wichtiger. Die größte Ausdehnung der Inka-Herrschaft reichte unter dem 10. Inka Túpac Yupanqui vom heutigen Quito im Norden bis Santiago de Chile im Süden, und dem bolivianisch-brasilianischen Grenzgebiet im Osten. Dass dieses riesige Reich von den Spaniern erobert werden konnte, lag vor allem am Bürgerkrieg zwischen den beiden Söhnen des 11. Inka, der das Reich enorm schwächte.
1535 stand Cusco im Zentrum eines monatelangen Aufstands gegen die Spanier, danach verlor es wegen der Gründung Limas und während des Unabhängigkeitskriegs immer mehr an Bedeutung. Das änderte sich 1911 mit der Entdeckung Machu Picchus, heute ist Cusco nämlich als touristisches Zentrum wichtig für ganz Peru, und zieht jährlich unglaublich viele Menschen an – so auch mich :)

Los ging es am 26.12. am Busterminal von Civa, voller Vorfreude auf 22 Stunden Busfahrt. Die ersten Stunden nach Ica gíng es an der Küste entlang, mit tollen Ausblicken in die Wüste und auf die Strände mit ihren Klippen. Die restlichen 18 Stunden haben im Gegensatz dazu überhaupt keinen Spaß gemacht: stundenlang ging es in Serpentinen durch die Anden, und ich war heilfroh, als wir endlich in Cusco angekommen sind.

Das Andenhochland
… ist neben der Wüste definitiv meine Lieblingsregion in Peru! Schon in Huaraz konnten wir beeindruckende Bergketten sehen, das Hochland rund um Cusco hatte für mich aber vor allem wegen der Regenzeit einen besonderen Reiz. Bei unserem Zwischenhalt in Abancay hing der Nebel zwischen den Bergen, während die Sonne aufging, und schöner hätten mich die Anden kaum begrüßen können. Auch bei meinen Ausflügen ins Heilige Tal und zu Palccoyo, dem Regenbogenberg, konnte ich tolle Landschaften bestaunen, dazu aber später mehr.

Machu Picchu
Am 28.12. war es endlich soweit – der Ausflug nach Machu Picchu! Nach einer relativ kurzen Busfahrt nach Ollantaytambo ging es mit Inkarail weiter nach Aguas Calietes. Schon die Busfahrt durch das heilige Teil war wirklich schön, wurde durch die Zugfahrt am Urubambafluß entlang aber noch getoppt; Machu Picchu liegt nämlich in der selva alta, der Zone zwischen dem Andenhochland und dem Amazonastiefland, in der der Regenwald auf die Berge trifft, was die Natur wirklich interessant macht.
Schon Aguas Calientes hat mich sehr fasziniert: das Dorf ist wirklich klein, und unfassbar touristisch, aber hat trotzdem Charme. Zwischen zwei Felswände eingequetscht, und meistens von tief hängenden Wolken umgeben, ist kaum zu glauben, dass so viele Häuser in dieses kleine Tal passen.
Als wir endlich bei Machu Picchu ankamen, haben wir erstmal garnichts gesehen – außer Nebel. Doch schon nach ein paar Minuten hat es immer weiter aufgezogen, und im Endeffekt kam sogar die Sonne raus. Mich hat die gesamte Stadt sehr beeindruckt, nicht nur wegen des wunderschönen und weltbekannten Blicks von Machu Picchu auf die Ruinen der Stadt und Huayna Picchu, sondern auch wegen der Geschichte dahinter, die wegen der vielen gut erhaltenen Mauern noch extrem gut nachzuvollziehen ist. Man kann sich zwischen den Ruinen sehr frei bewegen, und vom Zentrum der Ruinen aus ist die ganze Stätte sogar noch beeindruckender. Ich war mit zwei Chileninnen unterwegs, denen es sehr am Herzen lag, dass ich schöne Fotos bekomme, und einem Guide, der die größeren Touriströme erstaunlich gut vermeiden konnte und extrem viel über die Theorien rund um Machu Picchu wusste. Alles in allem war ich wirklich begeistert von diesem Tag!

Cusco – Altstadt / San Christobal
Mein Hostel lag sehr zentral in der Altstadt, nur zwei Querstraßen vom Plaza de Armas, was wirklich superpraktisch (und schön!) war. Im Vergleich zu Lima ist die ganze Altstadt wirklich süß, mit vielen kleinen Cafes, bei denen man im zweiten Stock auf dem Balkon sitzen kann. Ich habe den gesamten 29.12. in Cusco verbracht, und war zuerst im Mercado San Pedro. Der Markt ist zwar definitiv touristisch, aber trotzdem überraschend traditionell, und neben den klassischen Souvenirs konnte man jede Menge frisches Obst und Gemüse finden, und sehr viele gelbe Sachen, in Vorbereitung an Silvester – dazu später mehr. Ich bin danach durch das Viertel San Christobal zur gleichnamigen Kirche gelaufen (viele Treppen, und bei 3600 Höhenmetern ist das anstrengend) und habe von dort die Aussicht über die Stadt genossen. Danach ging es weiter zu…

Christo Blanco / Sacsaywaman
Auf dem Hügel hinter dem Plaza de Armas gelegen, ist der Christo Blanco –wie der Name sagt- eine weiße Christusstatue, die sich zu einem beliebter Aussichtspunkt entwickelt hat. Von dort aus ist man in ca. fünf Minuten bei Sacsaywaman, einer ehemaligen Militäranlage der Inka zum Schutz der Stadt, bei der die berühmte fugenlose Bauweise zu sehen ist. Da es geregnet hat, während ich dort war, war ich ziemlich alleine, was die Stimmung des Ortes nur noch verstärkt hat. Wieder einmal konnte man sich innerhalb der Ruinen frei bewegen, und so konnte man sich ein echt gutes Bild verschaffen. Ich hatte tatsächlich das perfekte Timing, denn in dem Moment, in dem ich gegangen bin, kam mir eine riesige Menschenmasse entgegen :D

Moray / Salinas de Maras
bzw. mein Programm am 30.12.! Da der öffentliche Nahverkehr im Heiligen Tal nicht überall der beste ist, habe ich mich hier für eine Tour entschieden. Also ging es zuerst nach Moray, einer Anlage aus Terrassen, auf der während der Inka-Zeit wahrscheinlich landwirtschaftliche Experimente durchgeführt wurden. Danach kam mein absolutes Highlight: Die Salzterrassen von Maras! Schon von oben war der Ausblick einfach großartig, und auch generell war ich super begeistert von der ganzen Anlage, die auch heute noch benutzt wird.

Qorikancha (der Sonnentempel)
Da die Tour nach Moray und Maras nur einen halben Tag gedauert hat, hatte ich ein bisschen Zeit übrig, in der ich den ehemaligen Sonnentempel der Inka besichtigen konnte, auf den während der Kolonialzeit ein kloster gebaut wurde. Es ist heute unglaublich interessant zu sehen, wie beide Elemente nebeneinander existieren, und dass im ersten Stock eine Kunstausstellung stattfand, hat mich natürlich auch nicht gestört :)

Pisac
… war ganz oben auf meiner Wunschliste, also habe ich mich am 31.12. auf die Suche nach einem Collectivo gemacht, und nach einer kleinen Weile war ich tatsächlich erfolgreich und auf dem Weg nach Pisac. Allein der Weg durch die Berge war wunderschön, und ich bin noch immer begeistert von der kleinen Stadt. Zuerst war ich auf dem Kunstmarkt im Zentrum, der zwar auch sehr auf Touristen ausgelegt ist, aber doch deutlich traditioneller und orgineller als die in Cusco. Nach einem Mittagessen in einem kleinen Restaurant mit Balkon mit Blick über die Plaza de Armas ging es dann weiter zu den Ruinen, die oberhalb der Stadt an den Bergen liegen. Wieder einmal konnte man sich frei bewegen, wovon ich ein großer Fan bin, und so bin ich den ganzen Nachmittag auf den Inka-Terrassen rumgeklettert und habe die Aussicht ins Tal genossen.

Silvester
Schon Tage und Wochen im Vorfeld konnte man auf den Märkten vor allem eines finden: Gelb. Luftballons, Tshirts, Kuscheltiere, Halsketten, Unterwäsche, usw. in gab es nur noch in gelb, da die Farbe Glück fürs neue Jahr bringen soll. Am Silvesterabend habe ich mich mit Leonie und ihren Eltern getroffen, um Pizza essen zu gehen, und war danach mit ihr, Jon und Lukas Pisco Sour trinken und (ich kann es selbst kaum glauben) Bierpong spielen! Um 12:00 ging es dann weiter zum Plaza de Armas, an dem ganz Cusco für das Feuerwerk und eine andere Neujahrstradition versammelt war: die Menschen begannen, um den Plaza de Armas zu laufen, um Glück im neuen Jahr zu haben. Da es den ganzen Abend geregnet hat, war das alles eine ziemlich nasse und kalte Angelegenheit, aber trotzdem echt schön.

San Blas
Dieses Viertel Cuscos ist definitiv so schön, dass es einen eigenen Abschnitt verdient hat! Gleich nach meiner Ankunft war ich hier mit Stella Cocktails trinken, und habe am 01.01. nochmal einen ganzen Tag dort verbracht. Es gibt unglaublich viele süße Cafes, und ich könnte Ewigkeiten damit verbringen, durch die Gassen zu schlendern und Fotos zu machen.

Palccoyo / Montañas de siete colores
Meinen letzten Tag in Cusco habe ich nochmal mit einer Tour verbracht, dieses Mal zu dem sogenannten Regenbogenbergen. Die Strecke durch die Anden war mal wieder großartig, und wir sind in ein wirklich abgelegenes Gebiet gekommen, in der freilaufende Alpakaherden unterwegs waren !!! Das war fast genauso toll wie die eigentliche Tour :) Im Bus habe ich eine andere Freiwillige aus Arequipa kennengelernt, und wir sind dann zusammen die Berge hochgeklettert. Die Strecke war zum Glück überhaupt nicht steil, wir hatten nämlich alle schon genug mit den 4300 Höhenmetern zu kämpfen. Leider war es mal wieder neblig, drum waren die Farben der Berge nicht ganz so leuchtend, wie sie in der Trockenzeit sein sollen. Nichtsdestotrotz waren die Aussichten einfach der Wahnsinn!

Jetzt bin ich wieder in Lima, und bin ein bisschen überfordert von der Hitze und dem Lärm der Stadt. Cusco war absolut großartig, schaut euch unbedingt die Bilder an!

Weihnachten

Auf einmal war es soweit – der Advent war vorbei, und Weihnachten stand vor der Tür. Und auch wenn ich sehr erleichtert war, nicht mehr in jedem Laden der Stadt mit Weihnachtsliedern bombardiert zu werden, war es ein komisches Gefühl, zu wissen, dass bald der 24.12. sein würde, schließlich ist alles so ganz anders als zu Hause. Kein Weihnachtsmarkt mit Glühwein, keine Adventsgottesdienste, kein Tannenbaum-Schmücken mit der ganzen Familie, kein Schnee. Doch kurz vor Weihnachten kamen dann tatsächlich die Päckchen meiner Eltern an! Das erste hatte sich schon im Oktober auf den Weg gemacht, und nach zwei Monaten ist es dann tatsächlich angekommen; warum das andere Päckchen die selbe Strecke in drei Wochen geschafft hat, ist mir ein ziemliches Rätsel.

Fakt ist aber auf jeden Fall, dass diese Päckchen mehr Weihnachtsstimung haben aufkommen lassen als alles andere, was kann man Papas Vanillekipferln und veganen Lebkuchen auch entgegensetzen.

Doch vor dem richtigen Weihnachten fand erst noch die Weihnachtsfeier des Goethe-Instituts statt. Wochenlang war das das Thema Nr. 1 unter unseren Kollegen – jedes Jahr werden alle Schüler, Lehrer und Mitarbeiter eingeladen, und es gibt Essen und Trinken, meistens sogar deutsches Bier. Los ging der Abend mit einer Tombola, in der man verschiedene Sachpreise und Rabatt für die Deutschkurse gewinnen konnte, später wurde dann im Foyer getanzt. Antonia und ich haben Bier ausgeschenkt, und mit den PASCH-Alumni gequatscht, das Highlight des Abends war wahrscheinlich der Glühwein. Alles in allem ganz nett, aber nicht das Riesenevent, das alle vorhergesagt haben :D

Am Tag darauf ging es dann weiter mit den Feierlichkeiten: alle Mitarbeiter wurden von der Institutsleitung zu sich nach Hause zum Weihnachtsessen eingeladen. Also ging es nach der Arbeit mit dem Sammeltaxi zu „Ulli“, und wir konnten ihre tolle Wohnung am Meer bestaunen. Gerade beim Sonnenuntergang war die Sicht über Larcomar und den Pazifik total beeindruckend, und es war echt schön, alle unsere Kollegen in so einem entspannten Umfeld zu sehen. Leider gab es beim Buffet nur sehr wenig vegetarische Optionen; die Cupcakes zum Nachtisch haben das aber wieder ein bisschen wettgemacht.

Und dann war es da: das „echte“ Weihnachten. Für mich zuerst ein Tag wie jeder andere, bis ich am Nachmittag dann live zur Bescherung zuhause zugeschaltet wurde! Es war echt süß, wie mir jedes einzelne Geschenk nochmal gezeigt wurde und wie ich sogar auf einem anderen Kontinent dem jährlichen Gesang nicht entgehen konnte.
Später kam dann Antonia vorbei, und nach einem Spaziergang im Campo de Marte haben wir Pizza gegessen – wenn schon alles ganz anders ist als zuhause, kann man das zumindest zu seinem Vorteil auslegen :D Danach haben wir mit den Plätzchen, die wir am Vortag gebacken hatten, auf das Feuerwerk zu Mitternacht gewartet; und das hat dann wirklich alle Erwartungen erfüllt: von meiner Wohnung aus konnte man in alle Richtungen nichts anderes sehen als Raketen!

Und dann war es auch schon wieder vorbei, das Weihnachten in Lima – und für mich geht es weiter nach Cusco.

Ein Samstag mit Saskia und Clara

Zugegeben, es hat eine Weile gedauert, bis wir uns getroffen haben – ob es an meinem Bus lag, der einfach nicht kommen wollte, an ihrem, der Verspätung hatte, oder an der Tatsache, dass wir an zwei verschiedenen Parks ausgestiegen sind, ist schwer zu sagen.

Irgendwann war es aber doch geschafft, und wir haben uns auf den Weg zum Kloster San Francisco gemacht. In der sonst nicht so schönen Altstadt gelegen, haben mich die gelb-weiße Fassade der Kirche und der kleine Platz wirklich positiv überrascht; die unzähligen Tauben, die den Platz bevölkert haben, hätten Antonia aber gar nicht gefallen. Dank unserer tollen Freiwilligen-Ausweise (oder dem UNESCO-Logo darauf) kamen wir dann zum Schülerpreis ins Kloster, und haben uns einer Tour angeschlossen. Das Kloster wurde im 17. Jahrhundert von den Spaniern erbaut, und hat einen wunderschönen Innenhof und eine wirklich beeindruckende Bibliothek. Besonders bekannt ist es für seine Katakomben, in denen die Knochen der dort Begrabenen in geometrischen Mustern angeordnet sind – meiner Meinung nach ziemlich seltsam, und nicht wirklich gruselig. Die Tour war aber wirklich informativ, und als wir ein paar Stunden später wieder auf dem Innenhof standen, waren wir ziemlich fix und fertig.

Im Anschluss sind wir ins barrio chino, das chinesische Viertel, gegangen, und haben uns wegen der großen Anzahl an Restaurants dazu entschieden, essen zu gehen. Die Stimmung unterscheidet sich wirklich enorm vom Rest der Stadt, und mit vielen Schildern und Namen in chinesischen Schriftzeichen hat man sich kaum mehr gefühlt wie in Lima. Die Portionen waren gigantisch, deswegen hatten wir jede Menge Zeit, um uns von unseren Plänen für die Ferien zu erzählen und uns über unsere zum Teil sehr skurillen Erfahrungen mit den peruanischen Weihnachtstraditionen auszutauschen.

Hierzu gibt es leider keine Bilder – im Kloster war fotografieren verboten, und den Rest des Tages mit Clara und Saskia habe ich viel zu sehr genossen, um an Fotos zu denken. Aber schaut euch gerne die Fotos auf ecosia an:

https://www.ecosia.org/images?q=monasteria+san+francisco+lima
https://www.ecosia.org/images?q=barrio+chino+lima

Advent in Lima

Advent in Lima – das klingt doch auf einmal ziemlich nach Weihnachtsstimmung! Und tatsächlich: wenn man den ganzen Tag von Weihnachtsdeko umgeben ist und überall „All I want for Christmas is you“ läuft, kommt man nicht ganz daran vorbei. Heute morgen wurde ich um ca. 8:30 von Mariah Carey  geweckt, weil im Campo de Marte irgendein Radiosender sein Weihnachtsevent für Kinder veranstaltet hat – inklusive Hüpfburg und Eisstand, es hat schließlich sommerliche 28 Grad. Auch im Goethe-Institut hängt jetzt ein großer Adventskranz im Foyer, und bei uns in der Lobby kommt noch immer täglich neue Deko dazu, obwohl ich schon letzte Woche dachte, jetzt sei wirklich kein Platz mehr.

Advent wirkt hier auf den ersten Blick sehr amerikanisch: überall blinken Lichterketten in allen Farben und Santa Claus samt Rentieren grüßt an jeder Ecke. In allen Läden ist Panetón zu finden, ein kleiner (oder auch riesiger) Kuchen mit getrockneten Früchten, der traditionell zur Weihnachtszeit gehört; und an vielen öffentlichen Orten werden Krippen aufgebaut, die momentan allerdings noch leer sind – ich nehme an, das Christkind kommt dann an Weihnachten dazu. Ein großer Unterschied zu Deutschland kommt dann aber am Heiligabend – anstatt „Stiller Nacht“ sind nämlich Lärm und Feuerwerk angesagt! Leider gibt es hier aber weder Adventskalender noch Nikolaus.

Die Woche an sich war trotz allem nicht sonderlich weihnachtlich, schließlich musste ich ganz normal arbeiten. Katharina, die (noch recht neue) Leiterin im PASCH-Büro, war zur Einarbeitung nach Sao Paulo gereist, und so war ich alleine mit Sandra im Büro – ziemlich entspannt :) Am Donnerstag habe ich in der Bibliothek und am Freitag in der Sprachabteilung ausgeholfen, und so ging die Zeit ziemlich schnell vorbei – und das, obwohl Antonia nicht im Büro war, weil ihre Eltern zu Besuch kamen!

Am Dienstagabend war ich mit Antonia und ihren Eltern bei Chillis und danach im Parque Magíco de las aguas – und (um Antonia zu zitieren) für die 4 Soles bekommt man echt was geboten! Der Park besteht aus Wasserspielen in den verschiedensten Formen und Größen, die bunt angestrahlt werden; das Highlight dabei ist eine Lasershow, die von Musik begleitet wird. Der Park hat wirklich Charme und ist definitiv einen Besuch wert!

Freitagabend ging es dann weiter mit dem Touristenprogramm: wir waren in Larcomar mit Fabiana und ihrer Mutter essen, und bei der ständigen Weihnachtsmusik und den bunt dekorierten Tannenbäumen kann man gar nicht anders, als in Weihnachtsstimmung zu kommen :) Passend dazu waren wir am Samstag im Kino, um Frozen 2 zu sehen, und auch wenn die spanischen Synchronstimmen im ersten Moment ein bisschen seltsam klangen, war der Film an sich einfach toll! Zum Abschluss sind wir noch durch den Markt am Parque Kennedy geschlendert, waren auf der Büchermesse und haben ein paar der Katzen gestreichelt :)

Hier gibt’s Fotos, wenn auch leider nicht von den Katzen, es war nämlich schon ziemlich dunkel…

pueblos jóvenes

In früheren Blogeinträgen wurden sie schon ab uns zu erwähnt: die pueblos jovenes, die jungen Dörfer. Um an dieser Stelle Wikipedia zu zitieren: „Es handelt sich um zumindest in der Anfangsphase informelle Siedlungen, die aber schon eine teilweise oder vollständige Infrastruktur aufweisen, so etwa fließend Wasser und Strom. Die Pueblos Jovenes sind durch die großen Migrationswellen aus den umliegenden ländlichen Gebieten oder aus dem gesamten Land entstanden. Letzteres ist bei der peruanischen Hauptstadt Lima der Fall. Die Migration nahm durch die Aktivitäten verschiedener Terrorgruppen, vor allem Sendero Luminoso und MRTA, seit deren Beginn um 1980 stark zu.“ (ein Eintrag zu den Terrorgruppen im Kontext von Perus Geschichte folgt vielleicht in den nächsten Tagen).

Schon zu Beginn meiner Zeit in Peru wurde mir von den pueblos jovenes erzählt, allerdings meistens im Zuge von Erklärungen, welche Stadtviertel ich vermeiden sollte. Für mich war recht schnell klar: es gibt reiche und arme Stadtviertel, und es gibt die pueblos jovenes, in meinem damaligen Verständnis mit favelas zu vergleichen.

Im Nachhinein ziemlich ignorant.

Schon von mehreren Seiten wurden mir die Alternativen Stadtführungen empfohlen, die Alois Kennerknecht in den pueblos jovenes in Lima anbietet, und diesen Samstag habe ich mich schließlich mit Clara und Saskia auf den Weg gemacht, um Alois in Surco zu treffen und mit ihm in die benachbarten pueblos zu fahren.
Alois Kennerknecht kommt ursprünglich aus dem Allgäu, lebt jetzt aber schon seit 1987 in Perú und arbeitete zuerst in verschiedenen Regierungsinitiativen, bevor er begann, eigene Projekte auf die Beine zu stellen. Hier gibt es ein Interview mit ihm, das seine Arbeit genauer erklärt.
Zuerst war ich skeptisch, klingt das doch alles sehr nach Entwicklungshilfe, und der stehe ich schließlich sehr kritisch gegenüber. Umso mehr Alois aber erzählt hat, desto mehr wurde klar, dass seine Arbeit nichts mit konventioneller Entwicklungszusammenarbeit zu tun hat. Er wird geschätzt, um seine Meinung gebeten, und doch ist er manchen Leuten ein Dorn im Auge; er erzählt von einem Vortrag in Villa del Salvador (der Partnerstadt Tübigens!), bei dem er mehrmals gebeten wurde, zu gehen; da er bekannt dafür ist, Missstände anzuprangern, wurde befürchtet, er könnte die Geldgeber verärgern.

Ich scheitere jetzt schon am locker fünften Versuch, diesen Eintrag inhaltlich oder chronologisch zu strukturieren und den berühmten roten Faden zu finden, also gibt es jetzt einfach meine Eindrücke und Erfahrungen ohne Zusammenhang:

1) pueblo joven ist nicht gleich pueblo joven
Pueblos jovenes ist der Überbegriff für die Gebiete, die einst informelle Siedlungen waren, da dort aber 2/3 der Stadtbevölkerung leben, ist das Gebiet natürlich entsprechend groß und in viele weitere Stadtviertel unterteilt, deren Namen im Zentrum Limas kaum jemand kennt.

2) Die informellen Stadtviertel sind genauso vielseitig wie die Offiziellen
Das klingt, als wäre es offensichtlich, tatsächlich war mir aber nicht bewusst, wie groß die Unterschiede innerhalb eines Viertels sein können, vor allem die Infrastruktur betreffend. Während sich die Hauptstraßen kaum von denen in Callao unterscheiden, gibt es oben an den Hängen einfache Holzhütten ohne Wasser und Strom. Doch der Großteil der Viertel hat Anschluss zu beidem, und ist auch sonst überhaupt nicht so verwahrlost, wie man erwarten könnte. Das bringt uns zu Punkt 3:

3) Die Menschen unterscheiden sich nicht zu denen auf der anderen Seite
Nochmal sehr offensichtlich. Konkret: Themen wie Mode, Internettrends oder Promi-News sind genauso relevant wie überall sonst; man geht zur Arbeit, zum Sport, in die Schule oder auf die Uni; es gibt Shoppingcenter, Restaurants und Friseure.

4) Die Panamericanas fanden in einigen der Viertel statt
Da im Zentrum Limas ja nicht einfach Häuser abgerissen werden konnten, um Platz für die Sportanlagen der Panamericanas zu machen, die 2019 in Lima stattfanden, wich man in die umliegenden Gebiete aus, und verwandelte einfache Fußballfelder in z.B. Villa Amarilla del Triunfo in moderne und beeindruckend große Anlagen, die jetzt ein bisschen fehlplatziert mitten in den Vierteln stehen. Alois hat uns zusätzlich darauf hingewiesen, dass die Zufahrtswege zu den Anlagen ordentlich aufgehübscht wurden: die Straßen wurden ausgebessert, und es wurden Farbeimer an die Anwohner verschenkt, damit zumindest der erste Eindruck die Realität versteckt.

5) Die Nebelfänger kann man wohl eher als Geldfänger bezeichnen
Falls ihr euch die Doku zur Mauer angesehen habt, wisst ihr schon, um was es geht: die sogenannten „Nebelfänger“ sehen im ersten Moment aus wie einfache Tücher, die auf den Bergrücken gespannt sind, um den Nebel abzufangen, der für Lima tatsächlich ein Problem darstellt – und das kann theoretisch sogar funktionieren! In der Praxis hat der „Erfinder“ Abel Cruz die recht stattliche Fördersumme allerdings hauptsächlich selbst eingesteckt, und die paar Nebelfänger, die auf den Bergen zu finden sind, funktionieren nur im Ausnahmefall.

6) Einfacher bedeutet nicht schlechter
Mit einfach beziehe ich mich auf die Krankenhäuser in den pueblos: oft an den großen Verbindungsstraßen gelegen, bestehen sie meistens aus einem langgezogenen überdachten Hauptgang, an dem links und rechts Container angeschlossen sind, in denen sich dann Behandlungszimmer, Materiallager usw. befinden. Klingt im ersten Moment nach einer recht provisorischen Lösung, vor allem, wenn man ein klassisches deutsches Krankenhaus als Vergleich heranzieht, aber tatsächlich spricht überhaupt nichts gegen diese Krankenhäuser: durch das Containersystem sind die verschiedenen Abteilungen beliebig erweiterbar, die Materialkosten halten sich deutlich in Grenzen, und beim Klima Limas sind durchgängige Wände schlichtweg nicht notwendig. Nach dem Besuch dort hat sich einiges in meinem Verständnis geändert!

7) Die beste Straße Limas liegt weit entfernt von Miraflores oder La Molina
… und zwar in Virgen de Lourdes! Eine Zementfabrik, die dort ihren Sitz hat, hat sie gebaut, und direkt unter ihr verlaufen riesige Förderbänder – ganz schön beeindruckend.

8) Immobilien sind genauso wichtig wie im Rest Perus
Wohnraum ist in Peru sehr wichtig, und wer sein Geld sinnvoll anlegen möchte, investiert in eine Wohnung an der Küste; das ist hier der allgemeine Konsens. Oft ist sogar von einer richtigen Immobilienmafia die Rede, und Spekulation mit Wohnraum ist keine Seltenheit. Dabei ist Landbesetzung eine häufige Strategie: Mit dem Ziel, mehr Fläche wirtschaftlich nutzbar zu machen, wurden in den 70er-Jahren einige konfuse Gesetze verabschiedet, die brachliegendes Land der Person zusprechen, die es bewirtschaftet oder besiedelt. Das führt heute dazu, dass Immobilienmogule Menschen in den pueblos jovenes dafür bezahlen, dass sie mehrere Flecken Land besetzen, um den Menschen das Land dann billig abzukaufen. So haben viele Leute mehrere Häuser, und werden von den Menschen auf der anderen Seite der Mauer dafür verteufelt.

9) Der schnelle Wachstum der pueblos beruht nicht auf Landflucht
In vielen Reiseführern und Büchern wurde immer wieder erwähnt: Wegen der anhaltenden Landflucht wachsen die pueblos jovenes weiter und weiter. Tatsächlich ist das aber eher auf das zentralisierte Bildungssystem zurückzuführen: Da es lange Zeit nur Universitäten in Lima und Trujillo gab, zogen oft ganze Familien in die Städte, um ihren Kindern Bildung zu ermöglichen. So viel zu den „verarmten Indigenen, die ihr Glück in den Städten suchen“ – dieses Bild ist stark vereinfacht, aber leider trotzdem häufig benutzt.

10) Korruption ist allgegenwärtig
Während wir durch die Straßen fahren, erzählt Alois immer wieder von Projekten, die an der Korruption scheitern, und wie es den Leuten langsam den Mut nimmt, neues auf die Beine zu stellen. Nur ein Beispiel: eine Schule in San Juan de Miraflores, seit Jahren von einer Stiftung aus Deutschland gefördert; angekommen von dem Geld ist fast nichts, stattdessen landet es in den Taschen des Direktors. Doch der Organisator will davon nichts wissen, hat sein Projekt in Deutschland doch so einen guten Ruf.

11) Die Wahlpflicht sorgt für ziemlich viele Probleme
Wahlbetrug auf recht subtile Weise: wenn in den pueblos vor den Wahlen auf einmal Land verschenkt wird oder Care-Pakete verteilt werden, kann es schnell passieren, dass sich so einige Menschen für einen Kandidaten entscheiden, den sie sonst nicht unterstützt hätten – irgendjemand müssen sie ja wählen.

12) Hohe Kriminalitätsrate ≠ man wird sofort überfallen
Unser Taxifahrer war recht skeptisch, als Alois verkündete, wo er gerne hinmöchte – er war auch noch nie in den pueblos gewesen, und ließ sich erstmal versichern, dass er und sein Auto wieder heil in Lima ankommen würden. Die Kriminalitätsrate ist tatsächlich deutlich höher als in den „normalen“ Stadtteilen Limas, und vor allem Jugendbanden sind weit verbreitet. Und doch leben dort normale Menschen, und wir konnten uns auch als gringas problemlos bewegen.

Ich weiß nicht ganz, was ich erwartet habe; wahrscheinlich Wellblechhütten, Kinder in dreckigen Klamotten, die auf der Straße spielen, Müll und Straßenhunde – das klassische Bild eines Armenviertels, von Mitleid manipuliert. Stattdessen war ich auf dem größten Friedhof Südamerikas, habe eine tolle Künstlerin kennengelernt, die in wenigen Sekunden ein Alpaka aus Stoff zauberte,war in einem Krankenhaus mit unglaublich moderner Ausstattung und einer Schule, die so auch in La Molina stehen könnte.
Die Probleme in den pueblos sind viel komplexer, als man im ersten Moment denkt, und die Stadttour mit Alois hat mir auf jeden Fall unglaublich geholfen, mein eindimensionales Bild der Viertel zu revidieren und zu erweitern. Das würde wahrscheinlich auch den Verantwortlichen in der Stadtverwaltung mal ganz gut tun – im Moment werden die pueblos meiner Meinung nach nämlich nicht als vollwertige Stadtviertel angesehen, denn obwohl Infrastruktur wie Wasser und Strom bereitgestellt wird, hat man doch irgendwie keine Lust, sich wirklich mit den Problemen dort zu beschäftigen. Auch die meisten Limeños, mit denen ich gesprochen habe, haben ein sehr stereotypisiertes Bild vor Augen: Armut, Kriminalität und vor allem die illegale Landbesetzung stehen dabei im Vordergrund. Und es ist nunmal so viel einfacher, eine Mauer zu bauen, als wirklich Verantwortung zu übernehmen.

Fotos hier

 

Proteste/Weihnachtsstimmung

„Hast du schon was von den Protesten mitbekommen?“ – von welchen denn genau? war mein erster Gedanke, als ich das am Montagabend von Saskia gefragt wurde, schließlich gibt es in Südamerika ja gerade genug davon. In Ecuador hat sich die Lage zwar wieder beruhigt, aber in Chile, Bolivien und auch Kolumbien geht es hoch her. Bisher war ich nur begrenzt davon betroffen – statt zum Zwischenseminar nach Santiago ging es eben nach Cordoba in Argentinien, und dass eine der Freiwilligen in Bolivien nach ihrem Seminar nicht mehr einreisen konnte, habe ich auch erst heute erfahren.

In Peru war es bisher sehr ruhig. Bis zum Montagabend: Saskia hatte nämlich eher als ich mitbekommen, das im Zentrum Limas, genauer gesagt am Plaza San Martin, protestiert wurde, mit ersten kleinen Zusammenstößen mit der Polizei. Nichts ernstes. Noch nicht?
Auslöser war die Freilassung des ehemaligen Präsidenten Keiko Fujimoris, der wegen Korruption festgenommen wurde. Wer sich an meinen Blogeintrag zur politischen Lage in Peru erinnert, dem sind die politischen Anhänger Fujimoris, die Fujimoristas, schon ein Begriff, und zwar als die Mehrheit in peruanischen Kongress, die dem jetzigen Präsidenten nicht gerade wohlgesonnen sind. Er steht für den Kampf gegen die Korruption, und hat dabei viele Anhänger, was die Proteste gegen die Freilassung des korrupten Fujimoris zeigen.

Heute (Donnerstag) ist wieder alles ruhig, die Proteste waren also ziemlich kurzweilig, das Thema ist wieder unter den Tisch gefallen. Stattdessen ist Weihnachten in aller Munde: jeden Morgen, wenn ich in die Lobby komme, ist ein neues bisschen Weihnachtsdeko dazugekommen; auf eine Plastiktanne folgte eine Girlande über den Aufzügen, dann über dem Eingang, hinter dem Portier, über dem anderen Ausgang;  heute musste das Sofa einer Weihnachtsmann-Figur weichen. Viel Platz ist nicht mehr, vielleicht kommen nichtsdestotrotz noch ein paar Rentiere oder Kunstschnee dazu?

Auch im Supermarkt und auf der Straße dreht sich fast alles um Weihnachten – ich bin im Gegensatz dazu gar nicht in Weihnachtsstimmung, dazu fühlt sich alles viel zu sehr nach Sommer an. Trotzdem beneide ich euch um Lebkuchen, Glühwein und vor allem Weihnachtsmärkte!

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