{"id":299,"date":"2010-11-11T09:12:03","date_gmt":"2010-11-11T08:12:03","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/juliagoeseast\/?p=299"},"modified":"2010-11-11T13:50:47","modified_gmt":"2010-11-11T12:50:47","slug":"2-monate-china-ein-fazit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/juliagoeseast\/2010\/11\/11\/2-monate-china-ein-fazit\/","title":{"rendered":"2 Monate China &#8211; ein Fazit"},"content":{"rendered":"<p>2 Monate bin ich jetzt schon in <span style=\"color: #ffcc00\"><em>China<\/em><\/span>. Fern ab der Heimat habe ich viele neue Eindr\u00fccke gewonnen, andere Verhaltenweisen gesehen, leckere und weniger leckere Sachen gegessen auf der Stra\u00dfe und anderen Orten, die keineswegs dem westlichen Standard eines Imbisses gleichen, bin viele Zugkilometer gefahren und habe mich immer wieder \u00fcber dieses <span style=\"color: #ffcc00\"><em>andere<\/em> <\/span>Volk gewundert, das mir doch so <span style=\"color: #ffcc00\"><em>vertraut<\/em><\/span> sein sollte&#8230;<\/p>\n<p>Der anf\u00e4ngliche Kulturschock ist \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Ich habe Fu\u00df gefasst, aber bis ich richtig ankomme und mich einlebe, werden noch viele weitere Monate ins Land ziehen. Ich wei\u00df, wo ich Dinge des t\u00e4glichen Lebens bekomme, wo ich shoppen gehen kann (was nicht hei\u00dft, dass ich es schon in gro\u00dfem Stil gemacht habe) und kenne die Buslinien f\u00fcr die wichtigsten Verbindungen. Am Wochenende kommt Phillip aus Shanghai und dann werde ich auch alle Sehensw\u00fcrdigkeiten hier gesehen haben. Letzte Woche hat endlich der Deutschunterricht hier angefangen, d.h. ich darf auch endlich anfangen zu arbeiten. Ich glaube, das ist eines der wenigen Male in meinem Leben, in denen ich arbeiten <em>darf<\/em>. Ich habe einmal hospitiert und einmal eine Geographieeinheit \u00fcber Deutschland gehalten. Es hat zwar nur die H\u00e4lfte wirklich interessiert, aber es war ein gutes Gef\u00fchl endlich mal was Sinnvolles tun zu d\u00fcrfen. Ich habe schon gro\u00dfe Pl\u00e4ne f\u00fcr kleine Projekte, aber bei der Umsetzung muss ich noch schauen, ob die Sch\u00fcler \u00fcberhaupt Zeit haben und wie man das Projekt ihren doch beschr\u00e4nkten Sprachkenntnissen (A1) anpassen kann.<\/p>\n<p>Eine Journalistin von der \u5317\u4eac\u9752\u5e74\u62a5 (bei jing qin nian bao, eine Zeitschrift f\u00fcr Jugendliche) hatte mich im Geothe-Institut \u00fcber meinen Alleingang nach China interviewt. Sie wollte alles von Motivation \u00fcber Meinung anderer \u00fcber mein Jahr hier bis zu meinen Eindr\u00fccken in China. Ich habe alles ziemlich detailliert beschrieben und das war auch der Ausl\u00f6ser \u00fcber meine bisherige Zeit nachzudenken. Was habe ich gelernt? Welche Verhaltensweisen habe ich verstanden? Welchen ersten Eindruck hat China bei mir hinterlassen?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\"><em>Chinesen sind sehr gastfreundlich. <\/em>Das stimmt schon. Wenn man jemanden kennenlernt, wird man immer gleich nach Hause eingeladen, aber der Einladung sofort zu\u00a0 folgen, w\u00e4re nur unh\u00f6flich. Erst abwarten bis die Gastgeber wirklich drauf bestehen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\"><em>Chinesen dr\u00e4ngeln, schubsen, quetschen und sind sonst auch sehr egoistisch. <\/em>Alles wahr! Besonders die alten kleinen Frauen k\u00f6nnen das am besten. Da wundert man sich schon, wenn man von einer Oma \u00fcber den Haufen gerannt wird, die einem nur bis zur Schulter geht. Und wenn die meisten Chinesen auf der Fahrbahn stehen und alle in eine Richtung blicken, bedeutet das, der Bus ist zu sp\u00e4t. Sie wollen alle die ersten sein, damit sie noch einen Sitzplatz abkriegen und beim Einsteigen geht das Gedr\u00e4ngele erst richtig los. Ohne R\u00fccksicht auf Verluste wird der eigene K\u00f6rper durch die T\u00fcr gebracht, die Fahrkarte kurz an den Automaten gehalten bis ein Piep-Ton erklingt und dann gehts weiter in Richtung Fahrzeuginnere, begleitet von einem monotonen \u5f80\u91cc\uff0c\u5f80\u91cc\uff0c \u5f80\u91cc\u8d70! (Geht ins Innere!) des Fahrers in einer Lautst\u00e4rke, bei der man gerne noch ein St\u00fcck weiter weg r\u00fcckt. Ein Bus kann nie zu voll sein. Einem Satz, dem die meisten Chinesen wohl zustimmen w\u00fcrden. Jedenfalls h\u00e4lt sie das nicht von ihrem Vorhaben in diesen Bus zu steigen ab. Auch in Qingdao gibt es \u00fcberf\u00fcllte Busse und Dauerstau, weshalb eine Metro geplant ist. Aber egoistisch? Ich w\u00fcrde es eher als eine Angewohnheit als als eine Eigenschaft sehen. Wenn man in einem Land mit \u00fcber 1,3 Milliarden Menschen lebt und in einer Stadt mit 7 Millionen, dann ist es verst\u00e4ndlich, dass ein jeder f\u00fcr sich selbst sorgen muss, um auch einen Teil des Kuchens abzubekommen bevor alle anderen ihn aufgegessen haben. Ich glaube nicht, dass solche Schubs- und Dr\u00e4ngelaktionen jemals b\u00f6se gemeint sind oder von &#8222;schlechter Erziehung&#8220; zeugen. Eher sind sie das Ergebnis einer f\u00fcr China &#8222;angemessenen, richtigen&#8220; Erziehung, die durch st\u00e4ndigen Wettbewerb gepr\u00e4gt ist und schon in der Grundschule anf\u00e4ngt. Ich wei\u00df nicht, wie es im Kindergarten zugeht, denn es gibt Sch\u00fcler, die schon mit 4 Jahren eingeschult werden und es mag sein, dass das die kl\u00fcgeren und weiter entwickelten Kinder sind. In der Schule lastet schon ein gewaltiger Druck auf den Kindern; bis 22 Uhr werden noch Hausaufgaben gemacht und zwischendurch in Selbststudiumsphasen der Gelernte wiederholt. Jeder will der Beste sein, um an eine der besseren Unis zu kommen. Viele studieren wegen der besseren Aussichten und des geringeren Wettbewerbs auch im Ausland. So etwas wie eine Lehre gibt es gar nicht, weil zu viele Menschen da sind, die geringer qualifizierte Berufe erledigen k\u00f6nnen, und nur die bestens ausgebildeten Absolventen haben Chancen auf eine gutbezahlte Arbeit. Das Lohnniveau ist sehr niedrig hier. Ich habe von Lehrern geh\u00f6rt, die weniger als ich im Monat bekommen. Ein Sch\u00fcler will sogar in Deutschland Abitur machen, weil ihm die \u9ad8\u8003 (Aufnahmep\u00fcfung der Universit\u00e4ten, vglb. Abitur) zu schwer ist. Er hat Horrorgeschichten \u00fcber die Pr\u00fcfungen geh\u00f6rt und lernt deshalb besonders flei\u00dfig Deutsch. Er ist der einzige Sch\u00fcler mit A2-Level und f\u00e4hrt auch zur Deutscholympiade.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\"><em>Chinesen spucken. <\/em>Was in Europa unvorstellbar ist, ist hier Normalit\u00e4t. M\u00e4nner, Frauen, Busfahrer und auch Frauen, die etwas schicker angezogen sind, alle spucken sie wie wild durch die Gegend. Nur Kinder und Jugendliche habe ich bis jetzt noch nicht spucken gesehen. Meine Theorie ist, dass der Boden, auf den sie spucken, ja nicht ihnen geh\u00f6rt und auch privates Grundst\u00fcck nicht wirklich den Bestizern geh\u00f6rt, sondern alles dem Staat.\u00a0 Deshalb kann es ihnen egal sein, in welchem Zustand der Boden ist, nicht sauber ist er sowieso. Ich wei\u00df nicht, ob man meine Theorie soweit ausweiten kann, dass man sagt, sie spucken auf den Staat, denn Staatsuntreue m\u00f6chte ich keinem Chinesen vorwerfen. Ich habe aber auch noch mit keinem Chinesen dar\u00fcber gesprochen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\"><em>Chinesen trinken sehr viel. <\/em>In Deutschland w\u00fcrde man bei einem Festessen am Anfang kurz ansto\u00dfen und dann trinkt jeder wann und soviel er\/sie will. In China werden bei Einladungen zum Essen alle 5 min kurze Reden gehalten und danach hei\u00dft es dann immer \u5e72\u676f\uff01Leert das Glas! Die Frauen nippen meistens nur dran, w\u00e4hrend die\u00a0 M\u00e4nner das kleine Glas leeren. Bei dem Ehrengast wird besonders drauf geachtet, dass er ja auch mittrinkt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\"><em>Chinesen sagen Ja und meinen Nein.<\/em> Man redet gerne um den hei\u00dfen Brei herum und umgeht ein Problem, in dem man solange \u00fcber etwas anderes spricht bis der Fragende seine Frage schon vergessen hat. Will ich wissen in welche Klassenstufe mein Gegen\u00fcber geht, bekomme ich erstmal das ganze chinesische Schulsystem erkl\u00e4rt. Will ich wissen, wann die n\u00e4chsten Ferien sind, werden mir s\u00e4mtliche Ferienzeiten erkl\u00e4rt mit ihren ungef\u00e4hren L\u00e4ngen nur um dann zum Schluss zu erfahren, dass der Sch\u00fcler auch keine Ahnung hat. Allgemein hat hier niemand ne Ahnung, wann die Ferien anfangen. Man wei\u00df nur ungef\u00e4hr wann sie sein sollten (Januar oder Februar&#8230;) und bekommt es dann 2 Wochen vorher durch Lautsprecher angek\u00fcndigt. Informationen werden hier so lange zur\u00fcckgehalten bis es kurz bevor steht. Ich wusste ja auch nie wann der DE-Unterricht losgeht bis er dann losging. Was besonders auf\u00e4llig ist, sind die Hierarchiestufen hier. Immer muss der Rangh\u00f6here gefragt werden bis durch zum Direktor. So ziehen sich Entscheidungen \u00fcber Wochen hin. Ich hoffe, dass die Deutschecke schnell genehmigt wird&#8230;<\/p>\n<p>Das sind so meine bisherigen Einblicke in die chinesische Kultur. In einigen Monaten werde ich erneut ein Fazit schreiben und mal schauen, ob ich da was revidieren muss ;). Jedenfalls hoffe ich, mehr Chinesen kennenzulernen und werde deshalb demn\u00e4chst auch mal den Germanistikstudenten einen Besuch abstatten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2 Monate bin ich jetzt schon in China. 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