{"id":151,"date":"2010-09-17T13:59:21","date_gmt":"2010-09-17T11:59:21","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/juliagoeseast\/?p=151"},"modified":"2010-09-22T14:35:09","modified_gmt":"2010-09-22T12:35:09","slug":"ready-for-take-off","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/juliagoeseast\/2010\/09\/17\/ready-for-take-off\/","title":{"rendered":"Ready for Take off"},"content":{"rendered":"<p>Nur noch wenige Stunden trennen mich vom Flughafen und der Maschine, die mich nach M\u00fcnchen bef\u00f6rdern soll. Ich bin aufgeregt. Voller Vorfreude f\u00fcr das Neue, dass mich erwartet und Angst vor dem Abschied von meiner Familie. Ein letztes Mal fahre ich Auto und hoffe, dass alles gut geht. Ich nehme alles bewusster und intensiver war. Das Rattern der Bahn, die deutschen H\u00e4user, den blauen Himmel und ja, auch die Menschen.<\/p>\n<p>Die Sonne scheint. Ein gutes Zeichen. Goodbye Deutschland!<\/p>\n<p>Mein Vater fuhr uns zum Flughafen. Auf dem Weg schaute ich mir alles ganz genau an und versuchte mir jede Einzelheit zu merken. Vor allem der gleichm\u00e4\u00dfige und geordnete Verkehrsfluss wird mir vermutlich fehlen. Immer mehr Flugzeug-Schilder wiesen uns den Weg. Angekommen regnete es. Leer war es hier. Vereinzelt sa\u00dfen Menschen gedankenverloren auf den B\u00e4nken oder lasen Zeitung. Das rege Treiben, das ich von Flugh\u00e4fen gewohnt war, wich der g\u00e4hnenden Leere. Ich f\u00fchlte mich gut, was vermutlich an der Beruhigungstablette lag, die ich zuvor noch schnell nahm. Mit 2,6 kg zuviel, was aber zum Gl\u00fcck keinen st\u00f6rte, ging ich zur Sicherheitskontrolle. Dank Kurzzeitparken zog sich der Abschied nicht allzu sehr in die L\u00e4nge und ich dr\u00fcckte meine Schwester und meine Eltern ein letztes Mal bevor ich hindurch ging. Mir kamen einige kleine Tr\u00e4nen, aber das gro\u00dfe Heulen blieb zum Gl\u00fcck aus. Am Gate warteten haupts\u00e4chlich Gesch\u00e4ftsleute in feinen Anz\u00fcgen. Auch hier ging alles gem\u00e4chlicher und ruhiger zu; ab und zu unterbrochen durch Lautsprecheransagen. Die Sonne scheint.<\/p>\n<p>Das Unterhaltungsprogramm der Lufthansa l\u00e4sst kaum W\u00fcnsche \u00fcbrig. Fast jede Musikrichtung wird angeboten und man kann auch aus einer Reihe von Filmen w\u00e4hlen. Ich entschied mich f\u00fcr \u201eLetters to Juliet\u201c. Der chinesische Gesch\u00e4ftsmann neben mir w\u00e4hlte \u201eMit dir an meiner Seite\u201c, die gleichnamige Verfilmung von Nicolas Sparks Bestseller, mit Miley Cyrus in der Hauptrolle und einem Zac-Efron-\u00e4hnlichem Typen. Sein Kollege schr\u00e4g vor mir g\u00f6nnte sich zun\u00e4chst \u201eAlice im Wunderland\u201c um danach mit einer Folge Desperate Housewives das Kitsch-Klischee endg\u00fcltig zu best\u00e4tigen. Als w\u00fcrde er das merken, schaltete er nach etwa der H\u00e4lfte der Folge auf \u201ePrince of Persia\u201c um. Der Kollege neben mir schlummerte schon, als ein weiterer Chinese mit Schlafbrille und herausragenden Ohrst\u00f6pseln in seinen Schlafsocken an mir vorbei ging. Lustiges Volk, diese Chinesen. Nach einiger Zeit wachte der Typ neben mir wieder auf und schaute sich ganz ungeniert meine Cosmopolitan an. An diese Alles-was-dir-geh\u00f6rt-darf-ich-mir-auch-nehmen-Mentalit\u00e4t muss ich mich noch gew\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Um 3.30 Uhr deutsche Zeit gab es Fr\u00fchst\u00fcck. WTF?! Ich will schlafen! Oder wenigstens weiter vor mich hin d\u00e4mmern. Richtig schlafen konnte ich nicht. Es gab komisches R\u00fchrei, was ich lieber nicht h\u00e4tte essen sollen. Unter uns erstreckte sich zur gleichen Zeit die g\u00e4hnende Leere der Gobi W\u00fcste. Russland und die Mongolei habe ich verschlafen bzw. es war zu dunkel, um etwas zu erkennen.<\/p>\n<p>Ich war hundem\u00fcde und lag in einer Liege am Beijing Airport. Der Flughafen ist gro\u00df, aber nicht zu gro\u00df. Alles war gut ausgeschildert und es gab gratis Trinkwasser, was mir quasi das Leben rettete, weil ich einfach keinen Supermarkt fand.<\/p>\n<p>In Qingdao angekommen holte mich eine junge Frau in schrillem Kleid, meine Mentorin, und ein weiterer deutscher Lehrer ab und wir fuhren zur Schule. Beiden war die Verwunderung anzusehen; hatten sie doch mit einer deutsch aussehenden Person gerechnet. Auf dem Weg dorthin bewies der Fahrer, dass Bremsen total \u00fcberbewertet werden, wenn man auch eine Hupe zur Verf\u00fcgung hat. Er hupte also wie verr\u00fcckt und andere hupten zur\u00fcck. Ich habe mich indes auf die Landschaft und das Stadtbild konzentriert und blendete die riskante Fahrweise und die fehlenden Sicherheitsgurte gro\u00dfz\u00fcgig aus. Auf dem Campus angekommen, der n\u00e4chste \u201eSchock\u201c: Die Eingangst\u00fcr zu dem Appartement sah aus wie der Hintereingang eines Schuppens. Das Appartement selbst ist\u2026 chinesisch! Auch mein Zimmer ist\u2026 chinesisch! F\u00fcr chinesische Verh\u00e4ltnisse wohnen wir relativ gut, sagte man mir, aber gegen Deutschland ist das ja mal nichts. Aber nun gut, ich bin hier, um mich auf neue Gegebenheiten einzustellen und genau das traf auch ein. Die K\u00fcche klein und provisorisch (soll aber schon besser aussehen, als vor 3 Wochen), das Waschbecken ebenfalls und vor allem dieses Holzbett. Chinesen m\u00f6gens anscheinend hart! In die Matratze ist eine Holzplatte integriert, umgeben von einer 1cm dicken Wollschicht, sodass man die Kanten nicht mehr sp\u00fcrt. Aber de facto liegt man immer noch auf einem Brett. Ich habe jetzt 2 Decken dr\u00fcber gelegt und hoffe es geht so.\u00a0 Genug gemeckert, nun zu den positiven Sachen: Ich habe ein eigenes Bad, eine westliche Toilette , einen Reiskocher, ein Einzelzimmer, einen Fernseher und voraussichtlich Internet, eine Klimaanlage, K\u00fchlschrank, Waschmaschine, Warmwasser und wohne direkt auf dem Campus.<\/p>\n<p>Heute waren wir noch auf dem Observatorium, was jetzt eine Jugendherberge ist, und haben den deutschen Stammtisch getroffen. Ich bin auf dem besten Wege in meine deutsche\/internationale Blase zu kommen, denn ich wohne nicht allein im Appartement. Hier sind noch eine Schottin und eine Japanerin, beide Lehrerinnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur noch wenige Stunden trennen mich vom Flughafen und der Maschine, die mich nach M\u00fcnchen bef\u00f6rdern soll. Ich bin aufgeregt. Voller Vorfreude f\u00fcr das Neue, dass mich erwartet und Angst vor dem Abschied von meiner Familie. 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