In Vardsia und Akhaltsiche

Gerade regnet es, draußen duftet es herrlich und endlich herrscht eine angenehme Temperatur. Vor vier Tagen sah es aber noch ganz anders aus…

Am Dienstag Morgen, als wir uns auf dem Busbahnhof Didube in eine (auch für georgische Verhältnisse schon sehr klapprige) winzige Marshrutka quetschten, waren es bereits um die 35 Grad. Unser Ziel war das Höhlenkloster Varsdsia, das unweit der türkischen Grenze liegt. Unser Weg führte uns durch Borjomi, was immer noch einer meiner Lieblingsorte in Georgien ist. Letztendlich bereuten wir, hier keinen Zwischenstopp eingelegt zu haben. Jedenfalls gab es dort nach dreieinhalb Stunden Fahrt die erste Pause, weiter ging es dann noch mal zwei Stunden Fahrt. Und dieser Teil der Strecke hatte es dann auch in sich: normalerweise wird mir ja selbst bei der georgischen Fahrweise nicht mehr schlecht, aber dieser Fahrer toppte alles! War er vorher noch über die Autobahn geschlichen, holte er jetzt alles aus seiner Marshrutka raus, was (un)möglich war. Wir wurden ordentlich durchgeschüttelt, ich sah absichtlich nicht aus den Fenstern, wodurch ich leider auf der Hinfahrt die außerordentlich schöne Landschaft verpasste.

Endlich in Vardsia angekommen, sahen wir uns mit dem nächsten Problem konfrontiert: es war schon 14 Uhr, und die letzte Marshrutka nach Akhaltsiche, wo unser Hostel war, sollte schon eine Stunde später fahren. Egal. Wir sahen uns erstmal den Höhlenkomplex an.

Die ältesten Höhlen stammen noch aus vor der Zeit von Königin Tamar (1160-1213), diese hat jedoch den Ausbau noch mal vorangetrieben. Genutzt wurden die Höhlen vor allem als Kloster, bis zu 800 Mönche sollen dort gewohnt haben. Außerdem sollen bei Bedarf bis zu 50 000 Menschen dort Unterschlupf gefunden haben. Erscheint mir alles in allem etwas optimistisch, aber heutzutage kann man auch nur einen Teil der Anlage besichtigen. Im 19. Jahrhundert gab es ein Erdbeben, bei dem viele Säle wohl eingestürzt sind.

Viele der Höhlen erinnerten an Uplistsiche, waren allerdings größer. Durchaus vorstellbar, dass dort Menschen gelebt haben. Es gab so eine Art „Regal“, welches in die Wand gehauen wurde (hab leider kein Foto gemacht), dort soll früher eine Apotheke gewesen sein.

Am besten hat mir aber die Kirche gefallen. Zunächst sah es aus, als ob man in eine weitere normale Höhle geht, das war dann aber sozusagen wie ein Wintergarten oder eine Galerie, deren Decke bemalt war. Dann gab es eine große Holztür (die einzige im öffentlich zugänglichen Bereich), durch die man in die richtige Kirche hineinkam. Es war nicht zu fassen: mitten im Gestein lag da eine richtige Kirche! Die Decken und Wände bemalt, wie man es nur noch in sehr wenigen Kirchen sieht, aber am krassesten war, dass man nicht gemerkt hätte, dass man in einem Berg war, wäre nicht nur wenig Licht hineingekommen.

Hinter der Kirche gab es weitere Räume, einer führte zu einer Quelle im Berg, ein anderer zu einer Art Schrein, hinter dem wiederum ein langer Gang durch den Berg führte. Ich kann es nicht beschreiben, aber stellt euch vor, ihr geht durch einen Berg durch, durch einen Gang, der vor ca. 1000 Jahren von Menschen erschaffen wurde! Wie es dort früher ausgesehen haben muss… Ohne elektrisches Licht?

Weiter ging es durch die anderen Höhlen. Die Hitze machte uns ganz schön zu schaffen, waren wir am Anfang noch in jede Höhle einzeln gegangen, warfen wir am Ende nur noch einen Blick hinein und gingen weiter.

Unten angekommen, standen wir immer noch vor dem Problem, wie wir nach Akhaltsiche kommen sollten… Taxi war ganz schön teuer, wir hätten noch auf einen anderen Bus warten können, der wenigstens die Hälfte der Strecke fuhr, aber das dauerte auch noch. Auf dem Parkplatz stand aber ein großer, moderner Reisebus. Und in der Höhlenstadt waren zwar Menschen unterwegs, aber gewiss nicht so viele, dass sie alle in den Bus gehörten, oder doch? Fragen kostet ja nichts. Sonja, die am besten georgisch sprach, fragte den Fahrer. Dabei schauspielerte sie fabelhaft, ich konnte nur mit Mühen ein Lachen unterdrücken, es sah aus, als ob sie gleich weinen würde… „Die Marshrutka ist schon weg, und wir sind drei Mädchen, und das Taxi ist zu teuer…“ usw. Der Busfahrer war so nett und nahm uns mit. Vorher mussten wir aber noch auf die eigentlichen Touristen warten, und als wir da so im Schatten saßen, sprach mich die Führerin der Gruppe an, dass sie mich doch irgendwo her kennen würde… Tatsächlich war es die Freundin eines Mitbewohners aus der alten WG. Die Welt ist so klein. Die Rückfahrt war super entspannt, wir hätten sogar noch eine Burg anschauen können, waren aber zu geschafft… Aber die Landschaft dort ist so schön! Im Reiseführer steht, dass das türkisch-armenische Hochplateau sehr unwirtlich und karg sei, aber das sah ich anders. Alles war in einem hellen grün, durchsetzt von den beigen Felsen.

Am Abend bezogen wir unser Hostel, und machten noch einen Abstecher zur Burg Rabati, wo ich die besten Pelmeni (Khinkali waren aus) in Georgien hatte.

Am nächsten Morgen sahen wir uns die Burg noch mal genauer an. Die Burg selbst stammt aus dem 12. Jahrhundert, beherbergte abwechselnd eine georgische Fürstenfamilie, dann die Osmanen, später Türken und zuletzt von den Russen (die bis 2007 in Akhaltsiche waren). Heute ist sie (für Georgien etwas untypisch) wunderschön restauriert, es gibt ein Hotel und Restaurants. Leider hatten wir kein Geld dabei, sonst hätten wir uns die Moschee, die Kirche und das Museum ansehen können. Aber das ist ja ein Grund zum Wiederkommen. Und dann schlafen wir in dem Hotel in der Burg. Standesgemäß natürlich 😉

Das ist das Hotel

Während wir dann später noch auf die Marshrutka warteten, alberten wir herum und gab es noch ein „Bewerbungsgespräch“ für Nele (Freiwillige aus Armenien) und mich. Wir zählten alle Eigenschaften auf die ein guter Marshrutka-Fahrer haben sollte, und auch diejenigen, die er nicht braucht. Ein original georgischer Marshrutka-Fahrer:

  • Kann extrem gut Auto fahren
  • …auch wenn er gerade telefoniert (natürlich ohne Freisprechanlage)
  • …und sich auch mit der anderen Hand noch bekreuzigen, wenn er eine Kirche sieht
  • Hat keine Klimaanlage. Wozu? Es gibt doch den Fahrtwind
  • Raucht gern und viel
  • Ist ein begnadeter Backgammon-Spieler (in den Pausen), und isst gern Sonnenblumenkerne
  • Versucht nicht, Touristen abzuziehen. Alle bekommen den gleichen Preis (wirklich)
  • Hält auch am Wegesrand an, um alle an der Straße wartenden Menschen mitzunehmen
  • …auch wenn der Wagen voll ist
  • Kann gut Georgisch, Russisch, wahlweise Armenisch oder Türkisch, aber niemals Englisch
  • Bremst nie vor Kurven. Im Gegenteil, in Kurve wird beschleunigt!
  • Überholt oft und gern. Vor allem, wenn der Weg nicht einzusehen ist
  • Ist mal die Ruhe selbst und mal die Hektik in Person. Oft dann, wenn jeweils das andere angebracht wäre
  • Ist meistens zwischen 35-60, hat im Regelfall nicht mehr alle Haare
  • Ist ein guter Automechaniker, er kann jede Panne selber reparieren
  • Gibt keinen Kinderrabatt. Sollen sich die Blagen doch einen Sitz zu zweit teilen oder auf dem Schoß mitfahren
  • Kindersitze und Gurte? Was ist das?
  • Jedes Gepäckstück kann mitgenommen werden. Notfalls halt auf dem Dach (auch Tiere bis zur Größe von gemeinen Haushühnern sind okay)
  • Fährt erst los, wenn der Bus voll ist
  • Hatte noch nie einen Unfall

Obwohl die Liste echt nicht ironisch gemeint ist, bin ich den Marshrutka-Fahrern sehr dankbar. Es gibt hier, bis auf Flugzeuge, kein schnelleres und günstigeres Verkehrsmittel. 😊

Übrigens: Meine Rückfahrt nach Tbilisi war die schönste überhaupt. Es war eine Mercedes-Marshrutka, in der ich tatsächlich der einzige Fahrgast war.

Insgesamt war es ein toller Ausflug!

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu In Vardsia und Akhaltsiche

  1. Peter sagt:

    Hallo Julia, ganz herzlichen Glückwunsch für Deinen XXXXXl-Bericht über den Höhlenkomplex Vardsia (incl. der „Reiseerlebnisse“). Dein außerordentlicher, lehrreicher Bericht vermittelt sehr plastisch, was sich vor hunderten von Jahren dort abgespielt hat.Ich kann natürlich dieses Leben aus heutiger Sicht überhaupt nicht nachvollziehen. Über Euren Trick, nach Akhaltsiche (ich kann das kaum aussprechen) zu kommen, habe ich geschmunzelt. Eure dort gemachten Erlebnisse habe ich mit großem Interesse gelesen, was Ihr alles erlebt habt, ganz toll. Dass Du dort noch einmal hinfahren möchtest, um die „verpassten“ Sehenswürdigkeiten anzusehen, ist zu verstehen. Den „Tätigkeits- und Verhaltensbericht“ eines original georgischen Marshrutkafahrers habe ich mit einiger Verwunderung gelesen. Mutig von Euch, diesem Fortbewegungsmittel anzuvertrauen. Aber das ist wahrscheinlich alternativlos. Deine Schlusseinschätzung kann man leicht nachvollziehen. Ich wünsche Dir viele weitere tolle erlebnisreiche Reisen. Viele Grüße aus Berlin, tschüss, Peter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.