{"id":90,"date":"2012-09-24T03:16:01","date_gmt":"2012-09-24T01:16:01","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/?p=90"},"modified":"2012-11-26T13:24:07","modified_gmt":"2012-11-26T12:24:07","slug":"alltagsabenteuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/2012\/09\/24\/alltagsabenteuer\/","title":{"rendered":"Alltagsabenteuer"},"content":{"rendered":"<p>Beim heutigen Blogeintrag habe ich ein kleines Experiment gewagt. Einerseits erz\u00e4hle ich in zwei beispielhaften Tagen, was ich unter der Woche so erlebe, andererseits k\u00f6nnt ihr hier sehen, was sich in der Zwischenzeit schon ver\u00e4ndert hat. Viel Spa\u00df beim Lesen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Am Anfang<\/strong><\/p>\n<p>Der Handywecker klingelt erbarmungslos. Was, schon acht Uhr? Das darf doch nicht wahr sein, denke ich, w\u00e4hrend ich im Halbschlaf zur Quelle des unerw\u00fcnschten Morgenkonzerts greife, um sie abzustellen. Acht Uhr ist eigentlich eine akzeptable Uhrzeit, um unter der Woche aufzustehen, sollte man meinen. Wenn man allerdings aufgrund einer \u00dcberdosis Gr\u00fcntee und einem epischen Kampf mit einer Armee stechw\u00fctiger Schnaken erst gegen halb vier morgens das Reich der Tr\u00e4ume betreten konnte, wird um acht Uhr aufstehen zu einer Herausforderung der eher unangenehmen Art. Memo an mich selbst: Du hast ein Fliegengitter \u2013 also sei nicht leichtsinnig und benutze es auch!<\/p>\n<p>Schlaftrunken richte ich mich auf und setze einen Fu\u00df auf den Boden. Nicht nass. Das ist gut, denn es bedeutet, dass ich bei meinem gestrigen Versuch, die Waschmaschine zu bet\u00e4tigen, immerhin nicht das ganze Zimmer unter Wasser gesetzt habe. Ganz anders hat es da bei meiner ersten Kontaktaufnahme mit ebenjenem Ding ausgesehen. Unvorsichtigerweise bin ich dabei davon ausgegangen, dass die Dichtung zwischen dem Wasserhahn und dem Waschmaschinenschlauch auch das tut, wof\u00fcr sie ihre Daseinsberechtigung hat \u2013 Abdichten eben. Dass meine Annahme sich aber recht schnell als falsch erwiesen hat, kann die Kellerassel beweisen, die bis vor Kurzem bei mir in Untermiete lebte. Sie ist mittlerweile leider ertrunken.<\/p>\n<p>Motiviert von diesem Erfolgserlebnis schaffe ich es daraufhin, mein Bett vollst\u00e4ndig zu verlassen und auf den BBB hinauszutreten. Nass. Das ist schlecht. Was soll das denn jetzt? Zum ersten Mal an diesem Morgen \u00f6ffne ich die Augen und sehe, dass ich mitten in einer kleinen Wasserlache stehe. Somit hat sich meine seit einigen Tagen gehegte Vermutung wohl doch best\u00e4tigt \u2013 auch Toiletten k\u00f6nnen von Zeit zu Zeit unter Inkontinenz leiden. Sonderlich gro\u00dfe Sorgen erweckt jenes Problemchen allerdings nicht in mir, da ich immer noch dankbar daf\u00fcr bin, dass ich ein (aus westlicher Sicht) richtiges Klo besitze und kein Loch im Boden mit an den Seiten angebrachten Rillen f\u00fcr mehr Standfestigkeit (wie immer noch \u00fcblich in China).<\/p>\n<p>Unbeeindruckt gehe ich also zu der n\u00e4chsten gro\u00dfen Herausforderung an diesem Morgen \u00fcber: dem Duschen. Geduscht habe ich n\u00e4mlich in den vergangenen Tagen grunds\u00e4tzlich kalt. Auch heute zeigt der Regler klar und deutlich in Richtung des chinesischen Zeichens f\u00fcr \u201eWARM\u201c, aber selbst nach einigem Warten bleibt das k\u00fchle Nass, naja, ziemlich k\u00fchl. Davon jedoch belebt, kommt mir pl\u00f6tzlich eine revolution\u00e4re Idee \u2013 warum nicht mal den Regler in Richtung des Zeichens f\u00fcr \u201eKALT\u201c drehen? Und siehe da, das Wasser wird warm. So einfach ist das also. Memo an mich selbst: Probieren geht \u00fcber Studieren \u2013 manchmal jedenfalls.<\/p>\n<div id=\"attachment_101\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0880.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-101\" class=\"size-medium wp-image-101\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0880-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0880-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0880-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0880.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-101\" class=\"wp-caption-text\">Das Wohnheim vom Dach der Kantine aus abgelichtet<\/p><\/div>\n<p>Mit der Genugtuung \u00fcber gleich zwei Erfolge an einem Morgen schlinge ich in Rekordgeschwindigkeit einen Apfel hinunter, der wegen meinem unzureichendem Zeitmanagement mein Fr\u00fchst\u00fcck darstellt und verlasse im Stechschritt mein Apartment. Da ich im ersten Stock des Lehrerwohnheims einquartiert wurde, muss ich zuerst den Au\u00dfengang zu den Jungenschlafr\u00e4umen entlang hasten. Hier wohnen die Sch\u00fcler, die von weiter entfernten St\u00e4dten angereist sind, um die Middle School zu besuchen. Und zwar zu acht in einem Raum voller Betten, deren Matratzen ungef\u00e4hr die Dicke eines Taschentuchs besitzen. Das st\u00e4rkt den R\u00fccken. W\u00e4hrend ich noch gedankenverloren dar\u00fcber nachsinne, welch Frevel ich meinem eigenen R\u00fccken doch bisher angetan habe, kollidiere ich beinahe mit der Gittert\u00fcr, die den Weg zur Treppe versperrt. Was\u00a0 ist nun schon wieder los? Aha, abgeschlossen. Mit einem nicht zu \u00fcbersehenden Eisenschloss. Das ist nicht gut. Wenn die andere T\u00fcr ebenfalls verriegelt wurde, werde ich den Lehrern wohl immer als der Freiwillige in Erinnerung bleiben, der einen Tag lang nicht unterrichten konnte, weil er zu sp\u00e4t aufgestanden ist. Nein, so etwas darf nicht passieren. Mit einem recht flauen Gef\u00fchl in der Magengrube trete ich den R\u00fcckzug an. Sch****, die zweite T\u00fcr ist ebenfalls bereits vorsorglich verriegelt worden. F\u00fcr einen kurzen Moment sehe ich mich schon an der Dachrinne herunterklettern, doch dann bemerke ich Tante Tao, Hu Shifus Gehilfin, die gerade mit einem Wischmopp bewaffnet den Waschraum der Jungs verl\u00e4sst. Verdattert fuchtle ich mit meinem Zimmerschl\u00fcssel vor ihrer Nase herum, um ihr mein Problem irgendwie verst\u00e4ndlich zu machen. Daraufhin stellt sie gem\u00e4chlich ihren Besen in die Ecke, spuckt einmal lautstark aus, kramt ihren eigenen Schl\u00fcssel hervor und entl\u00e4sst mich mitleidig l\u00e4chelnd in die Freiheit.<\/p>\n<div id=\"attachment_102\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0882.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102\" class=\"size-medium wp-image-102\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0882-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0882-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0882-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0882.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-102\" class=\"wp-caption-text\">Der Geographiepark<\/p><\/div>\n<p>Nach dieser morgendlichen Nervenprobe erscheint die Welt drau\u00dfen gleich viel angenehmer. Die Sonne scheint, die Grillen zirpen und sogar einer der riesigen, fantastisch gef\u00e4rbten Schmetterlinge flattert \u00fcber meinen Kopf hinweg. Ob die anderen Insekten hier wohl ebenfalls derart tropische Gr\u00f6\u00dfen erreichen?, frage ich mich, w\u00e4hrend ich den Geographiepark der Schule passiere. Dort lassen sich, wenn man nicht gerade ins B\u00fcro rennen muss, gro\u00dfe steinerne und detailliert geformte Reliefs von verschiedenen L\u00e4ndern und ein paar h\u00fcbsche Steinhaufen besichtigen.<\/p>\n<p>Steinhaufen erwarten mich ebenfalls, als ich den Schulhof \u00fcberquere. Der wurde n\u00e4mlich kurz vor meiner Ankunft neu gepflastert, aber scheinbar war man mit dem Resultat nicht sehr zufrieden. An aus meiner Sicht ziemlich wahllosen Stellen haben Bauarbeiter nun begonnen, das Ganze wieder aufzurei\u00dfen und durch neue Pflastersteine zu ersetzen, die sich von den alten f\u00fcr meine Begriffe in keinster Weise unterscheiden. \u201eDes h\u00e4tt\u2019s in Deutschland so net gegeben!\u201c, w\u00fcrde der pragmatische Schwabe jetzt vielleicht denken. Doch anstatt \u00fcber das Geschehen zu urteilen, laufe ich lieber schleunigst weiter, denn die Pflastersteine unter mir sehen nicht nur aus wie wei\u00dfe Badflie\u00dfen, sondern reflektieren das einfallende Sonnenlicht auch genauso gut. Memo an mich selbst: Sonnenbrille kaufen, sonst erblinde ich im Lauf der n\u00e4chsten Wochen.<\/p>\n<div id=\"attachment_100\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0879.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100\" class=\"size-medium wp-image-100\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0879-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0879-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0879-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0879.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-100\" class=\"wp-caption-text\">Unser Lehrerzimmer mit Aussicht auf das Pult des Direktors<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_98\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0877.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98\" class=\"size-medium wp-image-98 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0877-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0877-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0877-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0877.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-98\" class=\"wp-caption-text\">Der hintere Teil des Lehrerzimmers<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_99\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0878.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99\" class=\"size-medium wp-image-99 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0878-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0878-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0878-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0878.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-99\" class=\"wp-caption-text\">Mein eigenes Pl\u00e4tzchen im B\u00fcro<\/p><\/div>\n<p>Noch immer blinzelnd erreiche ich endlich das B\u00fcrogeb\u00e4ude und versuche, so unbemerkt wie m\u00f6glich ins Lehrerzimmer zu huschen. Daraus wird leider nichts, da die T\u00fcr mit einem lauten Knallen hinter mir zu f\u00e4llt. So, der Deutsche mal wieder am Krawall veranstalten. Breit grinsend rette ich mich auf meinen Stuhl und verschaffe mir vom sicheren Sitzplatz aus erst einmal einen \u00dcberblick. Yang Xi, eine der jungen Deutschlehrerinnen,mit der ich mir die Tischgruppe teile, hat ihren Kopf auf ein Kissen gebettet und erholt sich von der bereits vergangenen Lesestunde, die vor dem eigentlichen Unterrichtsbeginn stattfindet. Der Mathelehrer, der unsere Tischgruppe vervollst\u00e4ndigt, ist gerade dabei, einem Sch\u00fcler eine Aufgabe zu erkl\u00e4ren. Wie hei\u00dft er nochmal? Irgendwas, das so viel wie \u201eattraktiver junger Mann\u201c bedeutet. Ach ja, Shuai. Das ist fast so gut wie mein eigener Name. \u201eKai\u201c hei\u00dft, mit der richtigen Betonung versehen, n\u00e4mlich \u201eErfolg\u201c \u2013 und bei den H\u00fcrden, die ich heute schon \u00fcberwunden habe, scheint das ja gar nicht so weit hergeholt.<\/p>\n<p>Weniger erfolgreich bin ich allerdings dabei, mich an den Namen der Dame zu erinnern, die hinter mir pl\u00f6tzlich mit voller Stimme ein chinesisches Lied anstimmt. Vorerst werde ich sie wohl provisorisch Miss Singsong nennen, denn das kann sie wirklich ausgesprochen gut. Ebenfalls hinter mir blicken die beiden mir bekannten Englischlehrer hochkonzentriert in ihre Laptops, vermutlich beide dabei, sich kostenlos einen Film zu beschaffen. Ein amerikanischer Pr\u00e4sident und die Mondprinzessin. Ah stimmt, Lincoln und Chang E hei\u00dfen die beiden. Ich glaube, die sind ganz nett, vielleicht werde ich mit denen mal was unternehmen. Ansonsten sitzt da noch eine Lehrerin, die sich hingerissen eine Folge One Piece ansieht und ja, es gibt auch ein paar Leute, die tats\u00e4chlich brav arbeiten und gewissenhaft ihren Unterricht vorbereiten. Denn auf einem erh\u00f6hten Podest wacht der Abteilungsdirektor an seinem Schreibtisch unter einem roten Banner \u00fcber seine zwanzig Sch\u00e4fchen und achtet darauf, dass wir uns alle ins Zeug legen. Als der etwas \u00e4ltere, recht schlank gebaute, aber eine Art stille Autorit\u00e4t verbreitende Mann merkt, dass ich ihn anstarre, zeichnen sich Lachfalten um seine Augen, woraufhin ich mich schleunigst daran mache, mein Notebook auszupacken, um besch\u00e4ftigt zu wirken.<\/p>\n<p>So, was jetzt? Erst mal versuchen, ins Internet zu kommen. Ah, so viele W-Lan-Verbindungen zur Auswahl. Welche nehmen wir denn heute? Die Schnellste nat\u00fcrlich. Geht nicht. Naja, man darf ja nicht gleich zu viel erwarten. Also weiter zur n\u00e4chsten. \u201eBitte geben Sie den Registrierungsschl\u00fcssel ein.\u201c Was f\u00fcr einen Registrierungsschl\u00fcssel? Den hab ich da doch noch nie gebraucht! Egal, weiter zu Nummer drei. Keine Verbindung. Wie kann das sein? Gestern hat sie doch noch ohne Probleme funktioniert! &#8211; \u201eYang Xi, das Internet geht nicht!\u201c<\/p>\n<p>Verwirrt blinzelnd richtet sich die Deutschlehrerin auf. Ach, unser Nesth\u00e4kchen rafft\u2018s mal wieder nicht, scheint ihr am\u00fcsierter Blick zu sagen, mit dem sie mir schlie\u00dflich den W-Lan-Code verr\u00e4t. Endlich. Schauen wir doch gleich in Skype vorbei. Niemand da. Welch \u00dcberraschung &#8211; in Deutschland ist es ja auch gerade drei Uhr nachts. Probieren wir es mit Facebook. Richtig, das geht in China gar nicht so einfach. Da muss der vpn-Tunnel helfen. Tut er aber nicht. Tja, versuchen wir es eben morgen wieder. Noch schnell die E-Mails gecheckt und dann an die Arbeit. Immerhin muss noch eine ganze Stunde Englisch vorbereitet werden. Englisch? Wollte der nicht zum Deutsch Unterrichten nach China? Gut mitgedacht. Aber wenn man auch beim Englischlernen deutsche Kultur vermitteln kann, warum dann nicht diese Chance nutzen? Auf die Weise erfahren sogar die Sch\u00fcler \u00fcber Deutschland, die nicht einmal der Landessprache m\u00e4chtig sind. Naja, und nebenbei findet die Schule zurzeit keinen englischen beziehungsweise amerikanischen Englischlehrer, der die m\u00fcndlichen Stunden \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p>Welches Thema nehmen wir wohl heute dran? Hach, ich kann mich gar nicht konzentrieren. Ich h\u00e4tte mehr fr\u00fchst\u00fccken sollen! Oh, wie w\u00e4r\u2019s mit \u201eBreakfast in Germany\u201c? Geht klar. Und los geht\u2019s. Das wird sicher eine h\u00fcbsche Powerpoint-Pr\u00e4sentation mit dem all dem Essen und Trinken.<\/p>\n<p>Gerade als ich das letzte Marmeladenglas auf der Folie zurechtger\u00fcckt habe, klingelt es bereits zur Pause und ich mache mich mit Lincoln auf den Weg zum Klassenzimmer. Himmel, wo geht es denn heute schon wieder hin? In den vierten Stock. Das werde ich sp\u00e4testens nach der n\u00e4chsten Deutschstunde garantiert vergessen haben. Was soll\u2019s, Lincoln wei\u00df ja, wo es langgeht. Wir treten ins Klassenzimmer ein. Umgehend bricht ein ausgelassener Applaus f\u00fcr den Laowai los. Was f\u00fcr eine nette Begr\u00fc\u00dfung. Beschwingt erklimme ich den Platz hinter dem Lehrerpult. So viele Gesichter. Werde ich mich je daran gew\u00f6hnen? \u201eGood morning, students! Nice to see you.\u201c, begr\u00fc\u00dfe ich die Klasse und winke zaghaft in den Raum. \u201eNICE TO SEE YOU, TOO, MR. KAI!!!\u201c, kommt prompt die vierzigstimmige Antwort zur\u00fcck, die meine Ohren zum Klingen bringt. Weil es den Sch\u00fclern verst\u00e4ndlicherweise etwas schwer f\u00e4llt, das Wort \u201eZwettler\u201c auszusprechen, haben wir uns darauf geeinigt, mich einfach Mr. Kai zu nennen. Ich denke allerdings, mit dem Namen Mr. Erfolgreich kann ich mich ganz gut arrangieren.<\/p>\n<p>Aber warum sehe ich meine Powerpoint noch nicht an der Wand? \u201eSorry, the Beamer doesn\u2019t work today!\u201c Langsam glaube ich, dass sich s\u00e4mtliche technische Ger\u00e4te gegen mich verschworen haben. Das ist wohl die Strafe daf\u00fcr, wenn man seinem dickk\u00f6pfigen Computer gerne mal einen Tritt verpasst hat. Zu sp\u00e4t. Tja, dann lautet wohl die Devise f\u00fcr heute: Improvisieren geht \u00fcber Studieren.<\/p>\n<div id=\"attachment_103\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0674.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-103\" class=\"size-medium wp-image-103\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0674-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0674-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0674-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0674.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-103\" class=\"wp-caption-text\">Meine Englischklasse<\/p><\/div>\n<p>Als Resultat dieser Devise ist die Tafel am Ende der Stunde vollgeschmiert mit dutzenden deutschen Fr\u00fchst\u00fccksleckereien und aus irgendeinem Grund haben sich zwischendrin ein Eichh\u00f6rnchen und ein Long Mao eingeschlichen. Meine Finger sind dadurch wei\u00df vom Kreidestaub und meine Hose sieht aus, als h\u00e4tte ich beim Waschen zu viel Bleichmittel verwendet. Nebenbei haben die Sch\u00fcler gelernt, dass man in Deutschland eben nicht eine Schale Ri Gan Mien (eine Wuhanner Nudelspezialit\u00e4t) nach dem Aufstehen verdr\u00fcckt und dass auch nicht alle Deutschen (aber viele) einen Kaffee brauchen, um wach zu werden. Weiterhin sind sie nun mit dem Geheimtipp vertraut, dass man unbedingt einmal ein Toast-Sandwich mit Nutella auf der oberen und Erdnussbutter auf der unteren H\u00e4lfte verspeist haben sollte. Und um den p\u00e4dagogischen Wert des Ganzen zu steigern, hat jeder mit seinem Partner einen reizenden Dialog \u00fcber die eigenen Fr\u00fchst\u00fccksgewohnheiten f\u00fchren d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Von dem vielen Gelaber \u00fcber Essen bin ich mittlerweile selbst ganz hungrig geworden, aber zum Gl\u00fcck ist die Kantine nicht weit entfernt und mittlerweile bin ich dort sogar mit einer Dauerkarte ausgestattet. \u201eYou really wanna eat in the cantine?\u201c, fragt Linc ungl\u00e4ubig, als ich ebendiese Karte hervorkrame. Was haben nur alle Lehrer gegen die Kantine? Eigentlich ist die doch gar nicht schlecht. Die Auswahl ist gro\u00df und bisher hat das Essen noch nicht einmal f\u00fcr Verdauungsprobleme gesorgt. Und letztendlich essen dort auch die meisten anderen Lehrer t\u00e4glich \u2013 Linc eingeschlossen. Kurze Zeit sp\u00e4ter stehe ich vor der Theke und versuche, der Bedienung klarzumachen, dass ich nicht den kleingehackten Chinakohl, sondern lieber die gekochten K\u00fcrbisse h\u00e4tte. Dazu noch ein bisschen Brath\u00e4hnchen, etwas Schnittknoblauch (den ich dank meiner Chinesischlehrerin schon in Deutschland genie\u00dfen durfte) und das Ganze bitte auf einem Haufen Reis zum Mitnehmen. Das klappt \u00fcbrigens auch super, ohne ein Wort Chinesisch zu sprechen. Ein Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Nachtisch kann man keinen kaufen, darauf steht man hier nicht besonders. Aber das st\u00f6rt mich nicht sonderlich, denn zur\u00fcck im B\u00fcro finde ich eine Ansammlung kleiner Leckereien auf meinem Pult, welche die B\u00fcrobelegschaft fast t\u00e4glich verteilt. Was haben wir wohl heute f\u00fcr eine Ausbeute? Lotusbl\u00fctenkerne \u2013 sehr bek\u00f6mmlich. Schokokugeln, die die frisch Verheirateten \u00fcblicherweise an ihre Freunde verschenken. Oh, und was ist denn das? Alpenliebe Bonbons. Werden die auch nach Deutschland exportiert? Nein, lasse ich mir sagen, die gibt&#8217;s nur in China. Schade eigentlich, denn die Sahnebomben mit Aloe-Vera-Extrakt schmecken ziemlich lecker.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich gl\u00fccklich meine f\u00fcr umgerechnet siebzig Cent \u00e4u\u00dferst s\u00e4ttigende Essensration in mich hinein schaufle, merke ich pl\u00f6tzlich, dass sich irgendetwas im Lehrerzimmer ver\u00e4ndert hat. Das Wasser im Teekocher brodelt, Linc h\u00e4lt ein Mittagsschl\u00e4fchen auf seiner Klappliege, Miss Singsong tr\u00e4llert herzerweichend vor sich hin \u2013 eigentlich alles wie immer, soweit ich das nach vier Tagen beurteilen kann. Aber was ist denn das? Da redet doch jemand franz\u00f6sisch! Und tats\u00e4chlich, etwas weiter entfernt sitzt eine silberhaarige Dame mit sehr europ\u00e4isch heroischer Nase und h\u00e4lt Yang Hui, einer der Franz\u00f6sischlehrerinnen, einen Vortrag. Mit einem freundlichen \u201eAh, bonjour!\u201c, werde ich alsbald begr\u00fc\u00dft und muss in diesem Moment feststellen, dass ich es nicht mit einer Franz\u00f6sin, sondern einem Franzosen zu tun habe. Wie peinlich, das h\u00e4tte ich auch gleich merken k\u00f6nnen. An ihrem verhaltenen L\u00e4cheln meine ich zu erkennen, dass Yang Hui das gleiche Problem wie ich hatte. Wie auch immer, wir kommen recht schnell ins Gespr\u00e4ch, vor allem, weil es dem Monsieur sehr viel Spa\u00df zu machen scheint, meine grammatischen Missbildungen zu verbessern. Am Ende wei\u00df ich jedenfalls, dass alle Deutschen Franz\u00f6sisch lernen, weil sie unbedingt nach Frankreich wollen, um dort zu leben wie \u201eDieu en France\u201c, also Gott in Frankreich. Richtig, und eigentlich bin ich auch nur in China gelandet, weil ich am Flughafen falsche Gate genommen habe. Trotzdem, ich mag den guten Mann sehr gerne \u2013 vielleicht gerade wegen dieser am\u00fcsanten, sicher nicht ganz ernst gemeinten Ansichten.<\/p>\n<p>Den Rest des Nachmittags verbringe ich damit, den Unterricht f\u00fcr morgen vorzubereiten und einige Fragen von Sch\u00fclern zu beantworten, die st\u00e4ndig im Lehrerzimmer ein und ausgehen. Gar nicht mal so stressig heute, denke ich zufrieden, bis dann auf einmal ein Stapel von vierzig Aufsatzheften auf meinem Schreibtisch abgeladen wird. Nat\u00fcrlich zwingt mich niemand, diese zu korrigieren, aber wenn ich damit Yang Xi entlasten kann, die sich auf ihren nahenden Deutschlandaufenthalt vorbereiten muss, mache ich das doch gerne. Au\u00dferdem kann es wirklich spannend sein, die Gedanken der Sch\u00fcler zu lesen, insbesondere da das heutige Thema \u201eFreundschaft\u201c lautet. Da hei\u00dft\u00a0 es zum Beispiel im Heft einer Sch\u00fclerin, die ihre Freundin aus Grundschulzeiten vermisst: \u201eFreundschaften sind nicht weit entfernt, wir m\u00fcssen sie nur suchen. Vielleicht sind sie nahe.\u201c So viel Weisheit von einem so jungen M\u00e4dchen. Ich bin beeindruckt. Und ein bisschen betr\u00fcbt, denn die meisten meiner Freundschaften sind gerade eher nicht sehr nahe \u2013 vor allem aufgrund der Launen des Internets im Lehrerzimmer.<\/p>\n<p>Nach einiger Zeit werde ich pl\u00f6tzlich recht unsanft aus meiner ziemlich sentimentalen Korrekturphase gerissen, denn drau\u00dfen beginnt Adele, lautstark und blechern aus einem Lautsprecher zu jaulen. Gespannt renne ich zum Fenster, von dem aus ich auf die Basketball- Badminton- und Fu\u00dfballfelder blicken kann. Gibt es etwa einen Festumzug? \u201eNein, das ist zur Entspannung.\u201c, kl\u00e4rt mich Chang E auf. Sehr entspannend, finde auch ich und stecke mir die St\u00f6psel meines mp3-Players in die Ohren.<\/p>\n<p>Als langsam die Dunkelheit \u00fcber Wuhan hereinbricht, leert sich das Lehrerzimmer zusehends und auch ich mache mich mit Jiao Jiao auf den Weg zum Abendessen. Allerdings nicht in die Kantine, sondern am Haupttor vorbei auf die Stra\u00dfe hinaus. Unmittelbar nach Verlassen des Schultors dr\u00e4ngen sich die ersten kleinen Restaurants und Stra\u00dfenst\u00e4nde dicht aneinander. Im letzten Licht der untergehenden Sonne spazieren dutzende Essenssuchende die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone entlang und lassen sich von den verschiedenen, intensiven D\u00fcften verf\u00fchren. Direkt in Griffweite am Eingang werden Nudeln, Reis, gef\u00fcllte Kr\u00e4uterfladen, Dumplings, Tintenfischarme, Lammspie\u00dfe und Gem\u00fcse gebraten und wenn man jedes interessant aussehende beziehungsweise lecker riechende Gericht probieren w\u00fcrde, m\u00fcsste man wahrscheinlich nach Hause rollen. Rollen muss ich am Ende zwar nicht, aber als ich mich schlie\u00dflich ins Bett fallen lasse, f\u00fchle ich mich so vollgefressen, dass ich das immer noch ge\u00f6ffnete Fliegengitter einfach ignoriere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein paar Wochen sp\u00e4ter<\/strong><\/p>\n<p>Erschrocken fahre ich aus dem Schlaf hoch. Wie sp\u00e4t ist es? Halb acht. Gott sei Dank, ich habe nicht verschlafen. Hundem\u00fcde f\u00fchle ich mich trotzdem. Mittlerweile liegt das wenigstens nicht mehr an m\u00f6rderischen M\u00fcckenschw\u00e4rmen, denn dank Chang Es Wundermittel bleiben mir die zum Gl\u00fcck vom Leib. Das hilft nebenbei \u00fcbrigens zu allem \u00dcberfluss auch noch gegen Flecken auf der Kleidung. Unglaublich, dieser kleine Zaubertrank. Den Grund, warum ich mich heute lieber einfach wieder auf die Seite gedreht h\u00e4tte, werde ich vielleicht in einem anderen Blogeintrag verraten. Ich kann nur sagen, dass ich sehr froh war, als ich irgendwann in der vergangenen Nacht in mein Zimmer gestolpert bin. Wie auch immer, selige Tr\u00e4ume h\u00e4tte ich um die Uhrzeit sowieso nicht mehr, da die Sonne hell durch den BBB ins Zimmer strahlt. Memo an mich selbst: ich sollte mich bald mal nach einem Vorhang umsehen.<\/p>\n<p>Da ich meinem Klo mittlerweile (eher unbewusst) Stubenreinheit beigebracht habe, bekomme ich heute nicht einmal nasse F\u00fc\u00dfe, als ich auf den BBB trete, wodurch ich wertvolle Wischsekunden sparen kann. Die nutze ich nach einer wohlig warmen Dusche, um f\u00fcrstlich eine Sch\u00fcssel M\u00fcsli mit echter Milch aus Australien zu fr\u00fchst\u00fccken. Frisch gest\u00e4rkt und bereit f\u00fcr den Tag gehe ich schlie\u00dflich hinaus auf den Au\u00dfengang und stelle ein paar Meter weiter prompt fest, dass ich die H\u00e4lfte meiner Unterrichtsmaterialien im Zimmer vergessen habe. Wunderbar, so merke ich wenigstens, dass mein neuer st\u00e4ndiger Begleiter, die Plastikteeflasche, noch auf meinem Schreibtisch wartet. Jetzt aber los!<\/p>\n<div id=\"attachment_95\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0844a.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-95\" class=\"size-medium wp-image-95\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0844a-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0844a-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0844a-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0844a.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-95\" class=\"wp-caption-text\">Eine Motte mit dem Yin Yang-Symbol auf den Fl\u00fcgeln -zwar nicht sonderlich bunt, aber besser als eine Skorpionswanze<\/p><\/div>\n<p>Als ich durch das Jungenwohnheim d\u00fcse, steckt Tante Tao schon misstrauisch den Kopf aus der Putzkammer. Mit einer ausladenden Handbewegung greife ich in meinen Geldbeutel und z\u00fccke triumphierend meinen eigenen, ganz pers\u00f6nlichen Schl\u00fcssel f\u00fcr die Gittert\u00fcr. Beruhigt wendet sich Tante Tao wieder ihrem Tagewerk zu und l\u00e4sst ihren fl\u00fcgge gewordenen Sch\u00fctzling von dannen ziehen. Drau\u00dfen ist es angenehm mild, um genau zu sein zu mild. Ich habe mir n\u00e4mlich sagen lassen, dass in Wuhan zu der Jahreszeit normalerweise noch unertr\u00e4gliche Temperaturen herrschen. Mir soll\u2019s recht sein, dass ich in den ersten Wochen nicht gleich einen Hitzeschlag erleide. Die vorbeisegelnden Riesenschmetterlinge schillern pr\u00e4chtig wie immer, allerdings wird meine Freude dar\u00fcber ein wenig davon getr\u00fcbt, dass sich meine anf\u00e4ngliche Vermutung best\u00e4tigt hat. Nicht nur die h\u00fcbsch anzusehenden Krabbeltiere k\u00f6nnen hier exorbitante L\u00e4ngen erreichen, wie wir am Sonntag im Dao-Tempel gesehen haben. Dort begegneten wir n\u00e4mlich einerseits Wespen, vor der selbst unsere europ\u00e4ischen Hornissen Respekt gehabt h\u00e4tten und fanden dar\u00fcber hinaus den Kadaver einer Art handtellergro\u00dfen Skorpionswanze, die mit recht beeindruckenden Klauen ausgestattet war.<\/p>\n<div id=\"attachment_96\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0845.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-96\" class=\"size-medium wp-image-96\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0845-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0845-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0845-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0845.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-96\" class=\"wp-caption-text\">Der Pausenhof<\/p><\/div>\n<p>Auf dem Pausenhof angekommen, bietet sich mir das gewohnte Bild: Bauarbeiter mei\u00dfeln gesch\u00e4ftig an den glei\u00dfend hellen Badflie\u00dfen herum und heben dabei lustig anzusehende Muster aus. Bei ihrer Motivation m\u00fcssten sie eigentlich l\u00e4ngst die ganze Fl\u00e4che erneuert haben, aber wer wei\u00df, vielleicht haben sie ja aus Versehen den falschen Zement zum Befestigen verwendet. W\u00e4hrend ich aufpassen muss, nicht in ein Loch frischen Betons zu treten, laufen ein paar Sch\u00fcler an mir vorbei und winken mir freudig zu. Hab ich bei denen schon einmal Unterricht gegeben? Naja, egal, langsam hab ich mich daran gew\u00f6hnt, dass alle hier den Laowai zu kennen scheinen. Und au\u00dferdem ist es ja auch sehr nett, von jedem begr\u00fc\u00dft zu werden. Dass manche mir dann aber gleich die Handykamera vor die exotische Nase halten, verwundert mich immer noch ein bisschen. Immerhin traut sich im B\u00fcro niemand, ein Foto von mir zu schie\u00dfen. Dort h\u00e4lt n\u00e4mlich gerade Herr Wang, der Abteilungsdirektor, eine seiner beschwingten Reden, die das Lehrerzimmer in eine sehr politische Stimmung versetzt. Ehrlich gesagt, habe ich wie immer keine Ahnung, worum es geht, aber angesichts der Tatsache, dass man nebenher problemlos seine Lieblingsserien im Internet schauen kann, wird es wohl nicht all zu wichtig sein \u2013 oder aber ich untersch\u00e4tze mal wieder die Multitaskingf\u00e4higkeit anderer Menschen.<\/p>\n<p>Ich nutze jedenfalls die Zeit, um mir endlich die letzten Zettel aus dem Einmachglas anzusehen, das mir Yang Xis Klasse beim Lehrertag hinterlassen hat. An diesem Feiertag ist es \u00fcblich, dass man den Lehrern Geschenke \u00fcberreicht, um sie f\u00fcr die Arbeit zu ehren, die sie jeden Tag leisten. Weil sie so tatkr\u00e4ftig f\u00fcr die Bildung von Chinas Kindern sorgen, stapeln sich seit Kurzem Blumenstr\u00e4u\u00dfe, h\u00fcbsche Zimmerpflanzen, S\u00fc\u00dfigkeiten und Spruchb\u00e4nder auf den Pulten meiner Kollegen. Ein bisschen Dankbarkeit halte ich bei dem Arbeitspensum, das die Lehrer an der Middle School haben, \u00fcbrigens durchaus f\u00fcr angemessen. Insbesondere die Klassenlehrer tragen n\u00e4mlich eine Verantwortung, die weit \u00fcber das blo\u00dfe Unterrichten hinaus geht \u2013 \u201eKlassenmama\u201c oder \u201eKlassenpapa\u201c zu sein, bedeutet hier viel mehr, als nur einen nett gemeinten Spitznamen zu besitzen. Auch wenn jene B\u00fcrde nicht auf meinen Schultern lastet, freue ich mich nat\u00fcrlich trotzdem sehr \u00fcber die lieben W\u00fcnsche, die jeder Sch\u00fcler mir geschrieben hat. \u201eAlles Gute zum Lehrertag! Sie sind ein guter Lehrer!\u201c Hoffen wir mal, dass das auch so bleibt.<\/p>\n<p>Nachdem die letzten Worte des Direktors nachdr\u00fccklich im Raum verhallt sind, wird es wieder etwas lebhafter im Lehrerzimmer. Man f\u00fcllt seine Teeflasche auf, macht ein paar Dehn\u00fcbungen oder versammelt sich um den Bildschirm, \u00fcber den gerade eine Wiederholung der neusten Folge von \u201eThe Voice of China\u201c flimmert. Shuai, der eigentlich mit Vornamen Qing Xi hei\u00dft, sieht von seinen Geometrieaufgaben auf und begr\u00fc\u00dft mich mit einem sehr liebenswerten \u201eGood morning. How are you doing?\u201c. Dazu sollte angemerkt werden, dass Qing Xi normalerweise \u00fcberhaupt kein Englisch spricht, da man das im Matheunterricht ja eher selten braucht. Seit Kurzem aber haben einige Lehrer aus dem B\u00fcro angefangen, ihre Sprachkenntnisse etwas aufzupolieren, um besser mit mir reden zu k\u00f6nnen. Einerseits f\u00fchle ich mich dadurch sehr geehrt und halte das f\u00fcr \u00e4u\u00dferst entgegenkommend, denn ich unterhalte mich ja auch gerne mit ihnen. Andererseits w\u00e4chst mein schlechtes Gewissen, weil meine Chinesischkenntnisse immer noch h\u00f6chstens f\u00fcr eine angeregte Diskussion \u00fcber verschiedene Gem\u00fcsesorten ausreichen.<\/p>\n<p>Chang E, die logischerweise ziemlich gut Englisch spricht, hat jedenfalls geh\u00f6rt, dass da jemand versucht hat, mit mir in ihrer Lieblingssprache zu kommunizieren und flitzt leichtf\u00fc\u00dfig zu unserer Tischgruppe hin\u00fcber. Breit grinsend macht sie sich daran, Qing Xis aufrichtige Worte systematisch zu entwerten: \u201eAh, your English is so very beautiful much!\u201c \u201eDon\u2019t listen to her! She\u2019s evil!\u201c, verteidigt sich der Angegriffene tapfer. \u201eSssh, leave my little brother alone! Kai Di, just follow me and you will have good future\u201c, wird umgehend verschw\u00f6rerisch zur\u00fcckgeschossen. Ja, richtig \u00fcbersetzt \u2013 mittlerweile nennt man mich im B\u00fcro gerne Kai Di, also kleiner Bruder Kai, was ich ziemlich putzig finde. Qing Xi und Linc sind demnach meine chinesischen \u00e4lteren Br\u00fcder und Yang Xi und Chang E meine \u00e4lteren Schwestern. Bis ich allerdings eingeweiht wurde, wie man das richtig sagt, hat mich Chang E nat\u00fcrlich erst einmal dazu gebracht, Yang Xi als meine alte Tante, Qing Xi als meinen Opa und Linc als Vollidioten zu bezeichnen. Tja, daf\u00fcr muss sie sich jetzt mit dem Spitznamen &#8222;Little Demon&#8220; arrangieren.<\/p>\n<p>Um die ganze Situation abzurunden, schaltet sich nun auch noch Yang Xi ein, und zwar in bestem Deutsch: \u201eKai, ich glaube Chang E m\u00f6chte wieder einmal mit dir flirten!\u201c F\u00fcr kurze Zeit runzelt Chang E perplex die Stirn, ein Gesichtsausdruck, den man hier in letzter Zeit \u00f6fter zu sehen bekommt, wenn jemand anf\u00e4ngt, pl\u00f6tzlich in einer unbekannten Sprache zu sprechen. Dann aber hebt sie drohend den Zeigefinger, um ihren Worten mehr Ernsthaftigkeit zu verleihen: \u201eAre you telling gossip about me again? If you do, I will make you pay for it! Kai, what did she just say?\u201c Jetzt bin ich es, der perplex die Stirn runzelt, da ich mich wie so oft zwischen den Sprachfronten wiederfinde. Zum Gl\u00fcck hat Yang Hui, die Franz\u00f6sischlehrerin, gerade Unterricht, sonst w\u00e4re das Ganze sicher noch komplizierter.<\/p>\n<p>\u201eGossip\u201c (Gerede) ist \u00fcbrigens eines der am h\u00e4ufigsten benutzten W\u00f6rter der Zimmerbelegschaft und bezeichnet gleichzeitig deren Lieblingsbesch\u00e4ftigung. St\u00e4ndig geraten aus unerfindlichen Gr\u00fcnden neue Ger\u00fcchte in Umlauf, wer gerade mit wem und wie lange schon und wie viele, \u00e4h, und so weiter. Aber man will ja schlie\u00dflich immer auf dem neusten Stand bleiben, was die Entwicklungen in unserer kleinen B\u00fcro-Familie betrifft \u2013 und zu lachen gibt es dadurch ebenfalls recht viel. Da sag noch einer, die Chinesen w\u00e4ren ein ach so zur\u00fcckhaltendes V\u00f6lkchen! Meine pers\u00f6nliche Erfahrung zeigt eher, dass zumindest meine Bekanntschaften durchaus herzlich und im Notfall ziemlich direkt sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id=\"attachment_93\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0833.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-93\" class=\"size-medium wp-image-93 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0833-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0833-225x300.jpg 225w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0833.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-93\" class=\"wp-caption-text\">Einstein<\/p><\/div>\n<p>Zum Gl\u00fcck klingelt es bald zur n\u00e4chsten Stunde, wodurch ich im letzten Moment einer direkten Konfrontation mit meinem kleinen Lieblingsd\u00e4mon zu entgehe. Eilig packe ich meine Unterrichtsmaterialien zusammen und spurte Yin Hui, der Deutschlehrerin in der achten Klasse, aus dem Lehrerzimmer hinterher. Wenn etwas in der Zeit, in der ich nun schon hier bin, unver\u00e4ndert blieb, dann definitiv die Tatsache, dass ich immer noch keine Ahnung habe, wo ich gerade hingehe. Warum muss denn auch jeder Gang genau gleichaussehen mit Ausnahme der Portraits ber\u00fchmter Personen an den W\u00e4nden? Oh, und woher kommt denn dieses furchtbare Bild von Albert Einstein? Das hab ich ja noch nie gesehen! Egal, dar\u00fcber kann ich mir nach dem Unterricht weiter Gedanken machen. Jetzt muss ich mich erst mal darauf konzentrieren, vor den Sch\u00fclern eine gute Figur abzugeben.<\/p>\n<div id=\"attachment_97\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0800.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97\" class=\"size-medium wp-image-97\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0800-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0800-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0800-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0800.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-97\" class=\"wp-caption-text\">Deutschunterricht &#8211; man beachte vor allem die p\u00e4dagogisch wertvollen Zeichnungen an der Tafel<\/p><\/div>\n<p>\u201eGuten Morgen allerseits!\u201c, rufe ich in das allgemein erfreute Geschnatter \u00fcber die Ankunft des Laowais und erhalte als Antwort ein gewohnt ohrenbet\u00e4ubendes \u201eGUTEN MORGEN, HERR KAI!!!\u201c. Nachdem sich mein Trommelfell wieder einigerma\u00dfen entspannt hat, erkl\u00e4re ich den Sch\u00fclern, dass wir heute \u00fcber das Wetter reden werden. Zum Einstieg wiederholen wir zuerst die verschiedenen Wetterlagen. Mittlerweile habe ich aufgeh\u00f6rt, der dickk\u00f6pfigen Technik zu vertrauen und schnappe mir ohne Umschweife eine Kreide, um ein bisschen drauf los zu kritzeln. Kaum habe ich die letzten Strahlen um einen Kreis gezeichnet, wird mir aus vierzig M\u00fcndern best\u00e4tigt, dass ich soeben eine SONNE (!!!) gemalt habe. Dazu gesellen sich in gleichbleibender Lautst\u00e4rke ein paar WOLKEN, REGEN, NEBEL, GEWITTER und sogar einige SCHNEEFLOCKEN. Sehr sch\u00f6n, bei so viel Motivation k\u00f6nnen wir gleich eine etwas schwierigere Aufgabe als das Interpretieren meiner Schmierereien wagen. Das hei\u00dft, dass ich die Wetterfee spielen darf und die Sch\u00fcler versuchen, den frei erfundenen Wetterbericht f\u00fcr einige gro\u00dfe St\u00e4dte abzulesen, demzufolge es morgen in Wuhan schneien w\u00fcrde. Die Wahrscheinlichkeit daf\u00fcr h\u00e4lt sich zwar eher in Grenzen, aber meine Sch\u00fctzlinge meistern meine Stolperfallen problemlos, sodass sogar noch Zeit bleibt, um die eher au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ereignisse am Himmel zu erkl\u00e4ren.\u00a0 Letztenendes wei\u00df ich schlie\u00dflich, dass man auch in China daran glaubt, dass am Ende des Regenbogens ein Schatz versteckt ist, man allerdings besser niemand als \u201eseinen Schatz\u201c bezeichnen sollte, weil das so viel bedeutet wie \u201eIch finde dich bescheuert!\u201c.<\/p>\n<p>Nachdem ich die allmorgendliche Fragerunde nach Stundenende hinter mich gebracht und meine E-Mail-Adresse zum wiederholten Male an die Tafel geschrieben habe, will ich eigentlich zum Lehrerzimmer aufbrechen. Daraus wird allerdings nichts, weil pl\u00f6tzlich zwei M\u00e4dchen aus der sechsten Klasse vor mir stehen und mich mit herzerweichend erwartungsvollen Leuchten in den Augen fragen, ob ich nicht in der n\u00e4chsten Stunde zu ihnen in die Klasse kommen k\u00f6nnte. Das habe ich also davon, dass ich manchmal einfach vor irgendwelchen R\u00e4umen stehen bleibe, um zu sehen, was dort gerade Interessantes passiert. Aber warum nicht?, denke ich und laufe den strahlenden Sch\u00fclerinnen \u00fcber den Pausenhof hinterher und bin zum ersten Mal in dieser Woche ehrlich etwas \u00fcberrascht, als ich das Klassenzimmer betrete.<\/p>\n<p>Vor mir freut sitzt die gr\u00f6\u00dfte Klasse, die ich je gesehen habe. \u00dcber sechzig Kinder scheinen sich m\u00e4chtig dar\u00fcber zu freuen, dass ich mir Zeit f\u00fcr sie genommen habe und es herrscht beinahe Festival-Stimmung im Saal, vor allem was die Beschallung betrifft. Einige Lehrer unterrichten hier tats\u00e4chlich durch ein Mikrofon, aber da ich kein solches besitze, hoffe ich, dass ich meinen Stimmb\u00e4ndern sp\u00e4ter einen guten Tee g\u00f6nnen kann und stelle mich kurz br\u00fcllenderweise in feinstem Chinglisch vor. Danach beginnt, wie \u00fcblich, eine ausf\u00fchrliche Fragerunde \u00fcber meine Lieblingsfarben, Lieblingstiere, mein liebstes Essen in Wuhan, meine Hobbies, meine Freunde in Deutschland, und nat\u00fcrlich auch dar\u00fcber, ob ich eine Freundin habe oder vielleicht sogar schon verheiratet bin. Bevor es aber dann zu sehr ins Detail geht, bricht die Lehrerin das Kreuzverh\u00f6r ab und ruft stattdessen: \u201eWho wants to take some pictures with Mr. Kai?\u201c Lieber Himmel, das kann ja lustig werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die n\u00e4chsten zwanzig Minuten f\u00fchle ich mich wie ein Hollywood-Star bei der Autogrammstunde. Ich kritzle meine Unterschrift auf Bl\u00f6cke, lasse mich vom Blitzlicht blenden und bin umgeben von dutzenden fr\u00f6hlich grinsenden und Peacezeichen-zeigenden kleinen Fans. Am Ende hab ich geh\u00f6rige Schmerzen in den Knien, weil ich ungef\u00e4hr doppel so gro\u00df bin wie die meisten meiner Mitfotografierten, aber ach \u2013 die Kleinen sind einfach herzallerliebst.<\/p>\n<div id=\"attachment_94\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0836.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-94\" class=\"size-medium wp-image-94\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0836-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0836-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0836-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0836.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-94\" class=\"wp-caption-text\">Klassenfoto mit der nicht ganz vollst\u00e4ndigen Riesenklasse<\/p><\/div>\n<p>Den Rest der Englischstunde verbringe ich damit, den Sch\u00fclern ihre ersten Deutschvokabeln beizubringen und stelle dabei fest, dass die Kinder sogar in der Lage sind, das zungenbrecherische Wort \u201eEichh\u00f6rnchen\u201c perfekt auszusprechen und kein \u201eAisch-Ornschen\u201c daraus machen wie damals unsere Austauschpartner in Frankreich. Mit einem spontanen Klassenfoto werde ich schlie\u00dflich entlassen und kehre \u2013 diesmal erfolgreich \u2013 zum B\u00fcro zur\u00fcck. Dort treffe ich auf den franz\u00f6sischen Franz\u00f6sischlehrer Cedric, der gerade energisch mit Yang Hui \u00fcber die Tatsache diskutiert, dass man sich in China selbst unter Freunden kein K\u00fcsschen zur Begr\u00fc\u00dfung gibt. Wenn \u00fcberhaupt, reicht man sich hier die Hand, was aber nicht unbedingt hei\u00dft, dass man v\u00f6llig auf K\u00f6rperkontakt verzichtet. Sowohl Jungs als auch M\u00e4dchen sieht man h\u00e4ufig eintr\u00e4chtig Arm in Arm die Stra\u00dfen entlanglaufen \u2013 und wenn der Freund mal nicht spurt, werden die Damen dar\u00fcber hinaus gerne mal etwas handgreiflich. Als ich allerdings erkl\u00e4re, dass wir uns in Deutschland vor lauter Wiedersehensfreude umarmen, ernte ich sowohl von Yang Hui als auch von Cedric einen geschockten Gesichtsausdruck.<\/p>\n<p>Weil mein Magen ohnehin knurrt, klinke ich mich flugs aus dem Gespr\u00e4ch aus und entwische mit einer der Englischlehrerinnen und der Spanischlehrerin aus dem B\u00fcro. Aber halt, wo gehen die denn hin? Etwa zur Kantine? Oh nein, nicht schon wieder! Memo an mich selbst: ich sollte langsam anfangen, die Essensvokabeln zu verinnerlichen, damit ich endlich ohne Zufallstreffersystem in einem Restaurant bestellen kann. Denn das Essen in der Kantine ist zwar billig und meist wohlschmeckend, jedoch zu allen Tageszeiten und an jedem Tag der Woche gleich. Naja, wenigstens bin ich dort in netter Gesellschaft. Als wir uns mit unserem \u00fcblichen Haufen Reis garniert mit drei anderen Beilagen nach Wahl an einen freien Tisch gesetzt haben, gesellt sich auf einmal ein \u00e4lterer Mann zu uns und beginnt fr\u00f6hlich, mich auf Chinesisch zuzutexten. Zum Gl\u00fcck stehen mir meine kostenlosen Dolmetscher tatkr\u00e4ftig zur Seite, sodass ich schnell herausfinde, dass der nette Herr der Gro\u00dfvater eines Jungen an der Mittelschule ist und gerade bei diesem nach dem Rechten sieht. Dass die Verwandten von Sch\u00fclern von Zeit zu Zeit hier vorbeischauen, stellt \u00fcbrigens keine Ausnahmesituation dar. Sie helfen ihren Z\u00f6glingen beim Zimmerputz und beim W\u00e4schemachen oder befreien sie vom eint\u00f6nigen Kantineneinerlei. Wie sich weiterhin herausstellt, findet Opa neben meinen Reisegr\u00fcnden vor allem meine Nase \u00e4u\u00dferst interessant. Nachdem ich ihm schlie\u00dflich versichert habe, dass sie mir im Winter f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht abfriert, zieht er beruhigt von dannen und wir machen uns auf den Weg zum B\u00fcro.<\/p>\n<div id=\"attachment_105\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0671.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-105\" class=\"size-medium wp-image-105\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0671-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0671-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0671-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0671.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-105\" class=\"wp-caption-text\">Ein Hipsterfr\u00fcchtchen<\/p><\/div>\n<p>Der Nachtisch l\u00e4sst nicht lange auf sich warten. Einerseits schiebt mir Yang Xi ein Etwas zu, dass ich zuerst f\u00fcr einen gr\u00fcnen Duschkopf halte. Aber nat\u00fcrlich handelt es sich dabei nicht um ein neues Accessoire f\u00fcr meinen BBB, sondern um den Stempel einer Lotusbl\u00fcte, der recht gesund schmeckende Kerne enth\u00e4lt. Andererseits schwebt Miss Singsong fl\u00f6tend zu mir hin\u00fcber, die, wie ich mittlerweile herausgefunden habe, Xiao Yu hei\u00dft. Mit einer eleganten Handbewegung l\u00e4sst sie zwei Schabutzkis auf meinen Tisch fallen, die ich sofort mit dem Namen Hipster-Fr\u00fcchtchen betitle. Die schwarzen, nuss\u00e4hnlichen Leckerlis besitzen n\u00e4mlich astrein die Form eines pr\u00e4chtigen Moustaches. Das Aufbrechen der Hipster-Fr\u00fcchte artet meist in einem ziemlichen Kraftakt aus. Dazu lege man die Zeigefinger beider H\u00e4nde um die hakenartigen Enden und dr\u00fccke mit den Daumen gegen den Mittelteil der Nuss. Klingt gar nicht so schwer, denke ich und prompt schie\u00dft eine H\u00e4lfte meines Hipster-Fr\u00fcchtchens haarscharf an Yang Xis Ohr vorbei. Ups, da brauche ich wohl noch ein bisschen \u00dcbung.<\/p>\n<p>Als ich auch das zweite Hipster-Fr\u00fcchtchen erfolgreich im halben B\u00fcro verteilt habe, merke ich, dass es drau\u00dfen auf einmal ruhiger geworden ist. Kein ausgelassenes Quietschen, kein Aufprallen von Basketb\u00e4llen auf dem Boden, kein Anfeuern der Fu\u00dfballspieler. Ah, die Mittagsruhe hat begonnen. Zu dieser Tageszeit sollen alle Sch\u00fcler f\u00fcr eine Stunde ein kleines Nickerchen halten. Allerdings nicht im Wohnheim, sondern in ihren Klassenzimmern und zwar mit dem Kopf auf einem Kissen beziehungsweise auf dem Schreibtisch. Das klingt vielleicht anfangs etwas seltsam, ergibt aber durchaus Sinn. Gingen die Kinder in ihre Schlafs\u00e4le zur\u00fcck, w\u00fcrden sie in der Zeit nat\u00fcrlich alles M\u00f6gliche machen, nur nicht schlafen. Bei einem Schultag, der bis acht Uhr abends dauert, sollte man sich jedoch zwischendurch wirklich eine Pause g\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und die Lehrer k\u00f6nnen die Gelegenheit nutzen, um die freien Basketballfelder zu besiedeln. \u201eAre you coming with us?\u201c, fragt mich Qing Xi, der bereits sein Lakers-Shirt \u00fcbergeworfen hat. Na klar, immerhin stellt Basketball spielen k\u00f6nnen hier eine Art Grundf\u00e4higkeit dar. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der durchgehend m\u00e4nnlichen Sch\u00fcler liebt es, in den Pausen ein paar K\u00f6rbe zu werfen und was man dabei zu sehen bekommt, ist nicht selten nahezu spektakul\u00e4r. Kein Wunder also, dass sich bei diesem Training die Zahl der allzu wohlgen\u00e4hrten jugendlichen Chinesen eher in Grenzen h\u00e4lt. \u201eYou can be the new center positon oft the teachers Team\u201c, erkl\u00e4rt Linc, als ich in Sportmontur das am Feld ankomme. Soso, center position. Vielleicht sollten die sich lieber zuerst von meinen F\u00e4higkeiten \u00fcberzeugen, bevor sie mich in ihre Mannschaft aufnehmen. Ich glaube, man hat die Rechnung ohne die Tatsache gemacht, dass ich zum letzten Mal vor zwei Jahren Basketball gespielt habe und nicht \u00fcber das geringste Fachvokabular verf\u00fcge. Egal, wie sich bewiesen hat, geht Probieren \u00fcber Studieren. Beim Spielen schaffe ich es dann bald, den Ball zumindest in die N\u00e4he eines Korbs zu bef\u00f6rdern. Dummerweise liegt der auf einem anderen Feld und nicht unserem eigenen, wodurch es kein Geheimnis bleibt, dass mich meine Gr\u00f6\u00dfe nicht unbedingt zu einem geborenen Dirk-Nowitzki-Nachfolger macht. Aber ich habe ja noch viel Zeit zum \u00dcben.<\/p>\n<p>Zur Belohnung f\u00fcr die zwei K\u00f6rbe, die ich irgendwann doch auf dem richtigen Feld geworfen habe, gelingt es mir, der Kantine am Abend wieder einmal zu entrinnen. Linc nimmt mich n\u00e4mlich auf dem R\u00fccksitz seines Motorbikes mit zum Abendessen. Wie ich in den vergangenen Tagen festgestellt habe, sind die kleinen, mindesten ein dreiviertel PS starken Gef\u00e4hrte wirklich \u00e4u\u00dferst praktisch. Man kann sowohl am Stra\u00dfenverkehr teilnehmen, als auch fr\u00f6hlich hupend auf dem Gehweg entlangfahren, jegliche Verkehrsregeln missachten und an den unm\u00f6glichsten Stellen wenden. Nicht, dass die Autofahrer davor zur\u00fcckschrecken w\u00fcrden, aber mit dem Motorbike f\u00e4llt es doch um einiges leichter. Ganz nebenbei gewinnt man einen wunderbaren \u00dcberblick \u00fcber die Umgebung, genie\u00dft den Fahrtwind und freut sich \u00fcber die Fu\u00dfg\u00e4nger, die verwirrt dem vorbeid\u00fcsenden Laowai hinterher starren.<\/p>\n<p>Bis heute darf ich behaupten, noch kein einziges Mal das Innere eines Wuhanner McDonald\u2019s gesehen zu haben. Heute allerdings gehen wir ins YongHe, eine Art chinesische Variante unseres McDonald\u2019s. Burger und Chicken McNuggets wird man dort jedoch nicht finden, daf\u00fcr gibt es Fr\u00fchlingsrollen, Dumplings, verschiedene Nudel- und Reisgerichte und die obligatorische hei\u00dfe Sojamilch. Die leuchtenden Anzeigetafeln eignen sich dabei ideal f\u00fcr unf\u00e4hige Ausl\u00e4nder wie mich, da jedes Gericht mit Bildchen und sogar einer englischen Beschriftung versehen ist. Herrlich.<\/p>\n<p>So verbringen wir einen weiteren sehr am\u00fcsanten Abend, an dessen Ende ich um ein Haar beziehungsweise um ein paar Sekunden fast vor einem verschlossenen Schultor gestanden w\u00e4re. Zu schlie\u00dfenden Schultoren erz\u00e4hle ich dann vielleicht beim n\u00e4chsten Eintrag mehr. Letztlich kann ich nach diesem Tag festhalten, dass zwar inzwischen ein zumindest alltags\u00e4hnlicher Zustand eingekehrt ist, aber Wuhan und seine Bewohner weiterhin jeden Tag f\u00fcr eine neue \u00dcberraschung gut sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim heutigen Blogeintrag habe ich ein kleines Experiment gewagt. Einerseits erz\u00e4hle ich in zwei beispielhaften Tagen, was ich unter der Woche so erlebe, andererseits k\u00f6nnt ihr hier sehen, was sich in der Zwischenzeit schon ver\u00e4ndert hat. Viel Spa\u00df beim Lesen! &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/2012\/09\/24\/alltagsabenteuer\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":106,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[582,48,563,164,565,307],"tags":[54961,54959,4824,54960,223,54957],"class_list":["post-90","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bildung","category-bildungsarbeit","category-erlebnis","category-freiwilligenarbeit","category-gastland","category-mentalitat","tag-alpenliebe","tag-buro","tag-freundschaft","tag-great-firewall","tag-unterricht","tag-wohnheim"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/90"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=90"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/90\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":109,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/90\/revisions\/109"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/media\/106"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=90"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}