{"id":32,"date":"2012-09-05T06:28:25","date_gmt":"2012-09-05T04:28:25","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/?p=32"},"modified":"2012-10-22T13:36:49","modified_gmt":"2012-10-22T11:36:49","slug":"the-journey-begins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/2012\/09\/05\/the-journey-begins\/","title":{"rendered":"The Journey Begins"},"content":{"rendered":"<p><strong>Abschied<\/strong><\/p>\n<p>Ein schwerer Klo\u00df schn\u00fcrt meinen Hals zu, als ich unter der Zollschranke hindurchgehe. F\u00fcr einen kurzen Moment steigt in mir das beinahe unwiderstehliche Verlangen hoch, auf der Schwelle zur neuen Welt kehrtzumachen und einfach wieder zur\u00fcck in die Arme meiner Liebsten zu laufen. Dennoch mache ich mich ziemlich zittrig und ungeschickt daran, all meinen Kladderadatsch wieder zusammenzupacken, den ich gerade bei der Kontrolle abgegeben habe. Der Beamte, der meinen Krimskrams durchgecheckt hat, grinst mich verst\u00e4ndnisvoll an. Ich glaube, er wei\u00df genau, dass ich das alles hier gerade zum ersten Mal durchmache. Als ich mich wieder vollkommen ausger\u00fcstet habe, wende ich mich noch einmal zum Ausgang. Dort, hinter der Absperrung steht sie, meine Familie, winkend und zu allem \u00dcberfluss Taschent\u00fccher schwingend. Das Bild scheint sich in meine Netzhaut zu brennen, denn mir ist wohl bewusst, dass ich diesen Anblick allzu bald nicht mehr genie\u00dfen darf.<\/p>\n<p>Meine Beine m\u00fcssen wohl ein Eigenleben entwickelt haben, denn widerwillig setze ich mich in Bewegung, der Treppe zu meinem Gate entgegen. Unwillk\u00fcrlich tauchen vor meinem inneren Auge all meine Freunde zu meinen Seiten mir auf, die ich in Deutschland zur\u00fccklasse, einer nach dem anderen. W\u00e4hrend ich an der Erinnerung ihrer lachenden Gesichter vor\u00fcberschreite, hallen ihre guten W\u00fcns<strong><\/strong>che und Zuspr\u00fcche unh\u00f6rbar im Raum wieder und treiben mich voran. Ich steige die Treppe hinauf und f\u00fchle ich mich dabei, als w\u00fcrde ich einen Berg erklimmen. Oben angekommen blicke ich ein letztes Mal \u00fcber die Schulter und hebe die Hand zum Abschiedsgru\u00df. Ich atme tief durch und gehe noch einen Schritt weiter.<\/p>\n<p>Auf einmal wird mir bewusst, dass ich jetzt zum ersten Mal ganz auf mich allein gestellt bin. Im ersten Moment eine recht unheimliche Erkenntnis, doch noch w\u00e4hrend ich den netten Herren von der Ausweiskontrolle passiere, stelle ich fest, dass es eigentlich gar nicht so schlimm ist. Endlich erreiche ich meine Gate und setze mich ans Fenster, vor dem stetig Flugzeuge vorbeirollen. Obwohl mir gegen\u00fcber eine Chinesin sitzt, deren Smartphone unentwegt die Ger\u00e4usche eines sterbenden Affen von sich gibt, beruhigt sich mein Puls langsam wieder und ich lehne mich zur\u00fcck. Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt mir allerdings nicht, denn ein paar Minuten sp\u00e4ter wird die Gateway ge\u00f6ffnet und bevor ich so recht begreife, was passiert, hat sich eine riesige Menschentraube davor gebildet.<\/p>\n<p>Und siehe da, irgendwie ist man scheinbar doch nie ganz allein. Denn in der Menge taucht pl\u00f6tzlich ein blonder Haarschopf auf, der (wie ich nach einigen ungl\u00e4ubigen Sekunden feststelle) zu der lieben Ruth geh\u00f6rt, die ebenfalls mit Kulturweit nach China gehen darf. Bei aller Wiedersehensfreude fallen die letzte<strong><\/strong>n Meter zum Flugzeug gleich viel leichter und gemeinsam betreten wir die Gangway, die uns in den Flieger geleitet. An der T\u00fcr angekommen, werden wir umgehend von einigen h\u00fcbschen chinesischen Stewardessen in Empfang genommen und nehmen unsere Pl\u00e4tze ein.<\/p>\n<p>Als unter allgemeinem Geschnatter auch der Letzte sein Pl\u00e4tzchen gefunden hat, f\u00fchren die jungen Damen die (f\u00fcr mich gar nicht mal so) obligatorischen Sicherheitsschabutskis vor, was bei ihrer ungebrochenen Motivation ein wenig wirkt, als h\u00e4tten sie vor dem Abflug zu viele Folgen Ninja-Turtles geschaut. Dann heulen die Triebwerke auf und die Maschine setzt sich tr\u00e4ge in Bewegung. Jetzt gibt es kein Zur\u00fcck mehr. Nur noch den Weg ins ferne China. Doch scheinbar hat jemand daran gedacht, mir auf diesem Weg einen Schutzengel mitzugeben (nicht wahr, Tantchen?), denn meine charmante Nebensitzerin aus Honkong stellt sich doch tats\u00e4chlich mit dem Namen \u201eAngel\u201c vor. Sehr beruhigend.<\/p>\n<p>Vorsichtig wage ich es, meinen Blick \u00fcber den Pulk schweifen zu lassen, w\u00e4hrend das Flugzeug sich gem\u00e4chlich in Position bringt. Mit gro\u00dfen, erwartungsvollen Augen schaut mich ein kleiner Chinese an, seinen Pl\u00fcschaffen fest umschlungen. Ich erkenne mich in diesen Augen wieder. Um mich daraufhin in die richtige Stimmung f\u00fcr den Takeoff zu bringen, stecke ich meine Kopfh\u00f6rer ins Ohr und lass<strong><\/strong>e mich von James Horners \u201eSouthampton\u201c aus dem Titanic-Soundtrack beschallen. Bis mir siedend hei\u00df einf\u00e4llt, dass besagtes Schiff ja am Ende untergeht. Nach einem kurzen Schreckmoment stelle ich jedoch fest, dass die Wahrscheinlichkeit, in der Luft mit einem Eisberg zu kollidieren, doch eher gering ist und so lehne ich mich zum zweiten Mal an diesem Tag zur\u00fcck.<\/p>\n<div id=\"attachment_34\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0644.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-34\" class=\"size-medium wp-image-34\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0644-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0644-225x300.jpg 225w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0644.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-34\" class=\"wp-caption-text\">Chinesisches Dosenbier &#8211; sehr nahrhaft<\/p><\/div>\n<p>Das Flugzeug hat eine geeignete Startbahn gefunden und nimmt an Geschwindigkeit auf. Ich sp\u00fcre, wie ich in den Sitz gedr\u00fcckt werde. Die Spitze der M<strong><\/strong>aschine richtet sich gen Himmel und im n\u00e4chsten Moment dreht sich mein Magen um, denn wir haben uns vom sicheren Boden abgesto\u00dfen. \u00dcber die Sitzreihen hinweg sehen Ruth und ich uns grinsend an. Wir fliegen nach China! Unter uns wird der der M\u00fcnchner Flughafen immer kleiner, bis er nur noch an eine Ansammlung Spielzeuggeb\u00e4ude erinnert. Die ersten wei\u00dfen Schwaden ziehen am Fenster vorbei, bis der Airbus pl\u00f6tzlich eine dichte Wolkendecke durchst\u00f6\u00dft und der tiefblaue Himmel sich hinter den Fl\u00fcgelspitzen ausbreitet. Auf Flugh<strong><\/strong>\u00f6he angekommen legt sich die kollektive Spannung recht schnell. Die ersten (vor allem chinesischen) Reiseg\u00e4ste fangen begeistert an, flei\u00dfig den gar spannenden Service-Knopf zu bet\u00e4tigen und man testet das reichhaltige Filmangebot der in den Sitzen eingelassenen Bildschirme aus. Noch \u00fcber deutschem Grund bestelle ich mein erstes chinesisches Dosenbier und proste Angel auf Mandarin zu, was sie nicht versteht, da man in Hongkong Kantonesisch spricht. Na dann in diesem Sinne Ganbei \u2013 oder besser gesagt: Jam Sing, liebe Freunde!<\/p>\n<div id=\"attachment_35\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0650.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-35\" class=\"size-medium wp-image-35 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0650-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0650-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0650-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0650.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-35\" class=\"wp-caption-text\">Sonnenaufgang \u00fcber den Wolken<\/p><\/div>\n<p><strong>Gr\u00fcnteegedanken<\/strong><\/p>\n<p>Szenenwechsel: ich liege auf dem Bett, meinem neuen, etwas zu klein geratenen Bett, und bin dabei, meine Gedanken zu ordnen (in einem Word-Dokument, denn im Moment endet das LAN-Kabel meines Computers noch im Leeren). Gerade bereue ich es bitter, dass ich gedacht habe, es sei eine gute Idee, vor dem Schlafengehen eine Kanne guten, chinesischen Gr\u00fcntee zu trinken. Andernfalls w\u00e4re ich wohl nicht in der Lage, um ein Uhr nachts einen Blogeintrag zu verfassen.<\/p>\n<p>Schw\u00fcl warme Luft f\u00fcllt das Zimmer aus. Eigentlich arbeitet die Klimaanlage auf Hochtouren, aber entweder habe ich sie dank chinesischer Fernbedienung falsch eingestellt oder sie ist (dem Aussehen nach zu urteilen) in Wahrheit ein Mini-Atomreaktor, der meine Mikrowelle und meinen Herd mit Strom versorgt. Aus den B\u00e4umen hinter meinem Balkon dringen Ger\u00e4usche, die ich nicht ganz zuordnen kann. Kr\u00e4chzen und Zirpen. Vermutlich beschweren sich dort meine ehemaligen Untermieter immer noch \u00fcber die unsanfte Beendigung des Mietvertrags. Was, Untermieter? Sehr richtig, um genau zu sein handelte es sich dabei um ein recht vermehrungsfreudiges Schabenp\u00e4rchen, das ich in einer abenteuerlichen Nacht- und Nebelaktion mit der Kehrschaufel aus dem Fenster bef\u00f6rderte. Und da ich, was Kriechtiere betrifft, \u00a0die Kein-Kind-Politik unterst\u00fctze, habe ich ihren ungeborenen Kindern direkt im Anschluss erste Gratis-Flugstunden spendiert. Sehr praktisch, nicht wahr?<\/p>\n<p>Praktisch ist \u00fcbrigens auch mein Balkon angelegt, der hat n\u00e4mlich gleich zwei witzige Eigenschaften. Erstens wurde er vor meiner Ankunft zu einem Bad umfunktioniert, was einerseits bedeutet, dass man bei ge\u00f6ffnetem Sichtschutz, naja, im Freien Gesch\u00e4fte erledigen kann. Andererseits sollte man vermutlich im Winter aufpassen, dass einem beim Duschen nicht versehentlich der Hintern am Balkongel\u00e4nder festfriert. Der eindeutige Vorteil dabei ist aber, dass der Brausekopf so flexibel angebracht wurde, dass man theoretisch auf dem Klo duschen k\u00f6nnte, wenn man das m\u00f6chte (glaubt aber jetzt nicht, dass ich es bereits versucht h\u00e4tte, so mutig bin ich noch nicht).<\/p>\n<p>Jedenfalls leuchtet durch diesen BBB (sprich Beneidenswerter Bad-Balkon) der Mond in mein kleines Apartment, was mir durchaus erw\u00e4hnenswert erscheint, da ich normalerweise mehr Hochhaus als Himmel sehe. Ein s\u00fc\u00dflicher, leicht g\u00e4rend anmutender Duft weht in mein Zimmer, den ich von diversen Urlauben in s\u00fcdlichen L\u00e4ndern zu kennen glaube. Dazu mischt sich ein laues, schweres L\u00fcftchen aus der Kantine direkt unter mir, wo ich heute schon zweimal gegessen habe. Was mich wiederum daran erinnert, dass ich ja eigentlich erz\u00e4hlen wollte, was ich sonst so erlebt habe, au\u00dfer dem K\u00fcndigen von Mietvertr\u00e4gen mit Sechsbeinern.<\/p>\n<div id=\"attachment_36\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0652.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-36\" class=\"size-medium wp-image-36 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0652-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0652-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0652-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0652.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-36\" class=\"wp-caption-text\">Kulturweit-Treffen am Flughafen in Beijing<\/p><\/div>\n<p>Fangen wir da an, wo wir aufgeh\u00f6rt haben (herrje\u2026soweit h\u00e4tte er nun wirklich nicht ausholen m\u00fcssen\u2026). Wie sich w\u00e4hrend des Flugs noch herausstellte, erwies sich Angel von Zeit zu Zeit wirklich als Engel. Sie zeigte mir geduldig, wie ich den Bildschirm (der meiner Meinung seinen eigenen Kopf besa\u00df) bediene, dass sich mein Sitz durch ein paar einfache Kniffe in eine Art bequemen Ohrensessel verwandeln l\u00e4sst und sogar wie ich den Sitz zur\u00fcckstelle, ohne meinen Hintermann zu dabei erschlagen. Auch als sie dann auf dem Flughafen in Beijing blitzschnell in der Menge verschwand, lie\u00df der n\u00e4chste Helfer nicht lange auf sich warten. Ein fescher deutscher Gesch\u00e4ftsmann mit Zweitwohnsitz in China lotste Ruth und mich gekonnt durch alle m\u00f6glichen Formalit\u00e4ten, sodass ich trotz unglaublichster \u00dcberm\u00fcdung den Eindruck hatte, alles w\u00e4re unter Kontrolle. Bis ich entsetzt feststellte, dass ich meinen Boarding Pass vom vergangenen Flug ung\u00fcnstigerweise im Flieger vergessen hatte (den brauchen wir n\u00e4mlich eigentlich, damit Kulturweit sicher gehen kann, dass wir nicht zu Fu\u00df gegangen sind und das Geld tats\u00e4chlich in einen Flug investiert haben). Dank meiner flei\u00dfigen Schutzengel in Deutschland aber hat sich dieses Problem mittlerweile in Wohlgefallen aufgel\u00f6st. Leider mussten wir auch unser unverhofftes Freiwilligentreffen am Airport wieder aufl\u00f6sen, da es f\u00fcr Ruth nach Xian weiterging. Was meine Reise nach Wuhan betrifft, kann ich nur sagen, dass ich im Airbus vermutlich der einzige Deutsche war, dieses nichtssagende Privileg allerdings verschlafen habe.<\/p>\n<div id=\"attachment_37\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0657.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-37\" class=\"size-medium wp-image-37 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0657-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0657-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0657-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0657.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-37\" class=\"wp-caption-text\">Auf der Stra\u00dfe in Wuhan<\/p><\/div>\n<p>Endlich in Wuhan angekommen, wurde ich sogleich herzlich winkend von der neuen Deutschlehrerin Anna (nicht vom Namen t\u00e4uschen lassen, sie ist trotzdem Chinesin) begr\u00fc\u00dft. An ihrer Seite erwartete mich au\u00dferdem der liebenswerte Hausmeister Hu, den hier alle augenzwinkernd Meister Hu, also Hu Shifu nennen (ja, genau wie der b\u00e4rtige Griesgram aus Kill Bill und das alte Rattenvieh aus Kung Fu Panda). Hu Shifu verstand zwar kein Wort von meinen englisch-chinesischen Unterhaltungsversuchen, aber er navigierte uns geschickt durch den dichten Verkehr in Wuhan und ich habe das Gef\u00fchl, dass wir uns f\u00fcrs Erste auch ohne Worte gut verstehen werden. W\u00e4hrend der Fahrt zog ein buntes Wirrwarr an optischen Eindr\u00fccken an mir vorbei, die ich so schnell gar nicht verarbeiten konnte. Bis zum Bersten beladene Motorfahrr\u00e4der, hochmoderne Glasbauten, bauf\u00e4llige Barracken, Seenplatten, aus denen wei\u00dfe grazile V\u00f6gel entstiegen, in voller Bl\u00fcte stehende Oleanderb\u00e4ume, pl\u00f6tzlich breit und m\u00e4chtig der Yangtse und Autos, Autos und nochmals Autos. Ja, obwohl das alles nicht gerade zusammenh\u00e4ngend klingt, so bilden all diese Puzzleteile doch am Ende die facettenreiche Megacity Wuhan, von der ich bis jetzt immer noch gerade einmal einen winzigen Bruchteil erlebt habe.<\/p>\n<p>Nach einer Stunde Blickfeldbombardierung erreichten wir schlie\u00dflich die \u201eWuhan Middle School Attached to University\u201c, wo ich am Tor von Herrn Gong, meiner Kontaktperson, in Empfang genommen wurde. Er f\u00fchrte mich ohne gro\u00dfe Umschweife auf mein Zimmer und gab mir bis f\u00fcnf Uhr Zeit, mich h\u00e4uslich einzurichten. Weil ich jedoch diese Zeit aktiv nutzte, um gewisse andere Pers\u00f6nlichkeiten zu entfernen, die sich bereits h\u00e4uslich eingerichtet hatten, musste der arme Mr. Gong sp\u00e4ter verwundert feststellen, dass mein Koffer immer noch nicht viel leerer war als bei meiner Ankunft. Jene Tatsache ignorierten wir allerdings beide gekonnt und verlie\u00dfen mein neu erobertes Eigenheim, um in einem Restaurant Abendessen zu gehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_42\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0663.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-42\" class=\"size-medium wp-image-42\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0663-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0663-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0663-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0663.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-42\" class=\"wp-caption-text\">Noch ist der duck head gut versteckt<\/p><\/div>\n<p>Dass ich auf dem Weg dorthin einige Male beinahe \u00fcberfahren worden w\u00e4re, wurdein dem Moment belohnt, als wir das Restaurant betraten. Die adrette Kellnerin f\u00fchrte uns durch den hell erleuchteten, \u00fcberwiegend in Wei\u00df gehaltenen Saal, den verspiegelte W\u00e4nde mit grazilen Mustern einfassten. \u00a0An unserem Tisch warteten bereits ein paar Lehrerinnen, die an der Wuhan Middle School Spanisch, Franz\u00f6sisch, Deutsch oder Englisch unterrichten. Reihum durfte ich mich alsbald in der jeweiligen Unterrichtssprache unterhalten, und da man seitdem wei\u00df, dass ich mehr als nur Deutsch sprechen kann, hat sich mein Aufenthalt sozusagen in ein Intensiv-Sprachtrainingslager verwandelt. Wer h\u00e4tte gedacht, dass ich einmal so dankbar daf\u00fcr sein w\u00fcrde, den Franz\u00f6sisch-Leistungskurs besucht zu haben. Wenn es nur mit dem Chinesisch genauso fl\u00fcssig laufen w\u00fcrde! Wie dem auch sei, abgerundet wurde unsere multinationale Runde dadurch, dass die Bedienungen im Minutentakt neue, aufwendig angerichtete Speisen auf dem Tisch drapierten.<\/p>\n<p>Als definitives Highlight des Abends ist mir dabei insbesondere ein wohlgeformte Fleisch-Schabutzki in Erinnerung geblieben, das mir Mr. Gong irgendwann beherzt auf den Teller legte. W\u00e4hrend ich noch auf dem anscheinend essbaren Knochen herum kaute, er\u00f6ffnete er mir dann, dass ich soeben den Kopf einer Ente gegessen hatte (zumindest habe ich \u201educk head\u201c verstanden, die einzig m\u00f6gliche Alternative dazu w\u00e4re \u201educk end\u201c, aber davon gehe ich mal lieber nicht aus). So stand meine Ankunft also unter dem Motto \u201eEnte gut \u2013 alles gut!\u201c, wodurch ich nach diesem exquisiten Willkommensschmaus zwar vollkommen ersch\u00f6pft, aber zufrieden einschlafen konnte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich meine lieben Freunde vom Goethe-Institut noch den Ausblick auf der gro\u00dfen Mauer genossen, brach bei mir am n\u00e4chsten Morgen umgehend mein erster Arbeitstag an. Mit einem etwas mulmigen Gef\u00fchl im Magen folgte ich Xi Yang, einer der drei Deutschlehrerinnen, zu ihrem Klassenzimmer. Dort angekommen verstummten umgehend alle Gespr\u00e4che, als der riesige, fremde Laowai hinter das leicht erh\u00f6hte Lehrerpult stieg. So blickte ich hinab auf beinahe vierzig schweigende Kinder zwischen zw\u00f6lf und vierzehn Jahren, die wiederum mich mit erwartungsvollen, neugierigen und sch\u00fcchternen Gesichtern ansahen. Das Erstaunlichste an der ganzen Sache war im ersten Moment dabei f\u00fcr mich, dass ich gar nicht das Gef\u00fchl hatte, eine sonderlich gro\u00dfe Klasse vor mir zu haben. Das lag vermutlich \u00fcberwiegend daran, dass die ganze Klasse in einem Zimmer Platz fand, das in Deutschland eher f\u00fcr ungef\u00e4hr zwanzig Sch\u00fcler ausgelegt w\u00e4re. Nachdem ich einen Teil meines chinesischen Namens gleich mal spiegelverkehrt an die Tafel geschrieben hatte, war die erste Scheu jedoch schnell \u00fcberwunden und die Stunde entwickelte sich zu einer am\u00fcsanten Frage- und Antwort-Runde mit dem gar beeindruckenden Laowai.<\/p>\n<p>Mittlerweile habe ich bereits mehrere Unterrichtsstunden hinter mich gebracht, mein Namensged\u00e4chtnis ist hoffnungslos \u00fcberlastet und das Sprachzentrum in meinem Gehirn f\u00fchlt sich vom vielen Herumswitchen ganz wund an. Dagegen kommt langsam auch der st\u00e4rkste Gr\u00fcntee Chinas nicht mehr an, weswegen ich mich jetzt besser wieder unter die Bettdecke verkrieche und hoffe, dass meine Ex-Mieter in der Zwischenzeit ein neues Zuhause gefunden haben.<\/p>\n<p>Beste Gr\u00fc\u00dfe aus Wuhan<\/p>\n<p>Kai<\/p>\n<div id=\"attachment_38\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0658.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-38\" class=\"size-medium wp-image-38 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0658-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0658-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0658-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0658.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-38\" class=\"wp-caption-text\">Die Kochecke in meinem Zimmer<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_39\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0659.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-39\" class=\"size-medium wp-image-39 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0659-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0659-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0659-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0659.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-39\" class=\"wp-caption-text\">Hinter der Schiebet\u00fcr befindet sich mein BBB<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_40\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0660.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-40\" class=\"wp-image-40 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0660-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0660-225x300.jpg 225w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/09\/SAM_0660.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-40\" class=\"wp-caption-text\">Blick aus meinem BBB<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abschied Ein schwerer Klo\u00df schn\u00fcrt meinen Hals zu, als ich unter der Zollschranke hindurchgehe. 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