{"id":197,"date":"2012-11-23T04:18:39","date_gmt":"2012-11-23T03:18:39","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/?p=197"},"modified":"2012-11-23T10:08:18","modified_gmt":"2012-11-23T09:08:18","slug":"student-life-is-wonderful","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/2012\/11\/23\/student-life-is-wonderful\/","title":{"rendered":"Student Life Is Wonderful"},"content":{"rendered":"<p>Unnachgiebig prasselt der Regen gegen meinen Schirm, als ich die Ba Yi Lu entlang haste. Eigentlich h\u00e4tte ich barfu\u00df gehen k\u00f6nnen, \u00a0meine Schuhe waren ohnehin innerhalb von Sekunden v\u00f6llig durchtr\u00e4nkt. Kein Wunder, denn mangels gen\u00fcgend Abflussm\u00f6glichkeiten steht die ganze Stra\u00dfe unter Wasser. Was das Wetter betrifft, kennt man hier keine halben Sachen und wenn es regnet, dann regnet es richtig. Wir machen aus Wuhan das Venedig Chinas \u2013 vielleicht h\u00e4tte der B\u00fcrgermeister mit dieser Aussage etwas vorsichtiger sein sollen, denn manchmal bef\u00fcrchte ich wirklich, dass die Stadt demn\u00e4chst in den Fluten versinkt.<\/p>\n<div id=\"attachment_195\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1364.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-195\" class=\"size-medium wp-image-195 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1364-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1364-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1364-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1364.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-195\" class=\"wp-caption-text\">Was vom Haupttor \u00fcbrig geblieben ist<\/p><\/div>\n<p>Als ich am Haupttor der Wuhan University (oder einfach Wu Da) ankomme, stelle ich zwei aufschlussreiche Dinge fest. Erstens, es gibt kein Haupttor mehr. Schade, dabei hat es doch so beeindruckend ausgesehen mit den gro\u00dfen Kalligrafie-Schriftzeichen und den vier wei\u00dfen S\u00e4ulen. Nun ist von all der Pracht nur noch ein k\u00fcmmerlicher Steinhaufen \u00fcbrig,\u00a0 aus dem traurig ein paar rostige Stahlstreben hervorstehen. Naja, wenn die Stra\u00dfe breiter gemacht werden soll, muss das Haupttor eben woanders wieder errichtet werden \u2013 aber h\u00e4tten die nicht wenigstens warten k\u00f6nnen, bis ich mal dran denke, meine Digicam mitzunehmen?<\/p>\n<p>Zweitens bemerke ich, dass ich mir genauso gut den Schirm h\u00e4tte sparen k\u00f6nnen, da der Regen mich mittlerweile schlichtweg von allen Seiten geduscht hat. W\u00e4ren die Chinesisch-Stunden an der Uni nicht so verdammt teuer und meine Kommilitonen nicht so verdammt nett gewesen, h\u00e4tte ich mein warmes, trockenes Bett heute Mittag immer noch nicht verlassen. Doch stattdessen steige ich in einen der kleinen Busse, die auf dem Campus herum d\u00fcsen und hoffe, dass es wenigstens darin warm und trocken ist. Denkste. Dr\u00e4ngen sich f\u00fcnfzig triefende Studenten in einem vergleichsweise winzigen Gef\u00e4hrt aneinander, wird es vielleicht irgendwann einmal warm, aber alles andere als trocken,\u00a0 vor allem wenn der zusammengefaltete Schirm am Arm des Vordermanns fr\u00f6hlich in meinen Nacken tropft.<\/p>\n<p>Weil es drau\u00dfen nach wie vor wie aus Eimern sch\u00fcttet, wollen sich an jeder Haltestelle mehr Leute vor dem Durchweichen in den Bus retten &#8211; mit dem Resultat, dass die arme Seele an der Heckscheibe vermutlich demn\u00e4chst f\u00fcr eine Rolle im neuen 2D-Super-Mario-Spiel vorsprechen darf. Das wird, nebenbei gesagt, vermutlich niemals offiziell in China erscheinen, weil Nintendo es angesichts der Produkt-Piraterie in China aufgegeben hat, sein Elektro-Spielzeug hier zu verkaufen. Pl\u00fcsch-Pikachus und Marios erfreuen sich dennoch \u00e4hnlicher Beliebtheit wie der ber\u00fcchtigte Longmao.<\/p>\n<div id=\"attachment_194\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_0876.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-194\" class=\"size-medium wp-image-194\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_0876-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_0876-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_0876-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_0876.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-194\" class=\"wp-caption-text\">Die Fremdsprachen-Fakult\u00e4t<\/p><\/div>\n<p>Nur noch eine Haltestelle. Jetzt wird es spannend. Werde ich es schaffen, mir einen Weg durch die Sardinenb\u00fcchse zu bahnen oder bleibe ich am Ende im Gedr\u00e4nge stecken? Vorsichtig quetsche ich mich an den anderen Passagieren vorbei. Der Bus h\u00e4lt mit quietschenden Reifen, wodurch sich die im Gang stehenden in bester Michael-Jackson-Manier nach vorne biegen. Jetzt nur nicht von einem Schirm aufspie\u00dfen lassen! Geschafft, die T\u00fcr schwingt zur Seite und wenig sp\u00e4ter stehe ich endlich vor der Fremdsprachen-Fakult\u00e4t, in der mein Chinesischkurs stattfindet. Seit fast zwei Monaten suche ich dieses Geb\u00e4ude an f\u00fcnf Tagen in der Woche auf, um insgesamt zwanzig Stunden Listening, Speaking und Comprehensive Chinese zu nehmen. Dabei habe ich letztendlich den Unterricht f\u00fcr die ganz unerfahrenen Anf\u00e4nger gew\u00e4hlt. Selbst der gestaltet sich n\u00e4mlich ehrlich gesagt trotz meiner in Deutschland angeeigneten Grundkenntnisse als nervenzehrend genug.<\/p>\n<p>Womit fangen wir denn heute an? Oh nein, Comprehensive! Warum mich das so best\u00fcrzt? Nun ja, das liegt daran, dass die Bezeichnung Comprehensive meiner Meinung nach ein wenig optimistisch gew\u00e4hlt wurde, wie sich bald zeigen wird.<\/p>\n<p>Als ich das Klassenzimmer betrete, sind beinahe alle St\u00fchle bereits mit Studenten aus aller Herren L\u00e4nder besetzt. Das verwundert mich ein wenig angesichts der Tatsache, dass heute Donnerstag ist und die Zahl der Anwesenden im Laufe der Woche normalerweise exponentiell abnimmt. Zum Gl\u00fcck jedoch hat mir der Niederl\u00e4nder Thomas netterweise einen Platz freigehalten und so arbeite ich mich, auf Deutsch, Englisch, Franz\u00f6sisch, Chinesisch und Japanisch gr\u00fc\u00dfend durch die engen Sitzreihen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich versuche, es mir auf der engen Bank neben Thomas so bequem wie m\u00f6glich zu machen, grinsen mich die beiden Deutschen Bita und Nadja angesichts meiner nassen Kleider schadenfroh an. Die zwei M\u00e4dels wohnen zusammen mit dem Holl\u00e4nder in einer WG ganz in der N\u00e4he meiner Schule, waren aber mal wieder schlau genug gewesen, bei dem Sauwetter ein Taxi zu nehmen. Dementsprechend machen die drei nun einen eindeutig trockeneren und weniger fr\u00f6stelnden Eindruck als ich. Egal, daf\u00fcr habe ich meine st\u00e4ndige Wegbegleiterin, die Plastikteeflasche mitgebracht, die in \u00e4hnlicher Ausf\u00fchrung auf einigen weiteren Tischen vor sich hin dampft.<\/p>\n<p>\u201eShang Ke!\u201c \u2013 Der Unterricht beginnt. Und zwar ziemlich pl\u00f6tzlich. Unsere kleine, pummelige Comprehensive-Lehrerin, die sich bis vor ein paar Sekunden hinter dem Pult versteckt hielt, besitzt die lustige Angewohnheit, meistens erst einmal frohen Mutes auf Chinesisch los zu plappern. In einem m\u00f6rderischen Tempo und einer Tonlage, die einem die Ohren klingeln l\u00e4sst. Dazu werden enthusiastisch irgendwelche W\u00f6rter und S\u00e4tze in verschiedenen Farben in ein Word-Dokument getippt, das \u00fcber einen Beamer an der Wand f\u00fcr alle sichtbar ist. Am Ende der Vorstellung sollten wir im besten Fall um eine grammatikalische Regel schlauer sein. Sollten.<\/p>\n<p>Nicht, dass die Grammatik sonderlich schwierig w\u00e4re\u00a0 &#8211; ganz im Gegenteil, der unproblematischste Teil der chinesischen Sprache besteht vermutlich aus der recht simplen Grammatik. Nat\u00fcrlich gibt es eine festgelegte Satzstruktur, die es zu verstehen gilt. So l\u00e4stige Dinge wie die verschiedenen F\u00e4lle oder Konjugieren von Verben (all die Eigenheiten, die meine armen Deutschsch\u00fcler verzweifeln lassen) fallen jedoch vollkommen weg. M\u00f6chte man beispielsweise sagen, dass etwas in der Vergangenheit passierte, baut man einfach an einer bestimmten Stelle im Satz die W\u00f6rtchen \u201ele\u201c oder \u201eguo\u201c ein. Das Verb bleibt dabei schlichtweg immer gleich \u2013 klingt prima, nicht wahr?<\/p>\n<p>Trotzdem m\u00fcssen wir in unserem Unterricht meist viel Interpretationsarbeit leisten, um solche Regeln zu verstehen. Denn kommt unsere liebe Miss Mimimi (das entspricht ungef\u00e4hr dem Ger\u00e4usch, das ich nach einer gewissen Zeit h\u00f6re, wenn ich zu lange ihren Ausf\u00fchrungen lausche) einmal in Fahrt, springen wir recht schnell vom einen Thema zum anderen, ohne dass es jemand wirklich begreift. Als Resultat dessen verschiebt sich die Aufmerksamkeit der Kursteilnehmer bald auf diverse andere T\u00e4tigkeiten. Bita und Nadja tauschen sich angeregt \u00fcber ihre neusten Errungenschaften auf dem Nachtmarkt aus, Thomas packt sein Mittagessen aus und die beiden Gabunerinnen wiegen sich zu den T\u00f6nen ihres mp3-Players. Ein paar Reihen weiter \u00fcbt sich der tanzbegabte \u00d6sterreicher Max eine Runde im Finger Tutting (einer Art \u201eTanz\u201c, bei dem man nur die Finger benutzt) und die Japaner haben angefangen, ihre Vokabeln zu lernen. Ich pers\u00f6nlich halte das f\u00fcr eine ganz vorz\u00fcgliche Idee und mache mich daran, die Zeit effektiv zu nutzen, indem ich die neuen Schriftzeichen dutzende Male in meinem Kritzelblock niederschreibe.<\/p>\n<p>Schriftzeichen pauken ist wirklich reine Flei\u00dfarbeit, denn jedes einzelne kann man sich vorstellen wie eine Art Bild, das sich aus mehreren kleineren Einheiten zusammensetzt. Insgesamt existieren \u00fcber 87.000 verschiedene dieser Bildchen. Davon werden allerdings gl\u00fccklicherweise \u00fcber 85 Prozent kaum oder nicht mehr benutzt und im Alltag reicht eine Kenntnis von rund 3000 Zeichen zum \u00dcberleben. Das liegt daran, dass viele Worte in Kombination \u00a0miteinander wiederum ein neues Wort ergeben. So besteht etwa das Adjektiv \u201ebillig\u201c (\u4fbf\u5b9c) aus \u201eangenehm\u201c (\u4fbf)\u00a0 und \u201epassend\u201c (\u5b9c). Auch die kleineren Einheiten innerhalb eines Zeichens ergeben meist eigenst\u00e4ndige Worte. Einen Wald (\u6797) erh\u00e4lt man, indem man zwei B\u00e4ume (\u6728) hintereinander schreibt. Derart logisch l\u00e4sst sich aber nur einen Bruchteil aller Zeichen herleiten. Warum zum Beispiel bilden ein Fisch (\u9c7c) und ein Schaf (\u7f8a) miteinander \u201efrisch\u201c (\u9c9c)?<\/p>\n<p>Nicht jedes Wort besitzt demnach sein individuelles Schriftzeichen und \u00fcbrigens muss auch nicht jeder Chinese eine quadratmetergro\u00dfe Tastatur mit tausenden Tasten auseinanderfalten, wenn er eine E-Mail tippen m\u00f6chte. \u00a0Zu verdanken haben wir dies dem sogenannten Pinyin, einem Lautschrift-System, mithilfe dessen alle chinesischen Zeichen in Worte aus lateinischen Buchstaben umgeschrieben wurden. Zum Verfassen eines Textes benutzt man also im Regelfall eine ganz normale Tastatur. Weil jedoch extrem viele gleichklingende W\u00f6rter (Homonyme) existieren, gibt man \u00e4hnlich wie bei T9 auf dem Handy zuerst den\u00a0 gew\u00fcnschten Ausdruck ein und w\u00e4hlt dann aus mehreren Vorschl\u00e4gen das passende Zeichen aus.<\/p>\n<p>Wenn man die Zeichen ebenso gut mit lateinischen Buchstaben darstellen kann, h\u00e4tte man sie doch gleich ganz abschaffen k\u00f6nnen!, mag sich da vielleicht der eine oder andere Lernende denken, der beim Vokabeln malen verzweifelt. Drei driftige Gr\u00fcnde sprechen allerdings gegen eine solche Rechtschreib-Revolution. Einmal gibt es da die vielen Homonyme. Die lassen sich zwar in der gesprochenen Sprache nat\u00fcrlich aus dem Zusammenhang herleiten. W\u00fcrde allerdings jemand Werbeplakate f\u00fcr ein \u201eg\u014dng c\u00e8\u201c aufh\u00e4ngen, w\u00fcsste man auf Anhieb nicht, ob da Leute f\u00fcr eine \u00f6ffentliche Befragung \u00a0(\u516c\u6d4b) oder zum Testen eines \u00f6ffentlichen Klos (\u516c\u5395) gesucht werden.<\/p>\n<p>Weiterhin machen die Zeichen einen wichtigen und unersetzbaren Teil der chinesischen Kultur aus und sind fast so alt wie die Geschichte des Landes selbst. N\u00e4hme man sie der Bev\u00f6lkerung einfach ohne Weiteres weg, h\u00e4tte das vermutlich den gleichen Effekt, als w\u00fcrde man pl\u00f6tzlich das Oktoberfest durch den Wuhaner Nachtmarkt ersetzen.<\/p>\n<p>Der dritte Grund gegen eine Revolution des Schriftsystems liegt schlie\u00dflich in den zahlreichen Dialekten Chinas. Ein Schwabe, ein Niederbayer und ein Sachse sind noch in der Lage, ein einigerma\u00dfen zusammenh\u00e4ngendes Gespr\u00e4ch miteinander zu f\u00fchren, wie ich sp\u00e4testens seit dem Vorbereitungsseminar sehr genau wei\u00df. Chinesen aus Wuhan und Honkong h\u00e4tten da ihre Schwierigkeiten, denn in Wuhan spricht man Mandarin mit Wuhan-Dialekt und in Honkong spricht man Kantonesisch \u2013 im Grunde zwei vollkommen unterschiedliche Sprachen. Die Zeichen behalten jedoch in beiden Dialekten ihre Bedeutung bei, sodass man trotz Sprachbarrieren in ganz China problemlos auf schriftlichem Wege kommunizieren kann.<\/p>\n<p>Darum werden wohl auch zuk\u00fcnftige Generationen von Chinesisch Lernenden flei\u00dfig die Zeichenfeder schwingen m\u00fcssen, um irgendwann ihren ersten Brief auf Chinesisch schreiben zu k\u00f6nnen. \u00a0Mir jedenfalls schwirrt nach einer Seite voller zusammenhanglos aneinander gereihten Bildchen ganz sch\u00f6n der Kopf und ich beschlie\u00dfe, mich zur Entspannung ein wenig dem Unterrichtsgeschehen zu widmen. Gerade zur rechten Zeit f\u00fcr eine Runde Lebensweisheiten mit Miss Mimimi \u2013selbstverst\u00e4ndlich auf Chinesisch. Um uns einen Interpretationsansto\u00df zu geben, flie\u00dfen aber hin und wieder ein paar englische Wortfetzen ein, was dann ungef\u00e4hr folgenderma\u00dfen klingt: \u201eMimimimi-PERSONALITY-mimimi-FRIENDS-mimi-HEADACHE-mimimi-STUDY HARD-mimimimi-FIND A LOVER-mimimi-SING A SONG!\u201c.<\/p>\n<p>Alles klar? Verst\u00e4ndnis- bis fassungslose Gesichter. War wohl nichts. Und pl\u00f6tzlich erf\u00fcllt eine glockenhelle Stimme den Raum. Verwirrt schauen selbst die Studenten auf, die eben noch ihren Kopf auf dem Tisch gebettet hatten. Wer ist das denn jetzt? Etwa unsere Lehrerin? Tats\u00e4chlich! Kaum zu glauben, aber sie tr\u00e4llert wie eine Nachtigall und macht dabei selbst Miss Singsong harte Konkurrenz. Faszinierend. Vielleicht h\u00e4tte die Gute anstelle des Lehrerberufs eher \u00fcber eine Karriere bei \u201eThe Voice of China\u201c nachdenken sollen! Das Bl\u00f6de an der Sache ist nur, dass sie uns nun auch zum Mitsingen animieren will. Kein Problem, gesungen habe ich ja mittlerweile oft genug vor meinen Sch\u00fclern. Doch halt, der Songtext, den der Beamer an die Wand wirft, besteht ja nur aus Schriftzeichen! Und diese geben f\u00fcr uns leider keinerlei Aufschluss dar\u00fcber, wie man das Ganze wohl ausspricht.<\/p>\n<p>Im Grunde muss man in der chinesischen Sprache immer doppelt lernen \u2013 zuerst das neue Zeichen und dann seine Aussprache, und bei einem schwindend geringen Wortschatz hat das eine \u00fcberhaupt nichts mit dem anderen zu tun. Hat man sich erst einmal jedoch ein passables Vokabular angeeignet, sieht die Sache schon anders aus. Viele Zeichen werden n\u00e4mlich aus zwei Teilen geformt. Der erste Teil geht auf die Bedeutung ein, aus dem zweiten Teil kann man sich die Aussprache herleiten. Demgem\u00e4\u00df stellt die linke H\u00e4lfte von \u201em\u0101\u201c (\u5988), also Mutter, eine Frau (\u5973) dar, die rechte H\u00e4lfte entspricht einem Pferd \u00a0(\u9a6c), welches man \u201em\u01ce\u201c ausspricht. In unserem Fall funktioniert das ausgekl\u00fcgelte System aber weniger, sodass wir gezwungenerma\u00dfen auf gut Gl\u00fcck T\u00f6ne von uns geben, die Mundbewegungen der Lehrerin nachahmen und hoffen, dass der gesangsbegabte Japaner Yasun uns alle \u00fcbert\u00f6nt.<\/p>\n<p>Nach dieser p\u00e4dagogisch \u00e4u\u00dferst wertvollen Unterrichtseinheit folgt der ebenfalls sehr nachhaltige Abschluss der Stunde: Bildungsfernsehen auf Chinesisch. W\u00e4hrend sich ein Gro\u00dfteil des Publikums wieder seinen privaten Angelegenheiten zuwendet, flimmern die lehrreichen Abenteuer von zwei Kindern \u00fcber die Wand, die gemeinsam mit einem alten Shifu die Entstehung verschiedener Schriftzeichen erkunden. In den fr\u00fchesten Anf\u00e4ngen der chinesischen Sprache waren die meisten Zeichen noch sehr bildhaft und komplex. Mit der Zeit und durch viele vereinfachende Reformen des Schriftsystems entwickelten sie sich zu oft hochabstrakten Gebilden, bei denen es viel Fantasie erfordert, ihren tats\u00e4chlichen Ursprung zu erkennen. Beispielsweise sieht das Zeichen f\u00fcr Fisch (\u9c7c) meiner Meinung nach wenig fischig aus, dank dem Shifu wei\u00df ich jedoch, dass das oberste Drittel der Kopf, das durchkreuzte Viereck in der Mitte der schuppige K\u00f6rper und der unterste Strich die Wasseroberfl\u00e4che sein soll.\u00a0 Leider bin ich nicht in der Lage, dem b\u00e4rtigen Lehrmeister soweit zu folgen, dass ich verstehe, wo sich der B\u00e4r in dem Zeichen \u718a versteckt. So kann ich nur verwundert einer recht fragw\u00fcrdigen Animation zusehen, in der sich ein h\u00fcbsch gezeichneter Tatzentr\u00e4ger unter ganz herzergreifenden Kr\u00fcmmungen zu seinem Schrift\u00e4quivalent verformt.<\/p>\n<p>Als es zum Stundenende klingelt, f\u00fchle ich mich etwas angewidert, aber gleichzeitig viel gebildeter als zuvor. Beispielsweise wei\u00df ich jetzt, wie man einem Huhn standrechtlich den Kopf abreist und dass alte M\u00e4nner in China mit ihrem zweiten Augenpaar Laserstrahlen verschie\u00dfen k\u00f6nnen \u2013 alles nur zu Bildungszwecken, versteht sich. Ein kurzer Blick auf Nickelodeon sollte allerdings gen\u00fcgen, um sich zu vergewissern, dass Kinderfernsehen in anderen L\u00e4ndern \u00e4hnlich verst\u00f6rend ist. Dennoch bin ich froh, mich vorerst anderen Dingen zuzuwenden \u2013 zum Beispiel dem Wiederholen meiner ersten f\u00fcnf japanischen S\u00e4tze, die mir die Studentin Saori geduldig beigebracht hat. Und um das Sprachkauderwelsch perfekt zu machen, lerne ich direkt im Anschluss noch ein bisschen Farci (eine persische Sprache, die man im Iran spricht) mit Bita und kann mich gar nicht entscheiden, welche von beiden Sprachen ich nun sch\u00f6ner finden soll. Das deutsche M\u00e4dchen mit iranischen Wurzeln hat \u00fcbrigens ma\u00dfgeblich dazu beigetragen, dass ich ihr urspr\u00fcngliches Heimatland nicht mehr f\u00fcr eine Mondlandschaft halte und stattdessen gerne einmal eine Reise dorthin unternehmen w\u00fcrde (besser eine sp\u00e4te Erleuchtung als gar keine, nicht wahr, liebe Sophia?).<\/p>\n<p>Tja, man lernt eben nie aus \u2013 vor allem nicht, wenn einem noch zwei Stunden Chinese Speaking bevorstehen. Denen blicke ich durchaus beschwingter entgegen, als die junge Miss Wang (man sollte nicht glauben, wie viele Wangs allein in Wuhan herumlaufen) strahlend den H\u00f6rsaal betritt. Die Gute erinnert mich mit ihrer offenen und neugierigen Art nicht nur an die Lehrerinnen in meinem heimischen B\u00fcro, sondern scheint auch insbesondere die Kasachen Tima und Kana in ihren Bann gezogen zu haben. Doch nicht nur die beiden h\u00e4ngen bei den ersten Aussprache\u00fcbungen an Wang Laoshis Lippen, weil von diesen \u00dcbungen sogar diejenigen profitieren, die \u00fcberhaupt nicht verstehen, was genau sie da gerade sagen. Die korrekte Aussprache stellt n\u00e4mlich den Schl\u00fcssel zur erfolgreichen Kommunikation dar.<\/p>\n<p>Im Grunde existieren im Chinesischen gerade einmal um die 450 verschiedene Silben, aus denen man alle W\u00f6rter zusammenbastelt, die es gibt. Klingt einfach? Ist es aber nicht, denn jede dieser Silben kann man zus\u00e4tzlich mit einem von vier Tonzeichen versehen. Und die auseinanderzuhalten, geschweige dem richtig zu auszusprechen, erfordert verdammt viel \u00dcbung und Wiederholung (wie auch der Rest dieser verkorksten, faszinierenden Sprache). Wer das nicht ernst nimmt, l\u00e4uft eben in Gefahr, seinen Angebeteten anstatt als gutaussehend (\u201eshu\u00e0i\u201c) als Trant\u00fcte (\u201eshu\u0101i\u201c) zu bezeichnen. Aber keine Angst, die meisten Chinesen wissen, wie schwer es uns armen Laowais f\u00e4llt, die richtige Betonung zu finden.<\/p>\n<p>F\u00fcr diejenigen, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, gibt es \u00fcbrigens zahlreiche lustige Zungenbrecher zum Trainieren der Aussprache. Der Klassiker: M\u0101 m\u0101 q\u00ed m\u01ce, m\u01ce m\u00e0n, m\u0101 m\u0101 m\u00e0 m\u01ce. (\u201eMama reitet auf dem Pferd, das Pferd ist langsam, Mama verflucht das Pferd\u201c). Ein bisschen seltsam kommt man sich dennoch vor, wenn die ganze Klasse hochkonzentriert versucht, den Spruch f\u00fcnf Mal nacheinander richtig aufzusagen \u2013 denn das verspr\u00fcht\u00a0 bei unseren \u00fcbertrieben genauen Mundbewegungen h\u00f6chstwahrscheinlich den Charme einer wiederk\u00e4uenden Wasserb\u00fcffelherde.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Chinesen selbst hat sich das Spiel mit den Betonungen und \u00e4hnlich bis gleich klingenden W\u00f6rtern allerdings mittlerweile neben den allt\u00e4glichen Hupkonzerten zu einer Art Nationalsport entwickelt, der vor allem im Internet flei\u00dfig betrieben wird. Dabei sind bereits zahlreiche \u00e4u\u00dferst, \u00e4h, gewitzte Wortkombinationen entstanden. So hat man etwa die Gu\u01ceng Di\u00e0n Z\u01d2ng J\u00fa (\u201eState Administration of Radio, Film and Television\u201d) in Gu\u0101ng Di\u00e0n Zh\u01d2ng J\u00fa (\u201enackter Hintern und den Rest \u00fcbersetze ich lieber nicht\u201c) umbenannt. Da war wohl jemand beleidigt, dass die Filmgesellschaft die ber\u00fcchtigte \u201eDraw me like one of your french girls\u201c-Szene aus der chinesischen Version von Titanic 3D geschnitten hat.<\/p>\n<p>Wir als blutige Anf\u00e4nger erfreuen uns nach der t\u00e4glichen Portion Zungenbrecher daran, unseren bisher angeeigneten Wortschatz in kleine, politisch korrekte Dialoge umzusetzen. W\u00e4hrenddessen wird uns zum ersten Mal an diesem Tag klar, wie viel wir nach zwei gestandenen Monaten Intensiv-Sprachkurs bereits gelernt haben, sodass wir zum Glockenl\u00e4uten zufrieden und mit gest\u00e4rktem Ego in die Abendplanung \u00fcbergehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach Ende der letzten Stunde er\u00f6ffnen sich f\u00fcr Studenten n\u00e4mlich meist zahlreiche M\u00f6glichkeiten, den Rest des Tages in Wuhan sinnvoll oder weniger sinnvoll zu nutzen. Beim gemeinsamen Abendessen in der (im Vergleich zu unserer Schule um L\u00e4ngen besseren) Kantine bietet sich dann genug Zeit, \u00fcber die besten Angebote abzuw\u00e4gen.<\/p>\n<div id=\"attachment_199\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/P1060177.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-199\" class=\"size-medium wp-image-199 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/P1060177-300x199.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/P1060177-300x199.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/P1060177-451x300.jpg 451w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/P1060177.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-199\" class=\"wp-caption-text\">The Emperor is amused!<\/p><\/div>\n<p>Das Highlight des vergangenen Monats war definitiv die Halloweenparty, die von der\u00a0kasachischen Studentenvereinigung in einem exklusiven Club organisiert w\u00fcrde \u2013 das durften wir nat\u00fcrlich nicht verpassen. Und wie es sich f\u00fcr Halloween geh\u00f6rt, galt es, sich vorher ordentlich in Schale zu werfen. Zusammen mit Bita, Nadja, Thomas und Max ging ich am Abend des 30. Oktobers auf Kost\u00fcmjagd, was darin resultierte, dass ich f\u00fcr eine Nacht den Kaiser von China spielen durfte. W\u00e4hrend die M\u00e4dels luftige Cheerleader-Outfits vorzogen, endete ich in einer knallgelben Robe mit dekorativem Drachenemblem. Da das chinesische Volk in der Mythologie vom Drachen abstammt, ist das traditionelle Symbol des Regenten \u00fcbrigens seit jeher ein Drache. Das Gegenst\u00fcck zu jenem stolzen und grunds\u00e4tzlich m\u00e4nnlichen Gesch\u00f6pf bildet der weibliche Ph\u00f6nix, der sich in den Kleidungsst\u00fccken der kaiserlichen Gemahlin wiederfindet.<\/p>\n<div id=\"attachment_192\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/P1060176.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-192\" class=\"size-medium wp-image-192\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/P1060176-300x199.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/P1060176-300x199.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/P1060176-451x300.jpg 451w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/P1060176.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-192\" class=\"wp-caption-text\">Bita, Nadja, Akio, Thomas und Saori in voller Montur<\/p><\/div>\n<p>Nachdem unser kaiserlicher Hofstaat auf dem Weg zum Club bereits f\u00fcr einiges an Aufsehen gesorgt hatte, waren wir froh, uns unter unseres Gleichen zu mischen. Da gab es einige franz\u00f6sische Teufel, japanische Polizistinnen, Yasun als sehr authentischer Oopa Gangnam Style und Geister, Vampire und Zombies aus allen Teilen der Erde. Letzten Endes lohnten sich nicht nur die umgerechnet f\u00fcnf Euro Eintritt angesichts der Tatsache, dass man den ganzen Abend so viel essen und trinken durfte, wie man konnte. Vielmehr machte es auch wahnsinnigen Spa\u00df, dass pl\u00f6tzlich jeder den anderen als Exoten wahrnahm, ohne dass der eigentliche Herkunftsort im Vordergrund stand.<\/p>\n<div id=\"attachment_186\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1279.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-186\" class=\"wp-image-186 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1279-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1279-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1279-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1279.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-186\" class=\"wp-caption-text\">Max, Tima und Kana im Zentrum der Aufmerksamkeit<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_187\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1282.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-187\" class=\"size-medium wp-image-187 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1282-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1282-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1282-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1282.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-187\" class=\"wp-caption-text\">Kuppel-Tanz<\/p><\/div>\n<p>Ein wenig exotischer f\u00fchlten wir uns allerdings, als Max, Tima, Kana und die Japaner Makoto und Akio auf einer Tanzveranstaltung der chinesischen Studenten aufkreuzten. In einer h\u00fcbsch mit Luftballons dekorierten Sporthalle auf dem Campus hatte man sich mitten in der Woche versammelt, um das Tanzbein zu schwingen. Wie beim in guter Erinnerung gebliebenen Abiball f\u00fchrte hier ein durchgestyltes Studentenpaar munter durch den Abend und sagte uns, was wir denn als n\u00e4chstes zu tun hatten. Nachdem wir den obligatorischen Gangnam-Style hinter uns gebracht und sich Tima, Max und Kana in die Herzen der Zuschauer gehampelt hatten, stand ein recht simpler wie am\u00fcsanter Kuppel-Tanz auf dem Programm. Bei dem stellte man sich in zwei Reihen auf und durfte der Reihe nach im Laufe einer einfachen Schrittfolge mit zahlreichen hysterisch kichernden jungen Damen abklatschen.<\/p>\n<p>Danach widmeten sich die Besucher ausgiebigst den altbekannten Standartt\u00e4nzen, sodass sich mir die Gelegenheit bot, zu zeigen, was ich in den zwei Jahren Tanzkurs mit meiner Lieblingstanzpartnerin alles gelernt hatte. F\u00fcnf langsame Walzer sp\u00e4ter wurde das Ganze aber ein wenig eint\u00f6nig, weswegen uns Max stattdessen unseren ersten Breakdance-Move n\u00e4her brachte. Am Ende der Feier musste ich leider feststellen, dass ich beim Breakdance noch einen \u00e4hnlich langen Weg bestreiten musste wie beim Basketball spielen. Dennoch f\u00fchlte ich mich bitters\u00fc\u00df an den Schulball meines ehemaligen Gymnasiums erinnert, den ich in diesem Jahr erstmals aus offensichtlichen Gr\u00fcnden nicht besuchen kann.<\/p>\n<p>Auch wenn solche Events selbstverst\u00e4ndlich nicht jeden Tag stattfinden, bleiben mir immer noch haufenweise andere Optionen, einen interessanten Abend in Wuhan zu verbringen. Wo soll es heute hingehen? Mit Bita, Nadja und Thomas ein bisschen Big Bang Theory in ihrem ger\u00e4umigen Apartment suchten und dabei eines von Bitas selbstgekochten Spezialit\u00e4ten genie\u00dfen? \u00dcber den Nachtmarkt streunen und den M\u00e4dels beim Hochleistungsshopping zusehen? Mit den anderen Lehrern essen gehen? In Flos Luxuswohnung bei ein paar Flaschen leckerem Zentrumsbier herausfinden, wer da auf dem Dachboden spukt? Dem Club der anonymen Hotpot-Fetischisten beitreten? Ein kostenloses Feuerwerk am Yangtse erleben? Eine spontane Erkundungstour starten? \u201eFeelings?\u201c \u2013 eine kurze SMS von einer weiteren deutschen Studentin nimmt mir mal wieder die Entscheidung \u00fcber meinen Verbleib ab. Auch gut. Einverstanden.<\/p>\n<p>Dann verbringen wir den Abend also in unserer Stammkneipe. Darum schnell im nach wie vor str\u00f6menden Regen zur\u00fcck zum Dormitory und f\u00fcr die Bar bereit gemacht. Weiter geht\u2019s ins Lehrerzimmer, wo ich Linc, Chang E und Yang Hui frage, ob sie wieder Lust haben, mitzukommen. Da sie sich jedoch noch vom letzten Mal erholen wollen und ganz nebenbei noch arbeiten m\u00fcssen, ziehe ich schlie\u00dflich alleine los. Vor dem Schultor sammle ich allerdings noch den Rest unserer Wuhan-Freiwilligen-Crew ein und wir machen uns zusammen auf den Weg zu der gerade einmal f\u00fcnfhundert Meter entfernten Bar. Memo an mich selbst: heute schaffen wir es nachhause, bevor das Tor schlie\u00dft. Sicher.<\/p>\n<div id=\"attachment_193\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1233.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-193\" class=\"size-medium wp-image-193\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1233-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1233-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1233-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1233.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-193\" class=\"wp-caption-text\">Feeling good?<\/p><\/div>\n<p>Als ich von der kalten, unbelebten Stra\u00dfe ins warme, orangefarbene Schummerlicht des Feelings trete, schl\u00e4gt mir bereits der gewohnte Duftcocktail aus Bratfett, Popcorn, Bier und ein bisschen Zitrone entgegen. Die \u00fcbliche bunt zusammengew\u00fcrfelte Playlist, die der Sage nach irgendwann einmal ein ausl\u00e4ndischer Student hinterlassen hat, l\u00e4uft garantiert bereits zum dritten Mal und die heimeligen Holzb\u00e4nke sind schon ordentlich mit unbekannten Gesichtern besetzt. Ich laufe vorbei an knallbunten Lampions und aufgeh\u00e4ngten L\u00e4nderflaggen, bis ich am Tresen freudig vom Barbesitzer Zhang Ping, dem Barkeeper Tao und der Bedienung Cherry begr\u00fc\u00dft werde. Im hintersten Eck des relativ \u00fcberschaubaren Raums hat man vorsorglich zwei B\u00e4nke zusammengeschoben und die drei WG-Bewohner, die Holl\u00e4nderin Astrid, Aileen aus Costa Rica, die Urheberin der SMS Nadine, Elly aus Bayern und der Amerikaner Dash studieren bereits eifrig die Cocktailkarte. \u00dcber ihnen prangt an der ohnehin \u00fcber und \u00fcber vollgekritzelten Wand in gro\u00dfen blauen Lettern der Schriftzug \u201eLIFE IS WONDERFUL\u201c.<\/p>\n<p>Nehmen wir uns das zu Herzen, denke ich mir und setze mich mit Simon, Philipp und Flo zu den anderen auf die Bank. Was gibt es denn heute f\u00fcr ein Tages-Special? Schade, leider kein Tequila-Abend. Egal, dann fangen wir mit einem Qingdao und einem Mojito an und reflektieren ein wenig \u00fcber den Alltag an der Einsatzstelle, die Anekdoten im Unterricht und das n\u00e4her r\u00fcckende Zwischenseminar in Shanghai, vor dem wir noch eine Reise nach Hangzhou unternehmen wollen.<\/p>\n<div id=\"attachment_201\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1298.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-201\" class=\" wp-image-201\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1298-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1298-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1298-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1298.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-201\" class=\"wp-caption-text\">Ein T\u00e4nzchen in Ehren kann niemand verwehren!<\/p><\/div>\n<p>Bald darauf lande ich mal wieder mit Nadine am Tresen, wo wir mit der Barbelegschaft um die Wette w\u00fcrfeln und beim Verlieren gerne einen Schluck aus dem gemeinschaftlichen Eimer mit dem undefinierbaren Inhalt nehmen. Ein paar unentbehrliche, mit gen\u00fcsslich verzerrter Miene geschl\u00fcrfte Tequilas sp\u00e4ter l\u00e4sst sich Nadja zu einem T\u00e4nzchen mit einem recht temperamentvollen Marokkaner \u00fcberreden und die Gespr\u00e4chsthemen werden, trotz dass Tupac lautstark mitrappt, allm\u00e4hlich philosophischer. Passend dazu wird uns eine Gratisportion Popcorn als Stammkundenbonus bereitgestellt, die bald bis auf das letzte Mugges\u00e4ggele geleert ist. Nachdem viel getratscht, angesto\u00dfen, gelacht und sogar das Bed\u00fcrfnis, sich ebenfalls an der Wand zu verewigen, in die Tat umgesetzt wurde, l\u00f6st sich die kleine Partygemeinde langsam auf. Zhang Ping, Tao und Cherry begleiten uns noch winkend bis zur T\u00fcr, von der aus jeder auf eigene Faust versucht, den Weg in ein freies Bett zu finden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig stillgewordene, regennasse Stra\u00dfe im fahlen Licht der Stra\u00dfenlaternen entlang schlendere, zucken mir mehrere Gedanken durch den Kopf.<\/p>\n<p>Erstens: ich werde garantiert wieder \u00fcber das bereits seit Stunden geschlossene Schultor klettern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zweitens: echt schade, dass mein Sprachkurs in einer Woche schon wieder vorbei ist! Dann beginnt ein neuer Abschnitt in meinem Auslandsaufenthalt, doch ich werde die Leute schon nicht aus den Augen verlieren, denn die n\u00e4chste \u201eFeelings?\u201c-SMS kommt bestimmt.<\/p>\n<p>Drittens:\u00a0 yeah, der neue Abschnitt wird immerhin durch eine Reise nach Hangzhou und Shanghai eingel\u00e4utet. Das wird sicher ein Abenteuer!<\/p>\n<p>Viertens: wie war das doch gleich &#8211; Life Is Wonderful! Und ich habe echt uns\u00e4gliches Gl\u00fcck, einen Teil dieses Lebens mit so vielen tollen Menschen in China verbringen zu d\u00fcrfen. So kann es weitergehen!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1293.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-188\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1293.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1293.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1293-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/11\/SAM_1293-400x300.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unnachgiebig prasselt der Regen gegen meinen Schirm, als ich die Ba Yi Lu entlang haste. 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