{"id":115,"date":"2012-10-07T07:07:51","date_gmt":"2012-10-07T05:07:51","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/?p=115"},"modified":"2012-10-22T13:41:07","modified_gmt":"2012-10-22T11:41:07","slug":"big-city-life","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/2012\/10\/07\/big-city-life\/","title":{"rendered":"Big City Life"},"content":{"rendered":"<p>Wer plant, nach Rot am See zu ziehen, dem gebe ich ungef\u00e4hr einen Monat, bis er meinen Heimatort wie seine Westentasche kennt und sich dort einigerma\u00dfen zurechtfinden kann. Nach vier Wochen wei\u00df man, dass man seine Br\u00f6tchen und den Kuchen f\u00fcr den Nachmittag am besten bei der B\u00e4ckerei Burkhardt kauft, man hat seine Spazier- und Joggingstrecken am Ortsrand entlang oder um den See herum ausgekl\u00fcgelt und man hat festgestellt, dass man in ein anderes St\u00e4dtchen fahren muss, um bei McDonald\u2019s zu schlemmen oder ein Kino zu finden. Wem das in der Zeit nicht gelungen ist, der hat sich entweder in seiner Wohnung eingeschlossen und den Schl\u00fcssel verschluckt oder sollte dringend in Betracht ziehen, sich eine Gehhilfe zu beschaffen.<\/p>\n<p>Einen Monat liegt mittlerweile auch meine Ankunft in Wuhan zur\u00fcck, mit meiner Westentasche hat die Stadt f\u00fcr mich (abgesehen vom Anfangsbuchstaben) aber herzlich wenig gemeinsam. Um ganz ehrlich zu sein, bin ich gerade einmal imstande, mich auf dem riesigen Campus der Universit\u00e4t und ein paar der umliegenden Stra\u00dfen zurechtzufinden. Das habe ich gr\u00f6\u00dftenteils nicht meinem eigenen Erkundungsdrang, sondern meinen Kollegen und ein paar Studenten zu verdanken, die mir flei\u00dfig als meine pers\u00f6nlichen wegweisenden Ge(h)hilfen zur Seite standen.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es immer noch st\u00e4ndig Neues zu entdecken \u2013 insbesondere f\u00fcr ein Dorfkind wie mich. Man steigt einfach in einen Bus oder winkt mit einer ungeduldigen Geste ein Taxi zu sich, stottert dem griesgr\u00e4mig dreinblickenden Fahrer sein Ziel zu und schon steht einem der Spielplatz Gro\u00dfstadt offen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_128\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0956.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-128\" class=\"size-medium wp-image-128\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0956-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0956-225x300.jpg 225w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0956.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-128\" class=\"wp-caption-text\">Das sinnloseste Verkehrsschild in Wuhan<\/p><\/div>\n<p>Mit einer Busfahrt begann auch der Grund, warum ich an dem Tag, von dem ich in meinem letzten Eintrag erz\u00e4hlt habe, keine Schwierigkeiten hatte, meinen bis zur Heiserkeit zeternden Handywecker zu ignorieren. Wie gewohnt donnerten wir in der Abendd\u00e4mmerung beinahe \u00fcber Fu\u00dfg\u00e4nger hinweg, die mit der Gem\u00fctsruhe von Schlafwandlern \u00fcber die Stra\u00dfe schlenderten und auch die zahlreichen \u201eHupen verboten\u201c-Schilder wurden gekonnt und lautstark ignoriert. Ehrlich gesagt glaube ich, dass diese Schilder nicht nur noch weniger Beachtung finden als Ampeln und Zebrastreifen, sondern eher f\u00fcr das genaue Gegenteil ihrer eigentlichen Bestimmung sorgen: \u201eAh, richtig, ich hab ja ne Hupe \u2013 hauen wir doch einfach mal voll drauf und sehen, was passiert!\u201c Meistens passiert dann nat\u00fcrlich einfach \u00fcberhaupt nichts Gewinnbringendes, weil die meisten Autofahrer denselben Gedanken haben und so zwar ein h\u00fcbsches Hupkonzert veranstalten, aber damit nicht wesentlich schneller vorankommen.<\/p>\n<p>Mit Jiao Jiao und Hui Su an meiner Seite fiel es mir aber sehr leicht, diesen akustischen Vergewaltigungen standzuhalten, insbesondere da unser heutiges Ausflugsziel, die Hu Bu Xiang, wie f\u00fcr mich geschaffen schien. Die Hu Bu Xiang ist n\u00e4mlich eine lange, recht enge Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, die von zahllosen unterschiedlichen Restaurants und Fressst\u00e4nden ges\u00e4umt wird, in denen man allerlei lokale und nationale Spezialit\u00e4ten verk\u00f6stigen kann. Der Geruch, der mir beim Passieren des gro\u00dfen Eingangstors entgegenschlug, war allerdings alles andere als appetitanregend. Um genau zu sein, wehte hier das widerlichste L\u00fcftchen, das meiner zarten europ\u00e4ischen Langnase je untergekommen war. \u201eOh, das ist wohl das erste Mal f\u00fcr dich, dass du mit Stinketofu in Kontakt kommst.\u201c, beurteilte Jiao Jiao am\u00fcsiert meinen angewiderten Gesichtsausdruck. \u201eM\u00f6chtest du es probieren? Bis zum Stand sind es aber noch hundert Meter.\u201c \u201eVielleicht sp\u00e4ter.\u201c, brachte ich mit einem gequ\u00e4lten L\u00e4cheln hervor und konzentrierte mich darauf, die n\u00e4chsten hundert Meter lieber nicht durch die Nase zu atmen. W\u00e4hrend ich mich nach ein bisschen Frischluft sehnte, erkl\u00e4rte mir Hui Su, dass es sich bei Stinketofu um eine Art Tofu handelt, die f\u00fcr eine Woche fermentiert wird, sprich vor sich hin g\u00e4rt, bis sie dann in hei\u00dfem \u00d6l frittiert wird. Wie bei einem guten K\u00e4se soll das Ganze, wenn einem erst einmal s\u00e4mtliche Geruchsinneszellen abgestorben sind, ganz vorz\u00fcglich schmecken. Trotz dass ich mir vorgenommen hatte, jede neuentdeckte K\u00f6stlichkeit zumindest zu probieren und ich mittlerweile wissen sollte, dass Probieren \u00fcber Studieren geht, habe ich mich bisher nicht an das Stinketofu herangewagt.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gab es aber genug andere, weniger vergammelt duftende Speisen, die es in der Hu Bu Xiang auszutesten galt. So schlenderten wir von einem hell erleuchteten Restauranteingang zum n\u00e4chsten, vorbei an brodelnden Kesseln, blubbernden T\u00f6pfen, \u00fcber hei\u00dfer Flamme schwenkenden Pfannen und einladend dampfenden Essensauslagen. Unter dem Eingang zu einem Restaurant muss man sich in China \u00fcbrigens h\u00e4ufig keine T\u00fcr vorstellen, sondern eher, dass die Wand zur Stra\u00dfe hin einfach komplett weggelassen wurde, sodass jeder sieht, was man dort drin Leckeres ergattern kann. W\u00e4hrend \u00fcber unseren K\u00f6pfen Flederm\u00e4use in der warmen Sommernacht Motten hinterherjagten, liefen wir an zahllosen Spazierg\u00e4ngern vorbei, die sich ein Eis g\u00f6nnten, im Gehen aus ihrem Sch\u00e4lchen l\u00f6ffelten oder an einem gegrillten Ochsenfrosch am Spie\u00df knabberten.<\/p>\n<div id=\"attachment_116\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0822.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-116\" class=\"size-medium wp-image-116\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0822-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0822-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0822-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0822.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-116\" class=\"wp-caption-text\">Krabbenbeine &#8211; sehr bek\u00f6mmlich!<\/p><\/div>\n<p>Nach einer l\u00e4ngeren Auswahlphase hatten wir uns schlie\u00dflich auf ein B\u00e4nkchen in einem \u00fcberf\u00fcllten Nudelrestaurant gequetscht und breiteten unsere Beute vor uns auf dem Tisch aus. Ich hatte mir eine Art Kl\u00f6\u00dfchensuppe gekauft und eine Sch\u00fcssel voller gekochter zerst\u00fcckelter Flusskrebse. Um diese Tiere zu essen, ist gerade die beste Zeit, denn sie werden zu tausenden aus dem Yangtse gefischt und \u00fcberall sieht man vor den Essensst\u00e4nden noch lebendige Krabben in ihren Netzen um den hintersten Platz k\u00e4mpfen. Weiterhin packten Jiao Jiao und Hui Su ein Eimerchen kleiner Muscheln aus sowie etwas, das so aussah wie in Beton schwimmende Spaghetti, pikant gebratene Schnecken und \u2013 wie sollte es auch anders sein \u2013 einen gro\u00dfen Teller Krakenteile. Wie sch\u00f6n, man hatte demnach nicht vergessen, mit welchem Genuss ich beim Hot Pot die ganzen Tintenfische heruntergew\u00fcrgt hatte.<\/p>\n<p>Die Kl\u00f6\u00dfchensuppe schmeckte, naja, wie Kl\u00f6\u00dfchensuppe eben, daf\u00fcr mundeten die Betonspaghetti \u00fcberraschend gut, wenn auch etwas fischig und schleimig. Weniger schleimig, sondern eher w\u00fcrzig f\u00fchlten sich interessanterweise die Schnecken auf der Zunge an und auch die Flusskrebse waren definitiv delizi\u00f6s, allerdings musste\u00a0 man f\u00fcr eine entt\u00e4uschend kleine Menge Fleisch \u00fcberm\u00e4\u00dfig viel Aufknack- und Ausschleckarbeit leisten. Von den Tintenfischteilen fange ich lieber nicht an, ich kann nur sagen, dass man sie zu allem \u00dcberfluss noch furchtbar scharf gebraten hatte. Da es mir nach dem letzten saugnapfbesetzten Krakenarm doch ziemlich feurig zumute wurde, machten wir uns daran, etwas Trinkbares zu finden. Dies bot sich mir in Form einer Kokosnuss, in die man ein Loch gebohrt hatte, um daraus mit einem Strohhalm deren Inneres zu schl\u00fcrfen. Jenes Innere ist meiner Meinung nach aber eher Geschmackssache. Obwohl Hui Su und Jiao Jiao meinten, es sei doch lecker s\u00fc\u00df, empfand ich das Ganze eher als weniger erquickend.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich noch \u00fcberlegte, ob wohl auch Kokosmilch sauer werden konnte, verlie\u00dfen wir die Hu Bu Xiang wieder und erreichten die Uferpromenade des Yangtses, der sich in seiner ganzen imposanten Breite vor uns ausstreckte. Ein paar Frachtschiffe bahnten sich tr\u00e4ge ihren Weg durch die eher weniger appetitlich braungef\u00e4rbten Fluten und direkt neben uns d\u00fcsten Massen von Fahrzeugen die 1670 Meter lange Wuhan Changjiang Bridge entlang. Den armen gestressten Autofahrern wollten wir uns allerdings nicht anschlie\u00dfen \u2013 unser Weg f\u00fchrte uns stattdessen direkt mit der F\u00e4hre \u00a0\u00fcber den Fluss.<\/p>\n<div id=\"attachment_117\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0828.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-117\" class=\"size-medium wp-image-117\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0828-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0828-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0828-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0828.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-117\" class=\"wp-caption-text\">Die Wuhan Changjiang Bridge &#8211; leider etwas verwackelt<\/p><\/div>\n<p>Nachdem wir uns vor einer Horde Motorbikefahrern auf dem Oberdeck in Sicherheitgebracht hatten, setzte sich das Boot in Bewegung und tuckerte aufs offene Wasser hinaus. Von dort aus hatten wir eine wunderbare Aussicht auf die n\u00e4chtliche Skyline der Stadt, die uns in tausend verschiedenen Neonlichtern entgegen blinkte. Ganze Hochh\u00e4user schienen zu riesigen, grellbunten Werbebannern umgestaltet zu sein und ich machte mir ernsthaft Gedanken \u00fcber deren Bewohner, die Nacht f\u00fcr Nacht eine unfreiwillige Diskobeleuchtung in ihren Zimmern aushalten m\u00fcssen. Auch der geistige Zustand der Busfahrer bereitete mir unwillk\u00fcrlich ein wenig Sorgen, als ich sah, dass die Busse teilweise schneller \u00fcber die vielbefahrene Br\u00fccke bretterten, als die Metro, die die ganze untere Br\u00fcckenh\u00e4lfte f\u00fcr sich allein beanspruchte. Bei dem angenehm k\u00fchlen Wind um die Nase und der netten Aussicht verdr\u00e4ngte ich meine Sorgen allerdings schnell wieder und genoss die Fahrt, bis wir dann auf der anderen Seite anlegten.<\/p>\n<p>Dort bummelten wir noch ein wenig \u00fcber den gro\u00dfen Nachtmarkt, wo man alle nur erdenklichen Artikel ersteigern kann, die man zwar nicht braucht, aber trotzdem gerne h\u00e4tte. Mein allzu zufrieden gef\u00fcllter Magen verhinderte allerdings heldenhaft, dass ich mich auf irgendeinen nervenzehrenden Handel einlie\u00df, sodass wir bald den Bus zur\u00fcck nachhause nahmen. Hier best\u00e4tigte sich wieder einmal, wie leicht es doch ist, in China neue Leute kennen zu lernen. Da erwidert man versehentlich den Blickkontakt mit einem anderen Passagier und schon wird man mit der ersten, neugierigen Frage bedacht. \u201eHello, where are you from?\u201c, wollte der nette, \u00e4ltere Herr wissen, der hinter mir sa\u00df. Wenn man auf diese Frage, wie in meinem Fall \u201eI\u2019m from Germany.\u201c antwortet, wird man meistens zuerst dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt, dass man dort wirklich gute Autos baut und die Deutschen viel besser Fu\u00dfball spielen k\u00f6nnen als die Chinesen.<\/p>\n<p>Als ich das jedoch hinter mich gebracht hatte, wurde es allm\u00e4hlich spannender. Es stellte sich n\u00e4mlich heraus, dass der gute Mann ein pensionierter Architekt war, dem es furchtbar nahe ging, dass in China so viele traditionelle und \u00e4ltere Geb\u00e4ude zugunsten von modernen Wolkenkratzern dem Erdboden gleichgemacht werden. Und diese Wolkenkratzer werden, wie ich erfuhr, zu allem \u00dcberfluss h\u00e4ufig von Ausl\u00e4ndern entworfen, was zur Folge hat, dass vielen chinesischen Architekten die Chance auf eine erfolgreiche Karriere verwehrt bleibt.<\/p>\n<p>Hui Su hatte leider nicht so viel Gl\u00fcck mit ihrem Gespr\u00e4chspartner. Zuf\u00e4lligerweise traf sie n\u00e4mlich auf einen ehemaligen Studienkollegen, der ihr, nun ja, etwas zu Leibe r\u00fcckte. Ach, die Welt ist so klein. Da er sie gleich aufopfernderweise zu ihrem Wohnheim begleiten wollte, stiegen Jiao Jiao und ich ein paar Haltestellen fr\u00fcher aus, um ihm diese Aufgabe abzunehmen. Dass das nicht gerade unsere beste Idee an diesem Abend war, stellten wir fest, als wir nach einem l\u00e4ngeren Fu\u00dfmarsch endlich am Schultor ankamen \u2013 das man bereits verriegelt hatte. Nicht schon wieder! Wie sollte es jetzt weitergehen?<\/p>\n<p>Wie sich in nicht allzu ferner Zukunft zeigen sollte, w\u00e4re es f\u00fcr mich kein Problem gewesen, einfach \u00fcber den drei Meter hohen Zaun zu steigen. Jiao Jiao und ihre Pumps h\u00e4tten damit jedoch ihre Schwierigkeiten gehabt. Also blieb uns nichts anderes \u00fcbrig als Hu Shifu mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu klingeln. Recht unwohl wurde mir zumute, als ich meine Mit-Ausgeschlossene auf Chinesisch sagen h\u00f6rte: \u201eWas, du hast keinen Schl\u00fcssel?\u201c Das durfte ja wohl nicht wahr sein.<\/p>\n<p>Auf eine L\u00f6sung f\u00fcr unser Problem mussten wir nicht lange warten, sonderlich begeistert war ich davon aber nicht gerade. Hu Shifu wollte n\u00e4mlich den Pf\u00f6rtner anrufen, der ebenfalls schon selig in seinem W\u00e4rterh\u00e4uschen tr\u00e4umte. Wenn das so weitergeht, ist bald die halbe Schule wegen uns auf den Beinen, dachte ich, doch zum Gl\u00fcck war der Pf\u00f6rtner auch tats\u00e4chlich im Besitz des Schl\u00fcssels f\u00fcr das Tor, \u00fcber das er wachte. Mit reum\u00fctigen Minen schl\u00fcpften wir schlie\u00dflich an den schadenfroh blitzenden Augen des Pf\u00f6rtners vorbei aufs Schulgel\u00e4nde. Ich konnte mein Gl\u00fcck kaum fassen, als ich zwar viel zu sp\u00e4t, aber erfolgreich in mein Bett stieg. Ob es bei dieser Gl\u00fccksstr\u00e4hne bleiben wird, wird sich in meinem n\u00e4chsten Blogeintrag zeigen\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Programmpunkt auf meiner Wuhan-Erkundungsliste endete dem Himmel sei Dank weniger strapazierend, denn das einzige, was dabei strapaziert wurde, waren meine Stimmb\u00e4nder. An einem beschaulichen Samstagnachmittag stand mir n\u00e4mlich mein erster, aber unerl\u00e4sslicher KTV-Besuch bevor. KTV, also Karaoke singen stellt so ziemlich den Dauerbrenner an Freizeitaktivit\u00e4ten dar, die man in China genie\u00dfen (oder ertragen) kann. Da es Karaokegesch\u00e4fte hier gibt Baustaub auf den Stra\u00dfen Wuhans, ist es im Grunde nur eine Frage der Zeit, bis man eines davon betreten darf. So hatte ich mich mit Chang E, Yang Xi und noch einer Freundin der beiden verabredet, ein kleines Privatkonzert zu veranstalten.<\/p>\n<p>Chang E und ich wollten uns gemeinsam auf den Weg machen und die beiden anderen dann beim KTV treffen. Da Chang E ihre Kontaktlinsen in ihrem Zimmer verloren hatte, diese aber ohne die Hilfe derselben nicht finden konnte, verz\u00f6gerte sich dieses Vorhaben ein wenig. Letztendlich kamen wir zwar mit Versp\u00e4tung, daf\u00fcr aber mit Kontaktlinsen am Aufzug an, der uns direkt in das Karaokegesch\u00e4ft brachte. Dort geleitete uns ein Angestellter durch ein kleines Labyrinth an G\u00e4ngen vorbei an unz\u00e4hligen schweren, verschlossenen T\u00fcren, die nichts von dem dahinter stattfindenden Vorstellungen durchdringen lie\u00dfen. Schlie\u00dflich erreichten wir unsere eigene Karaoke-Kabine. Als die T\u00fcr zur Seite schwang, offenbarte sich mir ein ger\u00e4umiges, sp\u00e4rlich beleuchtetes Zimmer mit einem gro\u00dfen Flachbildfernseher und einer sehr bequemen Couch. Auf dieser sa\u00dfen bereits Yang Xi und ihrer Freundin und sangen inbr\u00fcnstig eine chinesische Pop-Ballade in die beiden zur Verf\u00fcgung stehenden Mikros. Zu meiner unvergleichlichen Freude befanden sich auf dem niedrigen Tisch eine Schale traumhaft \u00fcberzuckerter Popcorn und \u2013 wer h\u00e4tt\u2019s gedacht \u2013 eine Packung getrockneter Tintenfischstreifen. Herrlich.<\/p>\n<div id=\"attachment_119\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0849.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-119\" class=\"size-medium wp-image-119\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0849-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0849-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0849-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0849.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-119\" class=\"wp-caption-text\">In unserem Privatkonzertsaal<\/p><\/div>\n<p>Weil ich keine Ahnung hatte, wie und wann ich mir denn ein Lied aussuchte, lauschte ich erst einmal beeindruckt den Gesangsk\u00fcnsten der anderen, bis mir ein kleiner Bildschirm auffiel. Auf dem konnte man sich, wie mir Yang Xi zeigte, aus einer gigantischen Bibliothek mit den verschiedensten Liedern aus China, Korea, Amerika und dem Rest der Welt seinen Herzenswunsch ausw\u00e4hlen und ihn in eine Warteschlange stellen. Bevor ich recht wusste, wie mir geschah, hatte die Deutschlehrerin schon ein paar englische St\u00fccke f\u00fcr mich ausgew\u00e4hlt und mir das Mikro in die Hand gedr\u00fcckt. \u201eDas kennst du bestimmt!\u201c. Zwischen Kennen und K\u00f6nnen besteht aber ein feiner Unterschied, wollte ich noch anmerken, bevor ich dann best\u00fcrzt die ersten Takte erkannte. Adele. Die schon wieder. Dadurch, dass man die Gute beim Einkaufen ungef\u00e4hr im F\u00fcnf-Minuten-Takt ihre Hits schmettern h\u00f6rt, stellte zumindest das Mitlesen des Textes auf dem Fernseher keine gro\u00dfe Herausforderung dar. Zum Gl\u00fcck aller Beteiligten aber eilte mir vor dem Refrain Chang E mit dem anderen Mikro zu Hilfe, sodass ich meine Generalprobe im Karaoke singen einigerma\u00dfen unbesch\u00e4digt \u00fcberstand.<\/p>\n<div id=\"attachment_118\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0859.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-118\" class=\"size-medium wp-image-118\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0859-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0859-225x300.jpg 225w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0859.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-118\" class=\"wp-caption-text\">Chang E \u00fcbernimmt mal wieder die Kontrolle<\/p><\/div>\n<p>Danach ging es fr\u00f6hlich weiter mit den Backstreet-Boys und Whitney Houston, ich durfte zeigen, dass ich nicht ann\u00e4hernd so gut rappen kann wie Eminem und improvisierte irgendein Lied von Michael Jackson, das ich vorher noch nie geh\u00f6rt hatte. Recht schnell entstand ein regelrechter Kampf um die Mikros, aus dem ich mich allerdings dezent zur\u00fcckhielt, sobald sich der Bildschirm mit chinesischen Zeichen f\u00fcllte. Selbst wenn man nicht vorhat, sich w\u00e4hrend des Singens zu betrinken spielt es \u00fcbrigens \u00fcberhaupt keine Rolle, ob man die T\u00f6ne trifft oder nicht, solange man immer nur sch\u00f6n laut und von Herzen ins Mikro jault. Autotuning sei Dank k\u00f6nnen die gr\u00f6bsten musikalischen Ausrutscher meist sogar dezent vertuscht werden.<\/p>\n<p>Den schaurig sch\u00f6nen H\u00f6hepunkt fand meine steile Karaoke-Karriere schlie\u00dflich in Celine Dions \u201eMy Heart Will Go On\u201c, bei dem Chang E und ich in ein herz- und hirnerweichendes Duett hinlegten. Nachdem wir die Titanic mit unserer Performance siegreich versenkt und alle Passagiere sich vor lauter Hingebung ertr\u00e4nkt hatten, war unsere Zeit leider bereits abgelaufen und wir mussten schweren Herzens, aber mit dem Versprechen, das Ganze bald zu wiederholen, unsere Runde aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend KTV-Gesch\u00e4fte in Wuhan einfacher zu finden sind als eine \u00f6ffentliche Toilette, weihte mich Chang E am darauf folgenden Wochenende in ein wahres Wuhanner Kleinod ein \u2013 die Tan Hua Lin. Obwohl ich mir zuvor nicht wirklich vorstellen konnte, was sich hinter diesem Namen verbarg, stellte ich bei unserer Ankunft dort fest, dass man auch diesen Ort wohl f\u00fcr mich geschaffen haben musste. Im Grunde besteht die Tan Hua Lin aus nichts weiter als einer gepflasterten Stra\u00dfe, die von h\u00fcbsch anzusehenden H\u00e4usern eingefasst ist und von Weitem nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig beeindruckend wirkt. Doch diese H\u00e4user haben es im wahrsten Sinne des Wortes in sich.<\/p>\n<div id=\"attachment_122\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0905.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-122\" class=\"size-medium wp-image-122\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0905-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0905-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0905-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0905.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-122\" class=\"wp-caption-text\">Eines der H\u00e4user in der Tan Hua Lin<\/p><\/div>\n<p>Als wir die Tan Hua Lin entlang flanierten, entdeckten wir K\u00fcnstlerateliers, in denen beeindruckende Gem\u00e4lde zur Schau gestellt wurden und man den Meistern bei der Arbeit zusehen konnte. In anderen Geb\u00e4uden hatten sich \u00fcberwiegend junge P\u00e4rchen eine kleine Existenz aufgebaut, indem sie allerlei \u00fcberfl\u00fcssigen, aber begehrenswerten Firlefanz verkauften. Au\u00dferdem fanden wir ein Postamt, bei welchem man einen Brief an sich selbst schreiben konnte und dieser dort zwanzig Jahre lang aufbewahrt wurde. Der n\u00e4chste Shop hatte sich allein dem Verkauf von Filmpostern verschrieben, was meiner doch immer noch recht kahlen Zimmerwand zugutekam. Noch eine Ladent\u00fcr weiter standen lustige handgefertigte Tonfiguren zum Verkauf. Die waren mir zwar viel zu teuer, daf\u00fcr aber durften wir den zutraulichen Nymphensittich des sechsj\u00e4hrigen Verkaufsassistenten auf die Hand nehmen. Insgesamt erinnerte mich das Flair des heimeligen Str\u00e4\u00dfchens ein bisschen an die Winkelgasse in Harry Potter, insbesondere da das Ganze einen Gegenpol zu den \u00fcblichen lauten und einheitlichen H\u00e4userschluchten bildete.<\/p>\n<p>Zwar muggelst\u00e4mmig, aber \u00e4hnlich skurril wie die Bewohner der Winkelgasse muteten dabei auch einige Besucher der Tan Hua Lin an. Grelle Schminke und paradiesvogelartig bunte Kleidung schienen zu deren Grundausstattung zu geh\u00f6ren. Der Verhaltenscode dieser interessanten Menschen verlangte weiterhin, sich st\u00e4ndig vor einen geeigneten Hintergrund zu stellen oder einfach ohne jegliche Vorwarnung stehen zu bleiben und ein Selbstportrait mit dem Smartphone zu schie\u00dfen. Dass man dabei immer denselben, leicht gleichg\u00fcltigen Gesichtsausdruck wahrt, ist nat\u00fcrlich selbstverst\u00e4ndlich. Ein paar junge Damen hatten dieses Spielchen gar nicht n\u00f6tig, da sie von einem Schwarm knipsw\u00fctiger Kunststudenten verfolgt wurden, die unentwegt ihre brandneuen Spiegelreflex-Kameras in alle Himmelsrichtungen reckten.<\/p>\n<div id=\"attachment_127\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0902.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-127\" class=\"size-medium wp-image-127\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0902-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0902-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0902-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0902.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-127\" class=\"wp-caption-text\">Im Erdgeschoss des Caf\u00e9s<\/p><\/div>\n<p>Trotz all der spannenden Dinge, die man hier beobachten konnte, hatte ich schlie\u00dflich mein absolutes Lieblingspl\u00e4tzchen in der Tan Hua Lin gefunden \u2013 und zwar in Form eines Kaffees, dessen Einrichtung so durcheinander gew\u00fcrfelt war, das es schon wieder stilvoll wirkte. In dem kleinen Eingangshof stand ein altes Klavier umringt von einem Haufen Gartenpflanzen und an der Mauer dar\u00fcber hing eine Gitarre, aus der ein paar Bl\u00fcmchen sprossen. Innen hatte man beschlossen, jegliches zur Verf\u00fcgung stehendes St\u00fcckchen Wand (die Treppenabs\u00e4tze eingeschlossen) in ein gigantisches schwarz-wei\u00dfes Kunstwerk zu verwandeln. Zu allen Seiten stapelten sich B\u00fccher, alte Karten und sonstiger Krimskrams und von der Decke baumelten fleischfressende Kannenpflanzen und vollbesetzte Goldfischgl\u00e4ser. \u00dcber eine enge Treppe gelangten wir in den zweiten Stock, der unter seinen Dachschr\u00e4gen einen Haufen Sitzm\u00f6bel versammelte, von denen keines dem anderen glich. Die G\u00e4ste, die darauf sa\u00dfen, kritzelten eifrig in den vom Caf\u00e9 zur Verf\u00fcgung gestellten Zeichenb\u00fcchern, schrieben an zuk\u00fcnftigen Bestsellern oder schminkten sich zumindest hektisch f\u00fcr das n\u00e4chste Selbstportrait. Auf dem winzigen Balkon wiegte sich ein P\u00e4rchen in einer Hollywoodschaukel und zwischen den Sesseln stolzierten im Takt der Jazzmusik zwei Siamkatzen mit eisblauen Augen hin und her.<\/p>\n<div id=\"attachment_124\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0910.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-124\" class=\"size-medium wp-image-124 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0910-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0910-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0910-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0910.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-124\" class=\"wp-caption-text\">Ein blaues Wunder<\/p><\/div>\n<p>Als wir uns auf einer der Sitzgruppen niedergelassen hatten, kam bereits die Kellnerin und stattete uns mit unseren Bestellungen aus: ein wahnsinnig \u00fcberteuertes, aber aromatisches K\u00e4nnchen Tee und ein Glas mit einer Fl\u00fcssigkeit im gleichen Farbton wie die Augen der Siamkatzen. Dies entpuppte sich als hochprozentiger chinesischer Schnaps, den mich Chang E freundlicherweise alleine leeren lie\u00df. Furchtbar lecker, dachte ich und wusste noch nicht, dass ich in ein paar Wochen \u00fcber jenes Getr\u00e4nk dankbar gewesen w\u00e4re. W\u00e4hrend ich mich vorsichtig von Schluck zu Schluck hangelte, verfielen wir ebenfalls den Zeichenfreuden. \u00a0Das Portrait, das Chang E von mir anfertigte, erwies sich \u00fcbrigens als erstaunlich treffend \u2013 von Lippenstift und Lidschatten abgesehen. Einige gekonnte Bleistiftstriche und ein paar hochphilosophische Gespr\u00e4che sp\u00e4ter waren alle Gl\u00e4ser ausgetrunken und ein sehr sch\u00f6ner und au\u00dfergew\u00f6hnlicher Tag neigte sich dem Ende zu.<\/p>\n<p>Gleich am n\u00e4chsten Morgen ging es aktiv weiter mit einem weiteren Ausflug, diesmal aber in v\u00f6llig neuer Besetzung. Grace, eine chinesische Studentin, die ich bei unserem spontanen Tanzkurs kennengelernt hatte, hatte mich zum Skating mit ein paar Freunden eingeladen. Ha, mit meinen Inlineskates bin ich ja in Deutschland schon genug herum ged\u00fcst, das wird ja nichts Neues, bildete ich mir frohen Mutes ein, als ich mich auf den Weg machte. Als wir uns im altbekannten Pavillon trafen, stellte sich mir einer ihrer beiden Begleiter mit dem Namen Egg vor. Wie jetzt, so wie H\u00fchnerei? Ja genau, wurde ich aufgekl\u00e4rt, war von der Antwort allerdings nicht sehr \u00fcberrascht, da ich mich an solch kreative englische Namen bereits gew\u00f6hnt hatte. Und was ist schon ein H\u00fchnerei gegen einen meiner Deutschsch\u00fcler, der doch tats\u00e4chlich hartn\u00e4ckig Adolf Bl\u00f6dmann genannt werden will!<\/p>\n<p>Gemeinsam liefen wir zu dem Unicampus, der direkt gegen\u00fcber von unserem eigenen liegt und hielten irgendwann vor einem unscheinbaren Haus an, das von au\u00dfen so \u00fcberhaupt nicht nach Skating aussah. Als sich die Aufzugt\u00fcr auf dem f\u00fcnften Stock \u00f6ffnete, dr\u00f6hnte uns aber urpl\u00f6tzlich der Bass von chinesischer Tanzmusik unter den F\u00fc\u00dfen und wir betraten einen weitl\u00e4ufigen Raum, dessen Mitte eine Diskokugel zierte. Oh Gott, sind wir jetzt etwa in den Siebzigern angekommen? Moment mal, damals waren Inline-Skates ja noch gar nicht in Mode! Richtig, und aus diesem Grund schnallte ich mir ein paar Minuten sp\u00e4ter ein paar fesche Rollschuhe unter die wackeligen Beine. Auf das motivierende Zunicken der anderen hin stie\u00df ich mich zu Beginn probeweise von der Wand ab &#8211; und legte prompt eine astreine Drehung hin, bei der sogar der vorbeirasende Profi anerkennend zur\u00fcckschaute. Das hatte ich nat\u00fcrlich so geplant!<\/p>\n<p>Na dann konnte es ja losgehen. Nach einigen Runden im flimmernden Diskolicht fingen die Siebziger langsam an, richtig Spa\u00df zu machen. Trotz dass ich hin und wieder gef\u00e4hrlich nahe an einem Pfeiler vorbeizischte, lernte ich doch schnell, wie man eine Drehung macht, wenn man es auch wirklich vorhat und wie man r\u00fcckw\u00e4rts durch den Saal flitzt. Zugegebenerma\u00dfen sah ich bei Letzterem wahrscheinlich weniger professionell aus, sondern eher wie eine Ente mit Hexenschuss, aber zu lachen hatte ich dabei definitiv. Zwar hatte ich die gr\u00f6\u00dften verf\u00fcgbaren Rollschuhe ausgeliehen, doch leider schmerzten meine F\u00fc\u00dfe irgendwann trotzdem recht h\u00f6llisch, dass ich mich nicht beschwerte, als wir unsere kleine Exkursion beendeten.<\/p>\n<div id=\"attachment_125\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0935.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-125\" class=\"size-medium wp-image-125\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0935-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0935-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0935-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0935.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-125\" class=\"wp-caption-text\">German Hamburg Steak mit Spaghetti Bolognese und Spiegelei &#8211; typisch deutsch eben<\/p><\/div>\n<p>Sehr bed\u00e4chtig stakste ich anschlie\u00dfend zu meiner n\u00e4chsten Verabredung. Heute wurde mir n\u00e4mlich das Privileg zuteil, als erster Lehrer unseres B\u00fcros Lincs Freundin zu treffen (Chang E, mein kleiner D\u00e4mon, hatte mich nat\u00fcrlich zuvor angewiesen, unauff\u00e4llig ein paar Beweisfotos zu schie\u00dfen). Und zwar in einem sogenannten europ\u00e4ischen Restaurant. Unter einem europ\u00e4ischen Restaurant darf man sich das Gegenst\u00fcck zu dem vorstellen, was man bei uns unter einem \u201eAsiaten\u201c versteht. Da bekommt man Spaghetti, Pizza, Schnitzel, Hamburger und K\u00f6ttbullar, wenn gew\u00fcnscht in allen erdenklichen Kombinationen (selbstverst\u00e4ndlich auch untereinander) und dazu noch einen Haufen Reis. Stilecht wird nat\u00fcrlich mit Messer und Gabel oder im Notfall mit dem L\u00f6ffel gegessen und an einem Glas Wein genippt.<\/p>\n<div id=\"attachment_126\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0937.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-126\" class=\"size-medium wp-image-126\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0937-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0937-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0937-400x300.jpg 400w, https:\/\/kulturweit.blog\/journey\/files\/2012\/10\/SAM_0937.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-126\" class=\"wp-caption-text\">Spaghetti mit Tomaten-Ananas-Shrimp-Sauce<\/p><\/div>\n<p>Als ich damit fertig war, durchaus am\u00fcsiert die Karte zu durchforsten, konnte ich mich endlich darauf konzentrieren, Lincs Freundin kennen zu lernen. Auch sie arbeitet als Englischlehrerin, allerdings an einer Schule in einem anderen Stadtteil, was f\u00fcr die beiden bedeutet, dass sie sich angesichts ihres Arbeitspensums nur am Wochenende sehen. Welch Ehre also f\u00fcr mich, dass sie sich die Zeit daf\u00fcr nahmen, mit mir essen zu gehen! Jenes Essen bestand f\u00fcr mich \u00fcbrigens aus einer Portion Spaghetti mit einer Art Tomaten-Ananas-Shrimp-Sauce, die weder europ\u00e4isch noch chinesisch, aber trotzdem irgendwie ziemlich gut schmeckte.<\/p>\n<p>Nach dem letzten Schl\u00fcckchen Wein erhoben wir uns aus unseren komfortablen Sesseln und gingen zur\u00fcck auf den Uni-Campus, den ich am selben Tag bereits besucht hatte. Dort hatten Linc und seine Freundin beide studiert und kannten sich bestens aus. Deshalb wussten sie auch, dass in einem weiteren nichtssagenden Geb\u00e4ude sonntagabends immer kostenlos aktuelle Kinofilme ausgestrahlt werden. Da ich bisher noch nicht wirklich Zeit gehabt hatte, meiner Filmsucht gerecht zu werden, freute ich mich nat\u00fcrlich bereits seit Tagen auf dieses Event, auch wenn mich nur das meiner Meinung nach eher durchschnittlich unterhaltsame Spiderman-Reboot erwartete. Was soll\u2019s &#8211; immerhin gab es Popcorn und die Gelegenheit, meine Englischkenntnisse zu trainieren. Dachte ich zumindest. Auch die beiden anderen waren davon ausgegangen, dass wir den Streifen in englischer Originalausgabe mit chinesischem Untertitel anschauen w\u00fcrden, da dies f\u00fcr Hollywood-Blockbuster normalerweise der Fall ist.<\/p>\n<p>In Wahrheit artete der Film in einer ziemlich nachhaltigen Hardcore-Chinesisch-Lerneinheit aus, da er vollst\u00e4ndig in Mandarin synchronisiert gezeigt wurde und keinerlei Untertitel besa\u00df (was mir bei meinem Wortschatz auch herzlich wenig gen\u00fctzt h\u00e4tte). Zum Gl\u00fcck hatte ich ihn bereits in Deutschland gesehen und da die Handlung nun wirklich nicht sonderlich schwer nachzuvollziehen ist, konnte ich mich jedes Mal freuen, wenn ich ein paar Worte verstand. Als schlie\u00dflich die Lichter wieder angingen, musste ich allerdings feststellen, dass auch die chinesische Version nichts daran zu r\u00fctteln vermochte, dass Spidey ohne seine F\u00e4higkeit, Spinnweben aus der Hand zu verschie\u00dfen, einfach nicht so cool ist.<\/p>\n<p>Letzten Endes bewiesen diese Erlebnisse f\u00fcr mich, dass es doch manchmal hinter den langweiligsten Stra\u00dfenbiegungen und nichtssagenden Fassaden immer noch Neues und Interessantes zu entdecken gibt und auch Dinge, die man bereits glaubt zu kennen, beim zweiten Mal ganz anders und nicht unbedingt schlechter sein m\u00fcssen. 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