{"id":230,"date":"2013-05-17T16:44:42","date_gmt":"2013-05-17T14:44:42","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/jannainningbo\/?p=230"},"modified":"2013-05-18T15:02:23","modified_gmt":"2013-05-18T13:02:23","slug":"willst-du-mit-mir-panzer-fahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/jannainningbo\/2013\/05\/17\/willst-du-mit-mir-panzer-fahren\/","title":{"rendered":"\u201eWillst du mit mir Panzer fahren?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201eNein danke, ich bin Pazifist!\u201c w\u00e4re wahrscheinlich die richtige Antwort gewesen. Im Nachhinein kann ich gar nicht mehr genau sagen, was ich eigentlich darauf geantwortet hatte.<\/p>\n<p>Alle Sch\u00fcler um mich herum lachten. Ich war irritiert von der Frage und auch von der Reaktion der Klasse. Es war mein erster Tag an der Schule. Eigentlich sollten die Sch\u00fcler nur ganz harmlose Fragen an mich richten. So etwas wie \u201eWas machst du normalerweise am Wochenende?\u201c \u201eWelche Hobbys hast du?\u201c \u201eSchmeckt dir das chinesische Essen?\u201c Alles ganz \u00fcbliche Fragen, eben bis auf die Frage nach dem Panzer fahren!<\/p>\n<p>Die Wochen zogen ins Land, ich verga\u00df die seltsame Frage und hatte eine tolle Zeit hier in Ningbo. Aber ein Aufsatz \u00fcber die Freizeitbesch\u00e4ftigungen des Sch\u00fclers, der schon mit mir Panzer fahren wollte, beunruhigte mich doch etwas. In ihm hie\u00df es: \u201eAm liebsten spiele ich <i>World of Tanks<\/i>, weil ich gerne Panzerfahrer werden m\u00f6chte. Ich interessiere mich f\u00fcr die deutschen Panzer im 2. Weltkrieg: z.B. <i>Tiger<\/i> und <i>Hetzer<\/i>. Es macht Spa\u00df!\u201c<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das habe ich dann, schockiert wie ich war, auch gleich seiner Lehrerin erz\u00e4hlt, die mir entgegnete, dass es nicht un\u00fcblich sei, mit Panzermodellen zu spielen.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich finde das sowohl bei kleineren Kindern als auch erst recht bei diesem Elftkl\u00e4ssler sehr befremdlich. Aber ich hielt mich an das Sprichwort \u201eandere L\u00e4nder, andere Sitten\u201c und schwieg.<\/p>\n<p>Letzte Woche jedoch passierte etwas, was mich dann doch endg\u00fcltig aus meiner tollen Zeit riss, und mich dann doch zum Handeln zwang: Zum Ende eines jeden Schuljahres schreiben die Sch\u00fcler meiner Schule eine Sch\u00fclerzeitung. Ich hatte mir \u00fcberlegt, in diesem Jahr den Sch\u00fclern Musik aus Deutschland vorzustellen, damit sie dar\u00fcber dann in der Sch\u00fclerzeitung berichten k\u00f6nnten. Nat\u00fcrlich sollten sie auch etwas \u00fcber chinesische Musik schreiben.<\/p>\n<p>Der oben schon mehrfach erw\u00e4hnte Sch\u00fcler kam dann ganz stolz nach der Unterrichtsstunde zu mir und berichtete fr\u00f6hlich, dass er noch ein anderes Lied aus Deutschland kennen w\u00fcrde. Er w\u00fcrde daher gerne \u00fcber dieses Lied schreiben. Ich fand es nat\u00fcrlich sofort super, dass er sich selbst so sehr einbringen wollte. Ich hatte den Sch\u00fclern vorher schlie\u00dflich erkl\u00e4rt, dass eigene Ideen immer willkommen seien. So bat ich ihn, mir den Titel einmal aufzuschreiben, damit ich auch im Bilde war. Der Titel und auch die Band kamen mir \u00fcberhaupt nicht bekannt vor (aber man kann ja auch nicht alles kennen). Also schnell an den PC und nach Text und Melodie gegoogelt. Die Melodie klang zun\u00e4chst ziemlich d\u00fcster und auch den Text hatte ich nach mehrmaligem Durchlesen immer noch nicht verstanden (um ehrlich zu sein: \u00fcberhaupt nicht verstanden). Diese veraltete Sprache und diese d\u00fcsteren Zeilen \u2013 einfach merkw\u00fcrdig. Weil ich vielleicht manchmal etwas misstrauisch bin, habe ich \u201eNazi\u201c zu meiner Suche hinzugef\u00fcgt und war \u00fcberraschend \u201eerfolgreich\u201c. Der Sch\u00fcler war an einen Musikstil geraten, der in der rechtsextremen Szene recht beliebt zu sein scheint. \u00dcber die Band lie\u00df sich nicht allzu viel herausfinden, da sie relativ unbekannt ist. Die G\u00e4ste, die mit auf dem Album musizieren durften, sind wohl in der rechtsextremen Szene sehr bekannt und werden von mehreren Netzwerken, die sich gegen Rechts aussprechen, als rechtsextrem eingestuft. Runen im Bandlogo, die h\u00e4ufig im Nationalsozialismus und noch heute von Rechtsextremen bzw. rechtsextremen Marken verwendet werden, gaben Aufschluss \u00fcber eine m\u00f6gliche Sympathie zum Nationalsozialismus. In anderen Stellungnahmen las ich etwas \u00fcber eine fehlende Abgrenzung von rechtsextremen Gedanken und von Grenzen, die verschwimmen, auch von \u201edunkelgrau\u201c.<\/p>\n<p>Was tut man, wenn ein Sch\u00fcler, der Spa\u00df an deutschen Panzern des 2. Weltkrieges bekundet, einen Artikel \u00fcber eines seiner Lieblingslieder halten m\u00f6chte, das zuf\u00e4llig von einer Band geschrieben wurde, die sich nicht eindeutig von rechtsextremen Gedanken abgrenzen l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich \u201eNein!\u201c sagen. Aber ganz so einfach ist das bei unserer Sch\u00fclerzeitung nicht. Ich hatte schlie\u00dflich mehrere Sch\u00fcler zu Chefredakteuren ernannt und er ist ausgerechnet der Chefredakteur f\u00fcr Musik. Er darf also mitbestimmen, was unter der Rubrik Musik ver\u00f6ffentlicht wird und ich m\u00f6chte nur ungern die Rolle des Zensors einnehmen.<\/p>\n<p>Am darauffolgenden Wochenende war ich angespannt wegen des Themas und versuchte mich \u00fcber die Band und den Musikstil zu informieren, Meinungen einzuholen und zu \u00fcberlegen, wie man die Problematik am besten mit ihm besprechen k\u00f6nnte. Man muss ja auch bedenken, dass der Sch\u00fcler noch keine gro\u00dfen Ber\u00fchrungspunkte mit der Deutschen Geschichte oder mit der kritischen Auseinandersetzung damit gehabt hatte. Mit dem Niveau des DSD 1 Diploms B1 ist das nat\u00fcrlich auch nur schwer m\u00f6glich. Im Vordergrund des Gespr\u00e4ches sollte stehen, dass der Sch\u00fcler nicht das Gef\u00fchl haben soll, etwas Schlimmes getan zu haben. Er konnte es nicht besser wissen. Mir ist auch nur zuf\u00e4llig aufgefallen, dass die Musik zweifelhaft ist. Au\u00dferdem war da noch die Frage, woher der Sch\u00fcler eigentlich diese Musik kennt.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch verlief dann wesentlich entspannter als erwartet. Mit vielen Bildern und einer chinesischen Lehrerin, die an kniffligen Stellen \u00fcbersetzt hat, habe ich mit dem Sch\u00fcler \u00fcber das Thema gesprochen. Ein kleiner, wenn auch viel zu schneller Ritt durch die Geschichte half dabei, dass der Sch\u00fcler meine Bedenken verstand. Ohne mein Zutun schlug er vor, das Lied von seiner Festplatte zu l\u00f6schen.<\/p>\n<p>Sein n\u00e4chster Aufsatz ist schon in Planung. Es soll eine Abhandlung \u00fcber die Reeperbahn nachts um halb Eins werden. Der Sch\u00fcler macht es also weiterhin spannend und die n\u00e4chsten Wochen werden zeigen, ob wir uns darauf einigen k\u00f6nnen, dass er auch etwas \u00fcber die negativen Seiten von Prostitution schreibt oder ob es bei der Aussage \u201edie machen es ja nur wegen des Geldes\u201c bleibt. Es bleibt also aufregend.<\/p>\n<p>Immerhin konnten wir uns auf den letzten Satz seiner Geschichte einigen: \u201eIn Hamburg sagt man Tsch\u00fcss!\u201c<\/p>\n<p>Dieser eine Sch\u00fcler:<\/p>\n<p>steht nat\u00fcrlich weder stellvertretend f\u00fcr alle Sch\u00fcler, noch f\u00fcr alle in China lebenden Menschen. Er ist eigentlich auch sehr nett. Er konnte dies wirklich nicht besser wissen und interessiert sich eben f\u00fcr Dinge, die mir sehr fremd erscheinen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNein danke, ich bin Pazifist!\u201c w\u00e4re wahrscheinlich die richtige Antwort gewesen. Im Nachhinein kann ich gar nicht mehr genau sagen, was ich eigentlich darauf geantwortet hatte. Alle Sch\u00fcler um mich herum lachten. 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