{"id":166,"date":"2015-09-28T20:10:39","date_gmt":"2015-09-28T23:10:39","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/?p=166"},"modified":"2016-03-17T14:09:32","modified_gmt":"2016-03-17T17:09:32","slug":"eine-vergessene-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2015\/09\/28\/eine-vergessene-geschichte\/","title":{"rendered":"Eine vergessene Geschichte"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: left\">Auf den Spuren deutschsprachiger Einwanderer in Uruguay<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify\">Vergangenen Sonntag hat einer der \u00e4ltesten Chore Uruguays, der Coro Concordia in Nueva Helvecia, sein einhundertj\u00e4hriges Bestehen gefeiert. Das klingt nach wenig in deutschen Ohren, aber 100 Jahre sind ganz sch\u00f6n viel f\u00fcr ein Land, das erst 1825 unabh\u00e4ngig geworden ist.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2015\/09\/28\/eine-vergessene-geschichte\/\">Weiterlesen<\/a><br \/>\n<!--more--><br \/>\nDeswegen g\u00f6nnte sich der Chor auch eine ordentliche Jubil\u00e4umsfeier. Man meint so was ja zu kennen aus Bayern, wenn der Sch\u00fctzenverein Geburtstag hat: zuerst kommt der Pfarrer f\u00fcr einen Gottesdienst. Dann folgen die obligatorischen Gru\u00dfworte von schlipstragenden wichtigen Leuten und solchen, die sich f\u00fcr wichtig halten, die allesamt viel zu lang sind und sowieso allesamt den gleichen Inhalt haben. Endlich hei\u00dft\u2019s \u201eO\u2019zapft is!\u201c mit \u201ez\u00fcnft\u2018ger Blasmusi\u201c, die leider w\u00e4hrend dem Essen und nicht danach spielt und deswegen jedes Tischgespr\u00e4ch unm\u00f6glich macht. Au\u00dferdem ist das musikalische Niveau \u00e4u\u00dferst beschr\u00e4nkt, die Begleitinstrumente m\u00fcssen sich gar mit ihrem Nachschlag hinter dem ohrwurmartigen Gejodel der Trompeten verstecken und d\u00fcrfen nur ab und zu mal f\u00fcr eine Bassfigur den Ton angeben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wer also nur noch einmal eine Best\u00e4tigung f\u00fcr die Warnung vom Vorbereitungsseminar gebraucht h\u00e4tte, auf Vorurteile unbedingt zu verzichten: hier ist sie. Im s\u00e4kularen Uruguay bleibt der Pfarrer dahoam, stattdessen singt der Jubil\u00e4umschor zum Auftakt die Nationalhymne. Die Gru\u00dfworte bleiben zu meinem Gl\u00fcck (und da ich sowieso nur die H\u00e4lfte verstehe) auf eine menschenw\u00fcrdige L\u00e4nge beschr\u00e4nkt, und die lokale Politprominenz begeht nicht den in Deutschland so oft begangenen Fehler, die optische \u00c4sthetik eines Sakkos mit Krawatte zu \u00fcbersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Coro Concordia wurde vor 100 Jahren von deutschen und schweizerischen Einwandern in einem Schulgeb\u00e4ude gegr\u00fcndet. Er ist also auch ohne UNESCO-Siegel eine Art lebendes Kulturerbe, zumindest auf lokaler Ebene. Dementsprechend pflegt er auch ein Liedgut-Repertoire in allen vier Schweizer Amtssprachen, in Deutsch, Franz\u00f6sisch, Italienisch und sogar in der selbst in der Schweiz aussterbenden Sprache R\u00e4toromanisch &#8211; sowie in Spanisch, nat\u00fcrlich. Ich bin \u00fcberrascht. Man stelle sich vor, eine bayerische Blaskapelle w\u00fcrde auch nur ein Lied auf Franz\u00f6sisch singen! Ja Herrschaftszeiten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Jubil\u00e4um also hat der Chor ein deutsches Lied von Johannes Brahms ausgesucht. Nach der Auff\u00fchrung kommt ein Mitglied des Chors auf mich zu und will wissen, was \u201elo siento\u201c auf Deutsch hei\u00dfe. Ich antworte \u201eEntschuldigung\u201c und frage, wof\u00fcr man sich denn entschuldigen wolle. F\u00fcr das schlechte Deutsch, nat\u00fcrlich!, hei\u00dft es, und dann zeigt die gute Frau mir einen kleinen Spickzettel, auf dem der Text des Liedes in spanischer Transkription geschrieben steht. Da steht dann \u201eNajt\u201c statt \u201eNacht\u201c, denn die Mitglieder des Chors selbst k\u00f6nnen kein Deutsch und wissen gar nicht, wovon sie singen.<\/p>\n\n\t\t<style type=\"text\/css\">\n\t\t\t#gallery-1 {\n\t\t\t\tmargin: auto;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 .gallery-item {\n\t\t\t\tfloat: left;\n\t\t\t\tmargin-top: 10px;\n\t\t\t\ttext-align: center;\n\t\t\t\twidth: 20%;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 img {\n\t\t\t\tborder: 2px solid #cfcfcf;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 .gallery-caption {\n\t\t\t\tmargin-left: 0;\n\t\t\t}\n\t\t\t\/* see gallery_shortcode() in wp-includes\/media.php *\/\n\t\t<\/style>\n\t\t<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-166 gallery-columns-5 gallery-size-medium'><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2015\/09\/28\/eine-vergessene-geschichte\/img_6622\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"225\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6622-300x225.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-167\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6622-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6622.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-167'>\n\t\t\t\tIm Museo kann man eine Zeitreise in ein Einwandererklassenzimmer vor hundert Jahren machen\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2015\/09\/28\/eine-vergessene-geschichte\/img_6625\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"225\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6625-300x225.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-168\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6625-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6625.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-168'>\n\t\t\t\tAlte Frakturschrift im Museo\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2015\/09\/28\/eine-vergessene-geschichte\/img_6627\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"433\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6627-300x433.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-169\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6627-300x433.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6627.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-169'>\n\t\t\t\tWann habe ich eigentlich mein letztes Artigas-Bild gepostet? Wird Zeit f\u00fcr ein neues!\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2015\/09\/28\/eine-vergessene-geschichte\/img_6632\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"225\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6632-300x225.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-170\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6632-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6632.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-170'>\n\t\t\t\tIch habe mich sehr gefreut, ein Klavier aus Gera zu finden\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2015\/09\/28\/eine-vergessene-geschichte\/img_6642\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"225\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6642-300x225.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-171\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6642-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/files\/2015\/09\/IMG_6642.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-171'>\n\t\t\t\tZum Abschluss noch eine Geburtstagstorte. Ich rechnete mit der in Deutschland \u00fcblichen Sahnebombe, doch erneut widerlegt sich ein Vorurteil: in Uruguay kommt keine Sahne in die Torte &#8211; nur Dulce de Leche!\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><br style=\"clear: both\" \/>\n\t\t<\/div>\n\n<p style=\"text-align: justify\">Trotzdem bewahrt der Chor eine wichtige Tradition. Am historischen Orte seiner Gr\u00fcndung steht heute, neben dem neu eingeweihten Denkmal (siehe Bildergalerie), ein kleines Museum, das einen Klassenraum zeigt, wie ihn wohl die Einwandererkinder verwendet haben mochten. Die Geschichte Uruguays ist vor Ort sehr lebendig, aber in Deutschland vergessen. Niemand hat uns in der Schule je beigebracht, was Einwanderer aus deutschsprachigen Landen in Amerika, nicht nur in Uruguay, bewegt und aufgebaut haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach dem offiziellen Teil wird zum Festbankett geladen. Es spielt das Orchestra Municipal de Colonia, hinter dem jede bayerische Blaskapelle vor Neid erblassen muss. Entweder die Uruguayos feiern besser oder ich war bisher auf den falschen Feiern (wahrscheinlich eher beides und letzteres), aber diese Musik rei\u00dft mich mit. Als ehemaliger Posaunist kann ich es sehr bef\u00fcrworten, dass anstelle des ewigen, milit\u00e4rischen Tat-tat-tat-tat hier jedes Instrument zu seiner vollen Gr\u00f6\u00dfe kommen darf, auch wenn ich musikalisch bei dieser Gr\u00f6\u00dfe schon l\u00e4ngst nicht mehr mithalten k\u00f6nnte. Und das H\u00fchnchen schmeckt hier \u00fcbrigens auch viel besser.<br \/>\nIch kann also durchaus nachvollziehen, warum die Deutschen damals nach Uruguay ausgewandert sind\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den Spuren deutschsprachiger Einwanderer in Uruguay Vergangenen Sonntag hat einer der \u00e4ltesten Chore Uruguays, der Coro Concordia in Nueva Helvecia, sein einhundertj\u00e4hriges Bestehen gefeiert. 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Weiterlesen<\/p>\n","protected":false},"author":1653,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[105984],"tags":[28958,108270,6411],"class_list":["post-166","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-spuren-der-vergangenheit","tag-chor","tag-coro-concordia","tag-deutsch"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/166"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1653"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=166"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/166\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":743,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/166\/revisions\/743"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=166"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=166"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=166"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}