{"id":1055,"date":"2016-07-24T22:34:32","date_gmt":"2016-07-25T01:34:32","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/?p=1055"},"modified":"2016-08-12T19:19:12","modified_gmt":"2016-08-12T22:19:12","slug":"von-guten-maechten-wunderbar-geborgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2016\/07\/24\/von-guten-maechten-wunderbar-geborgen\/","title":{"rendered":"Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">\u2026erwarten wir getrost, was kommen mag\u2026 Deutschsprachiger Gesang\u00a0erf\u00fcllt das Kirchenschiff. Wir befinden und einmal mehr in S\u00fcdamerika, in Uruguay, und h\u00f6ren doch die deutsche Sprache. In der N\u00e4he<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> meiner Einsatzstelle Nueva Helvecia befindet sich eine deutschsprachige Mennonitenkolonie, deren Kinder auch gerne in der Colonia Suiza zur Schule gehen. H\u00f6chste Zeit also, kurz vor Schluss dem Heimatort einiger meiner Sch\u00fcler zusammen mit zwei Bekannten aus <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2015\/12\/26\/ein-weihnachtswunder\/\">\u201emeiner\u201c Kirchengemeinde<\/a> einen Besuch abzustatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2016\/07\/24\/von-guten-maechten-wunderbar-geborgen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Gottesdienst findet an einem Sonntagmorgen nat\u00fcrlich auf Deutsch statt und beginnt p\u00fcnktlich. Meine beiden Begleiter sind dieser Sprache nicht m\u00e4chtig und bekommen zwei Kopfh\u00f6rer aufgesetzt, mit denen sie die spanische Simultan\u00fcbersetzung des (wie f\u00fcr Frei-Kirchen \u00fcblich) frei gehaltenen Gottesdienstes verfolgen k\u00f6nnen. Ich komme mir vor wie bei der United Nations World Heritage Sustainable Development Conference<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> in New York und bin doch nur im Departamento San Jos\u00e9.<br \/>\nDer Gottesdienst tut mir unglaublich gut. Erstens hatte ich schon l\u00e4nger keinen Gottesdienst mehr besucht, erst recht nicht auf Deutsch, zweitens erkenne ich viele der Lieder aus meiner alten Gemeinde in Deutschland wieder<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, drittens beeindruckt mich die Predigt sehr stark und viertens ist \u201eVon guten M\u00e4chten wunderbar geborgen\u201c mein Lieblingskirchenlied, und die Gemeinde exerziert alle sechs Strophen durch. Sie nehmen, einen Monat vor Schluss, f\u00fcr mich ein St\u00fcck R\u00fcckkehr nach Hause vorweg, und mir kommen fast die Tr\u00e4nen. Ich wei\u00df jetzt immer noch nicht, was genau eigentlich Mennoniten sind, aber ich kann auf Anhieb keinen gro\u00dfen Unterschied zu jeder beliebigen anderen Freikirche erkennen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Ich war aber auch nicht lange dort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Pastor selbst ist erst k\u00fcrzlich von einer l\u00e4ngeren Reise zu den Verwandten nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt. Was hat ihn dort am meisten beeindruckt? Interessanterweise stellt er die Fl\u00fcchtlinge in den Mittelpunkt seiner Predigt. Deutschland habe, getreu dem Merkel\u2019schen Motto \u201eWir schaffen das!\u201c, einfach mit angepackt, als Not am Mann war. Als Menschen mit \u201ekaputtem Herzen\u201c kamen, gezeichnet vom Krieg und hungrig nicht nur nach Brot, sondern nach Liebe. Diesen Menschen beizustehen sei die allerchristlichste aller Aufgaben, denn Jesus ist wie der Arzt f\u00fcr die Kranken gekommen, nicht f\u00fcr die Gesunden, und in Deutschland engagierten sich zu seiner \u00dcberraschung nicht nur die Kirchen, sondern der gesamte deutsche Staat. Er stand daneben und staunte. Uruguay k\u00f6nne sich davon eine Scheibe abschneiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doch wo kommen denn die ca. 100 Menschen genau her, die den Kirchenraum f\u00fcllen, und die ca. 100 restlichen Einwohner der \u201eColonia Delta\u201c, wie sich der Ort selber nennt? Es handelt sich ebenfalls um Fl\u00fcchtlinge, und bedenkt man das, wird die Predigt des Pastors vor diesem Hintergrund vielleicht etwas verst\u00e4ndlicher. Es sind Deutsche aus Danzig und Westpreu\u00dfen, dem heutigen Polen, die nach dem zweiten Weltkrieg vor den Sowjets flohen und von ihrer Kirche eingeladen wurden, nach Uruguay zu kommen. Die genaue Antwort steht in einem Buch, das man mir auf meine interessierten Fragen hin gleich geschenkt hat, und dessen ich mir sicher sp\u00e4testens auf dem 14-Stunden-R\u00fcckflug nach Deutschland annehmen werde. Die meisten Kolonisten sprechen auch noch Deutsch, flie\u00dfend und im Alltag, denn die Kolonie ist sehr abgelegen. An der kolonieeigenen Privatschule gibt es sogar ein Austauschprogramm mit deutschen Freiwilligen. Doch es gibt Ehen mit <em>Uruguayos<\/em>, die Jungen ziehen in die Stadt, das Spanische gewinnt immer mehr an Dominanz, wie das eben so ist \u00fcberall auf der Welt. Nach dem Gottesdienst sprechen wir ein wildes Durcheinander aus Deutsch und Spanisch, denn fast alle sind Zweisprachler, und noch konnte sich keine Sprache durchsetzen. Ich war urspr\u00fcnglich davon ausgegangen, auf einen mir unverst\u00e4ndlichen altdeutschen Dialekt zu treffen, musste dann aber feststellen, dass man in Colonia Delta ein relativ reines Hochdeutsch zu sprechen scheint, mit einem leichten ostdeutschen Einschlag, der mich an meine Gro\u00dftante erinnert. Einzig und allein die zahlreichen Anglizismen, die das Deutsche in Deutschland in den letzten Jahren geflutet haben<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, konnten sich hier wohl nicht durchsetzen. Was auch kein Schaden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die deutschen Mennoniten, die auch spanisch sprechen, sie haben in Uruguay eine \u201eneue Heimat\u201c gefunden (so der Titel ihres Buches), wo sie sich von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen f\u00fchlen k\u00f6nnen. Und einen Teil dieser \u201eneuen Heimat\u201c nehme wohl auch ich wieder mit nach Deutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><small><br \/>\n<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> nach uruguayischem Entfernungsma\u00df, also eine Autostunde entfernt<\/small><br \/>\n<small><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>oder wie auch immer deren hochdiplomatische Konferenzen immer hei\u00dfen. P.S.: Word streicht \u201eNations\u201c, \u201eHeritage\u201c und \u201eSustainable\u201c als Fehler an, \u201eUnited\u201c, \u201eWorld\u201c und \u201eDevelopment Conference\u201c dagegen nicht. Muss ich das verstehen?<\/small><br \/>\n<small><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Sp\u00e4ter erfahre ich, dass einige sogar aus dem gleichen Liederbuch wie bei meiner deutschen Gemeinde stammen, \u201eFeiert Jesus!\u201c<\/small><br \/>\n<small><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Wikipedia lehrt mich sp\u00e4ter, dass f\u00fcr die mennonitische Theologie unter anderem die Bergpredigt zentral ist und \u201eDie Verbindung von Ethik und Ekklesiologie [\u2026] charakteristisch f\u00fcr die mennonitische Theologie\u201c ist. Auch unter diesem Licht sehe ich die Predigt noch mal neu. (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mennoniten\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mennoniten<\/a>, zuletzt abgerufen am 24.07.2016)<\/small><br \/>\n<small><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Bei PEGIDA sollten sie lieber gegen Anglizismen protestieren als gegen Fl\u00fcchtlinge.<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026erwarten wir getrost, was kommen mag\u2026 Deutschsprachiger Gesang\u00a0erf\u00fcllt das Kirchenschiff. Wir befinden und einmal mehr in S\u00fcdamerika, in Uruguay, und h\u00f6ren doch die deutsche Sprache. In der N\u00e4he[1] meiner Einsatzstelle Nueva Helvecia befindet sich eine deutschsprachige Mennonitenkolonie, deren Kinder auch gerne in der Colonia Suiza zur Schule gehen. 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