{"id":1027,"date":"2016-05-08T15:06:59","date_gmt":"2016-05-08T18:06:59","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/?p=1027"},"modified":"2016-05-08T15:06:59","modified_gmt":"2016-05-08T18:06:59","slug":"wie-ich-unfreiwillig-und-unwissend-die-argentinische-staatskasse-gefuettert-habe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2016\/05\/08\/wie-ich-unfreiwillig-und-unwissend-die-argentinische-staatskasse-gefuettert-habe\/","title":{"rendered":"Wie ich unfreiwillig und unwissend die argentinische Staatskasse gef\u00fcttert habe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Aus aktuellem Anlass m\u00f6chte ich eine alte Tradition auf diesem Blog wiederbeleben: meine Anmerkungen zur argentinischen Politik. In dem Fall zur argentinischen Steuergesetzgebung und zu den diplomatischen Beziehungen zwischen Argentinien und Uruguay. Eigentlich wollte ich ja nur einmal mehr ein F\u00e4hrticket nach Buenos Aires kaufen. Ein Routinevorgang, tausend Mal ausgef\u00fchrt und nicht der Rede wert, wenn der F\u00e4hranbieter ColoniaExpress nicht sein Online-Buchungsformular ge\u00e4ndert h\u00e4tte, und das neue Formular akzeptiert meine Kreditkarte nicht mehr. Nat\u00fcrlich. Die Karte, mit der ich schon seit einem dreiviertel Jahr den halben Kontinent bereise, funktioniert jetzt auf einmal nicht. <em>t\u00e9cnica uruguaya<\/em> halt, aber das kann hier \u00f6fters mal vorkommen, zum Beispiel auch bei einer <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2015\/11\/07\/wenn-einer-eine-reise-tut\/\">Busbuchung zum Zwischenseminar<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Also fahre ich eben nach Colonia del Sacramento und kaufe das Ticket ganz altmodisch am Schalter pers\u00f6nlich und in bar. Und dann die gro\u00dfe \u00dcberraschung: vor Ort am Schalter zu kaufen ist ausnahmsweise billiger, als online zu kaufen! Das Ticket kostet so nur die H\u00e4lfte. Dazu muss man wissen, dass ColoniaExpress zwei Webseiten hat: eine uruguayische und eine argentinische. Auf der uruguayischen Seite kann man jedoch nur buchen, wenn man auch Uruguayo ist. Ausl\u00e4ndern verweigert das Formular die Buchung und verweist auf die argentinische Seite. In Argentinien jedoch gilt die argentinische Steuergesetzgebung. W\u00e4hrend ein Uruguayo mit niedrigen uruguayischen Verbrauchssteuern nur ungef\u00e4hr 1300 uruguayische Pesos hinlegen muss, bezahlt ein Argentinier und jeder Ausl\u00e4nder 1300 argentinische Pesos, und das ist in Euro glatt das Doppelte. Das hatte ich bisher als gottgegeben hingenommen, bis ich nach Colonia fuhr und feststellte: wenn man pers\u00f6nlich am Schalter kauft, kann man auch als Ausl\u00e4nder in den Genuss der uruguayischen Steuervorteile kommen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Mist. Wenn ich das fr\u00fcher gewusst h\u00e4tte, h\u00e4tte ich nicht nur einen Haufen Geld gespart, sondern w\u00e4re eventuell sogar \u00f6fter nach Buenos Aires gefahren und h\u00e4tte in Summe wohl mehr Geld dort gelassen, als mir der argentinische Staat so eben aus der Tasche gezogen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doch warum sind die argentinischen Steuern so viel h\u00f6her als die uruguayischen? Das wiederum liegt an der Au\u00dfenpolitik der alten Kirchner-Regierung, die man in den Vereinigten Staaten wohl getrost als \u201eisolationism\u201c bezeichnet h\u00e4tte. Alle ausl\u00e4ndischen Einfl\u00fcsse, insbesondere US-amerikanische, wurden von der argentinischen Regierung bis vor kurzem noch als negativ betrachtet. Importe und Exporte wurden zum Schaden der heimischen Wirtschaft mit \u00fcberh\u00f6hten Steuern und Z\u00f6llen k\u00fcnstlich verteuert, der Kauf von stabilen Fremdw\u00e4hrungsdevisen war allen Staatsb\u00fcrgern verboten und einfach mal so zu den b\u00f6sen, b\u00f6sen Uruguayos r\u00fcberzufahren war auch nicht im Sinne der Regierung. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Argentinien und seinem kleinem Nachbarn Uruguay waren lange Zeit eine Katastrophe, man stritt sich um weltbewegende Nichtigkeiten wie die Frage, wer den besseren Mate hat oder wo denn nun wirklich <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/janenuruguay\/2016\/02\/16\/beim-ayers-rock-von-uruguay\/\">der Geburtsort von Tangoikone Carlos Gardel<\/a> ist. Als Argentinien vor Jahren den Tangosong La Cumparsita, dessen Urauff\u00fchrung die Stadt Montevideo f\u00fcr sich reklamiert, zum Aufmarsch seiner Nationalmannschaft bei einer Olympiade verwendete, l\u00f6ste das eine handfeste diplomatische Staatsaff\u00e4re zwischen den beiden L\u00e4ndern aus. Auch deswegen, so vermute ich, sind die Steuern auf den sinnvollsten Weg, nach Uruguay einzureisen, in Argentinien so hoch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doch mittlerweile, mit der neuen Macri-Regierung, laufen die Dinge anders. In uruguayischen Leitmedien wie der Tageszeitung El Pa\u00eds h\u00e4ufen sich die Interviews mit argentinischen Top-Politikern wie dem Wirtschaftsminister Alfonso Prat-Gay, die eine neue Linie der argentinischen Regierung verk\u00fcnden: die R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne der Staatenwelt. Dazu geh\u00f6rt auf internationaler Ebene die Einigung mit den \u201eGeierfonds\u201c und \u2013 damit verbunden \u2013 die erstmalige Ausgabe von Staatsanleihen seit \u00fcber zehn Jahren, ergo die R\u00fcckkehr auf die internationalen Kapital- und Finanzm\u00e4rkte. Und auf der Ebene der Beziehungen zu Uruguay Vorschl\u00e4ge wie eine Ausweitung der Flugverbindungen zwischen Montevideo und Buenos Aires, ein Revival der Idee, den R\u00edo de la Plata mit einer Br\u00fccke zu \u00fcberspannen, eine F\u00f6rderung des Tourismus und die Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums nach dem Vorbild der EU sowie, last but not least, eine gemeinsame Bewerbung der beiden L\u00e4nder f\u00fcr die olympischen Sommerspiele 20irgendwannmal. Gleich einen Monat nach Amtsantritt fuhr der argentinische Pr\u00e4sident Mauricio Macri selbst r\u00fcber nach Colonia, um mit seinem uruguayischen Amtskollegen Tabar\u00e9 Vazquez ein Asado auf dessen Amtssitz zu verspeisen \u2013 eine Freundschaftsgeste, die bis vor wenigen Monaten noch unm\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Anstatt sich also bis aufs Blut wegen Nichtigkeiten zu bekriegen, besinnen sich die beiden L\u00e4nder endlich auf ihr gemeinsames Erbe. Es bleibt zu hoffen, dass auch die Steuern auf F\u00e4hrschiffen nach Uruguay f\u00fcr Argentinier und Ausl\u00e4nder bald sinken werden. Ansonsten meine Empfehlung f\u00fcr alle Uruguay-Freiwilligen, die nach mir kommen: kauft eure F\u00e4hrtickets vor Ort im Hafen. Das ist billiger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><small>Wen\u2019s interessiert: Das Interview mit Prat-Gay in El Pa\u00eds findet sich hier (auf Spanisch):<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.elpais.com.uy\/economia\/noticias\/afrontar-uruguay-algo-inaudito-pratgay.html\">http:\/\/www.elpais.com.uy\/economia\/noticias\/afrontar-uruguay-algo-inaudito-pratgay.html<\/a><\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> In der Tat hat Uruguay in gewissen Bereichen den Status einer Steueroase und war auch bei den PanamaPapers-Enth\u00fcllungen ganz vorne mit dabei. Blo\u00df das wei\u00df in Deutschland mal wieder niemand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus aktuellem Anlass m\u00f6chte ich eine alte Tradition auf diesem Blog wiederbeleben: meine Anmerkungen zur argentinischen Politik. In dem Fall zur argentinischen Steuergesetzgebung und zu den diplomatischen Beziehungen zwischen Argentinien und Uruguay. 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