Von der Schönheit des Ankommens

Ganzheitlich ankommen war anstrengend und gleichzeitig auch einfach. Anstrengend, weil jeden Tag so viele Eindrücke auf mich einprasselten, sodass sie gar nicht geordnet werden konnten, sondern in Türmen aus Gedanken verstreut in meinem Kopf herumlagen. Und einfach, weil diese Ordnung für den Anfang gar nicht so wichtig ist, solange Herz und Seele sich wohl fühlen. So sind nun fast zwei Monate verstrichen, seitdem ich meinen Fuß zum ersten mal auf ukrainischen Boden gesetzt habe und ich bin sehr glücklich, dass ich meine Situation bisher, ohne von größeren äußeren Problemen beeinflusst, annehmen und  genießen konnte.

Für mich gibt es einige kleine Anker, die mir geholfen haben, mich schnell in eine vertraute und positive Position einzufinden. Ich habe die Lehrer und Lehrerinnen meiner Schule kennengelernt und ihre Namen gelernt, auch zu meinen Schülern habe ich inzwischen eine persönlichere Verbindung.  Den Weg zur Schule ohne mein Navi zu finden war mein allererster kleiner Erfolg, als nach den ersten Tagen alles noch unbekannt war. Ich bin oft durch den langen Park geschlendert und auch durch meine geliebten Seitenstraßen, in denen Plattenbauten stehen, an denen der sich Wein rankt und sich Katzen sonnen. Die unglücklichen ersten Kontakte mit Straßenhunden waren zum Glück Ausnahmefälle und haben sich zu einem neutralen, teilweise sogar freundschaftlichen Niveu entwickelt. All diese kleinen Dinge haben mir geholfen, Ängste abzubauen. Besonders das Entgegenkommen von Kollegen und Schülern, die sich z. B. anbaten, mir die Stadt zu zeigen und auch das Wissen, dass ich bei jedem Problem auf meine Ansprechperson zählen kann, gaben mir in den ersten Wochen ein tolles Gefühl des Willkommen seins, das natürlich auch zu meiner Selbstsicherheit beigetragen hat.

So richtig bewusst ist mir geworden, dass mir die Stadt nicht mehr fremd ist, als ich letzte Woche von einer Fortbildung aus Odessa zurück gekommen bin. Ich war richtig glücklich, aus dem Bus zu steigen und wieder die Atmosphäre meiner Kleinstadt um mich herum zu haben. Der große Park mit den Brunnen und gepflegten Blumenbeeten hat mich sofort angezogen und ich habe dort, als es noch sonnig war, schöne Lese- oder Kaffeestunden verbracht. Auch stresst es mich nicht mehr so, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Im Alltag verursachen meine leider noch wenig entwickelten Russischkenntnisse tatsächlich kaum noch Missverständnisse. Allerdings liegt das auch daran, dass die meisten Verkäufer mich schon kennen und mir helfen, indem sie mir die Preise extra nochmal langsam sagen oder auf dem Taschenrechner zeigen. Wahrscheinlich habe ich durch die größtenteils positiven Reaktionen auch in der Sprache mehr Mut bekommen, zu experimentieren und auf mein Bauchgefühl zu hören. Wenn mich jemand etwas fragt, das ich nicht ganz verstehe, versuche ich aus dem Kontext heraus zu schließen und stimme  dann manchmal einfach zu, mit der Hoffnung, dass es mir etwas schönes bringen wird.

Vielleicht ist es genau das, was das angekommen sein im weiteren Sinne für mich bedeutet – es geht nicht darum, alles zu kennen oder zu verstehen, sondern darum, die Sicherheit zu haben, dass man sich in jeder Situation zurecht finden kann.

 

2 Gedanken zu „Von der Schönheit des Ankommens“

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