Das Vorbereitungsseminar

Am Freitag, den 1. März hat das große Abenteuer begonnen. Ich bin um 04h20 aufgestanden (nachdem ich am Tag davor noch Weiberfastnacht in Köln gefeiert hatte…), um den Zug von Köln nach Berlin zu nehmen. Der Abschied war nicht leicht, weil das gleichzeitig bedeutet, definitiv zu Hause auszuziehen. Andererseits freue ich mich aber natürlich total auf alle neuen Eindrücke und Erfahrungen!

Um 12h mittags wurden alle 181 kulturweit-Freiwilligen mit Bussen vom Berliner Hauptbahnhof abgeholt. Zuerst gab es dann eine Begrüßung und Snacks im Auswärtigen Amt und anschließend sind wir zur Jugendherberge am Werbellinsee gefahren. Dort angekommen wurden wir nach dem Abendessen und einer weiteren Begrüßung in sogenannte Homezones eingeteilt: Gruppen, bestehend aus ca. 12 Personen, die alle in die gleiche Region bzw. das gleiche Land ausgesendet werden.

    

Anfangs haben wir viele Kennlernspiele gespielt, aber dann wurde über erstere Themen wie Kolonialisierung, Rassismus, Privilegien, Imperialismus, Sexismus etc. diskutiert. Diese Seminare waren oft bedrückend und schwierig zu verdauen, gleichzeitig aber wahnsinnig interessant und hilfreich. Man ist sehr ins Nachdenken gekommen.

Abends konnten wir an einem sogenannten Markt der Möglichkeiten teilnehmen. Dort konnten Freiwillige Aktivitäten, Gesprächsrunden, Workshops, etc. für andere Freiwillige anbieten. Beim ersten Mal habe ich an einer sehr interessanten Gesprächsrunde über alternative Beziehungskonzepte teilgenommen und am zweiten Abend hat ein Freiwilliger mit einer in St Petersburg geborenen Mutter einen Russisch Workshop angeboten, was für mich natürlich super war! Und ich habe sogar festgestellt, dass ich doch schon relativ viel konnte von meinem Babbel Kurs!

Wir konnten auch an Workshops teilnehmen, deren Themen wir uns aussuchen konnten. In dem Workshop zum Thema Self Care haben wir darüber gesprochen, was der Begriff für uns bedeutet und was für Methoden man anwenden kann. Wir haben jeder alleine einen Spaziergang gemacht, bei dem wir uns mit der Frage beschäftigt haben, was uns inneren Halt gibt, wenn der äußere Halt (sprich Familie, Freunde aus Deutschland) wegfällt, zumindest physisch. Anschließend haben wir Self Care Boxen aus Origamipapier gebastelt und gestaltet, in die wir Zettel mit Tipps an uns selbst gelegt haben, wie wir uns in einer schwierigen Situation verhalten können. In einem anderen Workshop haben wir uns mit dem Unterschied von Spiritualität und Religion beschäftigt und am Ende 10min meditiert.

                       

An einem anderen Abend gab es verschiedenste Workshops zum Thema Persönliche Beziehungen im Freiwilligendienst. In meinem Workshop wurde darüber diskutiert, was gesunde Beziehungen (vor allem zu den „Hinterbliebenen“ in Deutschland) ausmacht und wie man diesen gesunden Zustand hervorrufen bzw. behalten kann, wenn man sich mehrere Monate lang nicht sieht. Mir persönlich hat dieser Workshop sehr geholfen und mich auf eine positive Art sehr nachdenklich gestimmt.

 

Es gab 2 sogenannte Partner*innen Tage, an denen wir Informationen zu unseren Partnerorganisationen erhalten haben, in meinem Fall ist das der PAD. Im Rahmen dieser Tage konnten wir auch mit Alumni ins Gespräch kommen und auf diese Weise nochmal einen anderen Blickwinkel auf den Freiwilligendienst mitnehmen. Außerdem konnten wir uns wieder Workshops aussuchen. Ich habe mich für Musik im Deutschunterricht entschieden, weil ich vorhabe, mit meinen Kindergartenkindern in Russland zu singen. Der Workshop hat super viel Spaß gemacht und ich habe einige Inspirationen mitnehmen können. Bei dem anderen Workshop haben wir sehr viele verschiedene Deutsch-Lern-Spiele kennengelernt und auch selbst ausprobiert und darüber reflektiert, welche Vor- und Nachteile die jeweiligen Spiele haben. Das Hand-out dieses Workshops wird mich sicher noch einmal sehr nützlich sein.

 

An einem Tag haben wir eine Exkursion nach Berlin gemacht, wo ich an einer Führung teilgenommen habe, in der ein ehemals Obdachloser namens Klaus über seinen damaligen Alltag und die Probleme erzählt hat.

Er hatte früher mehrere Ausbildungen und Umschulungen in der ehemaligen DDR gemacht und war dementsprechend eigentlich ziemlich qualifiziert, konnte aber trotzdem nach der Wende keine Arbeit finden. Ein halbes Jahr lang war er dann arbeitslos, bevor er anfing, als Saisonarbeiter zu arbeiten und so wenigstens nur noch die Hälfte des Jahres Geld vom Staat beziehen zu müssen.

Das gravierende und ausschlaggebende Problem war leider der Alkohol. Sein Arbeitgeber wusste von der Sucht und es war auch eigentlich kein Problem für ihn. Allerdings kamen sich die beiden irgendwann in die Haare und Klaus hat im Suff, ohne zu überlegen, gekündigt.

Der Plan war, nun den Süden Deutschlands zu entdecken, wo er auf einer Kaffeeplantage arbeiten wollte. Bis zum Beginn der Saison am 10. Mai waren es allerdings noch anderthalb Monate, daher beschloss er, in dieser Zeit die große Hauptstadt zu entdecken und zu sehen, was sie für ihn bereithielt. In Berlin hatte er natürlich keine Unterkunft und ging so zur Bahnhofsmission. Dort traf er andere (obdachlose) Alkoholiker und ging für die Nacht mit ihnen mit. „Das war der Moment, in dem ich die Abwärtsrutsche betreten habe und mich nicht mehr festhalten konnte und je weiter ich nach unten kam, desto schneller bin ich gerutscht.“ Er ist irgendwie in dieser Truppe in der Obdachlosigkeit hängen geblieben, hat sich aber bald von ihnen getrennt, da es zu Gewalt beim Streit um den letzten Tropfen Alkohol kam. Als Einzelkämpfer suchte er sich einen Bunker für sein Hab und Gut. Der erste wurde leider ausgeraubt, der zweite war aber sicher und wurde nie entdeckt.

Sein Schlafplatz war ein Spielplatz in der Nähe von Reihenhäusern. Dort war er einigermaßen wind- und regengeschützt, verbrachte dort aber bei Temperaturen von bis zu -10Grad die Nacht, erst danach ging er zu Obdachlosenunterkünften oder zur Bahnhofsmission.

Er achtete sehr darauf, die Anwohner nicht zu stören und ging daher erst spät schlafen und stand früh wieder auf. An einem Morgen hatte er verschlafen und ein kleines Mädchen stand vor ihm. Sie schaute ihn mit riesigen Augen an und löcherte ihn mit Fragen. Danach rannte sie fort und kam kurz darauf mit Frühstück wieder. Anschließend lernte er ihre Familie kennen, die ihn seitdem – bis heute – jeden Sonntag zum Mittagessen einlädt. Allerdings nur, wenn er keine Fahne hat!

Obdachlos blieb er dennoch, denn es war ihm zu unangenehm, die Familie um Hilfe zu bitten. Sein Geld hat er mit Flaschen sammeln verdient, weil er kriminelle Aktivitäten kategorisch ablehnt und betteln und Zeitungen verkaufen nicht seine Art ist. Mit der Zeit hat er sich mehrere Flaschensammel-Routen zusammengestellt und Orte entdeckt, an denen man zu bestimmten Zeiten oder mit bestimmten Taktiken Glück hat. Außerdem fuhr er jeden Dienstag und Freitag in eine Einrichtung am Rand der Stadt, wo er duschen konnte und seine Wäsche gewaschen wurde.

Da Klaus keinen festen Wohnsitz und nachdem er ausgeraubt wurde auch keinen Perso mehr besaß, war er aus dem Sozialsystem gefallen. Kein Hartz 4, keine Rentenversicherung, keine Krankenversicherung. Immer wenn er aufgrund von Schlägereien (Zusammenstöße mit Nazis, Flaschensammeln in fremdem Revier) ins Krankenhaus kam, wurden zwar lebenserhaltende Maßnahmen vorgenommen, danach wurde er jedoch rausgeworfen. Zum Glück hat er irgendwann eine ehrenamtliche Ärztin kennengelernt, die Obdachlose umsonst behandelt. Sie bekommt dafür natürlich keinen Lohn und geht so für ihre eigenen Lebenskosten betteln, nur um Obdachlosen helfen zu können.

Am Ende hat es Klaus aus der Obdachlosigkeit geschafft, weil der Vermieter eines alten Freundes ein gutes Herz hatte und ihm erlaubt hat, von Januar bis April kostenlos bei dem Freund unterzukommen. Dieser hat ihn dann dazu gedrängt, sich aus seiner Situation zu befreien. Das schien Klaus zuerst unmöglich, da kein Amt ihm ohne Perso weiterhelfen wollte, aber nachdem sein Freund ihm gesagt hatte, er werfe ich raus, wenn er sich nicht um einen Perso kümmere, hat er es nach vielen, vielen Gängen zum Amt und einer Fahrt nach Frankfurt, um seine Geburtsurkunde abzuholen, geschafft, einen Perso zu bekommen und in Konsequenz im nächsten Jahr eine Wohnung in einer Sozialeinrichtung zu beziehen.

Der erste Schritt war getan. Darauf folgte eine 12tägige Alkoholentgiftung, nach der er tatsächlich abstinent geblieben ist. Heute ist er Hartz 4 Empfänger in einer Wohnung mit eigenem Mietvertrag und engagiert sich für Obdachlose.

 

Am 8. März ist Weltfrauentag. Wir haben viele Plakate gestaltet und in der Jugendherberge aufgehängt, es wurde ein Gruppenfoto gemacht, alle haben Namenskärtchen von berühmten Frauenrechtlerinnen bekommen und getragen und es gab eine Umfrage in Form einer Strichliste zum Überthema Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, deren Ergebnis irgendwo ziemlich erschreckend war…

   

 

Die letzten Tage sind vorbeigegangen wie im Flug und auf einmal kam dann schon der allerletzte Abend. Zum Abschied gab es eine Party in der Disco der Jugendherberge, von der ich mir ehrlich gesagt nicht sehr viel erhofft hatte, die aber am Ende tatsächlich doch sehr cool war. Alle haben getanzt, die Stimmung war gut und ich hatte einen sehr schönen Abend. Ein Highlight war zugegebenermaßen auch die Pizza, die wir uns um halb 11 nach Joachimsthal (!) bestellt haben, nachdem der erste Pizza-bestell-Versuch drei Tage vorher leider gescheitert war.

                                    

 

Am letzten Morgen hatten wir noch die zwei letzten Stunden in der Homezone, wo wir die vergangenen 10 Tage reflektiert haben und am Ende jeder ein Blatt Papier bekommen hat mit süßen bzw. wertschätzenden kleinen Texten von den anderen Menschen aus der Homezone. Das war wirklich ein sehr schöner Abschied und ich werde mir diesen Zettel mit Sicherheit noch öfter anschauen.

 

Insgesamt gehe ich mit einem sehr glücklichen und zufriedenen Gefühl aus dem Vorbereitungsseminar und freue mich jetzt umso mehr darauf, endlich nach Russland zu fliegen!

Das Seminar hat mir sehr viele Tipps, Anregungen und neue Blickwinkel mit auf meinen Weg gegeben und ich habe mich mit so vielen spannenden Menschen unterhalten können, bei denen ich mich jetzt schon freue, sie im August, wenn man dann auch mal im See baden kann, auf dem Nachbereitungsseminar wiederzutreffen (falls wir es vorher nicht schaffen sollten, uns gegenseitig in unseren Einsatzländern zu besuchen…)!

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