{"id":42,"date":"2021-10-10T15:06:57","date_gmt":"2021-10-10T13:06:57","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/?p=42"},"modified":"2021-10-10T15:16:05","modified_gmt":"2021-10-10T13:16:05","slug":"leben-in-und-zwischen-haeusern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/2021\/10\/10\/leben-in-und-zwischen-haeusern\/","title":{"rendered":"Leben in und zwischen H\u00e4usern"},"content":{"rendered":"<p>Ich wohne in einer Stadt. Eine Stadt, die auch eine Uni hat, bis zu der ich es bisher aber noch nicht geschafft habe. Die Canetti Gesellschaft veranstaltet derzeit das <a href=\"http:\/\/eliascanetti.org\/de\/2021\/09\/20\/14-ti-mezhdunaroden-literaturen-festival-ruse-2021-dahat-na-evropa-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">14. Internationale Literaturfestival Ruse<\/a>, das vom 01. bis 17. Oktober stattfindet und jeden Abend Lesungen, Ausstellungen oder Darstellungen bereith\u00e4lt. Mit deren Vorbereitung und Durchf\u00fchrung sind wir jeden Tag besch\u00e4ftigt, aber auch ganz spannend ist! Zu dem Festival aber das n\u00e4chste Mal mehr. Was mich jeden Tag umgibt sind neben Menschen die Geb\u00e4ude, und ich m\u00f6chte sie beschreiben, weil sie ein gro\u00dfer Teil meiner momentanen Lebensrealit\u00e4t darstellen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/20211010_150255.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-49 alignright\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/20211010_150255-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/20211010_150255-300x169.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/20211010_150255-768x432.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/20211010_150255.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Die Wohnung ist eine willkommenes Aufatmen. Sie ist Licht und Raum. Sie ist ein Ger\u00e4usch. Sie hat, so wie viele Wohnungen, die ich bisher aber nur von au\u00dfen gesehen habe, riesige Fenster, meist drei oder vier nebeneinander, auch h\u00e4ufig \u00fcber eine Hausecke. T\u00fcren haben gemusterte Glaseins\u00e4tze. Sie liegt in einem dreist\u00f6ckigen Geb\u00e4ude nahe des Stadtzentrums. Rauhfasertapete, die ewige Begleiterin deutscher Mietwohnungen, gibt es hier keine, und auch kein Laminat. Der Fu\u00dfboden ist mit einem feingliedrigen Parkett im Fischgr\u00e4tenmuster ausgelegt. Es knarzt und quietscht bei jedem Schritt ein bisschen, was ich sehr gern h\u00f6re. Und es f\u00fchlt sich an, als w\u00fcrde es sich der Bewegung des Fu\u00dfes anpassen, als w\u00e4re es weich gepolstert. Mein Reisef\u00fchrer schreibt, dass 90% der Bulgar*innen in Eigentumswohnungen wohnen (ohne die ein finanzielles Auskommen wohl nahezu unm\u00f6glich ist). Ich beobachte eine gro\u00dfe Individualit\u00e4t der Wohnungen, die ich auf diesen Umstand zur\u00fcckf\u00fchre: in einem Haus gibt es unterschiedlichste Fenster, bauliche Zust\u00e4nde, Wandfarben. Es gibt seeehr viele Balkone und viele haben diese verglast, manche haben darin ihre K\u00fcche. Wohnungen werden einzeln ged\u00e4mmt, nicht komplette H\u00e4user. So ist ein Block keineswegs so uniform, wie ich das aus meinen bisherigen Wohnorten kenne. Und vom \u00e4u\u00dferen Zustand eines Hauses l\u00e4sst sich \u00fcberhaupt nicht auf die Wohnung schlie\u00dfen. Es scheint keine gemeinsame oder diktierte F\u00fcrsorge f\u00fcr die gesamte \u00e4u\u00dfere Erscheinung zu geben, jede*r k\u00fcmmert sich um sein Eigentum. So wie es, zumindest in meinem Haus, auch keine zentrale Klimatisierung gibt. Viele Wohnungen sind zum gro\u00dfen Teil noch vom Heizen mit Holz abh\u00e4ngig, viele haben aber zus\u00e4tzlich strombetriebene Heiz- und Klimaanlagen. Die Ventilatoren sieht man auf jeder Au\u00dfenfassade kleben. Das Heizen mit Holz hat den gro\u00dfen Vorteil, dass es von einer zentralen Energieversorgung unabh\u00e4ngig macht. In Zeiten, in denen die Energieversorgung sehr instabil war, war man mit einem Ofen auf der sicheren Seite. Und das hat sich bis heute so erhalten. Meine Wohnung ist vermutlich eine der hochwertigeren und zudem sehr zentrumsnah, was ich sehr genie\u00dfe. Noch nie habe ich so nah am Zentrum gewohnt. Daf\u00fcr ist sie f\u00fcr die meisten Menschen, die ihren Lebensunterhalt vor Ort verdienen, in der Miete aber auch einfach zu teuer. Die Vermieterin vertreibt sie schon l\u00e4nger an Freiwillige wie mich, die ich in der privilegierten Position bin sie bezahlen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_45\" aria-describedby=\"caption-attachment-45\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/P1050363_neu.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-45 size-medium\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/P1050363_neu-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/P1050363_neu-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/P1050363_neu-768x576.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/P1050363_neu.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-45\" class=\"wp-caption-text\">Stra\u00dfenflucht auf ein Geb\u00e4ude, das ich aufgrund seiner Farbgebung gern sehe.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das mich umgebende Stadtzentrum hat vieles von dem, das ich im Zuge meiner Bachelorarbeit als <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Cgw9oHDfJ4k\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">architektonische Elemente einer lebenswerten Stadt<\/a> kennengelernt habe. Wenn ich durch die Innenstadt gehe sehe ich schmale Stra\u00dfen, ges\u00e4umt von H\u00e4usern, die selten mehr als vier Stockwerke haben. Ich gehe an kleinen Gesch\u00e4ften im Erdgeschoss vorbei. Jeden Tag begegne ich streunenden Katzen, gleich nebenan wohnt eine ganze Gang. Die meisten Stra\u00dfen sind von B\u00e4umen ges\u00e4umt, das die meisten Ziele sind f\u00fcr mich fu\u00dfl\u00e4ufig zu erreichen. Der Kernbereich ist autofrei. Der <a href=\"https:\/\/www.openstreetmap.org\/#map=18\/43.84870\/25.95346\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zentrale Platz<\/a> wirkt auf mich eher wie ein Park. Er ist riesig, es laufen ca. 13 Stra\u00dfen zu ihm hin. Wenn ich in Leipzig ein mal vom Gewandhaus zur Oper gehe bin ich dem Gef\u00fchl nach trotzdem drei Mal so lang unterwegs. Historische Altbauten, darunter viele von der Wiener Architektur inspiriert, begrenzen ihn. Vor fast jedem Geb\u00e4ude haben Caf\u00e9s und Restaurants ihren Freisitz. Es gibt eine Hauptmagistrale f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger*innen quer \u00fcber den Platz und durch die Innenstadt, und keine Einkaufspal\u00e4ste, die das Stadtzentrum ersetzen. Das alles sind Elemente, die ich als sehr angenehm wahrnehme, organisch, lebendig. Ich gehe darin und es f\u00fchlt sich gut an.<\/p>\n<figure id=\"attachment_46\" aria-describedby=\"caption-attachment-46\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/Dohodno-zdanie-laskov-ifb.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-46 size-medium\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/Dohodno-zdanie-laskov-ifb-300x207.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"207\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/Dohodno-zdanie-laskov-ifb-300x207.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/Dohodno-zdanie-laskov-ifb-768x530.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/files\/2021\/10\/Dohodno-zdanie-laskov-ifb.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-46\" class=\"wp-caption-text\">\u0414\u043e\u0445\u043e\u0434\u043d\u043e \u0437\u0434\u0430\u043d\u0438\u0435. In dem Geb\u00e4ude befinden sich u.a. das Theater und das B\u00fcro meiner Organisation. CC BY 2.5, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=1201504<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine intakte Innenstadtarchitektur ist St\u00e4dten, die im zweiten Weltkrieg zerbombt wurden, meist nicht verg\u00f6nnt. Die autofreundliche Verkehrspolitik der Nachkriegszeit hat h\u00e4ufig ihr \u00dcbriges zu einem unproportionalen, dysfunktionalen Wiederaufbau der Innenst\u00e4dte beigetragen. Ruse dagegen bietet mit seinem historischen Stadtkern tolle Voraussetzungen f\u00fcr lebendige Stra\u00dfen. Die letzten Wochen im September habe ich mit fast immer \u00fcber 25\u00b0C und Sonne satt noch richtig genossen. Wie ein verl\u00e4ngerter Sommer. Erst in den letzten Tagen ist es k\u00fchler und regnerischer geworden. Vielleicht liegt es auch noch an dem sommerlichen Wetter, aber es ist unglaublich belebt. Es gibt einfach viel Leben zwischen den H\u00e4usern. Mir ist bewusst geworden, wie sch\u00f6n diese Lebendigkeit des \u00f6ffentlichen Raumes ist, und wie wenig ich davon in <a href=\"https:\/\/remarx.eu\/2020\/06\/abgefakt-der-chemnitzer-minderwertigkeitskomplex\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Chemnitz<\/a> erlebt habe. Meine Arbeitskolleg*innen sind fast jeden Tag in irgend einem Etablissement mit einem Kaffee zu finden. Sie nehmen sich die Zeit und das Geld daf\u00fcr, und zum ersten Mal in meinem Leben mache ich das auch.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.deepl.com\/translator#bg\/en\/\u0414\u043e%20\u0441\u043a\u043e\u0440\u043e\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u0414\u043e \u0441\u043a\u043e\u0440\u043e<\/a><\/p>\n<p>PS: Eine Audioaufnahme, wie ich \u00fcber den Fu\u00dfboden laufe, ist noch in Arbeit. Die wird exzellent, aber sie braucht noch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wohne in einer Stadt. Eine Stadt, die auch eine Uni hat, bis zu der ich es bisher aber noch nicht geschafft habe. Die Canetti Gesellschaft veranstaltet derzeit das 14. Internationale Literaturfestival Ruse, das vom 01. bis 17. Oktober stattfindet und jeden Abend Lesungen, Ausstellungen oder Darstellungen bereith\u00e4lt. Mit deren Vorbereitung und Durchf\u00fchrung sind wir &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/2021\/10\/10\/leben-in-und-zwischen-haeusern\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Leben in und zwischen H\u00e4usern<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3001,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-42","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3001"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=42"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42\/revisions\/53"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=42"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=42"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hiergibtesnichts\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=42"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}