{"id":854,"date":"2012-07-22T21:53:43","date_gmt":"2012-07-22T17:53:43","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/?p=854"},"modified":"2012-07-22T23:22:09","modified_gmt":"2012-07-22T19:22:09","slug":"zu-besuch-elternartikel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/2012\/07\/22\/zu-besuch-elternartikel\/","title":{"rendered":"Zu Besuch &#8211; Elternartikel"},"content":{"rendered":"<address><span style=\"color: #800000;\">22. Juli 2012: Da ich letzte Nacht nach verschiedenen Anl\u00e4ufen den <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/2012\/07\/22\/die-3%C2%BD-leben-der-hanna-v-j\/\" target=\"_blank\">Artikel \u00fcber die Besuche, Briefe und Telefonate<\/a> geschrieben habe, passt es ganz gut, dass heute der &#8222;Bericht&#8220; meiner Eltern \u00fcber ihren Besuch eintrifft. Nachdem ich erst explizit darum gebeten und dann auch noch ein bisschen Druck gemacht hatte, wird er jetzt<\/span> <span style=\"color: #800000;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">auf jeden Fall<\/span><\/span> <span style=\"color: #800000;\">ver\u00f6ffentlicht, denn er gef\u00e4llt mir sehr, sehr gut. Auch daf\u00fcr nochmal: Herzlichen Dank!<\/span><\/address>\n<address>\u00a0<\/address>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Vorbemerkung:<\/span><\/p>\n<p>Der Besuch bei Hanna ist inzwischen zwei Monate her, es war im Mai. Erst jetzt, kurz vor dem Ende ihres Aufenthaltes ist unser Eltern-Gastbeitrag doch noch fertiggeworden. Der Wechsel des Schriftschnitts (kursiv\/nichtkursiv) entspricht den verschiedenen Betrachtungsweisen <em>des einen<\/em> und der anderen.<\/p>\n<address style=\"padding-left: 60px;\"><strong>&#8222;Und da war eine Stadt. Die sch\u00f6nste Stadt auf dem Antlitz der Erde.&#8220;<\/strong><\/address>\n<address style=\"padding-left: 60px;\">Joseph Brodsky, Erinnerungen an Petersburg<\/address>\n<address style=\"padding-left: 60px;\">\u00a0<\/address>\n<p>Ein ZIEL war St. Petersburg schon lange, theoretisch. Die Eremitage, Geschichte und Kultur geballt, wei\u00dfe N\u00e4chte, die Schilderungen Brodskys, die Interesse weckten. Doch bislang waren die H\u00fcrden zu hoch: Man braucht einen Pass, Einladung und Visum, die fremde Sprache \u2013 alles Aspekte, die einem St\u00e4dtetrip, gar einem spontanen, entgegenstanden. Nun aber er\u00f6ffnete Hannas Aufenthalt in der Stadt uns Eltern die M\u00f6glichkeit, den Besuch der Tochter und der Stadt zu verbinden. Und auf einmal passte auch eins zum anderen: Eine feststehende Ferienwoche im Fr\u00fchjahr, ein VHS-Kurs \u201eRussisch in 24h\u201c(!) im M\u00e4rz und die sehr entlastende Feststellung, dass wir f\u00fcr das Touristenvisum nicht selber zum Hamburger Generalkonsulat fahren m\u00fcssten; daf\u00fcr gibt es Dienstleister, die sogar die obligatorische Einladung als Kauf-Leistung anbieten. Auch die letzte H\u00fcrde \u00fcberwanden wir: Wir wollten die Stadt eigenst\u00e4ndig und unabh\u00e4ngig erkunden, nach eigener Neigung und im eigenen Tempo und m\u00f6glichst nah dran sein am \u201enormalen\u201c Leben. Via Internet fanden wir eine private Unterkunft, im Zentrum, an der Fontanka.<\/p>\n<p><em><strong>Fr\u00fchling \u2013 die zweite \u2026<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Es soll ja Menschen geben, die (einmal oder sogar \u00f6fter) einen zweiten Fr\u00fchling erleben \u2013 wir hatten die M\u00f6glichkeit, durch unseren Besuch in St. Petersburg dem Fr\u00fchling 2012 zweimal zu begegnen. Am 11. Mai flogen wir aus dem fr\u00fchlingsgr\u00fcnen Hannover mit Mantel und M\u00fctze via Kopenhagen ins noch kalte und gerade vom Eise befreite St. Petersburg. Vom Flughafen holte uns unsere Tochter ab und wir lernten als Erstes durch Erkl\u00e4ren und Gebrauch den \u00f6ffentlichen Nahverkehr kennen. Wir hatten zwar \u201eRussisch in 24 Stunden\u201c gelernt (immer wurde geschmunzelt, wenn wir das in Deutschland berichteten, es waren aber tats\u00e4chlich vier mal sechs Stunden an zwei Wochenenden), freuten uns aber trotzdem \u00fcber die Hinweise in der Metro (U-Bahn) auch in lateinischer Schrift. Nach ein paar Tagen \u201esprachen\u201c dann die kyrillischen Zeichen zu uns, aus Buchstabieren wurde Silbenlesen und W\u00f6rtererkennen, gut f\u00fcr die Fahrstrecken-Tafeln an den Bussen.<\/em><\/p>\n<p>Nicht nur Land und Sprache waren fremd und neu, neu war auch die Konstellation: Die Eltern kommen zur Tochter, Hanna wei\u00df und weist die Wege, f\u00fchrt und erschlie\u00dft uns die Stadt.<\/p>\n<p><em>Zur\u00fcck zum \u201eFr\u00fchlingserwachen auf Russisch\u201c: In H<\/em><em>annas Begleitung (wann immer es ihr zerst\u00fcckelter Stundenplan erlaubte) besuchten wir den Kathari<\/em><em>nenpalast im \u201eZarendorf\u201c Puschkin. An der Metrostation &#8218;Avtowo&#8216; suchten wir die richtige Bushaltestelle, die sich am Rand des weitl\u00e4ufigen viereckigen Platzes befinden sollte. Ganz deutlich war in der Mitte des baumumstandenen Platzes das Lenin-Standbild zu sehen. Als wir einige Tage sp\u00e4ter von dort nach Peterhof, dem Sommerpalast der Zaren fuhren, war diese m\u00e4chtige Figur ganz von den inzwischen voll entfalteten Bl\u00e4ttern der B\u00e4ume verdeckt. Eine zweite Tulpenbl\u00fcte erlebten wir ebenfalls: Bei unserer Ankunft noch geschlossene Knospen, die kaum die Farbe erahnen lassen, Tage nur sp\u00e4ter alles aufgebl\u00fcht, in den Parks in kunstvollen Anordnungen und Farbmustern.<\/em><\/p>\n<p>Mit dem kleinen Dumont-Reisef\u00fchrer in der Tasche erkundeten wir die Stadt und sammelten Eindr\u00fccke. Wir besuchten \u2013 nat\u00fcrlich &#8211; viele der \u201eklassischen\u201c Ziele, mal mehr, mal weniger intensiv, aber nie fl\u00fcchtig: die Peter- und Paulfestung, den Turm der Isaakkathedrale, Peterhof, Puschkin, Kirchen und Kathedralen, die opulenten Metrostationen der roten Linie, Peters Kunstkammer, die Friedh\u00f6fe beim Alexander-Newski-Kloster mit \u201egro\u00dfen\u201c Toten. Einmal zog uns ein orthodoxer Gottesdienst in Bann, wir blieben lange. Einen Tag verbrachten wir in der Eremitage &#8211; ein besonderer, vielleicht der H\u00f6hepunkt. Nur ein Tag. Aber auch eine Woche oder ein Monat h\u00e4tten nicht gereicht&#8230;.<\/p>\n<p><em><\/em><em>\u00dcberw\u00e4ltigend, wenn dort die gro\u00dfen europ\u00e4ischen Maler nicht nur mit ein paar Werken zu sehen sind, sondern viele R\u00e4ume f\u00fcllen. Unz\u00e4hlige, an Pracht kaum zu \u00fcberbietende Wohnr\u00e4ume und <\/em><em>Fests\u00e4le aus der Zarenzeit.<\/em><\/p>\n<p>Beinahe erschl\u00e4gt einen die Masse, die Klasse.<br \/>\nGem\u00e4lde, die bei uns, entsprechend inszeniert, Mittelpunkt und Magnet von Sonderausstellungen w\u00e4ren, f\u00fchren dort fast eine Nischenexistenz. Nicht, weil sie nicht gesch\u00e4tzt w\u00fcrden, nein, es gibt einfach zu viel. Die beiden Leonardo-Madonnen bemerken wir, weil sich knipsende koreanische Touristen darum scharten.<\/p>\n<p><em>In der Stadt wird das Kontrastprogramm gegeben: die F\u00fclle an \u00f6ffentlichen Arbeitspl\u00e4tzen, viele doppelt besetzt oder als Aufsicht \u00fcber Automaten oder selbst mit automaten\u00e4hnlichen T\u00e4tigkeiten, wie zum Beispiel dem Ausgeben von Metro-Fahr-M\u00fcnzen am Schalter. Auf der Stra\u00dfe Handykarten-Verk\u00e4ufer und \u201efliegende\u201c Gem\u00fcseh\u00e4ndler \u00fcberall, alte Leute mit umgeh\u00e4ngten Reklame-Tafeln oder -Lautsprechern, als Prospektverteiler, ganzt\u00e4gig stehend. Alle suchen ihre Gelegenheit, ihre Chance. Niemand bettelt \u00f6ffentlich. Viel Einwegplastik, aber immer in den M\u00fcllbeh\u00e4ltern, die jeden Morgen geleert sind. Kein Kaugummi, keine Kippen auf der Stra\u00dfe, nirgends. Alles ist frisch gestrichen, blitzt und strahlt, M\u00fclleimer, Parkz\u00e4une, Stra\u00dfenlampen. Die Stra\u00dfen und Fu\u00dfwege werden regelm\u00e4\u00dfig abgespritzt. Auf den Fahrbahnen eine permanente Gel\u00e4ndewagenausstellung. Viel, zuviel Autoverkehr. Und die Fu\u00dfg\u00e4ngerzahl, zumal in der Hauptzeit, ist so gro\u00df, dass sie unbeschadet bei Noch-Rot oder Schon-wieder-Rot als Menge \u00fcber die Stra\u00dfe gelangt. Gewohnt wird hinter T\u00fcren mit Wohnungsnummer, die zus\u00e4tzlich zur Hausnummer immer mit zur Anschrift geh\u00f6rt. Namensschilder an Klingel oder T\u00fcr \u2013 das gibt es nicht.<\/em><\/p>\n<p>Eine schwere Stahlt\u00fcr, vierfach verriegelt, f\u00fchrt in den Flur der ehemaligen Gro\u00dfwohnung, die, wie alle im Haus, jetzt in mehrere kleinere aufgeteilt ist. Eine weitere Stahlt\u00fcr und eine Holzt\u00fcr, dann sind wir in der WG, bei Irina und Lena. \u201eUnser\u201c Zimmer geh\u00f6rt Irina, die mit der Vermietung einen Teil ihres Lebensunterhaltes bestreitet. Hat sie G\u00e4ste, so zieht sie zu Lena ins Nachbarzimmer. Sieben Tage partizipieren wir hier ein wenig am russischen Alltag \u2013 in der WG, beim Einkaufen in der Markthalle oder bei \u041d\u043e\u0440\u043c\u0430, das 24 Stunden ge\u00f6ffnet hat, beim Kochen morgens und abends in der spartanischen K\u00fcche, auch beim Bewegen im Viertel \u2013 Irina hat uns die Abk\u00fcrzung durch die Hinterh\u00f6fe und den Schleichweg durch den Park gezeigt. Mit Hanna stimmen wir uns ab, einige Male sind wir mit ihr zusammen unterwegs oder treffen uns. An den Tagen, an denen sie im benachbarten Sprachinstitut Russisch lernt, kommt sie zum Abendessen zu uns. Und wir sind Gast bei ihr, besuchen sie in ihrem Zimmer, werden festlich bewirtet. So ist \u201eHanna in Russland\u201c nicht l\u00e4nger Gedankenkonstrukt und blo\u00dfe Fantasie. Wir erleben, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit und Sicherheit unsere Tochter hier jetzt zu Hause ist, ihr Leben, die Aufgaben und Zeit organisiert und gestaltet. Wie und mit welcher Intensit\u00e4t sie sich dem fremden Land, der Stadt und ihrer Geschichte n\u00e4hert. Sch\u00f6n! Anerkennung und Respekt. Auch daf\u00fcr, dass und wie sie mit der wenig befriedigenden Situation in der Einsatzstelle umgeht. Es ist gut, dass Hanna JETZT HIER ist, in dieser so besonderen Stadt. Und es ist gut, dass wir, aufgewachsen in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges, spannende erste Erfahrungen in Russland gemacht haben.<\/p>\n<p><em>&#8222;Do swidanija Rossija!&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22. Juli 2012: Da ich letzte Nacht nach verschiedenen Anl\u00e4ufen den Artikel \u00fcber die Besuche, Briefe und Telefonate geschrieben habe, passt es ganz gut, dass heute der &#8222;Bericht&#8220; meiner Eltern \u00fcber ihren Besuch eintrifft. 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