{"id":527,"date":"2012-04-26T18:16:43","date_gmt":"2012-04-26T14:16:43","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/?p=527"},"modified":"2012-04-28T21:08:48","modified_gmt":"2012-04-28T17:08:48","slug":"noch-100-tage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/2012\/04\/26\/noch-100-tage\/","title":{"rendered":"Noch 100 Tage&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich m\u00fcsste ich vom Trip nach Moskau berichten oder von der merkw\u00fcrdigen Mischung von Zarentum und Demokratie, gew\u00fcrzt mit einer Prise Sozialismus am Dienstag, aber heute gibt es tagesbedingt einen Zwischenartikel:<\/p>\n<p>Vor einigen Tagen gab es die E-Mail mit der Aufforderung\/Bitte zum Zwischenbericht. In 25 Tagen beginnt das Zwischenseminar &#8211; und heute sind es noch 100 Tage, die ich in St. Petersburg verbringen werde (f\u00fcr&#8217;s erste&#8230;)<\/p>\n<p>100 Tage (und auch genau zwei Monate hier) &#8211; das h\u00f6rt sich zugleich nach viel und wenig an und ich f\u00fchle mich aufgefordert, ein wenig zu reflektieren:<\/p>\n<ul>\n<li>Im Moment warte ich. Worauf eigentlich? Ich warte auf den Fr\u00fchling, auf die Bl\u00e4tter, auf Tulpen und Springbrunnen. Ich warte auf den 11. Mai&#8230; Ich warte auf das Erwachen der Stadt. Das scheint komisch, denke ich doch (und das als Stadtkind) fast t\u00e4glich: &#8222;So viele Menschen!&#8220; Die Stadt ist keineswegs ausgestorben oder schl\u00e4frig. Aber vielleicht fehlen ihr die Touristen&#8230; Denn so viele Angebote, die ein arbeitender B\u00fcrger sicher nicht nutzt, stehen da und warten &#8211; und ich warte mit. Ich warte auf meine Schwester, dass ich auf den Tag ihrer Anreise warten kann. Ich warte auf das Zwischenseminar und die Mitfreiwilligen und die angek\u00fcndigten 20 Grad. Ich warte auf Arbeit. Und ich warte sogar schon auf die Ferien, obwohl ich noch nicht wei\u00df, wie die aussehen werden. Dieses Warten ist aber nicht ungeduldig und vielleicht auch nur vom Fr\u00fchling mitgebracht, denn so einen langen\/schneereichen\/kalten\/fremden\/spannenden Winter hatte ich noch nie &#8211; da werden die <em>Erwartungen<\/em> auf das Kommende umso gr\u00f6\u00dfer.<\/li>\n<li>Ich habe viel gesehen, vor allem in der letzten Woche. Aber unabh\u00e4ngig von den touristischen Sehensw\u00fcrdigkeiten habe ich auch das Leben hier gesehen, wenn auch nur in Ausschnitten: Und es f\u00fchlt sich wunderbar an, wenn man einen Weg routiniert immer wieder geht und nicht mehr nachdenken muss \u00fcber die Anzahl der Kreuzungen. Es ist sch\u00f6n, wenn man ohne Metroplan am Ziel ankommt. Und noch besser ist es, ohne Stadtplan einen Alternativweg zu finden &#8211; aber wozu ist diese Stadt denn auch nach Plan gebaut&#8230;<\/li>\n<li>Mir fallen viele Dinge auf, die ich fr\u00fcher nicht bemerkt habe\/h\u00e4tte. Manches muss man mit anderen Augen oder in einem anderen Zusammenhang sehen: Deutsche Sitten und Ausdrucksweisen, Feinheiten der Sprache, das eigene Verhalten. Folgendes sei weitergegeben: Ich lese einen Text \u00fcber Fr\u00fchlingsw\u00fcnsche und stoppe bei der Formulierung: \u201eDie V\u00f6gel singen auf den B\u00e4umen\u201c. Dann verbessere ich: \u201e<em>in<\/em> den B\u00e4umen\u201c. Die Lehrerin ist verwirrt und fragt nach. Da die Autorin des Textes sich w\u00fcnschte, der Text solle auch im Deutschen poetisch klingen, hielt ich das f\u00fcr die passendere L\u00f6sung \u2013 aber wieso? Letztendlich kam ich zu der Erkenntnis, dass \u201eauf den B\u00e4umen\u201c eine rein praktische Ortsangabe sei und man sich vielleicht (wenn man nicht die Beschaffenheit eines Baumes bedenkt) vorstelle, dass die V\u00f6gel <em>oben<\/em> auf dem Baum (so wie eine Wetterhahn auf dem Kirchturm) sitzt. \u201eIn den B\u00e4umen\u201c k\u00e4me dann dem typischen Vogelverhalten n\u00e4her. Jetzt kommt mir das Ganze etwas haarspalterisch vor \u2013 aber daran habe ich unter anderem gesehen, wie schwer es ist, seine Muttersprache zu erkl\u00e4ren. Da man sie doch ohne bewusste Regeln gelernt hat. Noch deutlicher wird es bei Deklinations\u00fcbungen \u2013 wie dankbar bin ich meinem Lateinunterricht, sonst m\u00fcsste ich noch l\u00e4nger nachdenken. Und auch so schummle ich: Mit Beispiels\u00e4tzen wie: \u201e<em>Wem <\/em>wird das Essen gegeben?\u201c &#8211; \u201e<em>Den Kindern<\/em> wird das Essen gegeben.\u201c So bekomme auch ich den Dativ Plural recht schnell hin&#8230;<\/li>\n<li>Ich lebe (zu) sehr in der Gegenwart. Die n\u00e4here Vergangenheit (die hier in Russland) ist keinesfalls verblasst, aber trotzdem wie ein Film, den ich so gut kenne, dass ich ihn nicht mehr schaue und auch nur selten bedenke. Die fernere Vergangenheit ist ein riesiger Schatz und es ist schwer zu verstehen, dass das Leben, zu dem ich so lange geh\u00f6rte, in Deutschland einfach so weitergeht und ich nicht dorthin zur\u00fcckkommen werde, wo ich aufgebrochen bin (r\u00e4umlich gesehen hoffentlich schon&#8230;). Dadurch wird die \u201eHeimat\u201c fast wie eine \u00dcberraschung, auf die ich mich jetzt schon freue. Hauptgedankenspiel: Wie sieht der Garten wohl Mitte August aus. Vielleicht sollte ich meine Ideen\/Gedankenbild festhalten und dann vergleichen.\n<p>Die Zukunft entzieht sich meiner Gedankenkraft. Ich will ja \u00fcber langfristige Zukunftsplanungen nachdenken, aber jedes Mal schweifen die Gedanken ab&#8230; oder die H\u00e4nde greifen nach einem Buch&#8230; oder das Wetter ist zu sch\u00f6n. So habe ich momentan nur einen Plan, den ich nicht einmal f\u00fcr besonders intelligent oder ausgereift halte. Schlecht, aber es wird sicher. Vielleicht warte ich ja auch darauf?!<\/p>\n<p>Ein wichtiger Faktor ist sicher mein wunderbares Zimmer. Es ist ein \u201enach Hause kommen\u201c, es f\u00fchlt sich nicht nur so an. Wenn man samstags um 15 Uhr nach Hause kommt und fast drei Stunden Sonne zur Er\u00f6ffnung des Wochenendes hat, kann man doch nur zufrieden sein.<\/p>\n<p>Ein bisschen sind auch die Umst\u00e4nde \u201eSchuld\u201c an meinem Verharren im Augenblick. Planung ist auch in der Schule eher Theorie und Plan\u00e4nderungen eher die Praxis. Ich habe mindestens f\u00fcnf Pr\u00e4sentationen (auf Bitten der Lehrerinnen) vorbereitet, aber erst eine davon auch verwendet. Ich warte oft vor verabredeten R\u00e4umen und renne wenige Minuten sp\u00e4ter durch die Schule auf der Suche nach einer Klasse&#8230; Man sollte lieber nicht planen und auf keinen Fall am Plan festhalten, denn alle um dich herum sind das gewohnt und vielleicht f\u00e4llt es ihnen gar nicht mehr auf.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Ich k\u00f6nnte lange so weiter schreiben, aber ich bef\u00fcrchte, dass nur wenig aus der Ferne und in so ganz anderen Situationen nachvollziehbar ist, da mir einfach die Worte fehlen, das Erlebte und Gef\u00fchlte f\u00fcr andere f\u00fchlbar zu machen. Auch diesen Text habe ich in zwei Abschnitten geschrieben und bei der Durchsicht des ersten h\u00e4tte ich beinahe begonnen, vieles zu ver\u00e4ndern&#8230;<\/em><\/p>\n<ul>\n<li>Die Quintessenz im Augenblick ist: Ich bin zufrieden. Nicht vor Gl\u00fcck und Erf\u00fcllung euphorisch und nicht verzweifelt und am Ende. Sondern dazwischen. Und das konstant seit meiner Ankunft in dieser Stadt. Und dar\u00fcber freue ich mich!<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich m\u00fcsste ich vom Trip nach Moskau berichten oder von der merkw\u00fcrdigen Mischung von Zarentum und Demokratie, gew\u00fcrzt mit einer Prise Sozialismus am Dienstag, aber heute gibt es tagesbedingt einen Zwischenartikel: Vor einigen Tagen gab es die E-Mail mit der &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/2012\/04\/26\/noch-100-tage\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":684,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21,114,16],"tags":[36974,37592,19064],"class_list":["post-527","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-freiwillige","category-privat","tag-fruhling","tag-gedanken","tag-zukunft"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/527"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/wp-json\/wp\/v2\/users\/684"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=527"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/527\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}