{"id":523,"date":"2012-04-20T16:37:08","date_gmt":"2012-04-20T12:37:08","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/?p=523"},"modified":"2012-04-29T18:33:18","modified_gmt":"2012-04-29T14:33:18","slug":"v-touristin-in-der-wiege-der-stadt-und-unterwegs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/2012\/04\/20\/v-touristin-in-der-wiege-der-stadt-und-unterwegs\/","title":{"rendered":"V. Touristin &#8211; In der Wiege der Stadt und unterwegs"},"content":{"rendered":"<p><em>Bevor mir die Erlebnisse davonlaufen und der Regen alles fortsp\u00fclt, will ich berichten. Darum wird sich das Illustrieren noch ein bisschen verz\u00f6gern.<\/em><\/p>\n<p>Um es kurz zu fassen: Am 20. April habe ich viel gelernt:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>St. Petersburg war fr\u00fcher sehr klein:<\/strong> War doch die Festung auf der Haseninsel die ganze Stadt! Das vergisst man heute schnell, wenn man von Peter dem Gro\u00dfen und seinen Verdiensten um die Stadt spricht. Ist sein Palast heute zwar am Rande der Stadt, aber dennoch gut erreichbar, lag er fr\u00fcher weit ab vom Lebenszentrum. \u00c4hnlich wie beim Kreml in Moskau gab es erst einen kleinen, umfriedeten Raum, in dem sich das ganze Leben abspielte. In Moskau siedelten sich schnell rundherum Menschen an \u2013 in St. Petersburg war dort allerdings Wasser und Sumpf. Dennoch hatte die Stadt (immerhin Hauptstadt eines gro\u00dfen Reiches) alles, was die Zivilisation ausmacht. So werden auch heute noch 85% des M\u00fcnzgeldes ganz Russlands auf der Peter-und-Paulsfestung gepr\u00e4gt! Insgesamt wirkt die Anlage wie eine Verkleinerung einer viel gr\u00f6\u00dferen Stadt oder vielleicht auch wie eine exemplarische Ausstellung St. Petersburgs.<\/li>\n<li><strong>Die St. Petersburger Zaren scheinen recht humane Gef\u00e4ngnisse gehabt zu haben<\/strong>. Das ist nat\u00fcrlich ein heikles Thema: Aus der Distanz scheint es mir, als zeige man in Ausstellungssituationen vor allem der j\u00fcngeren Vergangenheit alles Grausame und Schlechte besonders deutlich und explizit, damit deutlich wird, dass sich die Nation bewusst mit der Vergangenheit auseinandersetzt und diese ausarbeitet. Hier in St. Petersburg erlebe ich Stolz: Auf die Stadt, auf die Geschichte, auf die Entwicklung und den Istzustand. Etwas anderes erwartet man als Touristin in einer gro\u00dfartigen Stadt auch erst einmal nicht. Aber wenn es dann um Gef\u00e4ngnisse und Haftbedingungen geht, dann f\u00e4ngt man doch an, nachzudenken. Als erstes fiel mir also im Gef\u00e4ngnis auf der Festung zuerst auf, dass die englischsprachigen Exponatinformationen so knapp wie m\u00f6glich gehalten waren. Ohne die F\u00fchrung w\u00e4re mir vieles verborgen geblieben. Als zweites irritiert, dass die Zellen, die wie in der Zarenzeit ausgestattet sein sollen, mit Streifentapete ausgekleidet sind. Auf Nachfrage wurde wiederholt, dies sei die Originaleinrichtung. Drittens sind alle Spuren an die Sowjetzeit getilgt worden. Keine Wachanlagen wie in Hohensch\u00f6nhausen oder anderswo. Auch wenn die zur Veranschaulichung ausgestellten Puppen in Lebensgr\u00f6\u00dfe recht sozialistisch uniformiert aussehen. Und im \u00fcbrigen sei nur die Zeit bis zu den 20er Jahren erforscht, die Zeit bis 1951, von der man theoretisch wisse, werde noch im Archiv bearbeitet. Ende, wir m\u00fcssen schnell weiter.Aber nun rein informativ: Zuerst hatten die Gef\u00e4ngnisinsassen Holzbetten, die aber nach einem Aufstand, bei dem mit Holzlatten auf W\u00e4rter eingeschlagen wurde, gegen im Boden verankerte Metallbetten ausgetauscht wurden. Jede Zelle verf\u00fcgte \u00fcber ein Fenster, einen Tisch, eine Waschsch\u00fcssel (sp\u00e4ter auch einen Wasseranschluss) und ein abdeckbares Miniplumpsklo. Man durfte einige private Gegenst\u00e4nde mitnehmen, Verwandte durften Essen bringen und gegen Aufpreis bekam man eine Extraration. Zwei Zellen teilten sich einen Ofen \u2013 Hofgang war jeden Tag f\u00fcr 15 Minuten. Man muss zu dieser Schilderung sagen, dass sie die vom Lehrer aus dem Russischen \u00fcbersetzten Worte wiedergibt und leider nicht zu \u00fcberpr\u00fcfen ist. Und das Gef\u00e4ngnis wurde vor allem f\u00fcr die Untersuchungshaft verwendet, also galten andere Ma\u00dfst\u00e4be als in der Haft nach Verurteilung.<\/li>\n<li><strong>Alle Romanows (Zarenfamilie aus St. Petersburg) sind auf der Peter-und-Paulsfestung begraben.<\/strong>Wer nicht in St. Petersburg starb, wie die letzte Zarenfamilie, die in Jekaterinburg ermordet wurde, wurde hierher umgebettet. Diese Familie ist allerdings in einer Sonderkapelle untergebracht, da die russisch-orthodoxe Kirche bezweifelt, dass es sich bei den 1998 beigesetzten Knochen wirklich um adlige handelt und deshalb eine Anerkennung verweigert. Auch die Frau von Zar Alexander III., die nach der Oktoberrevolution in ihre Heimat D\u00e4nemark ausgesiedelt war, wurde 2006 hierher \u00fcberf\u00fchrt, weil ihr Platz in der Gruft von Roskilde ben\u00f6tigt wurde.Nat\u00fcrlich sind nicht alle Kinder und Kindeskinder in dieser Kirche begraben. Aber dass hier 53 Grabst\u00e4tten sind, l\u00e4sst die Gr\u00f6\u00dfe der Kirche auch nicht vermuten.<\/li>\n<li><strong>Diese russisch-orthodoxe Kirche hat eine Kanzel:<\/strong> Daran sieht man, wie sehr Peter der Gro\u00dfe von der europ\u00e4ischen Kultur gepr\u00e4gt war. Sicher hatte er in Holland Kanzeln gesehen und so etwas auch f\u00fcr seine Kirche vorgesehen. Die hiesigen Priester wussten nichts damit anzufangen, sodass die der Legende nach nur einmal verwendet wurde: Als Leo Tolstoi exkommuniziert wurde.<\/li>\n<li><strong>Irgendwann muss ich um 12 Uhr auf der Festung sein:<\/strong> Denn dann wird jeden Tag ein Kanonenschuss abgegeben, angeblich ununterbrochen seit Gr\u00fcndung der Stadt (oder Installierung der Kanone&#8230;) Das finde ich ziemlich skurril \u2013 aber die Geschichte hat die Petersburger vor weiterer Kanonisierung bewahrt: So wurden fr\u00fcher bei der Geburt eines Zarensohnes 301 und bei der Geburt einer Zarentochter immerhin 101 Salutsch\u00fcsse abgegeben.<\/li>\n<li>In einer Ecke der Festungsmauer, aber au\u00dferhalb der Anlage, also direkt am Ufer der Neva stehen fast jeden Tag zwei M\u00e4nner, die sich sonnen \u2013 und das nicht nur bei Sonnenschein. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!<\/li>\n<li><strong>Wind macht m\u00fcde:<\/strong> Dieser Tag war so windig wie kein anderer seit ich hier bin. Dabei herrschten weniger einzelne heftige B\u00f6en, sondern ein steter, starker Wind. Obwohl ich weder viel gelaufen, noch andere kr\u00e4ftezehrende Aktivit\u00e4ten unternommen habe, f\u00fchlte ich mich nachmittags ausgelaugt \u2013 oder vielleicht auch leergepustet&#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das war eigentlich weniger praktisch, da es doch nachts\/\u00fcber Nacht nach Moskau gehen sollte. Aber statt vorzuschlafen habe ich mit Zuhause videotelefoniert und leckeren Salat gegessen. Ein bisschen Bananenkuchen aus dem Topf. Um 23:30 Uhr habe ich mich dann auf den Weg zum Bahnhof nach Moskau (denn die einzelnen Zielrichtungen haben hier eigene Bahnh\u00f6fe) gemacht, der netterweise in Fu\u00dfn\u00e4he liegt \u2013 fast wie fr\u00fcher&#8230;<\/p>\n<ul>\n<li>Russische Liegew\u00e4gen sind toll! Nachdem ich statt bei den Lehrern bei drei Sch\u00fclerinnen einquartiert worden war (denen ich mich dann doch noch n\u00e4her f\u00fchle), staunten wir \u00fcber das \u201eHygienepaket\u201c: Einfache Latschen (die allerdings f\u00fcr die Toilette mehr als n\u00f6tig waren), Zahnb\u00fcrste, Zahnpasta, Erfrischungstuch&#8230;Aber das geh\u00f6rt hier eigentlich gar nicht mehr hin, denn der Zug fuhr um 00:40 Uhr am 21. April ab&#8230;<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor mir die Erlebnisse davonlaufen und der Regen alles fortsp\u00fclt, will ich berichten. Darum wird sich das Illustrieren noch ein bisschen verz\u00f6gern. Um es kurz zu fassen: Am 20. 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