{"id":409,"date":"2012-04-15T10:06:32","date_gmt":"2012-04-15T06:06:32","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/?p=409"},"modified":"2012-04-20T22:03:00","modified_gmt":"2012-04-20T18:03:00","slug":"ii-ostern-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/2012\/04\/15\/ii-ostern-2\/","title":{"rendered":"II. Ostern"},"content":{"rendered":"<p>Ein Fest in einem anderen Land, in einer anderen Tradition, in einer anderen Familie und doch als Teil des Ganzen. So w\u00fcrde ich meine Ostererfahrung hier in Russland beschreiben. Einen \u00f6sterlichen Vorlauf gab es nicht: Kein Karfreitag und am Samstag war ein normaler Schultag. Als ich aber nach Hause kam, waren die Vorbereitungen schon im Gange. Die Wohnung wurde geputzt, die Eier gef\u00e4rbt und der am Vortag gebackene Kuchen sollte eine Schokoladenglasur bekommen. Als ich in die K\u00fcche kam, wurde die Schokolade gerade in einer Pfanne \u00fcber der Flamme erhitzt. Nach dem Umbau in ein Wasserbad war es schwer, die Schokolade richtig fl\u00fcssig zu bekommen, da sie angebrannt war. Aber mit etwas Butter statt Milch schafften wir auch das und der schwammartige Kuchen lie\u00df sich leidlich glasieren. Aber als dann bunte Zuckerstreusel als Kr\u00f6nung hinzukamen und alle Kuchen und Eier auf dem Tisch versammelt waren, entstand auch bei mir ein Festgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag fuhren wir dann zu einer Kirche und mir war nicht ganz klar, was dort passieren sollte. Weil das Osteressen gesegnet werden sollte, traf man auf dem Parkplatz viele Menschen, die meist diverse T\u00fcten bei sich hatten. Nachdem die M\u00e4nner die Kopfbedeckung abgesetzt und die Frauen ein Tuch umgeschlungen hatten, betraten wir die Kirche. Vor dem Tor hatten sich viele BettlerInnen versammelt, die auch (vor allem) mit Essen reichlich bedacht wurden. Da kam es noch zu einem witzigen Zwischenfall: Der kleine Wasja ging zielstrebig zu einer \u00e4lteren Frau und nahm das Geld aus ihrer Schale. Das nahm die Frau ihm aber nicht \u00fcbel, sondern lachte und segnete ihn \u2013 nat\u00fcrlich bekam sie das Geld zur\u00fcck&#8230;<\/p>\n<p>Der Kircheninnenraum ist von einem Gang umgeben und w\u00e4hrend wir dort entlang gingen, wunderte ich mich schon, warum die Menschen das Essen auf Tische stellten und dann daneben Position bezogen, als wollten sie es bewachen. Nach einem kurzen Besuch im Innenraum suchten auch wir uns einen freien Tisch. Hier wurde dann alles aufgebaut und mit Kerzen best\u00fcckt. Als der kraftvolle Gesang der Geistlichen n\u00e4her kam, wurden alle Kerzen entz\u00fcndet. Die Geistlichen (ihren genauen Status kenne ich nicht) kamen zu dritt: der erste versprengte gro\u00dfe Mengen Weihwasser auf die Gemeinde und das Essen, manchmal so viel, dass man unter einem Schwall kalten Wassers zusammenzuckte. Kinder wurden vorgeschoben, die wassergetr\u00e4nkt in Geschrei ausbrachen. Der zweite trug eine Tablett voll Osterkuchen \u2013 eine Spende der Gl\u00e4ubigen. Der dritte sammelte auf einem ebenso gro\u00dfen Tablett die \u00fcbliche Form von Spenden ein&#8230;<\/p>\n<p>Nachdem die Segnung vor\u00fcber war, wurden die Speisen in aller Eile eingepackt, denn der Platz musste f\u00fcr die n\u00e4chsten freigemacht werden.<\/p>\n<p>Viele Menschen stellten sich nun an, um eine Ikone zu k\u00fcssen und zu beten \u2013 manche fielen vor ihr auf die Knie, andere krochen die letzten Meter dorthin. Kleine Kinder wurden an sie gedr\u00fcckt und alle k\u00fcssten sie und legten die Stirn an die \u00fcber und \u00fcber mit Blumen geschm\u00fcckte Darstellung Jesu. Wir \u201eKinder\u201c waren auf dem Turm der Kirche gewesen und hatten auf den Stadtteil \u201ePeterhof\u201c geguckt \u2013 auch das Delta der Neva war zu erahnen. Hier gab es viele alte Ikonen, viele Pflanzen und auch Informationen zur Geschichte der Kirche. Die Bilder von der Zeit der Belagerung (dazu in einem anderen Artikel mehr) und der Sowjetzeit machen die wechselvolle Geschichte des Glaubens und der Kirche hier in Russland deutlich. Der Stadtteil \u201ePeterhof\u201c lag mitten im Kampf-\/Belagerungsgebiet, sodass auch die Kirche stark besch\u00e4digt wurde. Das Erschreckendste aber ist, dass zwischen den Bildern, die 1944 aufgenommen wurden und denen, die 1980 entstanden, kein Unterschied bestand. Es waren nur Birken im zerbrochenen Mauerwerk gewachsen.<\/p>\n<p>Nach dem Kirchenbesuch kam die Familie der Tante und eine Nachbarin mit, um gemeinsam zu essen. Da die K\u00fcche f\u00fcr uns schon zu f\u00fcnft recht eng wurde, nahmen alle zehn im Wohnzimmer Platz. Es gab gekochte und zerstampfte Kartoffeln, einen Salat aus Kohl, Zwiebeln, Erbsen und Paprika, Brot, Orangen und Osterkuchen. Dazu bekamen alle, die \u00e4lter als zehn Jahren waren, ein kleines Glas Wein zum Ansto\u00dfen und es wurden W\u00fcnsche ausgesprochen. Das obligatorische Teetrinken nach der Mahlzeit mussten wir in zwei Etappen machen, da nicht genug Becher da waren. Fast bis Mitternacht waren die G\u00e4ste da \u2013 die Kinder wurden immer m\u00fcder und deshalb lauter und ruppiger \u2013 ein normales Familienfest eben&#8230;<\/p>\n<p>Gemeinsam mit der Nachbarin haben wir noch einen Teil des Ostergottesdienstes in Moskau im Fernsehen geschaut. Die Kirche voller stehender Menschen mit Kerzen \/\/ Putin mit beinahe steifen Lippen beim Osterausruf: \u201e\u0445\u0440\u0438\u0441\u0442\u043e\u0441 \u0432\u043e\u0441\u043a\u0440\u0435\u0441\u0435\u201c (christos woskres=Christus ist auferstanden), der sehr oft wiederholt und aufgegriffen wurden \/\/ Geistliche, die im Eilschritt weihrauschschwenkend um die Ikone ziehen \/\/ ein Chor, der schief singt \/\/ and\u00e4chtige Menschen.<\/p>\n<p>Am Sonntagmorgen a\u00dfen wir zum Fr\u00fchst\u00fcck neben dem Osterkuchen auch etwas Osterquark: Entw\u00e4sserter Quark mit Rosinen und Orangengeschmack. Und danach galt es, mein ganzes Gep\u00e4ck in die Stadt, in mein Zimmer zu schaffen&#8230;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/files\/2012\/04\/St_Petersburg_094.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-440\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/files\/2012\/04\/St_Petersburg_094-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/files\/2012\/04\/St_Petersburg_094-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/files\/2012\/04\/St_Petersburg_094.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Christos waskresje! Frohe Ostern!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Fest in einem anderen Land, in einer anderen Tradition, in einer anderen Familie und doch als Teil des Ganzen. So w\u00fcrde ich meine Ostererfahrung hier in Russland beschreiben. 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