{"id":330,"date":"2012-03-30T01:11:14","date_gmt":"2012-03-29T21:11:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/?p=330"},"modified":"2012-04-06T18:41:08","modified_gmt":"2012-04-06T14:41:08","slug":"gesellschaftgeschichte-konflikte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/hannavj\/2012\/03\/30\/gesellschaftgeschichte-konflikte\/","title":{"rendered":"Gesellschaft\/Geschichte: Konflikte"},"content":{"rendered":"<p>Dass Russland auch (aber nicht nur) ein Land der Konflikte ist, wird uns in Deutschland durch den Geschichtsunterricht und die aktuelle Berichterstattung in den Medien regelm\u00e4\u00dfig vermittelt. Als am 4. M\u00e4rz gew\u00e4hlt wurde, hat man von Protesten in der &#8222;Oppositionshauptstadt St. Petersburg&#8220; weder etwas im russischen Fernsehen gesehen noch etwas in der deutschsprachigen Internetzeitschrift f\u00fcr St. Petersburg gelesen. Ob in der Innenstadt demonstriert wurde, wei\u00df ich nicht. Ich habe hier sowohl erlebt, dass jemand schnell nach Hause wollte, um den Pr\u00e4sidenten im Fernsehen zu erleben, als auch, dass unverhohlen Wut und \u00c4rger \u00fcber die &#8222;falsche Demokratie&#8220; ge\u00e4u\u00dfert wurden. Die meisten Menschen, die ich hier getroffen habe und die \u00fcber dieses Thema geredet haben, entschuldigen sich f\u00fcr ihr Land. Das hat sicher mit dem Bild der aktuellen deutschen Politik und Deutschlands allgemein zu tun, das hier vermittelt wird, aber auch ganz entscheidend mit dem gesellschaftlichen Stand der Menschen. Wenn man die Politik dieses Landes, oder gar das Wahlverhalten verstehen will, muss man bedenken, dass mehr als die H\u00e4lfte der B\u00fcrger indirekt oder direkt von Staat abh\u00e4ngig sind. Und die Geschichte des letzten Jahrhunderts hat das politische Selbstbewusstsein auch nicht so gest\u00e4rkt, wie das bei uns in Deutschland der Fall war.<\/p>\n<p><em>Eigentlich hatte ich keinen Exkurs in die russische Geschichte des letzten Jahr<strong>tausends<\/strong> vor, aber jetzt hole ich weiter aus &#8211; dazu sei Folgendes gesagt: W\u00e4hrend ich diesen Artikel schreibe, vergewissere ich mich zwar der Richtigkeit meiner Informationen, soweit m\u00f6glich, aber wenn ich falsch liege, bitte ich <strong>unbedingt<\/strong> um Korrektur. Denn diese Themen sind zu wichtig, als dass man irgendetwas schreibt. Wenn ich au\u00dferdem nicht nachvollziehbare Gedankenwege nehme oder unlogische Aussagen mache, bitte sagt auch das!<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist es unvorstellbar, wie man in diesem Land patriotisch sein kann und das auch anderen Nationen gegen\u00fcber vertritt. Und das nicht nur auf der gro\u00dfen internationalen Politikb\u00fchne, wo ein Staat nat\u00fcrlich als stabiles Konzept auftreten muss, sondern auch im Privaten. Eine solche Situation habe ich hier erlebt und sie ist der Ausl\u00f6ser dieses Artikels.<\/p>\n<p>Am Mittwoch haben wir alle gemeinsam einen Spielfilm \u00fcber den Konflikt Russlands mit Georgien um die Provinz S\u00fcdossetien gesehen. Und mir wurde gesagt, ich m\u00fcsse es sehen, es sei wichtig\u00a0 &#8211; egal, ob ich etwas verstehe oder nicht. Der Film (dessen Titel ich noch herausfinden muss) wurde in Russland mit russischen Schauspielern gedreht, die Hauptpersonen h\u00e4tten aber auch amerikanische Filmhelden sein k\u00f6nnen. Dennoch werden die Klischees der russischen Oma mit Kopftuch und Strickjacke oder des betrunkenen jungen Mannes ohne Arbeit bedient (vielleicht sind das auch innerrussische Klischees). Der Film erz\u00e4hlt eine Geschichte der Eskalation zwischen Russland und Georgien 2008 in verschiedenen Erz\u00e4hlstr\u00e4ngen, immer aus russischer Sicht. Haupts\u00e4chlich folgte man einer Mutter, die ein sehr westliches Leben in einer Metropole f\u00fchrt und den Sommer mit ihrem Liebhaber verbringen m\u00f6chte, w\u00e4hrend der neunj\u00e4hrige Sohn bei seinen Gro\u00dfeltern v\u00e4terlicherseits in S\u00fcdossetien ist. Als aber der bewaffnete Konflikt ausbricht, versucht die Mutter ihren Sohn zu erreichen. W\u00e4hrend der Junge verst\u00f6rt im Haus seiner Gro\u00dfeltern sitzt, nachdem er zuschauen musste, wie sie und sein Vater von einem Panzer \u00fcberfahren wurden, k\u00e4mpft sich die Mutter immer tiefer ins Kriegsgebiet vor. Dass sie allerdings ohne Schaden \u00fcberlebt, erscheint zu unwirklich, denn der Trupp russischer Soldaten, dem sie als Pressefrau getarnt folgt, wird immer kleiner. Mutter und Sohn kommunizieren via Sprachmitteilung per Handy &#8211; immer ist \u00fcberall Empfang&#8230;<\/p>\n<p>Das Irritierendste an diesem Film ist aber, dass regelm\u00e4\u00dfig animierte Elemente vorkommen. Wenn der Junge statt Menschen Roboter sieht und statt Panzern transformer\u00e4hnliche Kreaturen, dann kann man das als die Verdeutlichung des kindlichen Vorstellungsverm\u00f6gens und der \u00dcberforderung akzeptieren. Und auch die Animation von Geschossen und Feuer ist noch verst\u00e4ndlich. Wenn die Mutter allerdings \u00fcber eine Stadt fliegt und ein zerbrochenes Handy durch einen Zauberspruch wieder funktioniert, dann kann ich nur eine Botschaft erkennen: Manche Menschen in Russland haben \u00fcbernat\u00fcrliche F\u00e4higkeiten. Das ist ja auch denkbar, aber eine Verwendung solcher Effekte in einem <em>Spielfilm <\/em>\u00fcber ein <em>tats\u00e4chliches <\/em>Ereignis der j\u00fcngsten Vergangenheit finde ich nicht legitim!<\/p>\n<p>Wir haben gelacht bei diesem Film &#8211; \u00fcber lustige Szenen, merkw\u00fcrdige Effekte und unvorstellbare Szenen. Wir haben Schokolade gegessen und Tee getrunken.<\/p>\n<p>Aber wir in Europa sehen das alles falsch: Nicht Russland hat mit massiver \u00dcbermacht und neuster Technologie gegen ein georgisches Heer gek\u00e4mpft, um die Staatsmacht und das Staatsselbstverst\u00e4ndnis zu demonstrieren. Ich habe gesagt, dass die meisten Menschen in Deutschland nur wenig \u00fcber diesen Konflikt wissen. Aber nein: &#8222;It&#8217;s true: All germans think that!&#8220;<\/p>\n<p>Und nun bin ich auch wieder beim dritten Absatz dieses Artikels angekommen: Man lacht \u00fcber einen Film, der trotz des Anspruchs, die Wirklichkeit darzustellen, zu tief in die Trickkiste greift und sagt am Endes deutlich, dass dies die Wahrheit war. Ich verstehe das nicht!<\/p>\n<p>Aber wenn man bedenkt, dass die politische Mitbestimmung erst 106 Jahre alt ist und ein Gro\u00dfteil dieser Zeit nur als Farce bestand, dann ist die Zeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR die freieste und demokratischste Zeit dieses Landes seit Entstehung.<\/p>\n<p>Das Deutschland um 1965 (also rund 20 Jahre nach Kriegsende) w\u00fcrde unsere oder die heutige Generation auch nicht mehr zufriedenstellen. Und das Deutschland, was wir kennen, ist in einem internationalen Kontext &#8222;erwachsen geworden&#8220; und nicht in einer weltpolitischen Konkurrenz. Ein Vergleich Deutschlands mit Russland, oder eine Beurteilung dieses Landes mit unseren Wertma\u00dfst\u00e4ben ist darum unm\u00f6glich. Weil wir aber nichts anderes tun k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir kommen und schauen. Und leben und erleben.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte aber auf keinen Fall die politischen oder sozialen Zust\u00e4nde verharmlosen oder leugnen. Aber da unsere private Entr\u00fcstung nichts \u00e4ndert und die internationale Emp\u00f6rung die Fronten nur verh\u00e4rtet, m\u00fcssen wir der russischen Gesellschaft Zeit und Vertrauen schenken. Das f\u00e4llt deshalb wahrscheinlich so schwer, weil Russland gro\u00df und bedeutend ist (Malt einmal auf einer Weltkarte Russland rot an! Das ist &#8211; ganz grob und subjektiv &#8211; 1\/5 der Welt!). Aber in einem Land, wo 180km noch <em>Nachbarschaft<\/em> sind, geschieht das Leben und Entwicklung in anderen Dimensionen.<\/p>\n<p>Was ich geschrieben habe, ist ausschnitthaft, unvollst\u00e4ndig, ziemlich subjektiv und vielleicht auch nicht sinnvoll. Auf jeden Fall ist es anfechtbar und zu diskutieren. Aber ich denke, dass es ein Ziel von einem Freiwilligendienst oder einem Aufenthalt im Ausland ist, dass man denkt &#8211; neu denkt &#8211; anders denkt. Und \u00fcberdenkt. Und wenn ich in einem Monat oder einem Jahr diesen Text lese, schreie ich vielleicht: &#8222;Nein!&#8220; und greife mir an den Kopf &#8211; oder ich nehme den Rotstift und ver\u00e4ndere und erg\u00e4nze. Oder es gibt diesen Text gar nicht mehr&#8230;<\/p>\n<p>Hier kann man nachlesen, sich informieren:<\/p>\n<ul>\n<li><a title=\"S\u00fcdossetien\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/S%C3%BCdossetien#Geschichte\" target=\"_blank\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/S%C3%BCdossetien#Geschichte<\/a><\/li>\n<li><a title=\"FAZ: Pr\u00e4sidentschaftswahl in Russland\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/praesidentschaftswahl-in-russland-brot-fuer-die-provinz-und-politische-spiele-fuer-die-staedter-11673377.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/praesidentschaftswahl-in-russland-brot-fuer-die-provinz-und-politische-spiele-fuer-die-staedter-11673377.html <\/a>Interssant ist hier der Bezug auf die r\u00f6mische Republik im Titel&#8230;<\/li>\n<li><a title=\"FAZ: Putins Vergangenheit\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/putin-und-eine-unangenehme-alte-geschichte-11701019.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/putin-und-eine-unangenehme-alte-geschichte-11701019.html<\/a> Ziemlich aktuell: Die Vergangenheit ist noch nicht vergangen&#8230;<\/li>\n<li><a title=\"Geschichte Russlands\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geschichte_Russlands\" target=\"_blank\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geschichte_Russlands<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass Russland auch (aber nicht nur) ein Land der Konflikte ist, wird uns in Deutschland durch den Geschichtsunterricht und die aktuelle Berichterstattung in den Medien regelm\u00e4\u00dfig vermittelt. 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