{"id":93,"date":"2015-10-29T15:56:41","date_gmt":"2015-10-29T14:56:41","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=93"},"modified":"2015-10-29T15:56:41","modified_gmt":"2015-10-29T14:56:41","slug":"versuch-und-irrtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/10\/29\/versuch-und-irrtum\/","title":{"rendered":"Versuch und Irrtum"},"content":{"rendered":"<p>Adele hat gute Chancen, den Youtube-Hit des Jahres zu landen. Das hatte ich gerade gelesen und mir gedacht, na gut, dann h\u00f6re ich mir das doch mal an, so in der Pause, ist gerade niemand da, also Kopfh\u00f6rer auf, Vollbild an und bitte. Nach der zweiten Songzeile schluchzte ich bereits hemmungslos. Ich frage mich, wann ich das letzte Mal so haltlos und leidenschaftlich und befreiend geheult habe. Anscheinend geht das ja noch mehr Leuten so, wenn die Gute bereits mehr Klicks hat als der neue Star-Wars-Trailer. Ist ja auch irgendwie beruhigend und weniger schmalzig, wenn man so bei sich denkt: &#8222;Okay, gut, die besingt nicht nur genau deinen Kram, das geht auch noch gut einer Million anderen Leuten so&#8220;. Leider kommt man dann doch auf sehr schmalzige Ideen. Wenn Geburtstag und Weihnachten n\u00e4her r\u00fccken, dann h\u00e4ngt halt immer so ein sehr gro\u00dfer Zwangsgleichgewichtsdruck in der Luft, alles will man sch\u00f6n und bereinigt haben und da passen so Adele-Texte und jede Nacht fieser zubei\u00dfende Alptr\u00e4ume eben gerade nicht so. Versuchen ist gut und Zeit vergehen lassen auch aber uncool, wenn man doch nur so im luftleeren Raum h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Normalerweise schiebe ich das ja auch ganz gekonnt weg, es gibt ja so viel zu organisieren. Dienstag stand nun das gro\u00dfe Konzert an, das dann doch nicht ganz so gro\u00df ausfiel, weil kaum Leute gekommen waren. Ich glaube, der deutschen Band zumindest war das nicht ganz so genehm, obwohl sie sich nat\u00fcrlich h\u00f6chst professionell nichts anmerken lie\u00dfen. Die Kinder waren goldig wie immer, tanzten und sangen auf ihre entz\u00fcckende, leichte Art und Weise und strahlten mich an und mal traute eine sich auch, was zu sagen &#8222;You are beautiful!&#8220;, das h\u00f6rt man hier oft aber ihr kaufte ich das tats\u00e4chlich ab, obwohl sie mit ihren goldenen Ohrringen und dem strahlenden L\u00e4cheln nat\u00fcrlich viel sch\u00f6ner war. danach bekamen alle Jollof Rice und Chicken und eine Fanta und Becky erkl\u00e4rte mir, dass einige von den Kids vielleicht nie Chicken bekommen und auch sie damit aufgewachsen ist, dass es sowas eigentlich nur an Weihnachten gab. Ich war umso gl\u00fccklicher, dass wir den Lieben eine derartige Freude bereiten konnten. Manchmal kann man eben doch genau das Richtige machen. <\/p>\n<p>Gestern Abend konnte ich endlich mal wieder Spanisch sprechen, eine ganze Stunde lang, mit meiner lieben Petra, mit der ich ein halbes Jahr in Chile in unserer Knuta zusammen gewohnt hatte. Das war wieder mal eine dieser seltsamen Weltvermischungen, wir waren uns einig, dass wir der Zeit stetig, aber ungewollt nachtrauerten und wussten, dass sie einmalig und unwiederbringlich ist. Das f\u00fchlt sich schal an, aber wir versuchen ja, das Beste daraus zu machen, wie gesagt. Vor genau zwei Jahren hatten wir unsere Trampertour durch Chil\u00f3e und schwelgten in Erinnerungen. Wie das so ist mit den Erinnerungen, beziehen die ja leider auch immer Ecken mit ein, die nunmehr tabu sind und in die man sich wirklich nicht verkriechen will aber dann wird etwas erw\u00e4hnt und dann ist es schon da und man hat es geh\u00f6rt und will eigentlich gleich wieder zur\u00fcck und das vergessen und verh\u00f6ren aber der Magen krampft sich schon ganz widerlich zusammen. Na jedenfalls geht es weiter, alles dreht sich weiter und wir gehen weiter. Wir sind ja nicht vorbei. Und damit hatte ich dann an einem Tag vier Sprachen gesprochen und war gl\u00fccklich dar\u00fcber. Man ist hier eben viel besch\u00e4ftigt. Das ist das richtige Leben jetzt, mit 40-Stunden-Woche Plus und auf eigene Faust. Ich bin oft f\u00fcr mich, aber nicht einsam. manchmal ist es gut, einfach f\u00fcr sich zu sein. Viel Nachdenken. Und dann \u00fcber den Berg kommen.<\/p>\n<p>Es gab dann hier eine Lesung von Prof. Anyidoho, der diese begann, indem er eine indigene Weise sang, die angeblich von seinem Onkel komponiert wurde. Ich war hin und weg und stellte mir einen deutschen Professor vor, der seine Lesung mit &#8222;Theo, spann den Wagen an&#8220; beginnt. Warum wird so wenig gesungen, im akademischen Kontext? Warum hat Gesang so einen niedrigen Stellenwert in meiner Kultur? Oder, vielleicht keinen niedrigen, aber einen so auf einen breiche festgelegten, warum gibt es da keine \u00dcberlappungen in andere Bereiche? Das war jedenfalls der genialste Icebreaker aller Zeiten. Alles war still. Der Professor hatte nun die ungeteilteste Aufmerksamkeit. Das einzige Ger\u00e4usch kam von den ab und zu \u00fcber uns her flatternden Flederm\u00e4usen. Kleine Batmans. Mir gefiel seine Lyrik und die Art und Weise, wie er sie vortrug. Ein weiser, alter Mann, der \u00fcber sich selbst lachen konnte und sich selbst auch sehr kritisch sah. Mubarak war gekommen, ein \u00e4u\u00dferst sympathischer Kerl aus meinem Franz\u00f6sischkurs, &#8222;Bonsoir Elisa&#8220; h\u00f6rte ich auf einmal von hinten und dann setzten wir uns gemeinsam an den Tisch und lauschten und ich erkl\u00e4rte ihm meine Canon und jetzt m\u00f6chte er auch gerne so eine. <\/p>\n<p>Irgendwann schlief ich dann sp\u00e4ter in meinem B\u00fcro auf dem Schreibtisch ein, eigentlich wollte ich nur die Kamera wegbringen und dann auf Becky und ihren Fahrer warten, aber ich hielt nicht mehr wirklich meiner M\u00fcdigkeit stand. Schlie\u00dflich nahm mich der Soundtechniker im Auto mit, vorher hatte ich noch erfahren, dass einer unser Wachm\u00e4nner, ein sehr gro\u00df gewachsener, den ich noch nach seiner Gr\u00f6\u00dfe fragte, er darauf aber nur sch\u00fcchtern wegschaute und l\u00e4chelte (anscheinend ist es hier peinlich, um die 2 Meter zu sein), einen Doktor gemacht hatte, ein Ingenieur war, aber nun viel zu teuer f\u00fcr den Arbeitsmarkt sei, das meinte Becky. Das tat mir in der Seele weh, ich wollte ihn anschreien und ihm sagen &#8222;Meine G\u00fcte, Sie sind ein so kluger und sympathischer Kerl, ich flehe Sie an, bitte machen Sie etwas aus sich und vertun nicht ihr Leben in diesem wei\u00dfen Security-Shirt!&#8220;, da kam dann das Auto und nahm mich mit in die Nacht. Am gleichen Tag meinte mein Twi-Lehrer Chambas zu mir: &#8222;Freiheit gibt es nicht in Ghana&#8220;. Ich habe gestern viel gelernt. <\/p>\n<p>&#8222;At least I can say that I&#8217;ve tried&#8220;. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Adele hat gute Chancen, den Youtube-Hit des Jahres zu landen. 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