{"id":91,"date":"2015-10-26T19:57:44","date_gmt":"2015-10-26T18:57:44","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=91"},"modified":"2015-10-26T19:57:44","modified_gmt":"2015-10-26T18:57:44","slug":"weisses-pulver-und-leichte-maedchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/10\/26\/weisses-pulver-und-leichte-maedchen\/","title":{"rendered":"Wei\u00dfes Pulver und leichte M\u00e4dchen"},"content":{"rendered":"<p>Meine erste ghanaische Schokoladentafel ist fast alle und ich erinnere mich an die ghanaische Schokolade in Paris, bei Patrick Roger, 75%ige Wuchermasse, hier ganz bescheiden und mit einem wei\u00dfen Film \u00fcberzogen, erinnert an Kuchenglasur, meinte Kathi. Stimmt, da z\u00fcndet dann einfach wieder das alte Rodolphe-Lindt-Conge-Argument. Ich esse sie trotzdem und denke dabei an Weihnachtskalenderschokolade, bald ist es ja wieder soweit, aber zun\u00e4chst erst mal Halloween. Wir schmei\u00dfen eine Party am Samstag, das soll ganz gro\u00df werden, mit vielen Wurstfingern und blutigen T\u00fcchern und was sonst noch dazu geh\u00f6rt. Vielleicht kriegen wir es ja sogar hin, einen traditionellen K\u00fcrbis zu schnitzen. Kathi haut erst mal rein am Mittwoch und kommt erst Samstag wieder, das ist nat\u00fcrlich schade, weil sie eigentlich Hauptinitiatorin war, aber wir machen das schon alles irgendwie, hier klappt das auch immer ohne viel Vorbereitung. <\/p>\n<p>Als wir uns dann am Samstag so langsam aus den Betten rollten, auf der Veranda den Gossip der letzten Nacht austauschten und einen ausgiebigen Snack zu uns nahmen, ging es daran, die n\u00e4chste Night out zu planen. Diesmal sollte es nach Kokrobite gehen. Insgeheim spielte ich ja immer noch mit dem Gedanken, einfach doch als Roadie mit nach Takoradi zu fahren, der Hipsterdrummer hatte mir dann tats\u00e4chlich noch geschrieben und mir gesagt, wann ich wo sein sollte, das hatte alles schon wieder was sehr Cineastisches. Aber ich wollte nur pennen, ich wollte nicht dort um 10 auf der Matte stehen und wollte auch nicht mit den eher arrogant und d\u00fcnkelig wirkenden anderen beiden Bandmitgliedern in ein Auto gepfercht werden und mir deren Selbstbeweihr\u00e4ucherung anh\u00f6ren. Also drehte ich mich nochmal um und entschied mich doch f\u00fcr Kokrobite. Dort sollte n\u00e4mlich eine dicke, fette Oboruniparty steigen, erst sp\u00e4ter erfuhren wir, dass ein gewisser Tony zu seinem 40. Geburtstag lud. Das h\u00f6rte sich erst mal nach einer \u201e10 nackte Friseusen\u201c- Ballermannparty an, entpuppte sich dann aber zu etwas ziemlich Magischem. Aber dazu sp\u00e4ter mehr. <\/p>\n<p>Als erstes besuchten wir n\u00e4mlich am Nachmittag die 10th annual Vegfair in Osu und waren sehr \u00fcberrascht von der recht \u00fcppigen vegetarischen community, die sich doch in Accra aufzuhalten schien. Es gab Schokoladen- und Kokosbrot, frischen Ananassaft und Tofukekse, die an Tassensuppenpulver erinnerten. Wir sa\u00dfen dann ein bisschen in der Sonne und tankten unsere Batterien auf, weil es ja schon bald darauf nach Kokrobite gehen sollte. <\/p>\n<p>Herausgeputzt und aufgebrezelt machten wir uns schlie\u00dflich auf den Weg, Kathi, Beatriz und ich, wartend auf eine franz\u00f6sische Freundin von Bea, die schon bald so nervte, dass ich mir gew\u00fcnscht h\u00e4tte, mich irgendwie anders im Taxi hingesetzt zu haben. Nach \u00fcber einer Stunde fragw\u00fcrdigem Gequatsche und noch fragw\u00fcrdigeren Witzen von meiner rechten Seite her, zwischenzeitlich gepaart mit grobschl\u00e4chtigen Anremplern hatte ich die Alte sowas von satt und war \u00fcberrascht und absolut erleichtert, als Kathi sich, endlich am Ziel angekommen, dankbar in meinen \u201eDie Alte nervt mich ja so unglaublich\u201c-Kanon mit einreihte. Wir kamen dann zu dem Schluss, dass man nun, mit Mitte Zwanzig, eine zumindest so gut ausgebaute Menschenkenntnis hat, dass man bei manchen Leuten einfach auf Anhieb wei\u00df \u201eDie sind einfach bescheuert\u201c. Ohne Vorbehalte, mit sehr gutem Willen, man l\u00e4sst sich ja gern drauf ein und fragt nach und ist ganz freundlich, aber wo nur Schei\u00dfe kommt, da ist halt nicht gut Kirschen essen. Wir hielten dann eher unseren Abstand, nahmen noch einen kleinen Indomie-Snack, der mir beinah den gesamten Mundraum wegbrannte (wie machen die Ghanaer das?) und dann ging es auch schon zu Tonys Party. Die war High End. Es gab Koks und Nutten. Und das ist nicht metaphorisch oder figurativ gemeint. Es gab einfach Koks und Nutten, Letzteres wurde mir mehrmals angeboten, ich lehnte dankend ab. Die Party war also alles andere als Ballermann, eher so Californication-Beachparty-Style. Wir waren n\u00e4mlich tats\u00e4chlich direkt am Meer, am Strand, die Musik dr\u00f6hnte mit wohlbekannten Mainstreamkl\u00e4ngen auf Englisch und Franz\u00f6sisch, das Wasser war warm und man dachte an alte Zeiten an der Copacabana. Da gab es eine kleine Insel, da konnte man tanzen, es wurden dann Lampions angez\u00fcndet und die stiegen in den tiefschwarzen Himmel hinauf, vom Rauschen der Wellen begleitet. <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wurden wir von drei Indern angequatscht, das hei\u00dft, von einem zun\u00e4chst, der meinte, seine Kumpels w\u00fcrden uns doch so toll finden und verkuppelte uns dann leicht peinlich mit denen. Die gaben dann erst mal eine Runde Gin Tonic, nachdem wir ein bisschen gequatscht hatten und ich den einen wiedererkannte, der bei seinem A1-Examen die ganze Zeit \u00fcber den Eindruck machte, zu spicken. Irgendwie sah der auch eher aus wie so ein kleiner Latino, Kathi hatte den gr\u00f6\u00dferen Modeltypen an der Backe, es wurde angesto\u00dfen und die Luft war sehr warm, die Musik laut, man schrie und am\u00fcsierte sich. Irgendwann l\u00f6ste sich diese Runde dann auf, wir lie\u00dfen unsere Blicke durch die Menge schweifen und Kathi wies mich dann auf einen blonden Oboruni hin, der ihrer Meinung nach mein Typ zu sein schien. Jajaja, mal ganz ruhig, wir hatten ja alles unter Kontrolle, au\u00dferdem habe ich hier Folgendes gelernt \u201eI don\u2019t need to take a second look at another man because I already have got the best\u201c. Das stimmt ja auch. Also nehmen wir immer nur einen Blick und das war\u2019s dann. Dieser blonde Oboruni entpuppte sich als ein Deutscher, der so stralle war, dass wir zun\u00e4chst dachten, der w\u00e4re vielleicht gar nicht in Deutschland aufgewachsen, weil seine Sprache so seltsam war. Der dr\u00fcckte mir dann den obligatorischen Backenschmatzer auf, als der eine Franzose, den wir liebevoll Udo J\u00fcrgens nannten (aber in seinen guten Jahren und ohne Schmalzattit\u00fcde), mich beobachtete. Keine Chance, der Babbelbade, der sich aber doch eher wie ein G\u00f6ttinger anh\u00f6rte, hatte mich fest im Plaudergriff und irgendwann ging es dann tanzen, wir tanzten mit dem Inder und dem Baden und nem anderen b\u00e4rtigen Deutschen einfach so, als w\u00e4ren wir alte Schulfreunde, schnell machten wir klar, dass wir nicht einen auf sexy Lapdance machen wollen, also war die Stimmung ausgelassen und bro-zone-ig.<br \/>\n Da war dann noch dieser eine Typ, der sah aus wie ein Schauspieler aus \u201e12 years a slave\u201c, der plauderte dann mit mir und wollte mir irgendwelche Pillen andrehen, nachdem ich ihm von \u201eder verr\u00fccktesten Sache, die ich je gemacht habe\u201c erz\u00e4hlt hatte. Der war eigentlich ganz cool und hatte lange in England gelebt, dachte das auch von mir und sp\u00e4ter sah ich ihn noch mit nem anderen Schnuffbruder verstohlen aus dem Klo kommen. Der Tony war ganz happy \u00fcber seine Klientel an diesem Abend, glaube ich. Auf jeden Fall kann er dann sp\u00e4ter, wenn er gro\u00df ist, mal erz\u00e4hlen: \u201eJa, so war also mein 40. Geburtstag\u201c. Wir jedenfalls hatten Spa\u00df, am Ende holte ich mir noch einen Burger und setzte mich gl\u00fccklich und satt ins Taxi, die Alte, die wir pb der sch\u00f6nen Eignung zum \u201ereinhauen\u201c Wortspiel kurzerhand Ryan getauft hatten, sa\u00df wieder neben mir, hielt sich aber zum Gl\u00fcck zur\u00fcck und ich schlief auf Beas Schulter ein, die Nacht immer noch warm, der Fahrtwind angenehm auf unserer Haut. <\/p>\n<p>Gestern war dann Dumsor den ganzen Tag, da gab es neulich erst einen ganz interessanten Spiegel-Artikel dr\u00fcber, Ghanas Energieversorgungsproblem, k\u00f6nnt ihr ja mal googlen, denn mein Internet ist gerade passenderweise so lahm, das nichts wirklich funktioniert. Das Ganze war nat\u00fcrlich etwas nervig, weil wir f\u00fcr 24 Stunden von jeglichem Strom abgeschnitten waren und das bei konstanten 30 Grad, also nichts mit Ventilator oder so. Mein Zimmer schimmelt best\u00e4ndig und auch der Spiritus, den ich mir zur Bek\u00e4mpfung geholt habe, h\u00e4lt leider nicht lange vor. Aber das bleibt eben nicht aus bei einer Luftfeuchtigkeit von 80%.<br \/>\nWir r\u00fcckten dann n\u00e4her zusammen, Max\u2019 Kumpeline Vivianna hatte f\u00fcr uns alle gekocht, eine deutsch-ghanaische Familie mit zwei s\u00fc\u00dfen Kidern war auch am Start, genauso wie ein Deutsch-Ghanaisches, frisch verheiratetes Ehepaar, wir sa\u00dfen da also im Dunkeln, hatte eine kleine taschenlampenartige Lichtquelle und lie\u00dfen es uns schmecken, ein Hoch auf den Gasherd. Das Ganze hatte dann etwas von einer ruhigen Zombieapokalypsenszene, vielleicht habe ich auch nur zu viel \u201eThe Walking Dead\u201c gesehen. Jedenfalls ist der Strom jetzt wieder da, aber das Internet m\u00f6chte noch nicht so recht, glaube ich. <\/p>\n<p>Jetzt lebt ihr \u00fcbrigens nur noch eine Stunde getrennt von mir in der Zukunft. Ich mach mir jetzt mal ein Omelette oder sowas. Das war der zweite Streich f\u00fcr heute, der n\u00e4chste kommt dann sch\u00e4tzungsweise in drei Tagen. Jetzt will ich mich doch wirklich mal wieder an meinen Rhythmus halten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine erste ghanaische Schokoladentafel ist fast alle und ich erinnere mich an die ghanaische Schokolade in Paris, bei Patrick Roger, 75%ige Wuchermasse, hier ganz bescheiden und mit einem wei\u00dfen Film \u00fcberzogen, erinnert an Kuchenglasur, meinte Kathi. 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