{"id":77,"date":"2015-10-21T17:31:21","date_gmt":"2015-10-21T15:31:21","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=77"},"modified":"2015-10-21T17:31:21","modified_gmt":"2015-10-21T15:31:21","slug":"lieber-auf-seine-eigene-stimme-hoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/10\/21\/lieber-auf-seine-eigene-stimme-hoeren\/","title":{"rendered":"Lieber auf seine eigene Stimme h\u00f6ren"},"content":{"rendered":"<p>Gerade komme ich aus einem Meeting mit einem sehr kleinen Franzosen, der mich unwillk\u00fcrlich an eine sehr haarige Version von Phil Collins erinnerte, und seiner Kollegin, die mir besonders sympathisch wurde, als sie bei dem Satz \u201eBei kulturellem Eventmanagement schaut man immer in die Zukunft!\u201c gedankenverloren ins Leere blickte. Ich habe sicherlich genauso gedankenverloren drein geblickt, gelegentlich, denn ich glaube, ich werde in der Gesellschaft von Franzosen immer ein bisschen gedankenverloren. Dann denke ich an meinen eigenen Franzosen und an den Tag, an dem wir uns wiedersehen. 98 noch. Zweistellig. 18 bis 80. Bis zur H\u00e4lfte.<br \/>\nMeine Ebony-and-Ivory-Schokolade ist leider alle, Lisa und ich haben gerade die letzten beiden St\u00fccke verputzt und wir haben beide schon wieder Hunger. Ich gehe wohl gleich vor dem Twi-Kurs nochmal zur Obst-Uschi, wie wir sie liebevoll getauft haben. Und ich bin m\u00fcde. Gestern bei der Tagesschau bin ich einfach eingeschlafen, seitlich gequetscht auf meinem Kopfh\u00f6rer, sch\u00f6ner Abdruck auf der Backe, sieht ja um die Zeit zum Gl\u00fcck eh keiner mehr. Ich habe mal gez\u00e4hlt: all meine Veranstaltungen eingerechnet bin ich jetzt bei einer 48,5-Stunden-Woche. Darauf muss ich mich wohl erst mal einpegeln. Das l\u00e4uft so noch bis zum 15. Dezember. Geht. <\/p>\n<p>Ich hatte noch gar nicht von meiner freit\u00e4glichen Christenepisode erz\u00e4hlt. Ich sa\u00df da so in meiner Bibliothek, na eigentlich stand ich gerade, weil ich mir ein Buch ansah, aus dem Regal der Neuzug\u00e4nge, da kam ein Ghanaischer K\u00fcnstler, mit dem wir hier im Rahmen einer Ausstellung zusammenarbeiten. Der hat mich dann ungef\u00e4hr eine Stunde lang zugelabert. Ich wurde im Vorhinein schon gewarnt, dass sich bereits viele andere ghanaische K\u00fcnstler und Kollegen von ihm abgewandt hatten, weil er wohl allen ein bisschen zu sektenm\u00e4\u00dfig drauf ist. Ich setzte also meinen sehr durchdringenden \u201eIch bin ein toleranter, aber \u00fcberzeugter Atheist\u201c-Blick auf und lie\u00df erst mal wie Gro\u00dfmutter Weide alles auf mich einwirken. Zun\u00e4chst schenkte er mir eine Ananas. Hatte etwas Komisches, im Sinne von etwas Lustiges. Dann lie\u00df er sich dar\u00fcber aus, wie positiv meine Ausstrahlung doch sei und dass immer, wenn er in meiner Aura st\u00fcnde, er in eine Art trance\u00e4hnlichen Zustand versetzt w\u00fcrde. Ich bedankte mich h\u00f6flich und erkl\u00e4rte das damit, dass ich eben versuche, stets das positive in Situationen zu sehen, da man ja nur ein Leben h\u00e4tte und das nicht mit mieser Laune verplempern sollte. Er stimmte mir eigentlich bei jeglichen meiner Aussagen zu. Das Prediger-Zepter wurde also zwischen uns immer hin- und her gereicht. Er schien mich zu analysieren, meinte dann, er h\u00e4tte einen Hintergrund in Psychologie. Irgendwann sagte er dann unvermittelt, man m\u00fcsste auch dazu in der Lage sein, sich selbst zu vergeben: wenn man eine innere Stimme h\u00f6rte, die sagte \u201eEs ist jetzt Zeit, du kannst dir nun vergeben\u201c, dann sollte man dieser nachgeben. Auch, wenn das alles so eine leichte Aura der Christenbekehrung hatte, brachte mich das Gespr\u00e4ch dennoch irgendwie weiter. Ich habe fast t\u00e4glich Alptr\u00e4ume, weil ich dieser inneren Stimme offenbar noch nicht nachgeben kann. Soll das jetzt eine Art Absolution f\u00fcr mich sein? Ich wei\u00df es nicht. Ich finde nur, es ist endlich Zeit f\u00fcr bessere Tr\u00e4ume. <\/p>\n<p>Gut, f\u00fcr den einen Alptraum war ich neulich selbst verantwortlich, der war aber auch nicht einer von den typischen, wiederkehrenden, mit dem gleichen b\u00e4rtigen Gesicht. Ich war hoch oben und hing an einer Strickleiter, meine F\u00fc\u00dfe rutschten und eigentlich war es unm\u00f6glich, sich mit seiner reinen K\u00f6rperkraft dieses letzte St\u00fcck da hochzuziehen. Ich hasse diese Vertigotr\u00e4ume. Aber wie gesagt, ich bin selbst schuld, oder vielleicht war es auch einfach der Leuchtturm selbst. Leuchtt\u00fcrme sind ja auch sehr beliebte Horrorfilmmotive, sp\u00e4testens seit \u201eThe Ring\u201c. Am Sonntag hatten wir n\u00e4mlich einen sehr sch\u00f6nen Vormittag, weil uns der deutsche Soldat, ein alter Haudegen und Junggeselle, aus unserem Twi-Kurs zu einer kleinen Accra-Tour in seinem Milit\u00e4rjeep eingeladen hatte (der kurzerhand die Rolle einer Trockensauna \u00fcbernahm, alter Schwede, das ich so schwitzen kann, war mir auch noch nicht bewusst). Der Soldat wusste viel und wir genossen die Fahrt und die Insidertips, demn\u00e4chst muss ich unbedingt einen der Kunstm\u00e4rkte aufsuchen. Unsere kleine Spritztour endete nach ungef\u00e4hr zwei Stunden mit dem Leuchtturm von Jamestown, dessen Stufen wir dann 40 Meter in die H\u00f6he wanderten. Leider war die Wendeltreppe sehr schmal und hatte auch kein wirkliches Gel\u00e4nder und ganz oben stand dann so eine nicht ganz so zuverl\u00e4ssig erscheinende Wackelholzleiter f\u00fcr die letzten Meter bis zur Aussichtsplattform. Meine Beine schlotterten also, mein Herz raste und meine Atmung schnappte. Es war nicht sch\u00f6n. Aber daf\u00fcr hatte es sich dann gelohnt (ich muss endlich mal diese Bilder hochladen). <\/p>\n<p>Am Samstag hatten Kathi und ich vor unserem zweiten Theaterst\u00fcck an diesem Wochenende eine besonders gro\u00dfe Ehre, da wir von unserem Boss und ihrem Mann zum Pizzadinner eingeladen wurden. Das hatte etwas besonders Niedliches, wie wir da so sa\u00dfen, alle vielleicht etwas unbeholfen ob der peinlichen Situation, wenn man also diesen Rahmen des Professionellen verl\u00e4sst und pl\u00f6tzlich Businessmeeting gegen Pizzadinner und Cheesemuffin eintauscht. Ich k\u00f6nnte mich ja noch in stundenlange Ausschm\u00fcckungen dieses Abends verlieren, aber f\u00fcr den Moment belasse ich es dabei: ich finde es sch\u00f6n, wenn man einen Boss hat, der so was auch mal machen kann. Jedenfalls ging es danach wieder ins bereits wohlbekannte Nationaltheater, der Bass der Lifestylefair wummerte schon oder immer noch und diesmal wurde mein Brecht verw\u00f6hntes Theaterherz auf eine noch h\u00e4rtere Probe gestellt. Zwei Worte: Product Placement. Im Theaterst\u00fcck. Und zwar ohne irgendeine k\u00fcnstlerische Intention, rein kommerziell und mit der Faust in die Magengrube. Das tat wirklich weh. Das geht einfach nicht. Bei der Kleinb\u00fcrgerhochzeit packt auch keiner seine Clubmateflasche aus, da h\u00e4ngt auch dann kein gro\u00dfes Schild davon rum, und erw\u00e4hnt beil\u00e4ufig, wie gut die schmeckt. Es war einfach nur traurig mit anzusehen. Jaja, ich erw\u00e4hnte ja schon, keine Subventionen f\u00fcr Kunst, aber muss man diese dann derartig auf die Stra\u00dfe schicken? Ich wei\u00df es nicht, ich fand alles fragw\u00fcrdig, nat\u00fcrlich bin ich offen gewesen f\u00fcr dieses St\u00fcck und \u00fcber den einen Kandidaten musste ich auch wirklich regelm\u00e4\u00dfig lachen. Es war sehr interessant zu sehen, wie Theaterkultur hier verstanden wird. Ich sagte das bereits, aber gerade bei diesem St\u00fcck war das nochmal h\u00f6chst interessant. Wenn Theater die Position des Kinos eingenommen hat. Wenn Leute hinter dir mit Popcorn rascheln und die Typen auf einmal zu pfeifen anfangen oder obsz\u00f6ne Zwischenrufe los lassen, wenn eine Schauspielerin lediglich die B\u00fchne betritt. Ich wollte weinen und der Popcorngeruch bewirkte einen Brechreiz. Aber was soll ich sagen, ich beschwere mich nicht, ich beobachte nur und nehme zur Kenntnis. Ich m\u00f6chte niemanden bekehren, jeder nach seiner eigenen Fa\u00e7on.<\/p>\n<p>Heute Abend beginnt hier ein Filmfestival, ich hoffe allerdings, dass ich mich p\u00fcnktlich um 17 Uhr hier davon schleichen kann, weil wir heute gerne ins Honeysuckle gehen wollten, mit Beatriz\u2018 Spaniern, ich will endlich mal wieder Spanisch sprechen (nachdem mich neulich ein Ghanaischer Bibliotheksbesucher auf Spanisch anquatschte und wir kurz plauderten), da l\u00e4uft heute eine Partie f\u00fatbol. Cruzenme los dedos, chiquillos! \ud83d\ude09<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade komme ich aus einem Meeting mit einem sehr kleinen Franzosen, der mich unwillk\u00fcrlich an eine sehr haarige Version von Phil Collins erinnerte, und seiner Kollegin, die mir besonders sympathisch wurde, als sie bei dem Satz \u201eBei kulturellem Eventmanagement schaut &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/10\/21\/lieber-auf-seine-eigene-stimme-hoeren\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1685,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-77","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1685"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":78,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77\/revisions\/78"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}