{"id":75,"date":"2015-10-19T18:22:42","date_gmt":"2015-10-19T16:22:42","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=75"},"modified":"2015-10-19T18:22:42","modified_gmt":"2015-10-19T16:22:42","slug":"es-kulturt-kulturig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/10\/19\/es-kulturt-kulturig\/","title":{"rendered":"Es kulturt kulturig"},"content":{"rendered":"<p>Ich schreibe immer noch ins Leere, weil ihr mich immer noch nicht sehen k\u00f6nnt. Aber Rettung naht. Unser Server-Verantwortlicher streitet sich momentan mit den Leuten, die zust\u00e4ndig f\u00fcr die \u201e.de\u201c-Vergabe zust\u00e4ndig sind. Die stell ich mir vor wie die Grauen Herren. Sind sicherlich eiskalte Typen. Das kann sich also noch eine Weile hinziehen, bis der Schreibhahn wieder aufgedreht wird. Bis dahin bleiben meine Texte sicher in der Schublade, um eines Tages auf euren Bildschirmen aufzutauchen. <\/p>\n<p>Heute ist der Tag, an dem ich meine letzte Malariaprophylaxe einnehme. Das hei\u00dft, ich bin jetzt 35 Tage hier. Ein kleines Res\u00fcmee gab es ja neulich schon (wovon ihr nat\u00fcrlich noch nichts wisst, weil ihr den Text ja noch nicht gelesen habt). Also kann ich mir das auch eigentlich sparen, man muss ja nicht doppel-moppeln und Zeit f\u00fcr pathetische Showdownreden ist ja noch lange nicht.<br \/>\nBecky ist f\u00fcr diese Woche krankgeschrieben und ich bin mehr oder weniger mein eigener Herr. Daf\u00fcr k\u00fcmmert sich unser Big Boss Anne umso r\u00fchrender um mich und fragt mich gelegentlich, ob es mir denn gut geht oder ich noch keinen Accra-Flash erlitten habe. Am Freitag und Samstag wollen wir zusammen mit ihrem Mann, Lisa und Kathi ins Theater fahren, da findet eine Musicalperformance am Freitag statt und ein politisches St\u00fcck am Samstag. Lisa meinte, da s\u00e4he es aus wie in der Semperoper, als ich Anne davon erz\u00e4hlte, l\u00e4chelte sie nur ihr typisches Schelml\u00e4cheln und meinte, sie w\u00e4re gespannt, was ich davon halten w\u00fcrde. Ich bin auch gespannt. Ich liebe das Theater!<\/p>\n<p>Mein Franz\u00f6sischkurs ist hinrei\u00dfend und ich f\u00fchle mich etwas schuldig, dass ich nicht die angesetzten f\u00fcnf Mal die Woche kommen kann, aber, offen gestanden, will ich das ja gar nicht. Ich wollte drei Mal die Woche. Die Alliance sagt Non. Also stehe ich jetzt nur drei Mal die Woche um 4:45 Uhr und zwei Mal die Woche um 5:45 Uhr auf, f\u00fcr unser Workout mit Max und Kathi. Wir nehmen das sehr ernst. Besonders Max, der jetzt immer mit Sean T pers\u00f6nlich trainiert, also vor uns auf einem kleinen Hocker im Laptop, der ist ein absolut amerikanischer Fitnesstrainer, der mit absolut amerikanischen Fitnessmodels in diesen Insanity-Videos herum springt und die Leute vor den Bildschirmen herumkommandiert. Ich f\u00fchle mich immer ein bisschen wie in meiner eigenen 80er-Jahre-Persiflage, fehlen nur noch die Stulpen und Stirnb\u00e4nder. Es bringt aber wirklich was, wenn man dann so unter die Dusche springt, dann verlangt der K\u00f6rper regelrecht nach diesem kalten Wasser, man tropft hier einfach bei der kleinsten Bewegung, kein Wunder bei einer Luftfeuchtigkeit von 80%. Normalerweise bin ich ja nicht so ein Schwitzer. Zumindest nicht so wie Max, der regelrechte Sturzb\u00e4che produziert, mir immer noch ein R\u00e4tsel. Ich habe wieder zwei Kilo verloren, was ich nur sehr ungern auf einen potentiellen neuen ungewollten Mitbewohner schieben m\u00f6chte. Seit meiner letzten Kur habe ich mich so angestrengt, kein hypothetisch wurmbelastetes Material zu mir zu nehmen. <\/p>\n<p>Am Freitag ist hier leider das komplette System ausgefallen, also konnte ich dann leider doch nicht mehr das beenden, was ich hier angefangen hatte. Irgendwie ging es mir auch ganz seltsam. In der Bibliothek war niemand, ich nutzte also die Zeit f\u00fcr ein kleines Schreibtischnickerchen, aus dem man jeden Moment schnell erwachen k\u00f6nnte, und schlief auch innerhalb weniger Sekunden ein. Das Ganze gipfelte dann in einen klassischen Krankheitsverlauf mit Schwindel, Kopfschmerzen und Fieber, den ich so gut wie m\u00f6glich, in meinem Theatersitz vor mich hin siechend, verdr\u00e4ngen wollte. Irgendwie scheint das auch geklappt zu haben, denn nach einer Schweineschwitznacht war mein Fieber am Morgen verschwunden, ich war zwar noch schwach auf den Beinen, konnte aber abends schon wieder gem\u00e4\u00dfigt das Haus verlassen. Aber mal in der Reihenfolge bleiben.<br \/>\nAm Freitag hatten wir n\u00e4mlich unsere erste Chorprobe bei meiner lieben Kollegin Lisa, die das unglaublich professionell veranstaltet hat, meinen gr\u00f6\u00dften Respekt! Ich habe mich wieder gef\u00fchlt wie in alten Schulchorzeiten (nur San hat nat\u00fcrlich gefehlt), die Lockerungs- und Einsinge\u00fcbungen, die Notenbl\u00e4tter, die Stimmverteilung. Wir waren wenige und leider hatte die indische Mutter mit ihrer unerzogenen kleinen Tochter ein Singtalent, was leider nicht nur gegen Null ging, sondern auch gleich Null war. Also Entschuldigung, aber wenn man keine einzigen, ich betone, keinen einzigen, Ton w\u00e4hrend der anderthalbst\u00fcndigen Probe treffen kann, dann ist man in einem Chor einfach mal falsch. Ich gehe ja auch nicht zum Fu\u00dfballtraining oder zum T\u00f6pferkurs. Manche Sachen mag man vielleicht cool finden, aber wenn man auf ein Projekt hinarbeitet, was bereits vor Weihnachten stehen sollte, dann kann man sich ja, im Interesse der anderen, bei nicht vorhandenen F\u00e4higkeiten zur\u00fcckhalten. Lisa blieb nat\u00fcrlich die Probe \u00fcber ausnahmslos professionell, am Ende reichten aber die Blicke, die wir uns zuwarfen aus, um das zusammenzufassen, was ich euch gerade erl\u00e4utert habe. Aber es gab auch einige Engelsstimmen, unsere Sopranistin zum Beispiel, die uns Mut machte, dass das doch etwas wird mit dem Weihnachtskonzert, und nat\u00fcrlich auch der \u201etollste Mensch der Welt\u201c, Felix, mit Zahnpastal\u00e4cheln und Butterstimme. Ich bin gespannt auf \u201eTausend Sterne sind ein Dom\u201c mit vielen samtenen Stimmen bei 30 Grad. \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Danach startete unsere M\u00e4delstour ins Theater, man f\u00fchlte sich irgendwie wieder klein, als w\u00e4re man mit einer Schulfreundin und ihrer Mama unterwegs, aber irgendwie auch nicht, weil die Mama ja normalerweise nicht gerade mal 11 Jahre \u00e4lter war, als man selbst. Es hatte also etwas sehr Niedliches von einer girls\u2018 night out, wir tratschten im Auto, holten uns vor dem Theater noch Chai Latte und Pizza und waren eben mal ganz privat (oder versuchten es zumindest). Lisa und ich mochten das sehr und als sie mir am Samstag einen kleinen Krankenbesuch abstattete und wir den Abend Revue passieren lie\u00dfen und auswerteten, kamen wir zu dem Ergebnis, dass es Anne sicher auch gefallen hat. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr. <\/p>\n<p>Ihr wisst ja noch gar nichts von der eigentlichen Auff\u00fchrung. Es war alles etwas, wie soll ich das sagen\u2026bizarr. Die Woche des Theaterfestivals wurde zun\u00e4chst auch f\u00fcr eine Lifestylefair benutzt, was bedeutete, dass das Nationaltheater mit allen m\u00f6glichen St\u00e4nden zugestellt war, die alles verkauften, von WC-Enten \u00fcber Erfrischungsgetr\u00e4nken bis hin zu Dekokram mit Motivationsspr\u00fcchen. Dazu wummerte eine laute Highlife-Musik, die leider auch w\u00e4hrend der Vorstellung nicht abgestellt wurde (ich stellte mir meinen guten alten DS-Lehrer Herrn Raubach vor, der wahrscheinlich aus einem Lippensch\u00fcrzen gar nicht mehr raus gekommen w\u00e4re). Es roch nach Mehrbettzimmer mit schlechter Durchl\u00fcftung und vielen nassen Handt\u00fcchern, aber da war pl\u00f6tzlich ein gutaussehender Oboruni und das war wieder einer dieser seltenen und seltsamen \u201eder letzte seiner Art\u201c bzw. \u201eMogli entdeckt, dass es auch noch andere Menschenwesen gibt\u201c-Momente.<br \/>\nEs gab dann zun\u00e4chst eine ungef\u00e4hr einst\u00fcndige Vorf\u00fchrung des Sinfonieorchesters, mit einer S\u00e4ngerin, die dann sogar eine Arie aus Carmen sang. Da ging mir das Herz auf und ich dachte an meinen Papa, der mir genau die fr\u00fcher immer vorgesungen hatte. \u201eEenmal noch de Carmen sehn!\u201c Herzlichen Gl\u00fcckwunsch nachtr\u00e4glich an dieser Stelle, lieber Papi. Wir wussten nicht wirklich, was das jetzt mit dem eigentlichen St\u00fcck zu tun hatte, genossen es aber dennoch. Das eigentliche St\u00fcck war dialoglos und f\u00fcr meinen Geschmack ein bisschen klischeehaft oder Single-Stories-anheizend, weil es s\u00e4mtliche Afrikaklischees bediente, die einem so einfallen. Allerdings war das Zusammenspiel aus Bewegung und Musik sehr stark und eher angelehnt an das epische Theater. Nach meiner ersten Ghanaischen Theatererfahrung war ich also sehr gl\u00fccklich und zufrieden, ich hatte gesehen, wie man hier Theater sieht und versteht und war dennoch froh, dass ich in einem Land aufgewachsen bin, in dem Kultur ausreichend subventioniert wird. Dazu aber im n\u00e4chsten Eintrag mehr. Der sollte mal noch heute Abend kommen (wenn ich nicht ersch\u00f6pft von der Welt wieder beim Tippen einschlafe).<br \/>\nJebeshia!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schreibe immer noch ins Leere, weil ihr mich immer noch nicht sehen k\u00f6nnt. Aber Rettung naht. Unser Server-Verantwortlicher streitet sich momentan mit den Leuten, die zust\u00e4ndig f\u00fcr die \u201e.de\u201c-Vergabe zust\u00e4ndig sind. 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