{"id":73,"date":"2015-10-15T23:26:36","date_gmt":"2015-10-15T21:26:36","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=73"},"modified":"2015-10-15T23:26:36","modified_gmt":"2015-10-15T21:26:36","slug":"zuhause-ist-wo-man-familie-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/10\/15\/zuhause-ist-wo-man-familie-hat\/","title":{"rendered":"Zuhause ist, wo man Familie hat"},"content":{"rendered":"<p>So. Mal wieder ist der Server down, hat schon was von nem Running Gag irgendwie. Nur finde ich \u201eDinner for One\u201c irgendwie lustiger als das. Naja, wir verzagen nicht und warten ab, bis alles wieder l\u00e4uft. In der Zwischenzeit erz\u00e4hle ich halt und irgendwann seht ihr das dann. Es ist eben alles ein bisschen verz\u00f6gert hier, unabh\u00e4ngig vom Medium.<\/p>\n<p>Heute bin ich tats\u00e4chlich schon einen Monat hier in Accra, dessen rauer Charme aus M\u00fcllverbrennungsduft, bunten Stoffen, allerlei essbarem und auch nicht essbarem Stra\u00dfenessen, den verwegenen Tro-Tro-Touren, seinem einzigartigen Nachtleben und seinem unverwechselbaren Rhythmus mir best\u00e4ndig ans Herz w\u00e4chst. Ich kann sagen, das ist mein Zuhause. Mein afrikanisches Zuhause. Nach meinem europ\u00e4ischen, australischen und lateinamerikanischen habe ich jetzt auf ein afrikanisches Zuhause. The world is flat, f\u00e4llt mir da immer wieder ein. Ich bin dankbar, denn in diesen f\u00fcnf Jahren Nomadendasein auf vier verschiedenen Kontinenten habe ich es gelernt, mich in k\u00fcrzester Zeit in fremden Gefilden einzuleben, mich anzupassen, aber dabei nie meinen eigenen, kritischen und aufmerksamen Blick zu verlieren. Wenn ich durch Accras staubige Stra\u00dfen gehe, dann halte ich meinen Kopf hoch und laufe so gerade wie die Frauen mit den Bottichen auf den K\u00f6pfen. Dann akzeptiert man mich und nimmt mich schon kaum mehr als Oboruni wahr, die vielen Bemerkungen nehmen ab und man f\u00fchlt sich dazugeh\u00f6rig. Zumindest nicht ganz au\u00dfen in der Touristenverarsche-Sparte. Twi hilft da nat\u00fcrlich ungemein, da freut sich der eingefleischte Twi-Sprecher und behandelt dich pl\u00f6tzlich wie einen Obibini. <\/p>\n<p>Meinen Samstag Vormittag nutzte ich f\u00fcr ein Hardcore-Ausschlafen, nachdem mich 12 Tage Dauerarbeit etwas nieder gerafft hatten. Fit und gl\u00fccklich wachte ich auf, die Sonne strahlte und es war Benjamins Geburtstag, mein gro\u00dfer Bruder ist 27 Jahre alt geworden, an dieser Stelle noch mal meinen Herzlichsten Gl\u00fcckwunsch. \uf04a Das sch\u00f6ne Wetter konnte ich ihm zwar nicht schicken, aber wir drei M\u00e4dchen, also Kathi, Beatriz und ich, die wir schon drei eingeschworene Mitbewohnerinnen sind, wollten den sch\u00f6nen Tag f\u00fcr einen ausgiebigen Strandaufenthalt am Labadi Beach nutzen. Klingt erstmal total paradiesisch und die Fahrt dorthin im Tro-Tro mit eingebautem Fernseher (leider lief \u201eWrong Turn\u201c, Menschengehirnfressende Mutanten auf dem Bildschirm mit Kloakengeruch von drau\u00dfen sind zwar eine astreine 4D-Erfahrung, brachten aber leider auch einen astreinen Brechreiz hervor \u2013 wieso zur H\u00f6lle zeigt man so etwas, wenn Kinder mitfahren?) lie\u00df auch schon das Beste hoffen, auch der bunte Anstrich, die laute C\u00e9line Dion Mucke und der Eintritt von 10 Cedi sch\u00fcrten unsere Hoffnung auf einen wundersch\u00f6nen Badestrand. Ja. Leider war das dann nicht ganz so doll. Um nicht zu sagen: das Wasser ist komplett verseucht. So weit das Auge reicht, M\u00fcll, M\u00fcll, M\u00fcll. Schwarze Plastikt\u00fcten vorwiegend, die wie traurige, leblose Zeugen einer untergehenden Natur immer und immer wieder zwischen den Wellen auftauchen. Kurz ins Wasser hopsen war also nicht drin, naja, macht nichts, wir setzten uns in den Schatten, knabberten Plantainchips und frische Papaya und genossen den Sand zwischen unseren Zehen.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4lligerweise (und mal wieder: kulbprovokatorischerweise, danke Mama und Papa, f\u00fcr diese wirklich notwendige Wortsch\u00f6pfung) sa\u00df da, als ich mich mal umdrehte, pl\u00f6tzlich der Spanier, der genau vier Wochen zuvor mit mir die Nahtoderfahrung in der bedrohlich plautzenden und polternden TAP-Maschine hatte. Beatriz kannte ihn nat\u00fcrlich, na klar, die spanische Gesellschaft. Man sieht sich hier immer wieder, wenn man wei\u00df ist. Liegt wohl auch daran, weil wir so leuchten und auffallen. Aber bei einer 3 Millionenstadt ist das doch trotzdem nicht ganz selbstverst\u00e4ndlich. <\/p>\n<p>Nach unserem kleinen Bad in der Sonne fuhren wir nach Hause und bereiteten Kathis himmlisches Erdnusssaucengericht vor, was sie uns an diesem Abend kredenzen wollte. Es war wirklich himmlisch. Papa Joe weigerte sich zun\u00e4chst, etwas davon zu probieren, es geht eben nichts \u00fcber Banku. Daf\u00fcr kamen dann Lisa und Sammy noch vorbei, das Essen schmeckte himmlisch, anschlie\u00dfend holte Sammy noch seine Gitarre raus und dann sa\u00dfen wir im Wohnzimmer, lauschten, lachten und sa\u00dfen einfach. Max hatte noch eine Rooftopparty im \u00c4rmel, die wir nat\u00fcrlich nicht verpassen wollten, also gingen Bea und ich dann mit ihm los, noch mal schnell bei der Sp\u00e4ti-Oma unseres Vertrauens ein paar H\u00e4user weiter vorbei, die, ganz omi-typisch, sich ein Samstagabend-Showprogramm im Fernsehen ansah, eine Art afrikanische Kittelsch\u00fcrze tragend (sehr anheimelnd, dass bestimmte Omiverhaltensweisen global sind). Die holte dann aus ihrem Laubenk\u00fchlschrank ein paar Bier, die wir ihr dankbar abkauften. <\/p>\n<p>Es ging dann also zur Party, im Taxi, das Haus war hoch und vom Dach schauten Steinbei\u00dfer-artige Figuren auf uns herab, die da sehr unpassend wirkten. Das Haus an sich wirkte irgendwie unpassend in dieser Stra\u00dfe, es war gro\u00df und turmte \u00fcber allen anderen normalen H\u00e4usern.  Auch das Treppenhaus sah irgendwie ganz fehl am Platze aus. Als wir oben auf der Dachterrasse waren \u00fcberkam mich ein k\u00fchler Nostalgieschauer, ich dachte an meine erste Dachterrassenparty in Santiago, ungef\u00e4hr 100 Meter h\u00f6her, ungef\u00e4hr zwei Jahre zuvor, auch ein Bier in der Hand und laute Musik im Ohr. Hier war nur pl\u00f6tzlich alles anders, irgendwie ern\u00fcchternder, die Leute sahen alt und fad aus, wie eine R\u00fcckkehr zum grauen K\u00f6nigsfelsen unter Scars Herrschaft war das irgendwie, fehlte nur noch Slowmotion und die traurige Savannenmusik, mein Gesicht hat vielleicht so ausgesehen wie Simbas in dem Moment. Doch ich hatte mein Team an meiner Seite zwar weder Erdm\u00e4nnchen noch Warzenschwein, aber sie waren da, meine neue Familie, und so schaute ich auf meine neue Stadt, viel flacher als Santiago, und nach und nach schien sich die Feier doch in etwas zu verwandeln, was mir sehr bekannt vorkam. Auf einmal waren da wieder junge Oborunis, die letzten ihrer Art, und auf einmal spielten die Leute Beerpong, mein Herz ging mir auf, und auch, wenn mein Team verlor (knappe Kiste!), alles war gerettet, nichts mehr grau und nichts mehr fad. Da war ein Kanadier, den wir nur Matthias nannten, weil er so unglaublich deutsch aussah, mit seinen blonden Haaren und kariertem Schweigersohnhemdchen, ein gewaschener Hamster, den Bea dann liebevoll \u201edie Ratte\u201c nannte. Dann war da noch ein Franzose, mit dem ich mich zun\u00e4chst auf Englisch unterhielt, weil ich dachte, er sei auch Nordamerikaner, dann sprach der auf einmal Deutsch, weil er zwei Jahre in F\u00fcrstenwalde gelebt hatte (was zur H\u00f6lle?) und dann auf einmal Franz\u00f6sisch, weil er eigentlich Franzose war, aber Ladislas hie\u00df. Diese verr\u00fcckten Leute hier! Wahnsinn. Irgendwann stolperten wir die Treppen hinab hinaus in die schw\u00fcle Nacht, oben war es frischer und es gab keine M\u00fccken, Max f\u00fchrte uns \u00fcber Schelichwege nach Hause und was uns daheim in Europa der Gute-Nacht-D\u00f6ner ist, ist hier die Gute-Nacht-Indomie Portion. Das war ein Segen! Wir sa\u00dfen gl\u00fccklich und zufrieden am Esstisch im Wohnzimmer und lie\u00dfen es uns schmecken. Max philosophierte dann noch eine Weile \u00fcber seine Familie und kramte in alten Anekdoten des Africa House, aber das sind viele andere Geschichten. Ich fiel in einen langen Schlaf, meine bizarren Tr\u00e4ume lassen so langsam nach, bald schon ist es aus mit der Malariaprophylaxe. Am Sonntag f\u00fchrte uns max dann zu einem Brunch \u00e0 la Osu, es gab Fufu mit Erdnusssuppe und Fisch wir hatten das Gleiche mit Reisb\u00e4llchen. Ich mag nicht so sehr die Art, wie man hier isst: aus gro\u00dfen, metallenen Sch\u00fcsseln mit der Hand mehr geschlabbert, sch\u00f6n mit der Hand immer in die Matsche reinpanschen, das ist vielleicht auch Gew\u00f6hnungssache. Jedenfalls schmeckte mir die Erdnusssauce besser als Max\u2019 obligatorischer Tomatostew.<br \/>\nDer Server ist immer noch nicht fertig. Ich kann es nicht \u00e4ndern. Do what you can, with what you have, where you are. Das sagt Teddy Roosevelt. Das habe ich gemacht. Also dann, bis zu dem Tag, an dem der Server wieder funktioniert. \ud83d\ude09<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So. Mal wieder ist der Server down, hat schon was von nem Running Gag irgendwie. Nur finde ich \u201eDinner for One\u201c irgendwie lustiger als das. Naja, wir verzagen nicht und warten ab, bis alles wieder l\u00e4uft. 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