{"id":65,"date":"2015-10-02T01:43:01","date_gmt":"2015-10-01T23:43:01","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=65"},"modified":"2015-10-02T01:43:01","modified_gmt":"2015-10-01T23:43:01","slug":"windschattenfahrer-und-sonnenaussichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/10\/02\/windschattenfahrer-und-sonnenaussichten\/","title":{"rendered":"Windschattenfahrer und Sonnenaussichten"},"content":{"rendered":"<p>Als ich heute Morgen 5.45 Uhr Aufstand, um mich f\u00fcr unser morgendliches Workout fertig zu machen, und ich wiederholt mit Mutaba-Bauchkr\u00e4mpfen (danke an dieser Stelle an meinen Papa f\u00fcr diese vortreffliche Wortsch\u00f6pfung) an das Waschbecken gelehnt dasa\u00df, mir danach das Gesicht mit Wasser absp\u00fclte und in den Spiegel sah, wurde mir schlagartig etwas klar, was vielleicht sonst nur einer Frau klar wird, die geradewegs w\u00e4hrend einer Livesendung in einen M\u00fclleimer bricht: da war etwas in mir, was da sonst eigentlich nicht ist.<\/p>\n<p>Nein, ich bin nicht schwanger, musste ich auch dem sehr beflissenen Apotheker erkl\u00e4ren, den ich an diesem Morgen aufsuchte. Als ich an diesem Morgen gegen 6 Uhr im D\u00e4mmerlicht in den Spiegel schaute, wurde auf einmal alles klar: in den letzen knapp drei Wochen hatte ich um die drei Kilo Gewicht verloren, hatte st\u00e4ndig Hunger versp\u00fcrt, obwohl ich viel gegessen hatte, hatte vor allem gro\u00dfes Verlangen nach s\u00fc\u00dfem Essen, diese Bauchkr\u00e4mpfe lie\u00dfen nicht nach und auch dieses matte Schlappheitsgef\u00fchl nicht. Das lag daran, dass ich seit ungewisser Zeit einen illegalen Einwanderer in mir trug. Eigentlich keine gro\u00dfe Sache, der Apotheker verstand zwar erst, ich h\u00e4tte Malaria und wollte schon fast einen Test ansetzen, gab mir dann aber doch nur insgesamt f\u00fcnf Pillen, von denen ich vier sofort nehmen sollte. 2g Hammerpillen sollten den Bastard wohl endlich abt\u00f6ten. Ich fragte den freundlichen Apotheker dann, ob er denn jemals einen Wurm hatte, mein Gesicht verzog sich ob der bitteren Arznei. Er meinte, er esse nie etwas von der Stra\u00dfe, es sei denn, es ist wirklich gekocht. Auch schon ein Salatblatt auf einem Burger kann deine Eintrittskarte f\u00fcr ein Parasiten-Jointventure sein. Gut. Manchmal ist es auch einfach unvermeidbar. Manchmal hat man eben Hunger auf einen Burger. Knast. Man kann sich ja nicht nur von vakuumverpacktem Pudding ern\u00e4hren. Mir geht es jetzt wieder prima. Max hat das eher so dargestellt wie &#8222;Na alle zwei Monate mal so ne Wurmkur, das ist gut dann&#8220;, eher so im Zahnarztbesuch- oder Autowaschmodus. Gerade hat er mir noch eine garteneigene Orange ans Bett gelegt, damit der s\u00fc\u00dfe Saft alle restlichen, m\u00f6glichen Parasiten anlockt und diesen dann mit der finalen Pille letztendlich der Garaus gemacht werden kann. Also alles halb so wild, sch\u00e4tze ich.<\/p>\n<p>Zumindest in meinem Job kann ich meine kulinarischen Eindr\u00fccke ganz f\u00fcr mich behalten und mit niemandem teilen, zumindest nicht ungewollt. Gestern hatte ich mein erstes Zusammentreffen mit Jonathan Dotse, mit dem ich vorher nur telefoniert hatte. Nachdem ich hier in Osu am Danquah Circle erst drei Taxifahrer bequatscht h\u00e4tte, sie w\u00fcrden mir v\u00f6llig \u00fcberteuerte Oborunipreise andrehen, fand ich schlie\u00dflich einen, der mich f\u00fcr einen immer noch fairen Preis nach Jamestown fuhr. Obwohl er sich nicht mal besonders gut auskannte. Wir kamen dennoch dort an und ich war begeistert vom Vibe dieses Viertels. Direkt am Meer gelegen, die dreckigen Docks umsp\u00fclt vom wilden Atlantik, w\u00fctende Fischer am Pier, die keine Kameras wollen und sehr viele bunten Wandzeichnungen in den Stra\u00dfen. Ich wartete ein bisschen vor dem Haus und machte schonmal ein paar Fotos, um mich auf meinen Job einzustellen, da kam Jonathan in seinem schwarzen Nissan Sunny vorgefahren (wie das amerikanische Autoren anmerken w\u00fcrden &#8211; mit dem Unterschied, dass ich nicht von Nissan gesponsort werde :p). Ganz in schwarz gekleidet, erkannte er mich sofort als die Deutsche, die vom Goethe-Institut, die beim Dreh fotografieren sollte. Wir reichten uns gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig die Hand, mein Griff war fest und entschlossen, ich hasse es, wenn der erste Eindruck nicht als &#8222;Mich kannste nicht rumschubsen&#8220; ausf\u00e4llt. Aber diese Vorsichtsma\u00dfnahme war bei Jonathan v\u00f6llig unbegr\u00fcndet. Wir verstanden uns von Anfang an sehr gut, plauderten ein wenig \u00fcber unsere Berufe und alles war sehr &#8222;gesch\u00e4ftlich&#8220;. Ich wei\u00df auch nicht, man kommt manchmal in diese Situationen, in denen f\u00fchlt man einfach, dass das Ganze so eine Aura von professioneller Gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigkeit umgibt, die ja aber eigentlich gar nicht n\u00f6tig w\u00e4re. Ich habe keine Ahnung, wie alt der Kerl wirklich ist, aber ich sch\u00e4tzte ihn auf maximal f\u00fcnf Jahre \u00e4lter als ich. Dennoch hatte er schon einen sehr beeindruckeneden CV: ein Autor, Filmemacher, studierter Informatiker und Philosoph. Noch dazu hatte der Kerl einen sehr guten Sinn f\u00fcr Humor und Manieren. Nein, kein Sexy-Boy-Alarm und auch kein Schwachwerden oder sonstwas, alles war sehr professionell. Bis wir Francis, den Kameramann trafen, der sein Equpiment nicht dabei hatte, weil er irgendetwas falsch verstanden hatte (&#8222;Willkommen in Afrika&#8220;, um zu zitieren). Machte ja nichts, dann hatten wir jedenfalls einen Grund, uns heute nochmal zu treffen und ich fand in Francis ein neues Filmemacher-Idol, was ich den ganzen R\u00fcckweg \u00fcber seine Programme und Erfahrungen ausquetschte.<\/p>\n<p>Es stellte sich n\u00e4mlich heraus, dass Francis eine eigene kleine Filmagentur leitete, Freelance, mit zwei Angestellten, und schon auf mehreren europ\u00e4ischen Festivals seine Filme vorgestellt hatte. Ich wollte werden, wie er (naja, so ein bisschen) und von ihm lernen und am liebsten nur noch mit ihm arbeiten. Er freute sich und meinte, er w\u00e4re gespannt auf meinen &#8222;deutschen Stil&#8220;. Er bot mir auch an, dass ich f\u00fcr meinen eigenen kleinen Film sein Studio zur Bearbeitung nutzen k\u00f6nnte. Tja, ein gutes Netzwerk ist auch alles. Und wer nachfragen lernt und sich nicht scheut, der kriegt auch im Handumdrehen eins. <\/p>\n<p>Heute Nachmittag trafen wir uns also nochmal im lebendigen Jamestown, ich lie\u00df die Kamera gl\u00fchen und ein Motiv war reizvoller als das andere. Die Jungs drehten ihr kleines Video und ich dokumentierte, folgte ihnen auf Holzbrettdachh\u00e4user, dar\u00fcber hinweg, \u00fcber M\u00fcllhaufenberge und Ziegen und durch die kleinen Gassen der Docks bis hin zu den Fischerbooten. Ich beoabachtete zwei Kerle, auf deren Shirts &#8222;Don&#8217;t look at me that much&#8220; und &#8222;With Maggi every woman is a star&#8220; stand. Das hatte in dieser Kulisse etwas Groteskes und unfreiwillig Komisches.<br \/>\nJonathan setzte uns ab und mit dem Tonmann David fuhr ich schlie\u00dflich im Taxi wieder zum Goethe-Institut zur\u00fcck. Zwar war es schon sp\u00e4t, aber heute Abend wollte ich mir unbedingt die donnerst\u00e4gliche Filmvorf\u00fchrung ansehen, sie spielten heute &#8222;Adrift: People of a lesser god&#8220; (interessante Idee, sehr mutiger Journalist, Qualit\u00e4t aber leider eher 2000 als 2010 und die Fehler im englischen Offtext, eingesprochem vom franz\u00f6sischen Regisseur, gingen gar nicht). Ich setzte mich mit einem Obstsalat von unser Obstfrau des Vertrauens an der Ecke kurz noch in mein B\u00fcro, da kam Mr. Adom herein und fragte, wann der Film genau los gehen soll. Mr. Adom hat hier eine eigene Erw\u00e4hrung verdient, eigentlich schon einen ganzen Eintrag. Er ist die Seele des Instituts, meiner Meinung nach. Beim Film heute habe ich ihn beobachtet, wie er da neben dem Projektor sa\u00df und das kostenlose Popcorn knabberte. Ich stelle mir vor, wie Mr. Adom mit dem Fahrrad nach Hause f\u00e4hrt, ein bescheidenes Zuhause, in dem nur er allein wohnt, vielleicht ist seine Frau gestorben oder hat ihn verlassen. Ich sch\u00e4tze ihn auf Ende 50, aber das kann man ja so schlecht sch\u00e4tzen. Adom hei\u00dft &#8222;Gnade&#8220; in Twi. Mr. Adom ist wohl der gn\u00e4digste Mensch, den man sich vorstellen kann. Ich glaube, sein Englisch ist nicht das Beste, wenn man ihn etwas fragt, dann ist seine Antwort meistens &#8222;Yes, please&#8220; und er ist ein absoluter Workaholic. Das habe ich erfahren. Er nimmt sich niemals frei. Mr. Adom ist einer von diesen extrem herzensguten Menschen, die vielleicht ein bisschen zu herzensgut sind, um es sich einmal wirklich selbst rechtzumachen und nicht immer den anderen. Wer wei\u00df, vielleicht schaffe ich es ja, ein kleines Portr\u00e4t von Mr. Adom zu drehen, in dem es mal nur um ihn geht. <\/p>\n<p>Ich mag die meisten Menschen, die ich hier kennenlerne und ich mag es noch mehr, sie zu beobachten und sie wirklich kennenzulernen, mit ihn zu sprechen und sie zu ergr\u00fcnden. <\/p>\n<p>&#8222;Onyame Adom&#8220; hab ich heute auf einem Taxi gelesen und war gl\u00fccklich, dass ich das schon \u00fcbersetzen konnte: Gottes Gnade. Eine ganz normale Antwot auf die Frage &#8222;Wie geht es dir?&#8220; Da ich kein gl\u00e4ubiger Christ bin, sage ich: Mir geht es sehr gut. Medaase. Danke. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich heute Morgen 5.45 Uhr Aufstand, um mich f\u00fcr unser morgendliches Workout fertig zu machen, und ich wiederholt mit Mutaba-Bauchkr\u00e4mpfen (danke an dieser Stelle an meinen Papa f\u00fcr diese vortreffliche Wortsch\u00f6pfung) an das Waschbecken gelehnt dasa\u00df, mir danach das &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/10\/02\/windschattenfahrer-und-sonnenaussichten\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1685,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-65","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1685"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":66,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65\/revisions\/66"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}