{"id":6,"date":"2015-07-29T17:18:52","date_gmt":"2015-07-29T15:18:52","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=6"},"modified":"2015-07-29T17:27:09","modified_gmt":"2015-07-29T15:27:09","slug":"transit-in-paris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/07\/29\/transit-in-paris\/","title":{"rendered":"Transit in Paris"},"content":{"rendered":"<p>Ich sitze auf meinem Bett in der Pariser Wohnung, in der ich seit fast drei Wochen lebe, standesgem\u00e4\u00df wie Gott in Frankreich. Es ist ganz ruhig im Moment, nur dumpf h\u00f6re ich ein paar Nachbarn und Musik von irgendwoher. Licht f\u00e4llt aus dem Innenhof durch das Fenster zu meiner Rechten. Die T\u00fcr zum Wohnzimmer steht offen. Unser Schlafzimmer ist ein Durchgangszimmer. Ich f\u00fchre hier ein zufriedenes Hippieleben. Meistens ist viel Leben und Musik und gutes Essen im Haus.<\/p>\n<p>Eigentlich bin ich hier, weil ich mich verliebt habe. Hals \u00fcber Kopf. Und zwar in den Franzosen, der hier wohnt, in der h\u00fcbschen, stuckbesetzten Wohnung inmitten der lauten und charmant-schmuddeligen Welt von Barb\u00e8s. Ich habe J\u00e9r\u00e9my im April kennen gelernt, als er mich und zwei Freundinnen f\u00fcr zwie N\u00e4chte bei sich aufnahm. Seinen Kontakt hatte ich von meinem Kumpel Romain, der mit mir in Chile gewohnt hatte. Im April hatte ich einen Freund und \u00fcberhaupt nichts Derartiges im Sinn, wieso auch? Mein Leben war perfekt und ordentlich ausgerichtet. Ich war in Frankreich, um eine Reportage \u00fcber Erasmus zu drehen, f\u00fcr den Studentensender, bei dem ich arbeitete. Meine Bachelorarbeit war gerade angemeldet und mein Ticket nach Bangkok zu meinem Freund gebucht. So w\u00fcrde ich genau p\u00fcnktlich zum Juli fertig werden, um nach seinem Auslandssemester in Korea zu ihm zu fliegen und sechs Wochen lang S\u00fcdostasien mit ihm zu bereisen. Es h\u00e4tte alles kaum beser sein k\u00f6nnen. Und dann kamen wir in unserer zweiten Pariser Nacht nach Hause und ich las die kulturweit-Email, die mir die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnete, nach Ghana zu gehen. Ich konnte es nicht fassen. Ich wollte schreien und lachen und weinen gleichzeitig. Ich brachte immer nur wieder ein ersticktes &#8222;Oh Gott, ich geh nach Ghana! Oh Gott, oh Gott!&#8220; hervor. Dabei habe ich mit Gott so gut wie nichts am Hut. Mein Gl\u00fcck war perfekt und tadellos. Da musste es ja einen klitzekleinen Haken geben.<\/p>\n<p>Der Haken bestand darin, dass ich J\u00e9r\u00e9my nach dieser berauschenden Pariser Zeit mit Astrid und Caro nicht vergessen konnte. &#8218;Haken&#8216; ist vielleicht ein ungl\u00fccklich gew\u00e4hltes Wort. Eigentlich bin ich unendlich dankbar daf\u00fcr, ihn kennen gelernt zu haben. Obwohl er nicht meine Muttersprache spricht, habe ich das Gef\u00fchl, dass er mich manchmal am allerbesten versteht. Vielleicht bin ich auch einfach zu Disney- und Hollywood- beeinflusst. Jedenfalls &#8211; nach vielen Wochen des Kopfzerbrechens, einer herzzerbrechenden Entscheidung und resistenten Schuldgef\u00fchlen cancelte ich also den Flug nach Thailand und fand mich kurz darauf im Bus nach Paris. Bisher habe ich eine unglaublich sch\u00f6ne Zeit hier verlebt. Ab und zu huscht eine Maus \u00fcber den Boden, die Fruchtfliegenplage wird immer unertr\u00e4glicher und seit \u00fcber einer Woche gibt es keim warmes Wasser mehr. Aber ich liebe es. Ich liebe dieses Leben. Ich liebe die Zeit mit J\u00e9r\u00e9my und Adrien, mit denen ich hier hause und koche und diskutiere und phantasiere. Mein Franz\u00f6sisch wird besser. Mein Englisch h\u00f6rt sich immer englischer an. Manchmal gehe ich in ein Museum und versinke in den impressionistischen Malereien, manchmal sitze ich an der Seine und schreibe in mein Reisetageb\u00fcchlein, manchmal gehen wir abends aus oder essen. Die Stadt ist wirklich magisch und ich f\u00fchle mich sehr zu ihr hingezogen. Sie ist ein bisschen eingebildet und zu schick f\u00fcr meinen Geschmack, nicht so locker und schnodderig wie meine Heimat Berlin. Aber dieser bestimmte Zauber, der ist einmalig. Wenn man im Jardin de Luxembourg auf einer Bank im Schatten sitzt und Gedichte liest. Oder mit seinem Liebsten ein Macaron von Pierre Herm\u00e9 verputzt. Ich finde, jeder sollte in seinem Leben eine kleine Pariser Etappe gehabt haben. Irgendwie finde ich, dass das der optimale Abschluss meines Germanistikstudiums ist. Das hat so etwas Weltliteratur-m\u00e4\u00dfiges. Wie Rilke oder Hemingway einfach eine Pariser Zeit einlagen, lange schlafen in irgendwelchen Buden, es sich gut gehen lassen und die Leute beobachten. Lernen. Sehen. Schmecken.<\/p>\n<p>J\u00e9r\u00e9my und ich sind letztes Wochenende in die Normandie getrampt. Ich f\u00fchlte mich sehr frei und gl\u00fccklich. Wir kamen an und stiegen in einem piekfeinen Hotel ab, ich liebte diesen Kontrast, in Schlabberhose und mit Tramperschildern im Rucksack in ein Superhotel mit Superdiner und Superkingsizebett zu spazieren. Nach unserem Gourmandiner zogen wir auf die Kingsizeinsel und redeten studenlang, das Englisch floss mittlerweile, kein Thema ein Problem, wir h\u00f6rten den Kirchturm und M\u00f6wen, wir lachten und rauchten und lie\u00dfen uns immer tiefer in die wei\u00dfe Flauschigkeit des Bettes fallen.<\/p>\n<p>Meine Tage hier sind nun bald gez\u00e4hlt. Am Freitag fahren wir nach Metz, um am Samstag in sein Heimatdorf zu fahren, wo er eine BBQ-Pool-Party geben m\u00f6chte. Franzosen feiern n\u00e4mlich auch einfach mal ihren Geburtstag vor. Macht das irgendjemand in Deutschland? Kommt mir sehr suspekt vor. Er hat jedenfalls erst n\u00e4chsten Dienstag Geburtstag. Vorher mache ich auch nichts. Man m\u00f6chte doch nichts beschreien. Am Montag werden wieder die Pappschilder gez\u00fcckt, diesmal wollen wir den ganzen Weg bis nach Portugal schaffen (in kleineren Etappen nat\u00fcrlich). Davon sollte ich auch berichten. Das wird bestimmt ziemlich abenteuerlich. Mindestens so cool wie die Abenteuer von Jack Kerouac und Co. Kann die Lekt\u00fcre nur empfehlen, bin jetzt &#8218;Experte&#8216;, Bachelorarbeit und so, ihr wisst schon.<\/p>\n<p>Ich bin gespannt und freue mich und kann nicht glauben, dass mein gro\u00dfes Ghanaabenteuer in einem guten Monat schon fast beginnt. Ich bin unendlich dankbar f\u00fcr diese Chance. Ich habe keine Angst, keine Panik, keine Sorgen. Ich sp\u00fcre reine und tadellose Freude. Meine Wochen hier in Paris sind eine Art Transit f\u00fcr mich. Der \u00dcbergang von meinem Grundstudium, vom Bachelorarbeitsstress und vom Leben in Jena in ein neues Abenteuer auf einem unbekannten Kontinent mit neuen Herausforderungen. Nach Australien und Chile ist das nun meine dritte Abenteueretappe, mein dritter Kontinent und meine dritte Arbeitserfahrung. Diesmal geht es nicht um k\u00f6rperliche Knochenarbeit und auch nicht um das Studentendasein, sondern darum, mein Land, meine Kultur und meine Sprache vor Ort zu repr\u00e4sentieren und mein Bestes f\u00fcr die Projektarbeit zu geben. Bevor das allerdings beginnt, lehne ich mich zur\u00fcck und freue mich auf meinen J\u00e9r\u00e9my, der bald von Arbeit zur\u00fcck kommen wird und mir ein Lachstartare zaubern will. Zu klischeehaft? Ja, ich wei\u00df. Mein Leben ist wohl manchmal eine einzige Aneinanderreihung von Traumfabrikklischees mit allen Hochs und Tiefs. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich wirklich auf mein Herz h\u00f6re, wenn ich es denn recht verstehe. Diesmal war das genau richtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze auf meinem Bett in der Pariser Wohnung, in der ich seit fast drei Wochen lebe, standesgem\u00e4\u00df wie Gott in Frankreich. Es ist ganz ruhig im Moment, nur dumpf h\u00f6re ich ein paar Nachbarn und Musik von irgendwoher. 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