{"id":31,"date":"2015-09-20T11:23:43","date_gmt":"2015-09-20T09:23:43","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=31"},"modified":"2015-09-20T11:23:43","modified_gmt":"2015-09-20T09:23:43","slug":"wir-sind-alle-cocktails-und-stecken-voller-ueberraschungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/09\/20\/wir-sind-alle-cocktails-und-stecken-voller-ueberraschungen\/","title":{"rendered":"Wir sind alle Cocktails und stecken voller \u00dcberraschungen"},"content":{"rendered":"<p>In Accra h\u00e4lt man nicht viel vom Ausschlafen. Wenn dann die Sonne wie gewohnt gegen 5:30 die Welt erhellt, dann wird man gerne unsanft durch mehr schreiend als redend gef\u00fchrte Vor-Fenster-Konversationen geweckt. Wenn einen das noch nicht aus der Ruhe bringt, man sich nochmal auf die andere Seite packt und aller Ger\u00e4uschkulisse trotzt, dann \u00fcbernimmt das finale Wecken schlie\u00dflich eine unsagbar furchtbare Dudelei, die an eine langsame Pok\u00e9mon-Gambeoy-Hintergrundmusik erinnert. Was zur H\u00f6lle. Ist das der Eismann? Ich habe keine Ahnung. Auf jeden Fall steht man da offenbar ziemlich drauf, am Samstag gegen 8 Uhr morgens. Ausschlafen ist \u00fcberbewertet.<\/p>\n<p>Meine erste Arbeitswoche liegt also bereits hinter mir (WOW! Warum rennt die Zeit so? Gutes Zeichen, habe wohl viel zu tun und am\u00fcsiere mich), gestern Abend wurde das dann mit unserer ersten &#8222;Firday night out&#8220; besiegelt. Meine liebe Kollegin Lisa lud Kathi (meine neue Mitbewohnerin, die beim DAAD als kulturweitlerin eingesetzt ist) und mich zu einem Konzert von &#8222;Constant Boty&#8220; ein, ein laut ihr angeblich &#8222;sehr guter Freund&#8220; ihres ghanaischen Freundes Sammy. Was mir dazu kurz f\u00fcr die Ghanaische Guriosid\u00e4dnkiste einf\u00e4llt: Sammys Vater lebt auf einer Insel im Voltasee und hat mittlerweile drei Frauen. Das ist kein Ger\u00fccht oder Mythos, das wird in Westafrika tats\u00e4chlich an einigen Orten so gehandhabt. Ich habe zumindest gelesen, dass es da immer ziemlichen Zickenterror zwischen den einzelnen wifes gibt. Wieso auch nicht? W\u00fcrde ich eine aktive Nebenbuhlerin, die mit meinem Mann Kinder hat, tats\u00e4chlich als Schwester behandeln? N\u00f6. Und dieses Recht steht ja wohl jedem zu.<\/p>\n<p>Na jedenfalls machten wir uns nach getaner Arbeit um 17 Uhr auf nach East Legon, im Norden Accras, um zum besagten New Irish Pub zu gelangen. Diese Odyssee zog sich letztendlich drei Stunden hin. Ein kurzer Abriss: zun\u00e4chst nahm uns ein netter B\u00fcrger nahe des Goethe-Instituts, den Lisa angesprochen hatte, zu einer Tro-Tro-Station mit (\u00fcberaus freundlich). Dort stiegen wir perfekt getaktet in unser Tro-Tro nach 37 ein, offenbar ein anderer Stadtteil. Diese Episode gefiel mir besonders gut, weil wir an einer Art Tro-Tro-Umschlagplatz rausgelassen wurden. Ein pittoresker Ort mit ockerfarbenem Lehmboden, bunten Stoffen \u00fcberall, charmanten alten Tro-Tros, Menschenschlangen wunden sich \u00fcber den Platz, warteten auf ihr Anschlusstro-tro, stoisch und immer in Linie. Ich dachte an die Fotos, die mein Opi mir noch vor meiner Abreise gezeigt hatte, Bamako und Dakar in den Siebziger Jahren. Ich war sehr froh \u00fcber meine Kamera in diesem Moment und muss auch direkt mal welche auf meine &#8222;In Farbe und bunt&#8220;-Seite pinnen.<\/p>\n<p>Wir fuhren schlie\u00dflich weiter im Tro-Tro Richtung East Legon. Leider hatten wir weder die Adresse des Pubs, noch wusste unser &#8222;Mate&#8220; (so hei\u00dfen die Tro-Tro-Fahrgeldeinehmer), wo dieser Irish Pub sein sollte. Wir erreichten schlie\u00dflich Sammy, der in einem kurzen Twi-Gespr\u00e4ch dem Mate erkl\u00e4rte, wo er uns denn rauslassen sollte. Es war bereits dunkel und wir waren in diesem Tro-Tro schon ungef\u00e4hr eine Stunde durch den Verkehr getuckert. Der Mate verk\u00fcndete schlie\u00dflich freudestrahlend, er w\u00fcsste, wo wir raus m\u00fcssten. Erleichterung. Wir stiegen schlie\u00dflich aus. Irish Pub: Fehlanzeige. Kurze Nachfrage in einem Restaurant: &#8222;Oh ja, ich wei\u00df, wo das ist, ihr m\u00fcsst ein Taxi nehmen, das ist zu weit zum Laufen&#8220;. Also rein ins Taxi, Taxifahrer fragt noch 5 Mal nach, schlie\u00dflich stehen wir vor einem Restaurant namens &#8222;Peter Pan&#8220;, selbige Figur steht an der Ecke und grinst schelmisch. Mittlerweile stehen vier Leute um das Taxi herum, fachm\u00e4nnisch beratend, wo denn dieser verflixte Irish Pub nun sein k\u00f6nnte. Wir wurden schlie\u00dflich vor einer Art Elektromarkt heraus gelassen, wo wir auf Sammy warten sollten. Es war nun gegen 19 Uhr, das Konzert sollte beginnen. An der Ecke sa\u00dfen vor einer Art Getr\u00e4nkeladen zwei Leute, die wir fragten, ob wir uns setzen k\u00f6nnten und ob sie zuf\u00e4lig w\u00fcssten, wo denn hier in der N\u00e4he ein Irish Pub sei. &#8222;Ja, ich kenne den, kommt, ich f\u00fchre euch hin!&#8220;. Ungl\u00e4ubig l\u00e4chelnd, ein Gef\u00fchl wie in einem Privatfernsehen-Reality-Show-Durchbruchsmoment, folgten wir dem freundlichen Jaja durch die Nacht. Ein friedlicher und lustiger Kerl, der uns von seiner Zeit in Schleswig-Hostein erz\u00e4hlte (Warum um alles in der Welt trifft man am letzen Nordzipfel von Accra, an einer Stra\u00dfenecke auf einer Bank sitzend einen Kerl, der mal zehn Jahre in Deutschland gelebt hat? Diese Stadt hat es in sich mit ihren \u00dcberraschungen). &#8212;Gerade ist hier der Strom ausgefallen, ich frage mich, ob ich das hier noch irgendwie posten kann&#8230;Internet ist aus.&#8212;<\/p>\n<p>Aus seinen anf\u00e4nglich genannten 200 Metern wurden zwar um die 2000 Meter, aber es machte uns schon l\u00e4ngst nichts mehr aus und wir waren unendlich dankbar, als wir endlich, nach drei Stunden Anfahrt\/Anlauf vor dem Pub standen. Hier waren schon viele Ubrunis (so nennt man hier uns Wei\u00dfe, als ich eines abends nach Hause kam, sah ich in meiner Stra\u00dfe drei kleine Jungs, die mich begeistert anstrahlten und &#8222;Ubruni, Ubruni!&#8220; riefen. Allerliebst.) am Start, die Cheeseburger und Pizza a\u00dfen und auf das &#8222;Affro Jazz Festival&#8220; warteten. Nach weiteren zwei Stunden begann dann das Konzert von Constant Boty im Rahmen des Festivals, ein Meister des Jazz von der Elfenbeink\u00fcste. Besonders cool wurde es dann, als er eine Art Tina Turner (ihr Name ist leider eher untergegangen) auf die B\u00fchne holte, sowie drei junge S\u00e4ngerinnen als Backgroundchor. Das hatte dann ein bisschen was von New Orleans. Zumindest, wie ich mir New Orleans vorstelle. Mein erstes Ghanaisches Konzert, ein Ausdruck von Weltmusik &#8211; wie k\u00f6nnte es besser sein? In diesem Zusammenhang will ich noch Simba erw\u00e4hnen, der gestern zu mir meinte &#8222;Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, sage ich stets ich sei Afrikaner. Wir Menschen sind alle Cocktails. Wir sind eine Mischung aus allen m\u00f6glichen Nationen und Vorfahren&#8220;. Da erscien mir sehr weise und logisch. Es ist nicht alles immer schwarz oder wei\u00df, nicht post-kolonialistisch oder politisch korrekt, nicht ausbeuterisch oder Mutter Theresa. Meistens sind wir alle doch nur eine Mischung aus allem. Cocktails eben. \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Mein Fazit nach dieser ersten Woche sieht also sehr rosig aus. Ich habe reizende Arbeitskollegen, mein Arbeitsdruck liegt etwa bei &#8222;Wir essen jetzt erstmal ein bisschen Ananas, gehen dann den B\u00fcrobedarfkatalog durch und designen dann noch den Flyer, aber erstmal ein kleines Nickerchen&#8220; (noch! Das kann vielleicht noch ganz anders kommen&#8230;) und auch hier im Haus herrscht eine ziemlich gechillte Stimmung.<\/p>\n<p>Ich werde mich jetzt aus dem Bett sch\u00e4len und fr\u00fchst\u00fccken. Habe mir Fake-Nutella besorgt, ich hoffe, mein Brot ist noch gut. Ich muss warten, bis das Internet wieder funktioniert, dann k\u00f6nnt ihr das hier lesen. Bis die Tage, eure Ama (das ist mein Ghanaischer Name, weil ich an einem Samstag geboren bin, also&#8230;heute. \ud83d\ude42 )<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Accra h\u00e4lt man nicht viel vom Ausschlafen. 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