{"id":165,"date":"2016-01-25T00:28:13","date_gmt":"2016-01-24T23:28:13","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=165"},"modified":"2016-01-25T00:28:13","modified_gmt":"2016-01-24T23:28:13","slug":"die-weichen-uhren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2016\/01\/25\/die-weichen-uhren\/","title":{"rendered":"Die weichen Uhren"},"content":{"rendered":"<p>Meine Taschen sind gepackt, mein Film ist fertig und meine Vorfreude auf Dienstag ist nunmehr unbeschreiblich. \u201eDu freust dich echt auf ihn, eh?\u201c war das letzte, was ich von Francis h\u00f6rte, bevor ich sein Apartment ein letztes Mal verlie\u00df. Ja, das tue ich und jetzt sind es nur noch 48 Stunden. Ich f\u00fchle mich ein bisschen surreal, als w\u00fcrde meine eigene Vorfreude sich gemeinsam mit der Zeit der letzten f\u00fcnf Monate \u00fcberschlagen und selbst nicht so recht wissen, was eigentlich passiert. Ich muss denken an die letzte Szene in \u201eMathilde\u201c und bin nicht weniger nerv\u00f6s als sie. <\/p>\n<p>Meinen Sonntag nutzte ich zum Ausschlafen, so gut es ging, mit dem Kirchenchor, der p\u00fcnktlich um 6 Uhr einsetzte. Heute Morgen erinnerte ich mich an mein erstes Mal davon geweckt werden, das ist nun genau 19 Wochen her. Ich fand ein bisschen altes Baguette vom letzten Wochenende im K\u00fchlschrank, was zu meinem gro\u00dfen Erstaunen noch essbar war, und machte mir mit Nutella einen Brunch daraus. Anschlie\u00dfend schnappte ich mein Zeug und nahm ein Taxi zu Francis. Die Taxifahrer schmunzeln immer ein bisschen, wenn ich ihnen den Namen des Hotels nenne, einfach nur Orientierung, weil hier keiner Stra\u00dfennamen kennt oder benutzt. Meine kleine Nachmittagsaff\u00e4re, die ich werktags p\u00fcnktlich 13 Uhr und am Wochenende etwas sp\u00e4ter treffe. Nein, es wird einfach nur gearbeitet und ich f\u00fcr meinen Teil verhalte mich professionell. <\/p>\n<p>Mein Yoda allerdings \u00f6ffnete mir die T\u00fcr heute nur in Jeans gekleidet, wie ein Ghanaischer Grey stand er da vor mir im T\u00fcrrahmen seiner Bude, eine nackte Gl\u00fchbirne hinter ihm fungierte als einzige Lichtquelle des Raums, der sonst vom Tageslicht abgeschnitten war. Einen Arm l\u00e4ssig an der T\u00fcr und schief grinsend bat er mich herein und einmal mehr kam ich mir vor wie ein kleines, unsicheres M\u00e4dchen, was mit allen Mitteln versucht, nicht auszusehen wie ein kleines, unsicheres M\u00e4dchen. Ich wei\u00df, wie man Untertitel einf\u00fcgt. Ich kenne Premiere Pro besser, als du. Das fing an, nachdem er meinen Film abgenommen hatte und meinte \u201eEr gef\u00e4llt mir nicht\u201c, mich lange forschend ansah, sich in seinem B\u00fcrostuhl niederlie\u00df, ohne seinen Blick abzuwenden und sich auf die Unterlippe biss. Das gef\u00e4llt ihm. Er mustert gern. Ich blieb so cool wie m\u00f6glich, ich hatte ihm gesagt, ich wollte seine ehrliche und ehrlichste Meinung, also sagte ich nur \u201eAlso?\u201c, woraufhin er mir die Hand hin reichte und mir gratulierte. Offenbar gefiel er ihm doch, obwohl er mir eine Note von 65% gab. Wie kommt der \u00fcberhaupt dazu, mir Noten zu geben? Vorher stritten wir noch leidenschaftlich \u00fcber ein von mir verwendetes Bild, was er zu gewagt fand, aber ich meinte nur \u201eDann sollen sie sich bei mir beschweren, ich wei\u00df, was ich zeigen will\u201c, da lachte er sein viel zu lautes Lachen und zollte mir irgendwie Respekt. Er zeigte mir dann ein paar von seinen Dokumentationen und am liebsten h\u00e4tte ich geheult. Super Timing, klasse ausgespielt, oh ja, sonne dich im Lichte deiner Perfektion und der Faszination deines kleinen Prot\u00e9g\u00e9s gegen\u00fcber deiner gro\u00dfen Werke. Aber ehrlich, das war extrem gut. Das zeugte von unglaublichem Talent, einer schon unheimlichen Pr\u00e4zision und Beobachtungsgabe. Ich sagte nichts. Sp\u00e4ter sagte ich dann, er w\u00e4re jetzt mein Yoda, aber ich denke, er h\u00e4tte genug Bewunderer und br\u00e4uchte nicht noch einen. \u201eYou\u2019re so vain\u201c deklarierte ich dann als seinen Song und er fand es witzig. Das war\u2019s dann jetzt. Leb wohl, Yoda.<\/p>\n<p>Es ist jetzt also soweit. Eh man sich\u2019s versehen hatte, war die Zeit gekommen. Am Dienstag ziehe ich aus hier. Dann bin ich erstmal da, wo man mich weder finden, noch erreichen kann und dann irgendwo in Ghana.<br \/>\nAch! Ich gehe nach Paris im April. F\u00fcr ein halbes Jahr. Das ist wohl gerade mein pers\u00f6nlicher Surrealismus. Alles wirkt irgendwie wie Elisa Show. Jemand sagt was, da passiert jetzt das und das, Achtung, noch zwei Minuten, zack, dann kommt\u2019s auf einmal, man ist mittendrin und das Adrenalin treibt dich einfach so weiter, ohne, dass du es wirklich merkst. Ich will in einer kleinen Bude unterm Dach leben, mit einer alten Schreibmaschine und sonst nichts, na vielleicht noch ne Katze und ne alte Matratze, wie Juli\u00e1n Carax, nur nicht so verloren und herzgebrochen. Einmal in Paris leben, das war mein Traum und jetzt mach ich das pl\u00f6tzlich. Abgefahren, abgefahren\u2026<\/p>\n<p>Am Freitagabend waren wir in der Alliance Francaise, im Amphitheater wurde eine Dokumentation gezeigt, die mich \u00fcber die Ma\u00dfen fasziniert und inspiriert hat und die ich jedem nur sehr warm ans Herz legen m\u00f6chte. Wenn ich gro\u00df bin, dann will ich mal genau solche Filme machen: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vdb4XGVTHkE<br \/>\nBecky und ich teilten uns eine Pizza, die tats\u00e4chlich innerhalb von drei Minuten fertig war und Mubarak wollte ich davon \u00fcberzeugen, dass er mich doch in Paris besuchen sollte, schlie\u00dflich hatten wir uns ja im Franz\u00f6sischkurs kennen gelernt, dann w\u00fcrde sich der Kreis irgendwie schlie\u00dfen. <\/p>\n<p>Eigentlich m\u00f6chte ich jetzt schnell schlafen und durchschlafen bis Dienstagabend. Nee, wobei. Gibt noch viel zu tun und viel zu sehen. Meine Augen sind ganz trocken von zu vielen Untertiteln, die ich heute eingetippt habe. Die Mangosaison hat jetzt begonnen und die Mangos schmecken herrlich und kosten nichts mehr. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Taschen sind gepackt, mein Film ist fertig und meine Vorfreude auf Dienstag ist nunmehr unbeschreiblich. \u201eDu freust dich echt auf ihn, eh?\u201c war das letzte, was ich von Francis h\u00f6rte, bevor ich sein Apartment ein letztes Mal verlie\u00df. 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