{"id":163,"date":"2016-01-18T22:45:02","date_gmt":"2016-01-18T21:45:02","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=163"},"modified":"2016-01-18T22:45:02","modified_gmt":"2016-01-18T21:45:02","slug":"dancefloor-dialektik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2016\/01\/18\/dancefloor-dialektik\/","title":{"rendered":"Dancefloor Dialektik"},"content":{"rendered":"<p>Jesus hat seinen Hintern an mir gerieben und ich mochte es. Klingt vielleicht nach nem sehr seltsamen Christenfetisch-Softporno-Textfetzen, ist aber tats\u00e4chlich so passiert Samstagnacht. California Jesus, den wir nach Halloween nie wieder gesehen hatten. Auf einmal stand er da auf der Tanzfl\u00e4che, zeigte auf mich und rief &#8222;I remember your face!&#8220;. Wenn es so etwas gibt, dann habe ich mich in dem Moment tats\u00e4chlich ein bisschen gesegnet gef\u00fchlt. Sowas passiert aber auch nur im gef\u00fchlt christlichsten Land der Welt. <\/p>\n<p>Am Donnerstag kam Becky aus Winneba vorbei und da ich die ganze Woche hart an meinem Film gearbeitet hatte, musste mal wieder ein bisschen los gelassen werden. War \u00fcbrigens ne ziemlich coole Zeit, ich f\u00fchlte mich so wohl in dieser abgewrackten WG, mit all dem Krach und der selbst gemachten Musik, der Kunst an den W\u00e4nden und auf den Bildschirmen, Francis, der sein Essen mit mir teilte und sich in langen Gespr\u00e4chen mit mir verlor. Dann sitzt man da und f\u00fchlt sich wieder wie damals, Mentor-Proteg\u00e9, und dann erz\u00e4hlt man so vor sich hin und merkt pl\u00f6tzlich, wie sehr einem doch noch gewisse Erinnerungen, die ja noch viel weiter zur\u00fcck liegen, weh tun und sich pl\u00f6tzlich wieder alles nach 2012 anf\u00fchlt. Aber D\u00e9j\u00e0-v\u00fbs halten uns ja zum Gl\u00fcck so fabelhaft davon ab, in Cola in der W\u00fcste Illusionen zu verfallen und dann sitzt man da, ganz k\u00fchl aber wissend, triumphierend und irgendwie mitleidig, fasziniert und doch abgeschreckt, weil Form der F\u00fc\u00dfe und Farbe des Nagellacks pl\u00f6tzlich viel zu viel krankhafte Aufmerksamkeit bekommen. <\/p>\n<p>Freitagabend also lie\u00df ich mich in ein Wochenende fallen und zog hinaus mit Becky, Magnus und seiner Freundin, um Mubarak zu treffen, der im Republic schon auf uns wartete. Oh, wie sehr werde ich diese \u00fcber die Ma\u00dfen charmante Bar, mit ihrem kleinen Open-Air-Dancefloor und diesen roten Abf\u00fcllerdrinks, vermissen. Wie die Lieder so spielten und die Leute sich mischten und die Zeit so verging, meinte ich irgendwann, es sei jetzt wohl der richtige Zeitpunkt, Mubarak zu fragen, ob er denn \u00fcberhaupt eine Freundin haben darf, als Moslem. R\u00fcckblickend betrachtet erscheint mir das nat\u00fcrlich absolut indiskret, aber ich glaube, er hat einiges erz\u00e4hlt und das auch eigentlich ganz locker aufgenommen. F\u00fcr den einen Abend war er unser beider Husband, weil pl\u00f6tzlich zwei den Rotdrink-Trick bei uns angewandt hatten und wild jubelnd um uns herum tanzend doch ein wenig zu nah kamen. Als ich dann irgendwann in Mubaraks Auto schlafen wollte und mein Kopf auf der Veranda gegen ihn fiel, war nat\u00fcrlich alle Etiquette dahin und ich kam mir, r\u00fcckblickend betrachtet, wie der absolute Frevler vor. Ich glaube, diese ganzen Religionen hier gehen mir irgendwie ans Gem\u00fct. Zum Gl\u00fcck war er auch in diesem Fall lockerer, als ich dachte, der Engel Mubarak, der nichts trinkt und raucht und anfasst. <\/p>\n<p>California Jesus war da schon etwas heidnischer am Start, als wir ihn etwa 24 Stunden sp\u00e4ter im gleichen Club antrafen. Ja, da war er also wieder, seine wei\u00dfe Kutte abgelegt, die Haare nach hinten genommen und in einem karierten Hemd steckend, ein Johnny-Depp-Jesus all the way from Los Angeles, Baby. Becky hatte ihn einfach angequatscht, wie man das mit einem Promi macht, wenn man sich traut. Und dann kam er pl\u00f6tzlich und strahlte und dann kam besagte Segen-Szene. Francis stand die ganze Zeit daneben, ganz in schwarz gekleidet, ein skurriler Antagonist am Rande, der uns durch die Holzbretter der Tanzfl\u00e4chenbegrenzung beobachtete. Wir tanzten ausgelassen, Sara und Anna waren noch mit dabei, zwei neue Lehrerinnen. Irgendwann war die Tanzfl\u00e4che leer, Jesus war fort, nicht, ohne unseren Kontakt mitzunehmen, wir fanden ihn aber kurze Zeit sp\u00e4ter schon wieder, das ist wohl die Standard-Osu-Route, ausm Republic raus direkt ins Firefly, aber wir nehmen ja alles mit, wir nehmen alles mit, denn wir sind noch jung und knackig und k\u00f6nnen ausschlafen. Im Firefly fand uns Jesus dann wieder und feierte den Moment mit besagter Nahtanzanschmiegung, ich lachte nur und genoss das kleine Semi-Promi-t\u00eate-\u00e0-t\u00eate. Francis hatte sich dann doch \u00fcberlegt, den Dancefloor zu rocken und irgendwann war auch hier wieder eine Alarmstufe erreicht, die Becky und mich schlie\u00dflich abziehen lie\u00df, Francis im Schlepptau, leicht bedeppert, so zogen wir durch das n\u00e4chtliche Osu nach Hause, wo wir, auf einmal wieder ganz gentleman, als h\u00e4tte es nichts gegeben, verabschiedet wurden. <\/p>\n<p>Ich fiel in einen langen Schlaf, der sich in Etappen bis etwa 14 Uhr zog. Achja, am Samstag hatten wir auch endlich das Danksagungsdinner mit meinen beiden Joes, den Engeln. Naja, der eine zumindest war ein Engel, der andere meinte, dass ich mir mit meiner B\u00e4nderzerrung ein bisschen mehr M\u00fche h\u00e4tte geben k\u00f6nnen und von Anfang an den Fu\u00df h\u00e4tte belasten sollen, aber da ich ja ein M\u00e4dchen bin, ist das vielleicht auch anders. Lieber Joe. Ein Bein ist ein Bein. Ein Fu\u00df ist ein Fu\u00df. Bei Frau oder bei Mann oder bei Kind. Fu\u00df ist Fu\u00df. B\u00e4nderzerrung hei\u00dft Fu\u00df muss Ruhe haben. Wenn du deinen Fu\u00df in dem Fall gerne belasten m\u00f6chtest und vielleicht ein bisschen Basketball spielen oder an nem Marathon teilnehmen willst, bitte. Zwar bezweifle ich, dass du dazu in der Lage sein wirst, aber so eine OP mit nem richtig sch\u00f6n zerdepperten Fu\u00df hat doch bestimmt auch seine Vorz\u00fcge. Mir blieb der Bissen im Hals stecken und ich h\u00e4tte ihm gerne mit meinem gesunden Fu\u00df einmal sch\u00f6n gegen sein gesundes Schienbein getreten unterm Tisch. Ich verkniff es mir und belie\u00df es bei einer ganz sachlichen Erkl\u00e4rung. Seiner Meinung nach sind auch nur M\u00e4nner dazu im Stande, mehrere Frauen gleichzeitig zu haben, mehrere M\u00e4nner zur gleichen Zeit k\u00f6nne eine Frau ja gar nicht im Griff haben. Als Becky in schallendes Gel\u00e4chter ausbrach und meinte, M\u00e4nner w\u00e4ren vielleicht sogar unkomplizierter im Griff zu haben, als Frauen, und ich ihm erz\u00e4hlte, dass es sogar m\u00f6glich ist, an einem Wochenende drei M\u00e4nner parallel zu haben, meinte er nur mit verkl\u00e4rter Miene, er h\u00e4tte uns nicht verstanden. Gleiches Recht f\u00fcr alle, mein Freund. Und vor allem f\u00fcr alle F\u00fc\u00dfe. In Ghana ist meine Diskussionslust noch mal um einiges angewachsen. <\/p>\n<p>Jetzt ist es schon wieder sp\u00e4t irgendwie. Meine Tage am Institut sind langsam gez\u00e4hlt. Mir bleiben vielleicht noch zwei Wochenenden in Accra. Gemischte Gef\u00fchle machen sich immer breiter. Es ist hei\u00df und zu viele M\u00fccken sind hier. Malaria auf den letzten Metern w\u00e4re schei\u00dfe. Ich mache Musik an und singe laut dazu. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jesus hat seinen Hintern an mir gerieben und ich mochte es. Klingt vielleicht nach nem sehr seltsamen Christenfetisch-Softporno-Textfetzen, ist aber tats\u00e4chlich so passiert Samstagnacht. California Jesus, den wir nach Halloween nie wieder gesehen hatten. 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