{"id":141,"date":"2015-12-10T19:23:32","date_gmt":"2015-12-10T18:23:32","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=141"},"modified":"2015-12-10T19:23:32","modified_gmt":"2015-12-10T18:23:32","slug":"conchetumare-weon-culiao","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/12\/10\/conchetumare-weon-culiao\/","title":{"rendered":"Conchetumare we\u00f3n culiao"},"content":{"rendered":"<p>Es ist sp\u00e4t und der Harmattan macht uns seit Tagen unendlich m\u00fcde. Kein Schwei\u00df rinnt mehr langsam die Wirbels\u00e4ule hinab, keine Sonne knallt mehr unbarmherzig, das Land ist \u00fcberzogen von einem dunstigen Schleier, der Accra besonders im Morgengrauen in ein graues, kaltes Frankfurt-am-Main-Kleid steckt. Und doch hat das Ganze etwas Anheimelndes, wenn es schon keine wei\u00dfe Weihnachten gibt, dann wenigstens eine dunstige. Ist doch auch was, da hat man mal was Eigenes. Francis\u2019 tote Katze liegt neben mir auf dem Tisch (Obacht, kleiner Tonmacherwitz) und Morgen beginnt der Dreh f\u00fcr meinen kleinen Film. Pressure! So viel Druck in der Weihnachtszeit. Was ist mit der guten alten Heimlichkeit? Wann werden hier endlich mal Pl\u00e4tzchen gebacken und was ist mit Gl\u00fchwein und Feuerzangenbowle. Kommt alles. Planm\u00e4\u00dfig am Freitag. Da soll dann im Institut eine klassische Weihnachtsb\u00e4ckerei Einzug halten, ich habe sieben Pl\u00e4tzchenrezepte ausgesucht, an denen wir uns dann ausprobieren. Dann ist am Nachmittag unser Weihnachtskonzert und es gibt kleine Cocktailh\u00e4ppchen sogar, zur stilechten Feuerzangenbowle und wenn alles glatt l\u00e4uft sogar den Film am Ende.<br \/>\nAber ich habe ja noch gar nicht vom Samstag erz\u00e4hlt! Das war n\u00e4mlich extrem cool da, beim weihnachtlichen Poetry Slam, meinem ersten hier in Accra. Das war eine sehr gem\u00fctliche Gartenrunde neben der Togolesischen Botschaft, in der wir erstmal alle sagen mussten, was denn Weihnachten f\u00fcr uns bedeutete. Wir drei Deutschen konnten uns nat\u00fcrlich sch\u00f6n mit Weihnachtsklischees auslassen, aber genau das bedeutet Weihnachten auch f\u00fcr mich, da diskutiere ich gar nicht lange, das ist mein Ding, fertig. Nichts hier mit \u201eapart from the birth of Jesus\u201c, ja, ich wei\u00df schon, dass der Kerl da geboren wurde, aber ich sch\u00e4tze ihn so ein, dass der sicherlich auch nichts gegen nen Gl\u00fchwein auf nem h\u00fcbsch eingeschneiten und beleuchteten Weihnachtsmarkt gehabt h\u00e4tte. Na jedenfalls traten bei dem Poetry Slam allerhand Leute auf, da waren nicht nur Poeten, sondern auch S\u00e4nger dabei und sogar Accra-Semi-Prominente waren am Start, von denen mir mein Boss schon erz\u00e4hlt hatte. Wir lachten tats\u00e4chlich, mir ging das Herz auf als ich merkte, dass sich hier tats\u00e4chlich ghanaischer Humor mit meinem eigenen trifft. Ja, nach drei Monaten eing\u00e4ngiger Analyse von Leuten und Popul\u00e4rkultur f\u00fchle ich mich dazu in der Lage, den Kulturhumor hier einzusch\u00e4tzen und dieser Abend war wirklich eine positive \u00dcberraschung. Drei Monate! Ja! Krass. Am Samstag ist es soweit. Drei Monate und auch zuf\u00e4lligerweise genau 13 Wochen ist es dann her, dass ich zum ersten Mal den Boden meiner neuen Heimat betreten habe, zum ersten Mal dieses unwahrscheinlich gute Gef\u00fchl von dieser schw\u00fclen Wand auf der Haut sp\u00fcrte, nasser Waschlappen im Gesicht, zum ersten Mal ghanaische Ungezwungenheit erlebt habe. Es gef\u00e4llt mir immer noch. Viel besser jetzt als \u201edamals\u201c. <\/p>\n<p>Wieder sind fast 24 Stunden vergangen, ich wei\u00df auch nicht, was hier los ist, ich komme gar nicht mehr hinterher und freue mich schon so sehr auf die Weihnachtsferien&#8230;wo es da hin geht, werdet ihr hier bald erfahren! (Oder habe ich das etwa schon mal preigegeben? Dann ist das ja nur ein billiger Spoiler. Na tun wir einfach so, als w\u00fcsste man von nichts. Sonst kann ich gar nicht mehr diesen absoluten dankbaren Wortspieltitel bringen). Am Sonntag ist n\u00e4mlich mal wieder Pr\u00fcfungsansicht angesagt, yayyy, nochmal mit Schmackes am dritten Advent. &#8222;Hallo Peter, hier Carola. Du sag mal, ich wollte doch am Freitag eine Party bei mir geben. K\u00f6nntest du schon 14 Uhr zu mir kommen und mir bei der Vorbereitung helfen? Ich schaffe das sonst nicht allein! Vielen Dank, Tsch\u00fcss!&#8220; schallt dann wieder in einem Murmeltier-Kreislauf durch die Hallen. Aber hat ja auch alles was Niedliches.<\/p>\n<p>Heute war ein besonders aufregender Tag, denn ich h\u00e4tte die gro\u00dfe Ehre mit Solaiman, dem Bagelverk\u00e4ufer aus Gambia zu drehen und sehr lange zu plaudern, meinem ersten Protagonisten. Es stellte sich heraus, dass der Kerl unglaublich inspirierende und schlaue Ans\u00e4tze vertrat, war mit 20 in die USA gegangen, hatte dort sein Handwerk und erstaunliche Businessskills gelernt und entpuppte sich zu einem \u00fcberaus sozialen, smarten, kompetenten und durchsetzungsf\u00e4higen Gesch\u00e4ftsmann. Strahlte gleichzeitig auch diese bescheiden-optimistische Obama-Attit\u00fcde aus, immer ein breites L\u00e4cheln auf den Lippen, niemals verzagend, denn es g\u00e4be ja immer etwas zu tun. Regte sich sehr \u00fcber die Inkompetenz und das Statusgehabe der Chiefs auf, hatte eine sehr ausgewogene Globalsicht, kannte sich sehr gut aus daf\u00fcr, dass er niemals studiert hatte oder eine richtige Ausbildung absolviert hatte. &#8222;Viele Leute sind so arm, denn alles was sie haben, ist Geld&#8220;, zitierte er dann noch Bob Marley, nicht ohne vorher eine Andeutung zu Marie Jeane zu bringen. Ich habe heute auf jeden Fall viel gelernt und ein paar Wahnsinnsbilder in den Kasten bekommen. Nachdem er mich f\u00fcr unser Interview auf ein Bierchen und einen kleinen Lammgrillsnack eingeladen hatte, bezahlte er dann auch noch mein Taxi zur Arbeit zur\u00fcck. &#8222;The world is beautiful. You just have to see&#8220;, sagte er immerzu. Wirklich wundersch\u00f6n.<\/p>\n<p>Alles geht zu Ende, meine Franz\u00f6sischpr\u00fcfung habe ich hinter mir, n\u00e4chste Woche ist die letzte Arbeitswoche in diesem Jahr und Bea will jetzt auch noch aus dem Africa House ausziehen. In meiner neuen Dunkelkammer fange ich an, mich heimisch zu f\u00fchlen, die Dunkelheit macht wenigstens immer so einen auf Weihnachtsstimmung. Die Matratze sollte man nicht anheben, weil einem dann der Geruch des Todes entgegenstr\u00f6mt, aber abgesehen davon riecht es ganz in Ordnung bzw. immer noch nach den widerlichen Mottenkugeln, die sich trotz nur ca. sechsst\u00fcndigem Aufenthalt in meinem Zimmer scheinbar in jede Faser gefressen haben. Der Harmattan zieht einem jegliche Feuchtigkeit aus den Poren und das ist nicht so gut. Sieht ziemlich fies aus mitunter. <\/p>\n<p>Oh ich habe ja noch gar nichts vom chilenischen Film am Montag erz\u00e4hlt, der Titel stellt eine kleine Hommage zu diesem Abend dar, mein Herz ging mir auf aber zerbrach gleich darauf schon wieder, weil ich Chile und Santiago und mi vida all\u00e1 einfach so schmerzlich vermisste innerhalb dieser neunzig Minuten. Ich gab mich ganz dem Akzent hin, versank in den Anspielungen, die nur un chileno de coraz\u00f3n verstehen kann und schmachtete. Der Film war s\u00fc\u00df, aber nichts f\u00fcr die Filmgeschichte und dem chilenischen Botschafter war der vielleicht auch etwas peinlich, weil er danach ganz schnell die Biege machte. Auf jeden Fall sehr offenherzig und derbsprachlich wie der obige Titel. Aber 120 % chilenisch. Da sa\u00dfen wir nun, mit Spaniern, Deutschen, Ghanaern und sahen uns diesen Film an, das hatte etwas Surreales und Magisches, ein kulbprovokatorisches Vermischen von verschiedenen Welten, abgefahren. Sch\u00f6n!<\/p>\n<p>Ich werde mir jetzt mal Harmattanschutz auftragen und dann demn\u00e4chst nach drau\u00dfen gehen, um mir den spanischen Film im Festival anzusehen. Nochmal kurz abschalten vor dem gro\u00dfen Tag der Weihnachtsfeier Morgen. <\/p>\n<p>Que les vaya bien, chiquillxs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist sp\u00e4t und der Harmattan macht uns seit Tagen unendlich m\u00fcde. Kein Schwei\u00df rinnt mehr langsam die Wirbels\u00e4ule hinab, keine Sonne knallt mehr unbarmherzig, das Land ist \u00fcberzogen von einem dunstigen Schleier, der Accra besonders im Morgengrauen in ein &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/12\/10\/conchetumare-weon-culiao\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1685,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-141","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/141"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1685"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=141"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/141\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":144,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/141\/revisions\/144"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=141"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=141"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=141"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}