{"id":132,"date":"2015-11-20T13:45:47","date_gmt":"2015-11-20T12:45:47","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=132"},"modified":"2015-11-20T13:45:47","modified_gmt":"2015-11-20T12:45:47","slug":"ein-dickes-walross","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/11\/20\/ein-dickes-walross\/","title":{"rendered":"Ein dickes Walross"},"content":{"rendered":"<p>Da sind wir also angekommen, am Tag der Abreise zu unserem Zwischenseminar. Weil die Zeit sich so beeilt, sind jetzt bereits 10 Wochen unseres kostbaren Praktikums hier vor\u00fcber. Zeit, ein bisschen zu res\u00fcmieren? Vielleicht schon etwas sp\u00e4t, denn ich habe eben gerade ausgerechnet, dass mir jetzt nur noch so um die acht Arbeitswochen hier verbleiben, neben Weihnachten, Ausgleichstagen und Urlaub. Aber es geht ja auch darum, das Land kennen zu lernen. Accra kennen wir jetzt ganz gut, das ist jetzt eine Heimat, wir wissen, was wir wie wo machen m\u00fcssen und wo wir wie was finden. Soweit, so gut. Da gibt es aber noch so so so viel zu sehen und zu entdecken. Wir finden, wir m\u00f6chten hier nicht eher gehen, als bis wir einen ordentlichen und ausgewogenen Gesamteindruck gewonnen haben. Und den kriegt man ja nicht nur von einer Stadt und ein oder zwei Wochenendhupferln in die n\u00e4here Umgebung. Nein, nein, nein, wir wollen mehr sehen und deswegen ist es gut, dass auch noch ein bisschen Zeit f\u00fcr Adventure Time bleibt.<br \/>\nDabei ist ja hier eigentlich immer Adventure Time. Ohne zu l\u00fcgen, kann ich sagen: das ist der coolste Job, den ich je hatte. Hier habe ich nie dieses Gef\u00fchl entwickelt, auf die Uhr zu schauen und zu denken &#8222;Jetzt noch zwei Stunden bis zur Mittagspause und danach noch mal 4 und dann kann ich endlich gehen&#8220;. Nope. Das ist ganz anders hier. Man kommt gerne zur Arbeit und man arbeitet gern, das Non-plus-Ultra an Tagesinhalt, fr\u00fch aufstehen hat nicht diese bitterfiese Beinote, man macht das gern, h\u00fcpft ins TroTro, diskutiert so lange mit dem Mate und nimmt in der Endkonsequenz noch Mitfahrer zu Hilfe, bis man endlich das korrekte Wechselgeld ausgeh\u00e4ndigt bekommt, dann sitzt man im Franz\u00f6sischkurs und freut sich \u00fcber sein Vorankommen, en fait je suis tr\u00e8s contante que dans seulement quelques semaines je me suis am\u00e9lior\u00e9e tant que maintenant je peux avoir enti\u00e8res conversations avec J\u00e9r\u00e9my en fran\u00e7ais. Anschlie\u00dfend l\u00e4uft man zum 37, kauft sich ein bisschen Obst und steigt ins Nafti-Taxi zur Arbeit, wo man dann in sein B\u00fcro tritt, die Sonne scheint vom Balkon her durchs Fenster, man darf die gestrig gemachten Fotos durchsehen und ver\u00f6ffentlichen, man darf mit K\u00fcnstlern in Kontakt treten, deren Konzerte und Ausstellungen besprechen und organisieren, man ist Herr des Social Media oder man informiert h\u00f6chst professionell wirkend auf Messen. Das Ganze kann man sich vielleicht so vorstellen wie eine dieser typischen Filmszenen in amerikanischen Kom\u00f6dien, in denen positive, motivationale Musik gespielt wird und erfolgreiche Entwicklungen in mehreren Wochen innerhalb eines Songs zusammengefasst werden, mit typischen Szenen aus dieser Zeit, die ineinander \u00fcbergehen und dem Zuschauer vermitteln, dass es jetzt wieder bergauf geht. Was w\u00e4re mein Themesong? Ich glaube, ich w\u00fcrde mir &#8222;The man&#8220; w\u00e4hlen, von Aloe Blacc, davon habe ich seit dem Wochenende in Cape Coast einen Ohrwurm und au\u00dferdem ist das was zum auf die Kacke hauen. I am the woman, yes I am. Klingt doch super. <\/p>\n<p>Na jedenfalls bin ich hier zufrieden wie ein dickes Walross. Das ist mein Res\u00fcmee. Wir haben jetzt Plantain, ghanaische Schokolade und nat\u00fcrlich Wengeze im Gep\u00e4ck, um unseren fellow Seminarteilnehmern in Kigali dann mal zu seigen, die der Snackhase hier so l\u00e4uft. Gestern war mal wieder p\u00fcnktlich zum Rucksack packen Stromausfall, als ich gerade dabei war, den komplett in Schimmel eingebauschten Rucksack mit Spiritus einzureiben, gingen Licht und Ventilator aus und ich blieb zur\u00fcck in meiner feuchtwarmen Grotte und sah die Hand vor Augen nicht. Zum Gl\u00fcck haben wir ja eine kleine Vorsorge f\u00fcr derartige F\u00e4lle, Max&#8216; batteriebetriebene Lampen, die so ein bisschen ein altes Burgfeeling vermitteln, die nimmt man dann immer in die Hand und l\u00e4uft damit durch die dunklen G\u00e4nge, in die K\u00fcche oder zum Z\u00e4hneputzen. Im fahlen Licht der Notlampe er\u00f6ffnete ich au\u00dferdem das NoBite-Feuer auf die fiesen Mosquitos, die die Gunst der Stunde genutzt hatten, sich komplett in meinem Zimmer zu versammeln, einer der wenigen Lichtquellen im Umkreis. Ich kam also nicht wirklich zum Sachenpacken. Mein Boss machte mich au\u00dferdem darauf aufmerksam, dass mein Rucksack besser noch ein bisschen ausl\u00fcften sollte, weil Brandbeschleunigergeruch am Gep\u00e4ck beim Flughafenpersonal vielleicht nicht ganz so klasse ankommt und unsere Reiseroute ja au\u00dferdem sowieso schon als &#8222;verd\u00e4chtig&#8220; eingestuft wurde. Wir wollen niemandem was B\u00f6ses, wir wollen einfach nur im Flugzeug sitzen und uns auf unsere Reise freuen. Gestern habe ich mir nochmal Charlie Chaplins wundervolle und weise Rede aus &#8222;The Great Dictator&#8220; angesehen, die in diesen Zeiten wieder \u00e4u\u00dferst aktualisiert betrachtet werden kann: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=CsgaFKwUA6g<br \/>\nDie Aufmachung in dem Clip sagt mir nicht ganz so zu, alles sehr pathetisch und plakativ, aber seine Worte bleiben die gleichen und ich musste mal wieder heulen. Vielleicht ist ein bisschen Hollywood-Pathetik manchmal gar nicht schlecht, um jemanden vom guten Kern der Menschheit zu \u00fcberzeugen. &#8222;You have the love of humanity in your hearts! You don\u2019t hate! Only the unloved hate &#8211; the unloved and the unnatural! Soldiers! Don\u2019t fight for slavery! Fight for liberty!&#8220; Wir sind schlau genug, um gar nicht erst Hass aufbringen zu m\u00fcssen. Eigentlich. <\/p>\n<p>Ansonsten bin ich in letzter Zeit auf der Suche nach einem Job f\u00fcr den zweiten Teil meines Gapyears, wenn ich dann im M\u00e4rz nach Europa zur\u00fcck gehe, &#8222;jung bin und das Geld brauche&#8220;. Habe jetzt f\u00fcnf Bewerbungen abgeschickt, wenn noch jemand nen Tip hat, immer her damit. Ich kann Kommunikation, Marketing und Fernsehen und habe einen Hochschulabschluss. Cool, wa?<\/p>\n<p>Manchmal vermisst man die kleinen, trivialen Dinge aus einer heilen Welt, wie zum Beispiel eine Waschmaschine, mit einem Bullauge, vor die man sich setzen kann und stundenlang zusehen k\u00f6nnte. Zumindest geht mir das so. Wir haben keine Waschmaschine, wir waschen in drei Bottichen mit Hand, meinen vorz\u00fcglichsten Dank an Max an dieser Stelle, das hat seinen Charme und seine Romantik, aber es ist hart anstrengend und die Sachen werden, bei aller Liebe, nur halbherzig sauber und riechen stets &#8222;neutral&#8220;. Wenn ihr das n\u00e4chste Mal wascht &#8211; genie\u00dft den Duft von Waschmittel und Weichsp\u00fcler, beobachtet, wie die bunten, wohlriechenden Fl\u00fcssigkeiten langsam in die Kammern nach unten laufen, wie dann das Wasser zu rauschen anf\u00e4ngt, wenn ihr die Kn\u00f6pfe und R\u00e4dchen bet\u00e4tigt und wie wundersch\u00f6n die W\u00e4sche duftet, wenn ihr sie dann auf den W\u00e4schest\u00e4nder h\u00e4ngt. Das sind wohl die kleinen Freuden des Alltags, die manchmal im janzen Schei\u00dfstress unterjehn. <\/p>\n<p>So. Dann mach ich mal noch ein paar Stunden und hau dann rein mit Kathi. Bis Ruanda!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da sind wir also angekommen, am Tag der Abreise zu unserem Zwischenseminar. Weil die Zeit sich so beeilt, sind jetzt bereits 10 Wochen unseres kostbaren Praktikums hier vor\u00fcber. Zeit, ein bisschen zu res\u00fcmieren? 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