{"id":128,"date":"2015-11-08T13:20:41","date_gmt":"2015-11-08T12:20:41","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/?p=128"},"modified":"2015-11-08T13:20:41","modified_gmt":"2015-11-08T12:20:41","slug":"high-tech-und-high-willkuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ghanabegreat\/2015\/11\/08\/high-tech-und-high-willkuer\/","title":{"rendered":"High Tech und High Willk\u00fcr"},"content":{"rendered":"<p>Planm\u00e4\u00dfig in drei einhalb Stunden landen meine Eltern hier in Accra und ich will mir lieber gar nicht vorstellen, wie nerv\u00f6s sie jetzt gerade sind. Als wir gestern Abend noch telefoniert hatten, standen sie kurz vor dem Herzinfarkt, als ich, leicht &#8222;scherzhaft&#8220; meine \u00dcberraschung anteasern wollte, die dann leider ins Wasser fallen musste, um sie nicht komplett aus der Bahn zu werfen und in einem Anfall von Last-Minute-Panik doch wieder in Erw\u00e4gung ziehen lassen sollte, irgendeine Botschaft zu konsultieren. Jedenfalls meinte ich nur noch, als letzte Bemerkung beim Telefonat: &#8222;Das ist jetzt ganz wichtig, h\u00f6rt bitte genau zu: Wenn ihr am Flughafen ankommt, sucht nur nach eurem Namen, lasst euch von niemandem ansprechen und vor allem nicht anfassen und mitzerren, egal, was derjenige sagt, schaut nur nach eurem Namen, okay?&#8220; Gut, es kann sein, dass ich das ein wenig zu sehr im Agententhriller-Style ausgespielt habe, meine Eltern h\u00f6rten sich jedenfalls stotternd-hysterisch an und fragten immer wieder v\u00f6llig best\u00fcrzt &#8222;Was? Du bist dann nicht am Flughafen??? Du bist dann nicht am Flughafen???\u201c. Ich musste also die Wahrheit auspacken, dass ich sehr wohl am Flughafen sein w\u00fcrde, dass ich allerdings einfach nur \u00fcberraschungsm\u00e4\u00dfig so tun wollte, als w\u00e4re da jemand anderes, mit dem Schild, was ich extra vorbereitet hatte. Mein Vater sagte mir dann, er hatte mich schon in den F\u00e4ngen nigerianischer Terroristen gesehen. Ironischerweise lag ich zum Zeitpunkt des Gespr\u00e4chs in meinem Bett und schaute mir eine Sat1-Liebesschnulze auf Youtube an (Ja, darauf hatte ich halt mal Bock.). <\/p>\n<p>\u00dcbrigens ist die Ankunft in Accra normalerweise wirklich genau so, wie ich es beschrieben hatte, das war nicht mal \u00fcbertrieben. Wenn man aus dem Geb\u00e4ude heraustritt, dann ist das ein bisschen wie bei The Walking Dead, ich nenne das hier mal The Walking Taxifahrer, weil da dann so an die 50 Taxifahrer in einem Pulk stehen und im perfekten Reisverschlussprinzip deinen Ausweg versperren und dich empfangen mit &#8222;Ich habe schon auf dich gewartet, komm mit!&#8220; oder &#8222;Ja, ich bin hier, um dich abzuholen!&#8220; und dich am Arm packen. Das ist erstmal ein ziemlich origineller Empfang. Ich bin mal gespannt, wie ich mich nachher bei The Walking Taxifahrer eingliedern kann, ohne entweder einer von ihnen zu werden oder heillos unterzugehen. <\/p>\n<p>Aber Mama und Papa, ihr nehmt mir das ja jetzt hoffentlich nicht b\u00f6se, ich fand das eher sehr niedlich, ich freue mich auf euch mit genau der gleichen Freude wie in dieser einen denkw\u00fcrdigen Situation in der Mondgruppe bei Benjamin im Wildh\u00fcterwegkindergarten, als die superstrenge Beate uns schon im Bulldozerton angeherrscht hatte &#8222;SO, IHR MACHT JETZT ABER AUCH SOFORT MITTAGSSCHLAF HIAR!&#8220; und im allerletzten Moment Herr Wittlich als Held durch die T\u00fcr der Mondgruppe getrabt kam, um uns abzuholen. Ich glaube, ich habe ihn in diesem Moment tats\u00e4chlich in Slow Motion rennen sehen, ich erinnere mich auch an Benjamins und meine Freudenschreie nur noch in Slow Motion. Das sind so diese besonderen, heroischen Freudemomente im Leben und so freue ich mich auf euch. \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Am Freitag hatten wir ein kleines Event am Goethe-Institut, was ich erstmals ganz allein organisiert hatte und somit auch der Conf\u00e9rencier der ganzen Sache war, mein K\u00fcnstlerkumpel Jonathan und seine Kollegen kamen f\u00fcr eine Pr\u00e4sentation ihrer Erfahrungen beim African Futures Festival. Das war dann ziemlich cool, weil sich herausstellte, dass Jonathen die erste Firma in Ghana betrieb, die mit Virtual Reality arbeitete, ich l\u00f6cherte ihn anschlie\u00dfend mit Fragen und dann durften wir auch alle das Google Cardboard ausprobieren, sogar Mr. Adom wollte mal und wurde fast nicht wieder. F\u00fcr mich hatte das alles so etwas von nostalgische Futuristik, ich dachte die ganze Zeit daran, wie die Leute wohl auf den ersten Fernseher oder das erste Radio reagiert hatten, diese ganzen leicht zaghaften Bewegungen und Ber\u00fchrungen und Blicke, dieses Verzaubertsein von einer ganz neuen Dimension, es war herrlich und spannend und witzig. Jonathan fragte uns dann noch, ob wir zusammen mit ihm und seinen Kollegen ein Bierchen trinken w\u00fcrden und so sa\u00dfen wir noch eine Weile zusammen im Hof. Kathi fand den Jonathan \u00fcbrigens auch &#8222;sehr sch\u00f6n&#8220;, vielleicht erinnert ihr euch ja an mein erstes Treffen mit ihm bei dem Jamestown-Dreh, ja, der hat irgendwas&#8230;Weltm\u00e4nnisches? Liegt vielleicht daran, dass er in Kanada studiert hat, alterslos zu sein scheint, diesen eleganten, aber gleichzeitig casual Kleidungsstil hat und Atheist ist. Ein ghanaischer Atheist, in etwa so wahrscheinlich wie ein franz\u00f6sischer Veganer. War uns allen jedenfalls sehr sympathisch.<\/p>\n<p>Kathi und ich zogen dann noch weiter, weil wir endlich mal das &#8222;Buka&#8220; ausprobieren wollten, ein sehr hoch gelobtes Restaurant mit ghanaischen und nigerianischen Spezialit\u00e4ten (wahrscheinlich laut denen ausschlie\u00dflich nigerianische Spezialit\u00e4ten, weil die Nigerianer immer alles erfunden haben, immer und alles). Das hatte leider zu, als wir 21:34 dort aufschlugen. Na gut, dann wurde weiter gesucht, wir landeten bei einem Inder mit der leckersten Chicken Tikka Massala meines Lebens, ich wollte mich da einfach rein legen. Wir einigten uns darauf, dass wir unbedingt nach Indien wollten. Bea schw\u00e4rmt auch immer so von Indien. Ich will unbedingt mal nach Indien! Na, erstmal einen Job finden ab M\u00e4rz. Dann klappt das vielleicht n\u00e4chstes Jahr. Am liebsten m\u00f6chte ich nach Paris. Pah! Hahahaha. Mit einem sehr wohlwollenden B1-Level. Aber nur, wenn man alle Augen zudr\u00fcckt. Unm\u00f6glich? Wahrscheinlich. Aber ich denke man einfach an diesen weisen, abgenudelten Brechtspruch.  <\/p>\n<p>Gestern war Flohmarkt am Goethe-Institut, aber nicht, wie man sich das so vorstellt, eher so High-End-Luxusflohmarkt mit allen m\u00f6glichen hochwertigen Neuwaren. Wir hielten uns ungef\u00e4hr drei Stunden dort auf, weil es einfach so viel zu sehen gab und zu st\u00f6bern und es war ja alles so sch\u00f6n, man konnte sich kaum zur\u00fcck halten im Kaufrausch. Mein Bagelkumpel Solomon war wieder da, er freute sich, mich zu sehen, schenkte mir einen Zimtbagel und ich schwatzte ein bisschen mit ihm, fand heraus, dass er eigentlich aus Gambia war, ich sagte ihm, ich m\u00f6chte gerne einen Film machen und w\u00fcrde mich freuen, wenn ich ihn interviewen d\u00fcrfte einmal. Da kam mir dann n\u00e4mlich die Idee f\u00fcr meinen Projektfilm. Aber das ist eine andere Geschichte.<br \/>\nNachdem wir uns satt gesehen und -gekauft hatten, ging es weiter zum Makola Market, weil wir mal wieder neue Klamotten brauchten. Der Schimmel in meinem Zimmer hat bisher zwar nur meinen Reisepass, mein Mosquitonetz und meine Handtasche angegriffen, aber der Zerschlei\u00df ist hier irgendwie sehr gro\u00df, durch fehlende Waschmaschinen. Ach, apropos Reisepass, da gab es ja noch eine freit\u00e4gliche Episode vom Immigration Service. Wir mussten n\u00e4mlich uns Vism verl\u00e4ngern. Klar, logisch, unser sechsmonatiges Multiple-Entry Visum reicht nat\u00fcrlich nicht. Ich erlaubte mir dann, den Official mal zu fragen, wonach sich denn das richte, wie viele Tage Visum man bei der Einreise nach Ghana erh\u00e4lt. Er meinte dann, ganz unverbl\u00fcmt und stolz zu mir: &#8222;Ja, das richtet sich nach dem Beamten bei der Einreise, der entscheidet das, das k\u00f6nnen 30 Tage, 60 Tage, aber auch nur ein paar Stunden sein&#8220;. Wie bitte? Der denkt sich dann also &#8222;Joa, Alde, wenn mir dein Gesicht nicht passt, dann kannst du dich mal ganz hinten hier anstellen, ich kann dir auch nur ein drei-Stunden-Visum erteilen, nje-heh-heh-heeeeh&#8220;. Bestens. Willk\u00fcr wie im tiefsten DDR-Dickicht, aber hier noch ganz offiziell und freundlich zugegeben. Wir lernen also daraus, Ghana macht einen auf Berghain. Ganz offiziell. Da kann sich dann jeder drauf einstellen und hoffen. Es ist doch einfach nur ein gro\u00dfer Scherz. Freedom and Justice.    F\u00fcr.    Den.    Arsch.<br \/>\nJedenfalls warten wir jetzt auf unseren Reisepass, ich habe dem Beamten freundlich erkl\u00e4rt, dass ich den aber sp\u00e4testens am 20.11. wieder brauche, weil wir da das Land verlassen m\u00fcssen. Er kann f\u00fcr nichts garantieren. Gro\u00dfartig. Einfach gro\u00dfartig. <\/p>\n<p>So. Ich werde mich jetzt mal um meine Franz\u00f6sischhausaufgaben k\u00fcmmern. Und mich so langsam fertig machen zur Flughafenabfahrt. \u00c0 plus!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Planm\u00e4\u00dfig in drei einhalb Stunden landen meine Eltern hier in Accra und ich will mir lieber gar nicht vorstellen, wie nerv\u00f6s sie jetzt gerade sind. 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