{"id":78,"date":"2016-04-21T12:15:06","date_gmt":"2016-04-21T16:15:06","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/fsjparaguay\/?p=78"},"modified":"2018-01-27T06:34:24","modified_gmt":"2018-01-27T09:34:24","slug":"gretchenfrage-und-mennonitische-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/fsjparaguay\/2016\/04\/21\/gretchenfrage-und-mennonitische-geschichte\/","title":{"rendered":"Gretchenfrage und mennonitische Geschichte"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Nun sag, wie hast du&#8217;s mit der Religion?&#8220; (Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify\">Antworten auf diese Frage k\u00f6nnen ohne Zweifel individuell verschieden ausfallen. Glaube ist ein sehr pers\u00f6nliches Thema \u2013 eines, das sowohl st\u00e4rken und einen, als auch zerst\u00f6ren und spalten kann.<br \/>\nEs ist ein Thema, das in der mennonitischen Kolonie Friesland, Itacurub\u00ed del Rosario, allgegenw\u00e4rtig ist. Seitdem ich hier arbeite, m\u00f6chte ich \u00fcber mennonitische Lebensweise und Geschichte schreiben. Jedoch hat es eine Weile gedauert, ein umfassendes Bild und den n\u00f6tigen Abstand zu gewinnen. Nun versuche ich, m\u00f6glichst ohne Wertung, einen \u00dcberblick zu bieten.<\/p>\n<div id=\"attachment_79\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/fsjparaguay\/files\/2016\/04\/SAM_4084.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-79\" class=\"size-large wp-image-79\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/fsjparaguay\/files\/2016\/04\/SAM_4084-1024x683.jpg\" alt=\"Mennonitische Kirche in der Kolonie Friesland\" width=\"625\" height=\"417\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/fsjparaguay\/files\/2016\/04\/SAM_4084.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/fsjparaguay\/files\/2016\/04\/SAM_4084-300x200.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/fsjparaguay\/files\/2016\/04\/SAM_4084-768x512.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/fsjparaguay\/files\/2016\/04\/SAM_4084-624x416.jpg 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/fsjparaguay\/files\/2016\/04\/SAM_4084-750x500.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-79\" class=\"wp-caption-text\">Mennonitische Kirche in der Kolonie Friesland<\/p><\/div>\n<h2 style=\"text-align: justify\">Beginn der Reformation<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify\">Anfang des 16. Jahrhunderts gibt es im Christentum gewaltige Umbr\u00fcche. Gewiss ist der Humanismus ein Faktor, der dazu beitr\u00e4gt, dass sich Menschen kritisch mit der katholischen Kirche auseinandersetzen. Vor allem der Ablasshandel ist von Kirchenv\u00e4tern auf die Spitze getrieben worden &#8211; das Seelenheil scheint k\u00e4uflich; im Klerus gibt es Korruption.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\" align=\"justify\">Der ber\u00fchmte Reformator Martin Luther widmet sich eingehend dem Bibelstudium und kommt zu dem Schluss, dass sich die katholische Kirche weit von der Schrift entfernt habe. Er wagt es, \u00f6ffentlich Kritik zu \u00fcben, als er im Jahr 1517 95 Thesen formuliert und an die T\u00fcr der Schlosskirche zu Wittenberg schl\u00e4gt. Damit greift er sowohl den Papst als auch die katholische Kirche auf das Sch\u00e4rfste an \u2013 die r\u00f6mische Kurie f\u00fchrt deshalb einen Prozess wegen Ketzerei gegen ihn, welcher darauf hinausl\u00e4uft, dass man ihn im Jahr 1521 f\u00fcr vogelfrei erkl\u00e4rt. Auf der Wartburg findet Luther Schutz. In den Monaten, die er dort verbringt, \u00fcbersetzt er die Bibel aus dem griechischen Urtext in die deutsche Sprache.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify\" align=\"justify\">Entstehung des T\u00e4ufertums<\/h2>\n<p align=\"justify\">Ausgehend vom Luthertum entwickeln sich weitere reformatorische Bewegungen. So entsteht auch das T\u00e4ufertum, dessen Urspr\u00fcnge in der z\u00fcricher Reformation zu finden sind. Pr\u00e4gend ist eine Gruppe von Theologen, die sich in der Schweiz regelm\u00e4\u00dfig in Bibelkreisen versammelt \u2013 unter ihnen Huldrych Zwingli, Konrad Grebel und Felix Manz, deren Reformationsbestrebungen sowohl religi\u00f6ser, als auch sozialer Natur sind. Sie wollen das Priestertum f\u00fcr alle Gl\u00e4ubigen und streben nach dem Modell einer apostolischen Urgemeinde. Ihrer Ansicht nach k\u00f6nnen Menschen das Seelenheil allein durch die Gnade Gottes erlangen \u2013 somit ist es nicht m\u00f6glich, sich von S\u00fcnden freizukaufen. Grebel und Manz sind radikaler als Zwingli. Sie wollen so schnell wie m\u00f6glich liturgische \u00c4nderungen erreichen und vertreten die Ansicht, die Beteiligung an milit\u00e4rischen Konflikten sei mit der Bibel nicht vereinbar. So kommt es zum Bruch zwischen den Theologen.<br \/>\nBei der Taufe ist f\u00fcr Grebel und Manz der Aspekt der Freiwilligkeit entscheidend. Sie lehnen die Kindertaufe ab und nehmen 1525 zum ersten Mal eine \u201eGlaubenstaufe\u201c bei Erwachsenen vor \u2013 damit gr\u00fcnden sie das T\u00e4ufertum. Auch verbreiten sie ihre Lehre und halten auf eigene Faust Abendmahlfeiern ab. Dies sorgt f\u00fcr Unruhe im Land. Es werden mystische Treffen abgehalten, apokalyptische Prediger verschaffen sich Geh\u00f6r und Menschen verfallen dem religi\u00f6sen Wahn.<br \/>\nDie Regierung verbietet die Versammlungen und die Taufen. Grebel und Manz werden zu lebensl\u00e4nglichen Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt. Nachdem beiden die Flucht gelungen ist, erkrankt Grebel an der Pest und verstirbt. Manz wird gefasst und zum Tode verurteilt. Im Januar 1527 wird er in Z\u00fcrich ertr\u00e4nkt.<\/p>\n<h2 align=\"justify\">Mennonitische Geschichte<\/h2>\n<p align=\"justify\">Das T\u00e4ufertum ist sehr heterogen. Luther hat die Bibel der Bev\u00f6lkerung zug\u00e4nglich gemacht. Durch die Lekt\u00fcre der Schrift und nach der Erkenntnis der eigenen Ohnmacht in der katholischen Kirche ist es m\u00f6glich, dass sich das T\u00e4ufertum auch in Mittel- und Norddeutschland sowie in der Niederlande auf fruchtbaren Boden trifft. Auch beg\u00fcnstigt die Bauernbewegung eine schnelle Verbreitung der Ideologien, die oft marxistisch beeinflusst sind.<br \/>\nIn Norddeutschland und der Niederlande schlie\u00dft der aus Friesland stammende Menno Simons T\u00e4ufer zu Gemeinden zusammen, die sich bald \u201eMennoniten\u201c nennen. Traditionell betreiben sie mit Geschick Landwirtschaft.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Jahr 1785 stellt Kaiserin Katharina II den Mennoniten, die immer wieder unter Verfolgung zu leiden haben, Gebiete zur Bewirtschaftung in S\u00fcdrussland zur Verf\u00fcgung. Es locken zahlreiche Privilegien: Glaubensfreiheit, Befreiung vom Milit\u00e4rdienst, Steuerbefreiungen und Grundbesitz. Im Krieg gegen die T\u00fcrkei hat Russland seine Grenzen erweitert. Um die Region im n\u00f6rdlichen Kaukasus zu sichern, wird um Bauern aus dem Ausland geworben, die sich dort ansiedeln sollen. So kommt es, dass viele Mennoniten sich dazu entschlie\u00dfen, auszuwandern.<br \/>\nDa die Mennoniten aus Glaubensgr\u00fcnden den Dienst an der Waffe verweigern, sehen sie sich zur Zeit des ersten Weltkrieges stark mit Feindseligkeiten und Diskriminierung durch die russische Bev\u00f6lkerung und mit Unterdr\u00fcckung durch die Regierung konfrontiert. Als Stalin an die Macht kommt, spitzt sich die Situation zu. Im Zuge der Kollektivierung werden viele wohlhabende mennonitischen Bauern enteignet. Auch wird die Deutsche Sprache in Presse und Kirche und schlie\u00dflich die Aus\u00fcbung der Religion verboten. Viele der Mennoniten sehen sich dazu gezwungen, zu fl\u00fcchten. Einige kehren zur\u00fcck nach Westeuropa, andere wandern nach Nord- und S\u00fcdamerika aus.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Vorfahren der Mennoniten in Friesland kommen aus dem Chaco, der trockenen Savannenregion im S\u00fcdwesten Paraguays, wo es auch heute noch viele mennonitische Kolonien gibt. Zur Zeit der mennonitischen Einwanderung ist der Chaco bis auf wenige Indianerst\u00e4mme beinahe unbev\u00f6lkert. Paraguay bietet den Mennoniten Religionsfreiheit, die Befreiung vom Wehrdienst und steuerliche Verg\u00fcnstigungen. Aufgrund der dortigen Nahrungsmittelknappheit haben die friesl\u00e4nder Mennoniten dem Chaco den R\u00fccken gekehrt und im Jahr 1937 Friesland, die erste Kolonie in Ostparaguay gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p align=\"justify\">In ihrer Geschichte liegt begr\u00fcndet, warum sich die Mennoniten \u00fcber ihre Religion definieren und nicht \u00fcber ihre Nationalit\u00e4t. Viele von ihnen machen einen klaren Unterschied zwischen den in Paraguay lebenden Mennoniten und der restlichen Bev\u00f6lkerung des Landes \u2013 auch, wenn es Tendenzen zu einer \u00d6ffnung nach au\u00dfen gibt. Zugeh\u00f6rig f\u00fchlen sie sich vor allem zur mennonitischen Gemeinde, die sehr demokratisch organisiert und \u00fcber Landesgrenzen hinweg vernetzt ist. Die Mennoniten w\u00e4hlen ihre Prediger. Prinzipiell ist jedes Gemeindemitglied daf\u00fcr geeignet \u2013 meistens haben die Prediger jedoch Fortbildungen absolviert.<br \/>\nIm Gottesdienst gibt es keine Wandlung \u2013 der Kommunion wird ein geringer Stellenwert einger\u00e4umt. Sehr pr\u00e4sent ist das Gebet: vor beinahe jeder Mahlzeit, vor Freizeitaktivit\u00e4ten, in der Schule. Die Mennonitische Gemeinde hat ein starkes Sendungsbewusstsein. In den Umliegenden D\u00f6rfern gr\u00fcnden sie Missionsgemeinden und er\u00f6ffnen soziale Einrichtungen mit mennonitischer Pr\u00e4gung.<\/p>\n<h3 align=\"justify\">Quellen:<\/h3>\n<p align=\"justify\"><i>Sierszyn, Armin: 2000 Jahre Kirchengeschichte: Reformation und Gegenreformation: Band 3, H\u00e4nssler, Holzgerlingen 2000)<\/i><\/p>\n<p align=\"justify\"><i>Penner, Beate: Gemeinsam unterwegs: 75 Jahre Kolonie Friesland: 1937 \u2013 2012, Verwaltung der Kolonie Friesland, Colonia Friesland 2012<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Nun sag, wie hast du&#8217;s mit der Religion?&#8220; (Johann Wolfgang von Goethe, Faust I) Antworten auf diese Frage k\u00f6nnen ohne Zweifel individuell verschieden ausfallen. Glaube ist ein sehr pers\u00f6nliches Thema \u2013 eines, das sowohl st\u00e4rken und einen, als auch zerst\u00f6ren und spalten kann. 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