{"id":550,"date":"2014-06-22T15:25:56","date_gmt":"2014-06-22T14:25:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/frauthee\/?p=550"},"modified":"2014-06-22T15:30:27","modified_gmt":"2014-06-22T14:30:27","slug":"das-brotproblem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/frauthee\/2014\/06\/22\/das-brotproblem\/","title":{"rendered":"Das Brotproblem"},"content":{"rendered":"<blockquote>\n<p style=\"text-align: right\">\u00a0K\u00e4sebrot ist ein gutes Brot.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Supersexy K\u00e4sebrot. (Helge Schneider)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ich bin nicht alleine. Es gibt viele von uns. Exilbrotesser. Unser Schicksal: Wir sind in Deutschland gro\u00df geworden, dem Land der Brote. (Nein, nicht die Menschen. Paderborner, M\u00fcnsterl\u00e4nder, Schwarzbrot, Graubrot, Weltmeisterbrot, Sonnenblumenbrot, Dinkelbrot, Kartoffelbrot, Mehrkornbrot&#8230; das sind nur die Brotsorten, die bei mir ohne allzu gro\u00dfe Hirnanstrengung innerhalb der ersten zwanzig Sekunden durch die Synapsen rauschen.) Es gibt morgens Brot, zur Schule oder Arbeit schmiert man sich ein Pausen- oder ein paar verirrte Seelen im S\u00fcden auch ein Veschper-Brot und abends wird dann schnell noch eine leckere Stulle mit K\u00e4se gegessen. Hei\u00dft ja nicht umsonst Abendbrot. Ganz Verwegene legen eine Scheibe Gurke drauf. Und dann steigt man in ein Flugzeug oder in eine Eisenbahn oder auf ein Schiff und verl\u00e4sst das Land, um woanders, jenseits der Grenzen des Brotparadieses zu leben. Das ist an sich v\u00f6llig in Ordnung, Horizonterweiterung, Abenteuer und so, voll spannend. Aber irgendwann kommt der Moment, in dem man im Laden steht und Ausschau nach der Brottheke h\u00e4lt. Oder durch die neue Stadt l\u00e4uft und sich fragt, wo eigentlich der B\u00e4cker ist. Wenn man Gl\u00fcck hat, findet man in der hintersten Ecke des Riesensupermarktes ein kleines Regal, in dem in Plastikt\u00fcten dicht an dicht die labbrigen Toastbrote vor sich hinschwitzen und auf h\u00e4rtere Zeiten warten. Wenn man richtiges Gl\u00fcck hat, gibt es das Toastbrot sogar als &#8222;Vollkorn&#8220;, also in hellbraun statt wei\u00df, mit einer ganz schwach zu erahnenden gepunkteten Teigstruktur, die manch phantasievollen Geist mit ausgepr\u00e4gtem Vorstellungsverm\u00f6gen vage an K\u00f6rner erinnern mag.<\/p>\n<p>So erging es mir damals in Litauen. Nichts gegen litauische Essgewohnheiten, sowohl Cepelinai (mit Pilzen und Speck gef\u00fcllte Kartoffelkn\u00f6del in Zeppelinform) als auch Saltibarscai (kalte Rote-Bete-Suppe) geh\u00f6ren nicht nur wegen kreativer Namensgebung oder kreativer Zubereitung (kalte Suppe, wat is dat denn bitte) in internationale Kochb\u00fccher aufgenommen, auch geschmacklich sind das verspeisenswerte Gerichte. Aber Brot, Br\u00f6tchen (Normale, Roggenbr\u00f6tchen, K\u00fcrbiskernbr\u00f6tchen, K\u00e4sebr\u00f6tchen, Laugenbr\u00f6tchen, Vitalbr\u00f6tchen, Schokobr\u00f6tchen, Rosinenbr\u00f6tchen, Milchbr\u00f6tchen&#8230; ich muss aufh\u00f6ren, mir laufen ganze Riviere im Mund zusammen), Teilchen (Erdbeerplunder, Windbeutel, Franzbr\u00f6tchen, Nussecke, Amerikaner, Schweineohren&#8230; jetzt so ne Rosinenschnecke zum Kaffee&#8230;) und was sonst noch so tagt\u00e4glich die Auslagen deutscher B\u00e4ckereien schm\u00fcckt und f\u00fcr den gemeinen Eink\u00e4ufer so selbstverst\u00e4ndlich ist, dass er blicklos daran vor\u00fcberl\u00e4uft (wie KANN er nur?!), sucht man vergebens.<\/p>\n<p>Und nun bin ich in Namibia gelandet. Man k\u00f6nnte meinen, hier w\u00e4re der Notstand in Sachen Brot noch schlimmer. Ist er aber nicht. Zumindest teilweise nicht. Immerhin kamen die deutschen Brotesser vor 130 Jahren hierher, blieben und hatten seitdem mehr als genug Zeit, ein bisschen zu backen. (Wir wissen, dass das nicht ok war, was die Jungs hier gemacht haben, nur weil sie auch ein St\u00fcck vom Kolonialkuchen wollten. Andere haben dar\u00fcber aber schon so viel gesagt, dass ich mich hier erstmal wieder dem Brotproblem widme.)<\/p>\n<p>Also. Geht man hier in die \u00fcblichen Supermarkt-Ketten, ist die Situation meist wie oben beschrieben. Viel Toastbrot, wenig Bissfestes. Nicht so im SuperSpar, dem Paradies des deutschst\u00e4mmigen Eink\u00e4ufers. Denn im SuperSpar, da kann man zwar nicht unbedingt super sparen, aber alles von Haribo \u00fcber Nutella bis hin zum guten Vollkornbrot an der Backtheke kaufen. Wenn man denn daf\u00fcr nach Afrika gekommen ist. Mich und meinen schmalen Praktikantengeldbeutel kann man hier eher selten antreffen (nur wenn es f\u00fcr ein Geburtstagsgeschenk die guten Original-Nimm2-Bonbons f\u00fcr den Vitaminschnaps sein m\u00fcssen), aber ich habe den Verdacht, dass die K\u00fcche der DHPS hier ihr Brot bezieht, das wir t\u00e4glich morgens im Kindergarten und f\u00fcr uns Praktikanten bekommen. Und damit sind wir beim Brotproblem.<\/p>\n<p>Kindergarten, 8 Uhr, Fr\u00fchst\u00fcck. F\u00fcnf Erzieherinnen stehen im Speisesaal und inspizieren die gro\u00dfe Brotkiste. Wenn eine Neue dazu kommt, ist die erste Information, die weitergereicht wird, die \u00fcber den Frischestand des Brotes. &#8222;Heute ist das Brot weich!&#8220; ist wohl die gleicherma\u00dfen gef\u00fcrchtetste wie auch willkommenste Mitteilung. Denn nichts geht \u00fcber frisches, weiches Brot. Aber dann isst man davon eben auch. Ein Viertel. Und noch eins. Damit hat man dann schon eine ganze Scheibe gegessen. Aber aufh\u00f6ren? Ach, eine kleine noch. Da wird gedr\u00fcckt und getastet, welches Brot wohl am frischesten ist (nachdem man die Kinder drei Sekunden zuvor ermahnt hat, dass das Brot, das man angefasst hat, auch aufgegessen wird), da werden die groteskesten Verrenkungen gemacht, um zu inspizieren, wo man noch eins mit doppelt K\u00e4se finden kann, da werden ganze Umstapelungsma\u00dfnahmen durchgef\u00fchrt, um an die unterste und hoffentlich frischeste Schicht Brot mit Marmelade zu gelangen. Und dann stehen wir da, kauend, und beschweren uns, dass wir Woche um Woche dicker werden und unser Wille einfach nicht stark genug ist um zu widerstehen. Jeden Morgen geben wir uns aufs Neue dem Brot geschlagen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Situation in der Praktikantenk\u00fcche: Es gibt frisches Sonnenblumenbrot, das unter den Damen der Heimk\u00fcche nur noch als &#8222;Prakti-Brot&#8220; gehandelt wird. Innerhalb weniger Stunden ist der gesamte Laib erst im Sandwichtoaster (das Ger\u00e4t, das in unserer K\u00fcche wohl am h\u00e4ufigsten genutzt wird, kein Wunder, man kann damit K\u00e4se zum Schmelzen bringen), dann in den B\u00e4uchen der gierigen Praktikanten verschwunden. Am Anfang hatte man wenigstens noch den Anstand, nach der ersten Scheibe f\u00fcnf Minuten zu \u00fcberlegen, ob man wirklich noch eine zweite essen soll. Mittlerweile hat man sein Brotproblem gestanden, den anderen ergeht es nicht anders und so schiebt man sich gemeinsam eine Scheibe nach der anderen rein. Dass man selbst nicht der einzige Junkie ist, erkennt man unter anderem an den Brotkr\u00fcmeln, die noch schnell verstohlen aus dem Mundwinkel gewischt werden, wenn man in die K\u00fcche kommt, den verr\u00e4terischen K\u00f6rnern auf der Anrichte und den w\u00fctenden und anklagenden Blicken, wenn am Abend mal wieder nichts vom Brot, dass mittags aus der K\u00fcche geholt wurde, \u00fcbrig ist als die Frischhaltefolie, in die es eingepackt war.<\/p>\n<p>Wie ich dieser Sucht Herr werden soll, wei\u00df ich nicht und mittlerweile gesellt sich zu dem ausgewachsenen Brotproblem langsam aber sicher auch ein Fleischproblem, denn wenn es in Namibia ein landestypisches Essen gibt, dann Fleisch. Rind, Wildschwein, Kudu, Zebra, Oryx (mein Favorit)&#8230; yummie.<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrlicher dazu jedoch vielleicht ein anderes Mal, jetzt geh ich mir erstmal eine Stulle machen. \u00dcber Brot reden macht hungrig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0K\u00e4sebrot ist ein gutes Brot. Supersexy K\u00e4sebrot. (Helge Schneider) Ich bin nicht alleine. Es gibt viele von uns. Exilbrotesser. Unser Schicksal: Wir sind in Deutschland gro\u00df geworden, dem Land der Brote. (Nein, nicht die Menschen. 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