Tango und Steak – Pauline en argentina

(M)ein kulturweit blog

Deutschland (5)

Liebe Kinder nun gibt es eine Situation, die einen separaten Blogeintrag verdient. Eine Geschichte die erzählt werden will. Wir befinden uns in Jardín América um es nochmal zu erwähnen: Misiones, Argentinien, Südamerika. Und was tu ich hier? Nun, das weiß ich auch noch nicht recht, eine andere Kultur( was bedeutet eigentlich Kultur?) kennen lernen, vieles sehen, hören und wahrscheinlich wird mir es letztendlich erst in einem Jahr aufgehen, was ich hier gesucht und vielleicht auch gefunden habe. Aber eine Sache erwarte ich hier bestimmt nicht: Deutschland. Nun gut, natürlich kennt man die Vergangenheit. Weiß um die spanisch/portugiesischen Kolonialisten, die den Einheimischen ihren Lebensstil aufzwangen. Kennt die Geschichten über Geflüchtete, die im 1. Weltkrieg nach Argentinien immigrierten. Weiß um die Menschen, die im 2. Weltkrieg flohen. Man weiß also, dass die argentinische Geschichte durch viele andere Kulturen geprägt wurde, gezeichnet ist von allen möglichen Traditionen und Einflüssen, auch von deutschen. Und eben auch von denen, die NACH dem 2. Weltkrieg geflohen sind, nicht vor den Nazis sondern als Nazis. Nun, das hatte ich im Hinterkopf aber ich hätte nie erwartet, dass ich darauf so explizit gestoßen werde.
Ein nicht enden wollendes Akkordeon in meinem Hirn. Liebe Leser, ich wurde gerade zum deutschen Club meines Dorfes geführt. Als sei ich in die Vergangenheit geschleudert worden, umringen mich Deutschlandflaggen und Volksmusik, Tanzende Argentinier mit deutschen Großeltern, die stolz sind auf ihre Wurzeln und die Tradition intensiver bewahren als wahrscheinlich in ganz Deutschland zusammen. Was sind das für Leute? Ich kenne sie nicht. Wann und aus welchen der oben aufgeführten Gründe kamen Ihre Großeltern hier her? Ich weiß es nicht. Ein Freund erzählt mir die Meisten wohl im 1. Weltkrieg.
Und so werde ich zum Tanz aufgefordert, renne plötzlich zu „heidi, heidiiii lalalala!“ im Kreis und unterstütze meine Freundin beim Deutschunterricht. Denn jetzt wird es interessant: die meisten sprechen kein Deutsch mehr und schicken ihre Kinder jeden Samstag zum Club, um etwas zu lernen. Und wer bringt es Ihnen bei? Meine Freundin T. , lebt seit Geburt in Misiones, spanischer Nachname, dunkle Haut, kann ganz gut deutsch, weil sie es so fleißig lernt. Eine Schwarze, die deutsch spricht. Immer wieder wird sie drauf angesprochen. ¿Wie ist dein Nachname?, wird sie gefragt. Warum sprichst du deutsch? Eine Frau im Club möchte nicht, dass ihr Kind von T. unterrichtet wird.
T. erzählt mir, dass manche Leute rassistisch sind. Sie sagt, manche halten Hitler für einen guten Mann.
Ich werte nicht, ich beobachte. Alle sind sehr freundlich zu mir, offen, hilfsbereit und ich werde eingeladen, den dritten Oktober mit Ihnen zu feiern. Sie feiern die Wiedervereinigung.. ich sage zu. Die Königin des Clubs, ein dreizehn jähriges Mädchen, wird Deutschland auf diesem Fest präsentieren, sie hat viele Texte über Merkel, die deutsche Geschichte und Würstchen. „Sind die deutschen Straßen stark dekoriert?“ „Was sind deine Gewohnheiten?“ „Sagst du in Deutschland Hallo, wenn du einen unbekannten Menschen triffst?“

Und wieder meine Frage, was bedeutet eigentlich Kultur?
Jardín ist eine Zeitkapsel. Hier leben Japaner, Schweizer, Polen, Spanier und Guaraní (indigenen Bevölkerung, lebt außerhalb), kurzum Argentinier. Viele haben einen Club und am großen Fest „raíces“ werden Tänze, Essen, „die Kultur“ der verschiedenen Länder präsentiert. 5 Straßen vom deutschen Club entfernt liegt der ukrainische Club, eine andere Freundin von mir ist dort Königin. Ihre ukrainischen Wurzeln gewähren ihr den Eintritt, sie ist die Fronttänzerin und lernt ukrainisch. Außerdem ist sie im Folklore Club, dem typischen Paartanz von Misiones. Ist das die Kultur von Misiones? Sicherlich ein wichtiger Teil, neben vielen anderen Dingen. Ich werde es weiter beobachten und berichten. Bis dahin weiß ich auf jeden Fall schonmal, was NICHT Teil meiner Kultur ist. Volksmusik und Ringelreitänze. Lieber Techno und Rave. Ist das Kultur?
Und noch etwas weiß ich: Ich habe ein Problem mit Nationalstolz und empfinde etwas anderes wenn ich die deutsche Flagge sehe. Und das obwohl ich mein Land und meine Kultur, wie auch immer man die definieren will, sehr gerne hab.
Bleibt dran! Pauli

Ein Kommentar

  1. Sehr gelungener Beitrag! schön beobachten und nett lächeln… für mich ist es auch schwierig ein gesundes Mittelmaß an Respekt und eigenen Werten bzw. eigener Meinung zu finden…

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