Vorhang auf!

Hallihallo,

erstmal wünsche ich allen einen Frohes Neues Jahr. Wo bleibt nur immer die Zeit? 2018 war so voll gepackt mit allen möglichen Ereignissen, dass ich schon fast mein Abitur vergessen habe. Und nun bin ich schon seit vier Monaten in Ungarn. Ich weiß noch genau wie ich in Budapest am Bahnhof angekommen bin und erstmal überfordert war. Aber nichtsdestotrotz habe ich den Weg bis nach Nagykálló, meinem momentanen Zuhause auf mich genommen. Die Stadt oder das Dorf, wie ich es liebevoll nenne und vor allem die Menschen hier habe ich im Handumdrehen in mein Herz geschlossen.

Abenteuer. Das wird bei mir ganz großgeschrieben. Um das volle Maß an abenteuerlichen Aktivitäten mitzunehmen, dachte sich mein Schicksal wohl, dass mir die Erfahrung in einem ungarischen Krankenhaus fehle. So schüttete ich mir eines Morgens Anfang Dezember bei dem Versuch Wasser aus dem Topf in die Teetasse zu gießen, kochendes Wasser über die Beine. Zu meiner Verteidigung möchte ich gerne erwähnen, dass ich ein riesen Teeliebhaber bin und mir mehrmals am Tag Wasser auf dem Herd erhitzte. Bis dahin hat das auch immer bestens geklappt, so dass ich nicht die Notwendigkeit in der Beschaffung eines Wasserkochers sah. Ich bin also nicht ganz lebensunfähig. Naja, weiter im Abenteuer. Kurzgefasst endete es damit, dass ich das erste Mal hier im Freiwilligendienst geweint habe, meine erste Krankenwagenfahrt absolvierte, im ungarischen Krankenhaus behandelt wurde und Verbrennungen zweiten Grades erlitt. Auch für die Ärzte war es ein Abenteuer eine Ausländerin zu behandeln. Ein Glück war eine Lehrerin als Dolmetscherin mit. Und nicht nur das: Ich habe wieder einmal festgestellt, dass ich genau am richtigen Ort gelandet bin. Danke dafür kulturweit! Es wurde sich unfassbar nett um mich gekümmert: Fahrten ins Krankenhaus um den Verband zu wechseln; Röcke und Hosen, die darüber passen; Krankenbesuche von Schülern und Lehrern; Schokolade und Obst wurden mir auch gebracht. Da war es gleich nicht mehr ganz so schlimm, dass die Mama nicht da ist, um sich zu kümmern. Noch am gleichen Tag brachte man mir dann einen Wasserkocher frei nach dem Motto „hier ein Wasserkocher für die dumme Deutsche, damit sie sich nicht nochmal verbrennt“. So kann man auch kostengünstig an einen Wasserkocher kommen.

Meine Vorweihnachtszeit hat sich also als nicht so entschleunigend und besinnlich herausgestellt, wie ich es mir gedacht hatte. Sonderbarerweise war der Dezember aber einer der schönsten Monate in meiner Zeit in Ungarn bisher. In der Schule hatte ich das Gefühl richtig gebraucht zu werden. Das Deutsche Sprachdiplom stand für die 12.Klasse an und da könnt ihr mir glauben, dass das eine Menge Arbeit für Lehrer und Schüler bedeutete. Jede*r Schüler*in muss für die mündliche Prüfung eine Präsentation zu einem selbst gewählten Thema vorbereiten. Da trifft es sich, dass ich es liiieeebe Präsentationen zu machen und wahrscheinlich auch ein bisschen Ahnung davon habe. Arbeit in der Schule war also schonmal gesichert. Check. Aber wie sah es mit der Freizeit und den Wochenenden aus? Da sage ich nur: Ein Hoch auf Weihnachtsmärkte und Glühwein. Die Wochenenden habe ich wie immer mit anderen kulturweit-Freiwilligen verbracht. Es ist schon erstaunlich, wie so schnell gute Freundschaften entstehen können. Ohne meine Freunde von kulturweit wäre das Jahr hier auch nur halb so toll. Grüße gehen raus an Paula, Sophie, Isa und Jakob! Ich freue mich auf weitere Runden von Mysterium (ein sehr empfehlenswertes Spiel). Nur in einer Sache bin ich böse auf euch: Warum zum Himmel müsst ihr jetzt schon gehen?? Das gilt natürlich für alle bis auf Jakob, der wie ich 12 Monate bleibt. Sehr löblich.

16.12.2018. Dieses Datum steht für einen ganz besonderen Moment. Es handelt sich nämlich um den Tag an dem ich Caroline Peters live und in Farbe sah. Am Wochenende des 3. Advents spielte sich die besagte Szene ab. Drei andere Freiwillige und ich haben uns in Wien getroffen. Eine Stadt die mich sofort und unter anderem aufgrund des tollen Kulturangebots gepackt hat. Kennt ihr das, wenn man sofort eine Stadt versteht? Das hatte ich mit Wien. Das Sahnehäubchen auf der Torte war dann, dass Paula und ich uns Karten für eine Gesprächsrunde mit Caroline Peters gekauft haben. Für all die Kulturbanausen, die diese Schauspielerin nicht kennen: Guckt euch Mord mit Aussicht an! Die beste Serie im deutschen Fernsehen. Oder geht ins Burgtheater in ein Stück mit Caroline Peters.

Über Weihnachten und Silvester war ich back in Germany. Die eine Woche, die ich mit meiner Familie verbracht habe, verging leider viel zu schnell. Dazu kommt, dass man in einer Woche nicht alles unterbringen kann, was man sonst in seiner hood macht. Doch ein Besuch in der Staatsoper Hamburg, ein Kinobesuch in Buxtehude, Activity, Freunde treffen, Märchenfilme an Weihnachten und meine Lieblingsbeschäftigung das Autofahren durften natürlich nicht fehlen. (Alle, die mich kennen, wissen, dass das letzte Glied der Aufzählung die Übertreibung des Jahrtausends ist.) In der Silvesterwoche war ich mit der Familie meiner besten Freundin in Oberstdorf Skifahren. Ach ja, die Berge. Wie glücklich und staunend sie einen machen. Dort habe ich ganz neue Seiten von mir kennengelernt: Wenn‘s um Skispringen geht, werde ich zum größten Fan in der Arena. Doch auch hier zeigt sich der Zahn der Zeit. Den einen Tag war ich noch im Schnee unterwegs und dann war auch diese wunderbare Woche schon zu Ende. Für mich hieß es: Auf geht’s, zurück nach Ungarn.

Und nun mal Butter bei die Fische: So schön, dass immer alles klingt, ist nicht jede Woche, jeder Tag, jeder Moment super toll. Mir fiel es sehr schwer „Tschüss, bis in 7 oder 8 Monaten“ zu Familie und Freunden zu sagen. Das schöne an seinem Zuhause ist schließlich, dass alles sofort wie immer ist. Und genauso war es. Hätte ich mich nicht mehr darauf freuen sollen, wieder zurück nach Ungarn zu kommen? Wahrscheinlich schon. Aber man pusht schon oft genug sein ganzes Leben mit der Angst bloß nichts Schlechtes zu erleben, sodass ich genug von dieser Scheinheiligkeit habe, die eigentlich nur transformierter Selbstschutz ist. Ehrlichkeit zu sich selbst ist eine schwierige und äußerst heikle Angelegenheit. Sie kann ebenso gut zerstören, wie verändern. But let’s give it a try: Ich kann ehrlich sagen, dass ich dankbar für die letzten vier Monate bin. Ich war in Österreich, in der Slowakei, in Rumänien und habe natürlich einige Städte in Ungarn besucht. Ich bin dankbar für die Freunde, die ich durch kulturweit kennengelernt habe und dankbar für meine Freunde aus der Schulzeit. Ich bin dankbar für meine Familie, die alles tut, damit ich hier eine gute Zeit habe. (Die sogar einen selbstgemachten Adventskalender hierherschickt, obwohl es den eigentlich seid ein paar Jahren nicht mehr gibt. Ihr könnt euch jetzt mal vorstellen, wie das mein elfjähriger Bruder fand, wenn seine große Schwester im Gegensatz zu ihm einen Adventskalender bekommt.) Genauso zufrieden bin ich mit meiner Einsatzstelle. Doch Zweifel und Ängste sind immer da (auch wenn man es oft nicht zugeben will). Wie wird es, wenn meine engsten Freunde von kulturweit ab Februar nicht mehr in Ungarn sind? Werde ich genug Aufgaben in der Schule haben, jetzt wo das DSD abgehakt ist? Wie kann ich meine Nachmittage besser nutzen, besonders jetzt im Winter, wo man draußen nicht viel machen kann? Wie werde ich mich jemals für einen Studiengang entscheiden können, wenn ich mir nicht im Klaren darüber bin, was ich kann?

Diese ganzen Fragen und noch viele mehr schwirren in meinem Kopf, wie ein Bienenschwarm. Er erscheint lästig und man könnte auf die Idee kommen Angst zu haben, doch am Ende bringt er den leckersten Honig. Insofern hoffe ich, dass ich Antworten und Lösungen auf die Fragen finde und sich das Bienennest nicht noch mehr vergrößert, bis mein Kopf platzt. Vor allem, weil eigentlich alles top ist und ich gar nicht quengeln möchte, aber Unehrlichkeit hilft auch keinem weiter und am wenigsten mir. In diesem Sinne: Vorhang auf für die zweite Hälfte meines Freiwilligendienstes!

Hoffnungsvolle Grüße gehen an alle raus!

Fenja

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