Kapitel 1: Hallo Kampala! Warum ich am ersten Tag gleich wieder zurückfliegen wollte

Obwohl ich sehr ungerne und daher auch sehr selten fliege, war der Flug nach Uganda für mich angenehm. Das lag vor allem daran, dass Eva und Dani, zwei andere kulturweit-Freiwillige, die auch in meiner Gruppe beim Vorbereitungsseminar waren, zufällig den gleichen Flug gewählt hatten wie ich. Ich war also nicht allein als die große Reise in Frankfurt losging. Nachdem sich die Monate vor der Abreise mit all der Aufregung und all der Vorbereitung wie eine Ewigkeit angefühlt hatten, vergingen die letzten Tage so schnell, dass ich selbst überrascht war. Und dann war es endlich soweit: Dienstagabend stiegen wir mit dicken Jacken und großen Erwartungen in den Flieger und am Mittwochnachmittag kamen wir, mit einem Zwischenstopp in Dubai, gut gelaunt in Entebbe an. Das ist die ehemalige Hauptstadt von Uganda, zirka eine Autostunde von Kampala entfernt.

Auf dem Weg nach Kampala

Es war – wer hätte es erwartet – sehr heiß. Vor dem Flughafen standen viele Fahrer mit Schildern in den Händen und einige Sicherheitskräfte. Unsere Einsatzstellen hatten uns gesagt, dass die Strecke von Entebbe nach Kampala zwar als sicher gilt, wir aber trotzdem besser einen vertrauenswürdigen Fahrer im Voraus buchen sollten. Und so saßen wir bereits wenige Minuten nach unserer Ankunft in einem vollgepackten Auto, auf dem Weg in unser neues Zuhause.

Die Fahrt verging schnell. Da hätten wir echt Glück gehabt, verriet uns unser Fahrer, denn oft gäbe es so viel Verkehr auf der Strecke, dass man auch mal gut drei Stunden für den Weg brauchen könnte. Doch ich glaube selbst das wäre mir schnell vorgekommen. Denn ich war die ganze Fahrt über damit beschäftigt, aus dem Fenster zu sehen und alle neuen Eindrücke in mich aufzusaugen. Der Weg nach Kampala war grüner als ich es erwartet hatte und als wir die Stadt erreichten, waren meine Augen überfordert von all den Menschen, Autos und Motorradfahrern, die geschäftig ihrer Wege gingen.

Nachdem wir Eva und Dani bei ihrer Wohnung abgesetzt hatten, ging es für mich noch ein Stück weiter. Meine WG befand sich nämlich in einem angrenzenden Nachbarviertel namens Bukoto. Doch noch während wir fuhren, passierte für mich etwas Unerwartetes: Die vollen Straßen, die ich davor noch als aufregend empfunden hatte, wirkten auf mich jetzt eher fremd und einschüchternd. War der Verkehr schon die ganze Zeit so laut gewesen? Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich am liebsten bei den anderen geblieben wäre. „Absolut lächerlich“ ermahnte ich mich selbst „Du bist eine erwachsene Frau und die anderen sind höchstens 15 Minuten von dir entfernt“. Doch ganz ging das Gefühl nicht weg. Und es wurde auch nicht besser, als sich herausstellte, dass meine Unterkunft in einer etwas abgelegenen Seitenstraße lag und wir selbst mit Google Maps zunächst Schwierigkeiten hatten, sie zu finden.

Meine Vermieterin – eine Schwedin, die bereits seit über zehn Jahren in Kampala wohnt – hatte mich vorgewarnt, dass sie eventuell noch bei der Arbeit sein könnte, wenn ich ankam. Dann werde aber ihre Haushälterin da sein, um mir den Schlüssel zu geben und mir alles zu zeigen. Doch als ich meine Unterkunft endlich gefunden hatte – es war ein großes, ebenerdiges Haus mit einem kleinen Garten – war keine von beiden da. Nur zwei Hunde bellten mir entgegen. Ein junger Ugander, etwa in meinem Alter, öffnete mir die Tür und brachte mich zu meinem Zimmer, doch noch ehe ich die erste Frage stellen konnte, war er wieder verschwunden. Ich war wieder allein und wusste nicht so recht, wohin mit mir.

In der neuen Unterkunft

Ich hatte großen Durst und ärgerte mich über mich selbst, keine extra Wasserflasche für den ersten Tag mitgenommen zu haben – man kann in Kampala nämlich nicht aus dem Wasserhahn trinken. Zu groß ist die Gefahr vor Durchfall, Typhus, Cholera und anderen Erkrankungen. Ich ging in die Küche, um mir Wasser abzukochen, doch der Wasserkocher funktionierte nicht und ich war mir nicht sicher, wie ich den Gasherd anschalten sollte. Einen Supermarkt oder ähnliches hatte ich auf dem Weg zu meiner Unterkunft nicht gesehen und ich konnte weder meine Vermieterin anrufen noch im Internet nach dem nächsten Supermarkt suchen, da ich nur meine deutsche Sim-Karte hatte und das WLAN-Passwort von dem Haus nicht kannte. Ich fühlte mich isoliert, ewig weit weg von meiner Familie und meinen Freunden.

Ich überlegte, einfach auf gut Glück aus dem Haus zu gehen und nach einem Supermarkt zu suchen, doch ich traute mich nicht. Ohne dass ich es wollte, schossen mir auf einmal unreflektiert tausend Gedanken und Ängste durch den Kopf. Reisetipps von kulturweit und meiner Einsatzstelle mischten sich mit gut gemeinten Ratschlägen von Freunden und Bekannten und hysterische Warnungen, die ich auf irgendwelchen unseriösen Blogs im Internet gelesen hatte. Laufe nur zu Fuß durch Stadtviertel, die du gut kennst! Pass auf, dass du nicht ausgeraubt wirst! Achtung: Uganda ist ein Hochrisikogebiet für Malaria und 1.000 andere Krankheiten! Vertraue keinem Fremden. Wenn du Ebola bekommst, dann sind deine Überlebenschancen leider sehr gering. Hast du keine Angst vor Schlangen? Hier ist die Hotline-Nummer für sexuelle Belästigung…

In meinen Gedanken vermischten sich begründete Sorgen mit irrationalen Ängsten. Mir war klar, dass vieles davon übertrieben war, aber in diesem Moment konnte ich diese Gedanken nicht abstellen – Vorbereitung hin oder her. Ich fühlte mich so fremd, erschöpft, verunsichert und hilflos. So hatte ich mir meine Ankunft nicht vorgestellt und am liebsten wäre ich direkt wieder nach Haus geflogen.

Doch noch bevor ich völlig in Selbstmitleid versinken konnte, hörte ich ein Geräusch hinter einer der geschlossenen Zimmertüren. Hoffnungsvoll klopfte ich an – und traf Sarah. Wie sich herausstellte war sie auch eine deutsche Freiwillige und wohnte schon seit ein paar Monaten in diesem Haus. Normalerweise wäre sie um die Zeit noch bei der Arbeit gewesen, doch da sie an dem Tag krank war, war sie früher nach Hause gekommen. Sarah war so nett und führte mich im Haus herum, gab mir das WLAN-Passwort und fuhr sogar – obwohl sie sich noch immer schlapp fühlte – mit zum nächsten Einkaufszentrum, damit ich mir eine ugandische Sim-Karte beantragen und mir die ersten Lebensmittel kaufen konnte. Dafür mussten wir ein Stück mit einem Motorradtaxi fahren, eines der beliebtesten Verkehrsmittel in Kampala. Obwohl der Fahrer nicht besonders schnell fuhr, hatte ich die ganze Zeit Angst, vom Sitz zu rutschen oder von einem der Autos zerquetscht zu werden, die teilweise nur zentimeterdicht an uns vorbeifuhren.

Wieder zurück erzählte Sarah mir, dass in der WG ein reges Kommen und Gehen herrsche und sie selbst auch bald wieder ausziehen werde. Sie fühle sich in dem Haus nicht so wohl und es läge zu weit entfernt von ihrer Arbeit. Außerdem erzählte sie mir, dass die Taxifahrer oft Schwierigkeiten hätten, das Haus zu finden. Das alles verstärkte mein Gefühl der Isolation noch zusätzlich.

Am Ende dieses langen und anstrengenden Tages war ich froh, endlich ins Bett, unter mein Moskitonetz kriechen zu können. Als mein Freund mich vor dem Schlafen anrief, um zu fragen, wie mein erster Tag gelaufen war, wurde mir erst bewusst, wie angespannt ich mich noch immer fühlte. Zu seiner Verwunderung fing ich daher ohne große Erklärung erstmal an zu weinen. Bestimmt eine halbe Stunde lang. Schließlich konnte ich mich wieder beruhigen und dachte, dass am nächsten Tag bestimmt alles nicht mehr so schlimm wirken würde. Ich fühlte mich etwas besser.

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