Prolog: Das Vorbereitungsseminar. Warum ich plötzlich wieder auf Klassenfahrt war und viele Geschichten wichtig sind

Vor der Ausreise hatten wir ein 10-tägiges Vorbereitungsseminar. Das ist für alle Kulturweit-Freiwilligen verpflichtend und soll uns auf unseren Aufenthalt im Ausland vorbereiten. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich eigentlich keine Lust hatte. Zum einen, weil uns schon im Voraus gesagt wurde, dass es keine länderspezifische Vorbereitung geben würde. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, was wir sonst zehn Tage lang machen würden. Zum anderen war ich sehr ungeduldig und wäre am liebsten sofort nach Kampala geflogen. Im Nachhinein bin ich allerdings sehr froh über die Vorbereitung. Aber der Reihe nach.

Das Seminar war wie eine Klassenfahrt. Nur dass ich ohne meine Freunde gefahren bin, sondern mit knapp 200 fremden Menschen. Alle zwischen 18 und 26. Die meisten davon genauso aufgeregt wie ich. Nach einer Begrüßungsveranstaltung im Auswärtigen Amt sind wir mit mehreren Bussen an den Werbellinsee gefahren, zirka eineinhalb Stunden von Berlin. Dort haben wir auf einem großen Seminargelände direkt im Wald gewohnt mit mehreren Wohnhäusern, zwei Seminarhäusern, einem kleinen Kino und einem Partyraum. Das Essen gab es in einem großen Speisesaal. Dort hatten wir dann ein regelrechtes Speed-Dating, zumindest ging es mir so, weil ständig neue Leute bei mir am Tisch saßen. Mein Gehirn hat zwar früh aufgegeben, sich alle Namen zu merken, aber ich habe viele interessante, lustige oder auch nachdenkliche Unterhaltungen geführt und viele nette Menschen getroffen.

Auch meine zwei Zimmernachbarinnen waren sehr nett. Allerdings habe ich sie nur selten gesehen, da wir fast immer von morgens bis abends, teilweise noch bis 22 Uhr Seminare und Workshops in Kleingruppen hatten. An manchen Tagen habe ich mich richtig erschlagen gefühlt, vor allem, weil wir oft über sehr ernste Themen gesprochen haben. Ich würde sie in etwa so zusammenfassen: Deutsche Kolonialgeschichte, Neokolonialismus, Rassismus, Diskriminierung von Minderheiten, sexualisierte Gewalt und kritische Selbstreflexion.

Es würde zu lange dauern, wenn ich jetzt auf alle Themen ausführlich eingehen würde. Deshalb möchte ich hier nur zwei Momente beschreiben, die mir am meisten im Gedächtnis geblieben sind und die mich auch heute noch beschäftigen.

Meine Aha-Momente

Einer dieser Momente war ein kurzes Video, das wir im Seminar zusammen angeschaut haben. Es heißt: Die Gefahr der einen einzelnen Geschichte (Original: The Danger of a Single Story). Darin erzählt die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Adichie, dass sie als Kind immer nur britische und amerikanische Bücher gelesen hat und wie sehr dadurch ihre Weltanschauung beeinflusst wurde. In den Büchern gab es beispielsweise nur weiße Charaktere, weshalb sie als Kind automatisch angenommen hat, dass auch nur die Geschichten von weißen Menschen erzählenswert seien. Und dass Protagonisten keine dunkle Haut und krauses Haar haben könnten.

Chimamanda Adichie erzählt noch viel mehr, was ich hier nicht alles wiedergeben kann. Ihr solltet euch aber unbedingt ihr Video anschauen. Es ist wirklich empfehlenswert! Mich persönlich hat es jedenfalls sehr berührt. Erschreckend, wie sehr ein Großteil der Welt bis heute noch durch eine weiße Perspektive geprägt ist, als Folge des europäischen Kolonialismus.

Der andere Moment, der mich nachhaltig beschäftigt hat, war als wir über faires Berichten gesprochen haben. Es ging darum, dass wir alle auf die eine oder andere Weise über unsere Zeit im Ausland berichten. Sei es über einen Blog, sei es auf Instagram oder einfach nur wenn wir Freunden und Familie von unseren Erlebnissen berichten. Wenn wir erzählen, dann sind wir aber nicht neutral. Wir berichten nur das, was wir persönlich interessant finden und lassen andere Dinge bewusst oder unbewusst aus. Und auch ohne es zu merken, bewerten wir unsere Erlebnisse durch unsere Wortwahl.

Das klingt abstrakt, deshalb ist hier mal ein Beispiel aus der Broschüre „Mit kolonialen Grüßen“, mit der wir uns auch im Seminar beschäftigt haben. Noch heute verwenden wir bei afrikanischen Gesellschaften oft nicht Begriffe wie „Bürgermeister“ oder ähnliche, sondern sprechen von einem „Häuptling“. Der Begriff stammt noch aus der Kolonialzeit und wirkt durch die Silbe „ing“ am Ende verniedlichend und abwertend. Er wurde gezielt verwendet, um eine Distanz zwischen „uns“ und den „anderen“ zu schaffen und damit Europas vermeintliche Überlegenheit zu rechtfertigen. Wenn wir heute noch von „Häuptling“ sprechen, ist uns die historische Bedeutung des Begriffs vielleicht nicht mehr bewusst, aber trotzdem fördern wir damit bewusst oder unbewusst eine abwertende Vorstellung.

Auch Fotos sind nicht neutral. Stattdessen fotografieren wir im Ausland meistens nur die Dinge, die für uns fremd und aufregend erscheinen. Und wir fotografieren oft das, was wir für „typisch“ für ein Land halten. Also Pyramiden in Ägypten, Giraffen in Kenia oder Frauen in Saris in Indien. Prinzipiell ist das nicht schlimm. Doch wenn wir immer nur die gleichen Bilder von einem Land sehen und nicht auch mal nach anderen Motiven suchen, dann entsteht der Eindruck, als gäbe es in diesem Land nichts anderes. Dann wird ein Land auf diese Stereotype reduziert und das kann auch beeinflussen, was wir über das Land und die Menschen dort allgemein denken.

Wenn wir von afrikanischen Ländern beispielsweise nur Fotos von „exotischer Natur“ und „traditionellen Gewändern“ machen, dann gehen wir auch automatisch davon aus, dass die Menschen in diesen Ländern alle naturverbunden und traditionell sind. Meist verbinden wir dann sogar noch viel mehr Eigenschaften mit diesem Bild – unbewusst entsteht eine ganze Assoziationskette. So dass wir am Ende leicht denken, alle Menschen in Afrika wären primitiv, wild, arm oder unterentwickelt.

Bei all diesen ernsten und intensiven Themen war ich auf jeden Fall froh, eine feste Gruppe zu haben, mit der ich mich austauschen konnte. Allgemein fand ich es schön, mit Leuten zusammen zu sein, die in einer ähnlichen Situation waren wie ich und mit denen ich über alles reden konnte. Von wichtigen medizinischen Fragen über Organisatorischen bis hin zu scheinbar einfach Fragen wie „Wie viel Sonnencreme nimmst du mit?“. Nach dem Vorbereitungsseminar habe ich mich so gestärkt gefühlt wie nie zuvor und war voller Vorfreude bereit, endlich loszufliegen.

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