{"id":63,"date":"2017-03-23T09:53:41","date_gmt":"2017-03-23T08:53:41","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/?p=63"},"modified":"2017-03-23T12:39:39","modified_gmt":"2017-03-23T11:39:39","slug":"als-ich-klein-wahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/2017\/03\/23\/als-ich-klein-wahr\/","title":{"rendered":"Als ich klein war"},"content":{"rendered":"<p><em>Kossi ist Deutschlehrer an einem Gymnasium im Osten Lom\u00e9s und unterrichtet zus\u00e4tzlich Deutsch am Goethe Institut. Zudem betreut er als Vorsitzender des togoischen Vereins Hoffnung f\u00fcr die Jugend\/espoir pour la jeunesse deutsche Freiwillige in Lom\u00e9 und hat auch f\u00fcr mich meine Gastfamilie gesucht. Er teilt mit uns einige Erlebnisse aus seiner Kindheit und erinnert sich an eine Erkenntnis, die ihn besonders gepr\u00e4gt hat.<\/em><\/p>\n<p>Als Kind hatte ich ein gro\u00dfes Interesse an Fu\u00dfball. Am Wochenende und Mittwochnachmittag \u2013 da hatten wir nachmittags keine Schule \u2013 organisierten wir Fu\u00dfballturniere. Immer drei bis vier Personen bildeten eine Mannschaft. Wir spielten gegeneinander und um Geld, immer zwanzig Minuten und die Gewinnermannschaft bekam 100 Francs. Au\u00dferdem spielte ich sehr gerne Tischtennis, einfach drau\u00dfen auf einem Tisch, ohne Trainer. Ich erinnere mich an eine Feier in meinem Viertel. Auf dieser Feier war eine Art Tischtennisprofi zu Gast. Er dachte, er w\u00fcrde gegen uns gewinnen. Aber er verlor! Wenn ich mich recht erinnere, hat er vor Wut seinen Schl\u00e4ger geworfen. Und wir spielten immer gerne Awali. Auf Deutsch hei\u00dft das, glaube ich, Bohnenspiel. Es ist eine Art Brettspiel f\u00fcr zwei Personen.<\/p>\n<p><strong>Und dann habe ich es verstanden.<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_67\" style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/03\/IMG_2641.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67\" class=\"wp-image-67\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/03\/IMG_2641-300x368.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"213\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-67\" class=\"wp-caption-text\">Kossi teilt einige Kindheitserinnerungen mit uns<\/p><\/div>\n<p>In Togo kommt man nach der Grundschule auf die Gesamtschule. In der dritten Klasse der Gesamtschule habe ich angefangen, keine Lust mehr zu haben auf die Schule. Ich bin oft einfach nicht hingegangen und meine Eltern waren nat\u00fcrlich sauer. Als ich sitzen geblieben bin \u2013 ich war damals siebzehn Jahre alt \u2013 musste ich dann die Schule wechseln. Mein Vater hat mich ins Dorf gefahren zu meinen Verwandten, die \u00fcber alles Bescheid wussten. Ich kam in der dritten Woche des Schuljahres in die Klasse. Mein Onkel hat mit dem Direktor gesprochen und dieser machte mir viele Vorw\u00fcrfe. Es war schwierig f\u00fcr mich, es gab keinen freien Platz mehr im Klassenzimmer und wir mussten uns zu dritt eine Bank teilen.<\/p>\n<p>Gleich am Anfang schrieben wir einen Test in Mathematik und ich bekam neun von zwanzig Punkten. Da wurde es mir bewusst und ich habe angefangen zu verstehen: Ich werde keine sichere, gute Zukunft haben, wenn ich mich so verhalte. Ich wurde sehr t\u00fcchtig und habe angefangen, gut zu arbeiten. Meine Mitsch\u00fcler haben sich dann auch f\u00fcr mich interessiert. Zwei Jahre lebte ich auf dem Land und mit meinem Abschluss auf der Gesamtschule durfte ich zur\u00fcck nach Lom\u00e9 auf das Gymnasium. Ja, das ist die Jugend (<em>lacht<\/em>). Gott sei Dank habe ich das schnell verstanden. Und heute arbeite ich t\u00fcchtig, um ein guter Deutschlehrer zu sein.<\/p>\n<p><strong>Die englische Sprache und der Islam pr\u00e4gten mich.<\/strong><\/p>\n<p>Mein Stadtteil war und bleibt ein lebendiger Stadtteil, in dem es viele H\u00e4ndler und M\u00e4rkte gibt. Nicht weit von unserem Haus entfernt wurden Schuhe und Kleidung aus zweiter Hand verkauft, \u00fcberwiegend von Igbo (Bev\u00f6lkerungsgruppe Nigerias). Igbo sprechen Englisch und so habe ich Englisch gelernt. Englisch war immer mein bestes Fach in der Schule und ich f\u00fchlte mich sehr wohl im Unterricht.<\/p>\n<p>Zu der Zeit habe ich auch einen Job gefunden. Ich arbeitete immer abends und am Wochenende in einem Caf\u00e9 eines Moslems aus Mali. So konnte ich eigenes Geld verdienen, Kleidung \u2013 v.a. Fu\u00dfballtrikots \u2013 nach meinem Geschmack kaufen und ein bisschen sparen. Der Besitzer des Caf\u00e9s wurde wie ein zweiter Vater f\u00fcr mich. Ich habe auch angefangen, zusammen mit ihm zu beten. Diese zwei Aspekte hatten eine gro\u00dfe Wirkung auf mein Leben: Englisch und der Islam.<\/p>\n<p>In meinem Viertel gab es seit meiner Kindheit keine gro\u00dfe Ver\u00e4nderung. Allerdings gibt es in den Stra\u00dfen keine Marktst\u00e4nde mehr f\u00fcr Igbo, sie verkaufen jetzt alles auf einem zentralen Markt. Das ist aus Sicht der Regierung positiv: Das Viertel ist nun ruhiger und geordneter. Allerdings waren die Igbo auch immer gute Kunden und so hatte es eine negative Auswirkung auf den Handel. Auch auf das Caf\u00e9, in dem ich gearbeitet habe.<\/p>\n<p>Im Schulsystem gab es seitdem auch keine gro\u00dfe Ver\u00e4nderung. Man geht erst in den Kindergarten, dann auf die Grund- und dann Gesamtschule. Im Anschluss kann man das Gymnasium besuchen. Es gibt technische, eher praktische, und generelle Gymnasien, in denen man sich entweder auf Literatur oder Naturwissenschaft spezialisiert. Vor ungef\u00e4hr f\u00fcnf Jahren wurde die \u00f6ffentliche Grundschule kostenlos f\u00fcr alle, f\u00fcr die weiterf\u00fchrenden Schulen bezahlt man Geb\u00fchren. Es gibt immer wieder kleine \u00c4nderungen, aber eigentlich ist das Schulsystem seit Langem unver\u00e4ndert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kossi ist Deutschlehrer an einem Gymnasium im Osten Lom\u00e9s und unterrichtet zus\u00e4tzlich Deutsch am Goethe Institut. 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