{"id":167,"date":"2019-04-01T15:55:58","date_gmt":"2019-04-01T13:55:58","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/?p=167"},"modified":"2019-04-02T00:00:37","modified_gmt":"2019-04-01T22:00:37","slug":"kulturweit-und-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/2019\/04\/01\/kulturweit-und-weiter\/","title":{"rendered":"Kulturweit. Und weiter."},"content":{"rendered":"<p>Ziemlich genau zwei Jahre sind vergangen, seit ich im Rahmen des kulturweit Programms nach Lom\u00e9, Togo ausgereist bin. Nun sa\u00df ich wieder im Flugzeug, diesmal mit einem neuen Ziel in Westafrika: Dakar, Senegal. Dort hatte ich die M\u00f6glichkeit bei einem Praktikum die psychiatrische Abteilung des Universit\u00e4tsklinikums kennenzulernen.<\/p>\n<p><em>Doch etwas war anders.<\/em><\/p>\n<p>Als ich am Flughafen Madrid umsteigen musste, holte ich mir einen gro\u00dfen Kaffee. Ich hatte wie immer meinen Mehrwegbecher dabei, hielt ihn \u00fcber die Theke, lie\u00df ihn bef\u00fcllen. Und kam mir dabei\u00a0 l\u00e4cherlich vor. Und schrecklich verlogen.<\/p>\n<p>Auf all meinen Auslandsaufenthalten hatte ich so viel lernen d\u00fcrfen. \u00dcber globale Zusammenh\u00e4nge. \u00dcber Macht, Rassismus und Postkolonialismus. In Lom\u00e9 hatte ich von meinen Freund*innen, meiner Gastfamilie, den Dozierenden der Germanistikabteilung der Uni gelernt, alles aufgesogen wie ein Schwamm. Und mit dieser Erwartung war ich nun auch wieder in den Senegal gereist. Ich wollte weiterlernen, direkt dort ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p><em>Doch etwas war anders.<\/em><\/p>\n<p>Um in den Senegal einzureisen, brauchen deutsche Staatsb\u00fcrger*innen kein Visum. Ich z\u00fcckte dieses m\u00e4chtige braune Ding, ein Stempel am Flughafen. Eingereist. Hier in Dakar hielt ich nach einigen Tagen aber auch zum ersten Mal einen bearbeiteten Visumsantrag eines senegalesischen Bekannten f\u00fcr Deutschland in der Hand. Reiseziel angeblich unklar, keine Hotelreservierung, kein Nachweis aller finanziellen Mittel f\u00fcr den Aufenthalt. Vermeintlich keine Glaubw\u00fcrdigkeit der R\u00fcckkehrabsicht. Abgelehnt.<\/p>\n<p>An der Supermarktkasse unterhielt ich mich eines Abends mit einem Angestellten, der meine Eink\u00e4ufe in eine Plastikt\u00fcte packte. Er fragte mich freundlich, was ich in Dakar mache. Praktikum, erwiderte ich, am Uniklinikum. Der junge Senegalese l\u00e4chelte. Du machst Praktikum, sagte er. Und was mache ich?<\/p>\n<p>Ich wollte lernen, reflektieren, hinterfragen. Doch ich stecke fest. Nun bin ich hier, fliege immer wieder um den halben Globus. \u00d6kologischer Fu\u00dfabdruck und so, kannst du gleich vergessen. Lerne wieder neue Leute kennen, finde vielleicht Freund*innen und nach f\u00fcnf Wochen bin ich mal wieder weg. Kaufe franz\u00f6sische Produkte in franz\u00f6sischen Supermarktketten mit von Frankreich kontrolliertem Geld. Mache ein Praktikum und spreche noch nicht einmal Wolof. Sollen Patient*innen der Psychiatrie wegen mir Franz\u00f6sisch sprechen? Hatte ich das erwartet? Nicht dein Ernst. Ich verhandele im Taxi um 500 Franc CFA (etwa 75 Cent) und gebe ohne mit der Wimper zu zucken mehrere hundert Euro f\u00fcr Fl\u00fcge aus. Und die Alternative: Gar nicht verhandeln, weil ich ja so reich bin? Die G\u00f6nnerin, the White Saviour. Nicht dein Ernst, Eva.<\/p>\n<div id=\"attachment_169\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2019\/04\/IMG-20190323-WA0027.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-169\" class=\"wp-image-169\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2019\/04\/IMG-20190323-WA0027-300x534.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"372\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-169\" class=\"wp-caption-text\">Etwas ist anders.<\/p><\/div>\n<p>Ich stecke so fest. Im System. Als wei\u00dfe, weitgereiste Akademikerin bin ich mittendrin. Ich bin hier viel allein, gr\u00fcbele, lese. Ein schmerzhafter Prozess. Manchmal bin ich so traurig, erschlagen und habe das Gef\u00fchl, ich kann es nur falsch machen. Dann m\u00f6chte ich am liebsten weinen und denke im gleichen Moment: Fuck White Tears! Toller Film.<\/p>\n<p>Etwas ist anders. Meine Entscheidung ist gefallen. Das war wohl mein letzter Aufenthalt im Globalen S\u00fcden, das letzte Mal Volontourism.\u00a0 <em>Denn was ich im Sinn habe, ist definitiv nicht das, was ich tue.<\/em> Und diese Entscheidung ist keine Heldentat. Ich brauche daf\u00fcr kein Lob, schon gar keinen Trost. Der ganze Prozess ist ein Privileg. Alles was ich lernen durfte, ist ein Privileg.<\/p>\n<p><em>Und nun?<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr die Zukunft nehme ich mir etwas vor: Ich will st\u00e4rker dar\u00fcber nachdenken, dass ich diejenige bin, die \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse lebt. Auf dem R\u00fccken anderer. Ich will mein Verhalten entsprechend \u00e4ndern und nicht nur dort, wo es mir gelegen kommt. Ich nehme mir vor, mich in Deutschland f\u00fcr das einzusetzen, was mir wichtig ist. F\u00fcr Demokratie, f\u00fcr Vielfalt, f\u00fcr gleichberechtigte Teilhabe, Feminismus. Ich nehme mir vor, in meinem Umfeld Menschen verschiedenster Hintergr\u00fcnde zu begegnen. Die Begegnung zu suchen. Solidarisch zu sein. Rassismuskritisch. Und immer, immer wieder eigene Privilegien zu hinterfragen. Langfristig, nachhaltig, machtsensibel.<\/p>\n<p>Und ich nehme mir vor dankbar zu sein. F\u00fcr jede meiner Stationen im Globalen S\u00fcden, durch die ich weit und weiter gekommen bin. Privat, mit weltw\u00e4rts, mit kulturweit. Und diesmal: Hier in Dakar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ziemlich genau zwei Jahre sind vergangen, seit ich im Rahmen des kulturweit Programms nach Lom\u00e9, Togo ausgereist bin. Nun sa\u00df ich wieder im Flugzeug, diesmal mit einem neuen Ziel in Westafrika: Dakar, Senegal. 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