{"id":162,"date":"2017-08-10T13:44:06","date_gmt":"2017-08-10T11:44:06","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/?p=162"},"modified":"2017-08-11T12:10:33","modified_gmt":"2017-08-11T10:10:33","slug":"was-tun-wir-hier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/2017\/08\/10\/was-tun-wir-hier\/","title":{"rendered":"Was tun wir hier?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mittwochabend.<\/strong> Ich sitze mit Kokou A., dem Kolonialzeitforscher und Mitarbeiter der Uni Lom&eacute;, bei einem Bier in einer Strandbar nahe der ghanaischen Grenze. Unser Gespr&auml;ch fesselt mich von der ersten Minute an. Wir reden &uuml;ber Menschen, die zwischen zwei Kulturen leben. &Uuml;ber seine Erfahrungen als Schwarzer in Deutschland. Dar&uuml;ber, dass er w&auml;hrend seiner Promotionszeit an einer deutschen Uni gefragt wurde, ob es in Togo eigentlich Schulen gibt. Und ob er in einem Baum wohne. Wir reden &uuml;ber seine wissenschaftliche Arbeit als Afrikaner. &Uuml;ber seine Perspektive. Ob er eine Stimme hat, ob er seine Stimme erheben kann. Dar&uuml;ber, dass er gerne in der Ewe-Sprache publizieren w&uuml;rde. Wir reden auch &uuml;ber meine Zeit in Togo. Dass ich mein Herz hier verloren habe, dass ich gerne bald wieder nach Lom&eacute; kommen m&ouml;chte. Und dass ich viel nachgedacht habe. &Uuml;ber meine Rolle. &Uuml;ber meine Verantwortung. Kokou fragt mich, ob ich auch Negatives in Togo erlebt habe, ob ich schlechte Erfahrungen machen musste. Ich halte inne. Ja. Da gibt es etwas.<\/p>\n<h1><strong>Vielleicht ist es feige<\/strong><\/h1>\n<p>F&uuml;nf Monate nun trage ich diese Last mit mir herum. Es f&auml;llt mir nicht leicht, dar&uuml;ber zu schreiben. Ich konnte mit einigen Freundinnen per Telefon dar&uuml;ber sprechen und auch mit togoischen Freunden hier. Mit den Menschen, um die es geht, nicht. Ihnen gegen&uuml;ber habe ich meine Stimme nie erhoben. Ich wei&szlig; nicht, ob es feige ist, nun einen Text zu verfassen. Vielleicht. Vielleicht ist es feige. Unfair. Vielleicht ist es polemisch, schwierig, &uuml;berheblich und vielleicht stehe ich mit meinen Problemen alleine da. Vielleicht. Ich werde es versuchen.<\/p>\n<p><strong>Dienstagabend.<\/strong> Ein Tag vorher. Ein deutscher Bekannter aus meinem Franz&ouml;sischkurs nimmt mich mit in ein Restaurant zu einem Treffen mit drei Wei&szlig;en Freunden. Es gibt Lasagne. Wir sprechen Englisch, ich bin damit ziemlich &uuml;berrumpelt und f&uuml;hle mich unbeholfen und still. Der Grundtenor des Gespr&auml;chs: Ganz sch&ouml;n schwer, mit Togoern Kontakte zu kn&uuml;pfen. Wenn du nach Togo gehst, nimm viele B&uuml;cher mit und stelle dich darauf ein, keine Freunde zu haben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/08\/20525441_10209609531659694_984799015241527400_n.jpg\">&nbsp;<\/a><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/08\/20525441_10209609531659694_984799015241527400_n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-163\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/08\/20525441_10209609531659694_984799015241527400_n-300x400.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"304\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/08\/20525441_10209609531659694_984799015241527400_n.jpg\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/a><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/08\/20604314_10209609531379687_4211984958351637238_n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-164\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/08\/20604314_10209609531379687_4211984958351637238_n-300x401.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"303\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Dienstagabend.<\/strong> Eine Woche vorher. In der Cafeteria des Goethe-Instituts feiern wir ein kleines Fest. Da ich eigentlich noch gar nicht Geburtstag habe, es aber terminlich nicht anders ging, machen wir ein <em>On est ensemble<\/em> Fest daraus. Viele G&auml;ste sind gekommen, ich verfalle in meine altbekannte rotgl&uuml;hende, freudestrahlende Aufgeregtheit und wir essen <em>Gl&uuml;ckliche Freundschaft Eva<\/em> Torte. Auch mein Bekannter aus dem Franz&ouml;sischkurs ist da. Er sitzt mit anderen Wei&szlig;en Freiwilligen beisammen. Sie sprechen Deutsch. Es gibt einen Wei&szlig;en Tisch. Einen Tisch, an dem noch nicht einmal ich wage Platz zu nehmen, so abgeschlossen ist er.<\/p>\n<p><strong>Juli.<\/strong> Eine Gruppe deutscher Freiwilliger trifft sich zum Pizzaessen. Wir arbeiten alle in Lom&eacute;, zudem sind zwei M&auml;dels zu Besuch, die ihren Dienst in Ghana absolvieren. Die beiden erz&auml;hlen von ihrer Arbeit und ihrer Gastfamilie. Die Gastfamilie sei toll, sagt eine. Na ja, bis auf die Tatsache, dass sie Ghanaer sind. Ghanaer sind unfreundlich. Sie wissen, dass wir es besser f&auml;nden, wenn sie <em>bitte, w&uuml;rde, k&ouml;nnte<\/em> verwenden w&uuml;rden. Aber sie tun es nicht. Ich schweige. Ich bin mal wieder stumm. Abends zuhause &auml;rgere ich mich &uuml;ber mich selbst. Was ist das denn? Nur weil wir als Deutsche zusammen in Westafrika sind, hocken wir als Haufen Menschen, die &uuml;berhaupt nicht zusammenpassen, um einen Tisch. Was f&uuml;r ein Schrott.<\/p>\n<p><strong>April.<\/strong> Studienreise nach Dapaong, das bisher pr&auml;gendste Erlebnis meines Aufenthalts. &Uuml;ber 50 junge Menschen reisen gemeinsam in den Norden des Landes, wir verbringen eine wundersch&ouml;ne Woche mit interessanten Ausfl&uuml;gen, gemeinsamem Kochen und Spielen. Wir sind sieben Deutsche, die die Chance bekamen, auch als Nicht-Mitglieder der Deutschabteilung teilzunehmen. Am ersten Abend bin ich die Einzige, die sich zum Essen zu den Togoern setzt. Am zweiten Tag die Einzige, die sich nicht f&uuml;rs Mittagessen in ein anderes Restaurant abseilt. Am dritten Tag die Einzige, die die Namen der Studierenden gelernt hat. Ich kann es nicht glauben, als zwei M&auml;dels auf Deutsch vor den Augen der Studierenden der Germanistik (!) &uuml;ber diese spotten. Ich bin w&uuml;tend, hilflos. Ich zweifle an mir selbst. Bin ich die Komische im System?<\/p>\n<h1>Kartenhaus<\/h1>\n<p>Nat&uuml;rlich sind das alles Beispiele, die ich bewusst aufgegriffen habe. Doch leider begegneten mir neben einigen positiven auch viele &auml;hnliche Beispiele in den letzten Monaten. Beispiele, die mich oft in ein Loch der Traurigkeit st&uuml;rzten, die mich unruhig machten, w&uuml;tend und gel&auml;hmt. Die mich auch an mir selbst zweifeln lie&szlig;en. Die mich irgendwie darauf warten lie&szlig;en, dass mein Gl&uuml;ck, meine Euphorie, diese spannenden Gespr&auml;che, die tollen Freunde, die liebenswerten Bekanntschaften &ndash; dass all die Momente eigentlich gar nicht wahr sein k&ouml;nnen, sondern reine Illusion und wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen m&uuml;ssten.<\/p>\n<p>Was ich mit dem Text ausdr&uuml;cken will? Ich wei&szlig; es nicht.<\/p>\n<p>Vielleicht will ich es nur aussprechen.<\/p>\n<p>Eines ist mir bewusst. Es liegt ein weiter Weg vor uns. Vor uns allen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwochabend. Ich sitze mit Kokou A., dem Kolonialzeitforscher und Mitarbeiter der Uni Lom&eacute;, bei einem Bier in einer Strandbar nahe der ghanaischen Grenze. Unser Gespr&auml;ch fesselt mich von der ersten Minute an. 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