{"id":149,"date":"2017-07-26T19:04:03","date_gmt":"2017-07-26T17:04:03","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/?p=149"},"modified":"2017-07-27T10:17:21","modified_gmt":"2017-07-27T08:17:21","slug":"tuer-zur-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/2017\/07\/26\/tuer-zur-welt\/","title":{"rendered":"T\u00fcr zur Welt"},"content":{"rendered":"<p>Die T\u00fcr zur Welt aufmachen. So umschrieb ich gleich am Anfang meiner Zeit in Togo, was ich darunter verstehe, Freiwillige zu sein. Die letzten Wochen waren turbulent und gro\u00dfartig. Und einmal mehr sp\u00fcre ich, wie ich Blicke hinter T\u00fcren werfen konnte. Wie ich Dinge verstehe. Wie ich \u00fcber Dinge nachdenke, \u00fcber die, wie ich finde, nachgedacht werden muss. Und noch viel wichtiger: Wie viele Menschen ihre T\u00fcren f\u00fcr mich \u00f6ffnen.<\/p>\n<h1>Was mich schockiert.<\/h1>\n<p>An einem Tag Anfang Juli sitzen Sebastian und ich mit einem togoischen Freund in der BoBar an der Lagune von B\u00e8. Die Sonne geht gerade unter, wir trinken Palmwein und unterhalten uns angeregt. Wenige Tage zuvor habe ich einen Artikel gelesen. Dar\u00fcber, dass vierzehn westafrikanische L\u00e4nder, und Togo ist eines davon, noch immer koloniale Schulden an Frankreich f\u00fcr die damals errichtete Infrastruktur abzahlen. Dar\u00fcber, dass sie 85 Prozent ihrer W\u00e4hrungsreserven in Frankreich lagern und, sollten die verbleibenden Reserven nicht ausreichen, sich die Mittel von Frankreich zu markt\u00fcblichen Zinsen leihen m\u00fcssen. Dar\u00fcber, dass es Fremdenlegion\u00e4re waren, die den ersten Pr\u00e4sidenten Togos nach dessen Weigerung, den <em>Pakt zur Fortsetzung der Kolonialisierung<\/em> zu unterzeichnen, ermordeten und daf\u00fcr umgerechnet 550 Euro von der franz\u00f6sischen Botschaft vor Ort erhielten (https:\/\/deutsche-wirtschafts-nachrichten.de\/2015\/03\/15\/frankreich-kann-seinen-status-nur-mit-ausbeutung-der-ehemaligen-kolonien-halten\/). Unser togoischer Freund best\u00e4tigt alles mit einem Kopfnicken. Er wirkt gar nicht so w\u00fctend, irgendwie vielmehr resigniert. Keine Bitterkeit, vielleicht Pragmatismus stehen in seinem Gesicht. Kurz vorher sind Sebastian und ich noch gefragt worden, was uns seit unserer Ankunft in Togo am meisten schockiert hatte. Wir hatten keine Antwort. Nun habe ich sie gefunden.<\/p>\n<div id=\"attachment_153\" style=\"width: 368px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/07\/beitrag.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-153\" class=\"wp-image-153\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/07\/beitrag-300x198.png\" alt=\"\" width=\"358\" height=\"241\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-153\" class=\"wp-caption-text\">Er packt den Fernseher auf sein Moto, f\u00e4hrt los.<\/p><\/div>\n<p>Eine Woche darauf besuche ich abends das Institut Fran\u00e7ais Lom\u00e9, wo ein ausgezeichneter togoischer Kurzfilm gezeigt wird. <em>La Douloureuse<\/em>. Der Saal ist bis zum letzten Platz belegt. Im Film erz\u00e4hlt der Regisseur, der selbst anwesend ist, vom Leiden einer erkrankten Frau. Deren Ehemann versucht vergeblich das Geld f\u00fcr Medikamente aufzutreiben. Er packt den Fernseher auf sein Moto, f\u00e4hrt los, doch niemand m\u00f6chte das Ger\u00e4t kaufen. Seine Frau \u2013 die Mutter des jungen Filmemachers \u2013 stirbt. Der Film schlie\u00dft mit einer traurigen Botschaft: T\u00e4glich sterben 39 Menschen in Togo, weil sie sich die n\u00f6tige Medikation nicht leisten k\u00f6nnen. Ich verlasse das Institut Fran\u00e7ais, dieses sch\u00f6ne Geb\u00e4ude, die schicke Kulturinstitution der franz\u00f6sischen Botschaft. Am Freitag diskutieren wir beim Stammtisch mit Deutschen und Togoern im Goethe-Institut \u00fcber eine Aussage von Emmanuel Macron. Am Rande des G20 Gipfels sagte dieser, die Frauen in Afrika bek\u00e4men zu viele Kinder. Das Problem Afrikas sei zivilisatorisch. Aha. Ist das so?<\/p>\n<h1>Was mich gl\u00fccklich macht.<\/h1>\n<div id=\"attachment_152\" style=\"width: 356px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/07\/IMG_0900.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-152\" class=\"wp-image-152\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/07\/IMG_0900-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"346\" height=\"263\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-152\" class=\"wp-caption-text\">GI ensemble!<\/p><\/div>\n<p>Zum letzten Mal durfte ich im Juli eine Kulturveranstaltung des Goethe-Instituts miterleben. Im Rahmen des Togoville Jazz Festivals treten eine nigrische und eine togoische Musikgruppe auf der B\u00fchne im Innenhof des Instituts auf. Die Stimmung ist toll und als der gro\u00dfe Regen einsetzt, suchen alle G\u00e4ste unter den Vord\u00e4chern und auf der Terrasse Schutz. Meine Zeit im Goethe ist eine gro\u00dfartige Erfahrung f\u00fcr mich. Die Bibliothek, die Terrasse, der Hof, die Klassenr\u00e4ume sind immer bev\u00f6lkert mit Studierenden und deutschlernenden Menschen jeden Alters. Das Kulturprogramm ist bunt: Konzerte, Theater, Konferenzen, Tanz, Kunst. Und es ist das Team vor Ort, das dem Institut den Atem einhaucht und ihm eine so lebendige und spannende Atmosph\u00e4re verpasst. Ich bin dankbar f\u00fcr alles, was ich hier lernen darf und f\u00fcr jede Begegnung.<\/p>\n<p>Am vergangenen Freitag macht sich der togoische Freund, mit dem wir in der BoBar waren, auf den Weg nach Deutschland. Er hat ein Stipendium f\u00fcr eine Sommerschule der Universit\u00e4t Heidelberg bekommen und kann sich dort mit Studierenden der Geisteswissenschaften aus aller Welt austauschen. Wir haben es geschafft, eine Gastfamilie f\u00fcr ihn zu finden. Er kann bei der Mutter einer kulturweit-Freiwilligen, die gerade in Namibia ist, wohnen. Dinge wie diese f\u00fchlen sich gut an f\u00fcr mich.<\/p>\n<h1>Was mich bewegt.<\/h1>\n<p>Am Montag nun kam lange erwarteter Besuch in Lom\u00e9 an: Die in New York lebende kleine Schwester meiner Gastmutter Nicole ist f\u00fcr ein paar Wochen in der Heimat. Sie wohnt mit einer weiteren Verwandten auf Heimatbesuch, die nach acht Jahren in Deutschland nun bereits neun Jahre in London lebt, und deren zwei S\u00f6hnen in einer gro\u00dfen Ferienwohnung. Nicole hat eine Menge typisch togoisches Essen vorbereitet. Viele Familienmitglieder kommen zusammen. Mein Kopf schwirrt, da ich abwechselnd Franz\u00f6sisch, Englisch, Deutsch und Ewe spreche. Ich unterhalte mich kurz mit dem etwa zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Sohn mit sehr, sehr britischem Akzent. Ein Onkel, der seit \u00fcber drei\u00dfig Jahren in Frankreich lebt und ebenfalls zum Sommerurlaub hier ist, l\u00e4dt mich zu seiner Silbernen Hochzeit am Sonntag ein. Ein anderer Onkel erz\u00e4hlt mir von der Zeit der togoischen Fu\u00dfballnationalmannschaft in Deutschland w\u00e4hrend der WM 2006. Alle erz\u00e4hlen mir vom Oktoberfest in M\u00fcnchen, das sie bereits besucht haben. Ich nicht. Ich frage, ob sie auch bayerische Tracht getragen haben. Nein, meint die Londonerin. Eine Schwarze Freundin habe einmal Dirndl getragen und wurde mehrfach beschimpft. Das wolle sie nicht auch erleben. Ich muss schlucken.<\/p>\n<h1>Was ich gelernt habe.<\/h1>\n<p>Wenn ich etwas gelernt habe, dann dass die Welt sehr klein ist und sehr verbunden. Kulturweit hat meinen Horizont erweitert. So sehr, wie ich es mir nicht h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen. Ich sehe jetzt noch mehr Dinge, die unangenehm sind, die mich in eine w\u00fctende, auch auf mich selbst w\u00fctende, Schockstarre versetzen.<\/p>\n<p>Nun wei\u00df ich aber auch, wie ich besser damit umgehen kann. Ich wei\u00df, dass ich nie mehr aufh\u00f6ren will, T\u00fcren zu \u00f6ffnen und durch offene T\u00fcren zu treten. Ich wei\u00df, dass ich mich immer und immer weiter daf\u00fcr einsetzen will, dass wir nicht in abgeschlossenen R\u00e4umen sitzen.<\/p>\n<p>Denn in meinen Augen ist die Begegnung von Menschen der richtige Weg. Der einzig richtige Weg in dieser vielfach verbundenen Welt.<\/p>\n<div id=\"attachment_154\" style=\"width: 339px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/07\/IMG_2806.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-154\" class=\"wp-image-154\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/evaentdeckttogo\/files\/2017\/07\/IMG_2806-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"329\" height=\"250\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-154\" class=\"wp-caption-text\">Sich begegnen.<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fcr zur Welt aufmachen. So umschrieb ich gleich am Anfang meiner Zeit in Togo, was ich darunter verstehe, Freiwillige zu sein. Die letzten Wochen waren turbulent und gro\u00dfartig. 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