Kulturweit. Und weiter.

Ziemlich genau zwei Jahre sind vergangen, seit ich im Rahmen des kulturweit Programms nach Lomé, Togo ausgereist bin. Nun saß ich wieder im Flugzeug, diesmal mit einem neuen Ziel in Westafrika: Dakar, Senegal. Dort hatte ich die Möglichkeit bei einem Praktikum die psychiatrische Abteilung des Universitätsklinikums kennenzulernen.

Doch etwas war anders.

Als ich am Flughafen Madrid umsteigen musste, holte ich mir einen großen Kaffee. Ich hatte wie immer meinen Mehrwegbecher dabei, hielt ihn über die Theke, ließ ihn befüllen. Und kam mir dabei  lächerlich vor. Und schrecklich verlogen.

Auf all meinen Auslandsaufenthalten hatte ich so viel lernen dürfen. Über globale Zusammenhänge. Über Macht, Rassismus und Postkolonialismus. In Lomé hatte ich von meinen Freund*innen, meiner Gastfamilie, den Dozierenden der Germanistikabteilung der Uni gelernt, alles aufgesogen wie ein Schwamm. Und mit dieser Erwartung war ich nun auch wieder in den Senegal gereist. Ich wollte weiterlernen, direkt dort anknüpfen.

Doch etwas war anders.

Um in den Senegal einzureisen, brauchen deutsche Staatsbürger*innen kein Visum. Ich zückte dieses mächtige braune Ding, ein Stempel am Flughafen. Eingereist. Hier in Dakar hielt ich nach einigen Tagen aber auch zum ersten Mal einen bearbeiteten Visumsantrag eines senegalesischen Bekannten für Deutschland in der Hand. Reiseziel angeblich unklar, keine Hotelreservierung, kein Nachweis aller finanziellen Mittel für den Aufenthalt. Vermeintlich keine Glaubwürdigkeit der Rückkehrabsicht. Abgelehnt.

An der Supermarktkasse unterhielt ich mich eines Abends mit einem Angestellten, der meine Einkäufe in eine Plastiktüte packte. Er fragte mich freundlich, was ich in Dakar mache. Praktikum, erwiderte ich, am Uniklinikum. Der junge Senegalese lächelte. Du machst Praktikum, sagte er. Und was mache ich?

Ich wollte lernen, reflektieren, hinterfragen. Doch ich stecke fest. Nun bin ich hier, fliege immer wieder um den halben Globus. Ökologischer Fußabdruck und so, kannst du gleich vergessen. Lerne wieder neue Leute kennen, finde vielleicht Freund*innen und nach fünf Wochen bin ich mal wieder weg. Kaufe französische Produkte in französischen Supermarktketten mit von Frankreich kontrolliertem Geld. Mache ein Praktikum und spreche noch nicht einmal Wolof. Sollen Patient*innen der Psychiatrie wegen mir Französisch sprechen? Hatte ich das erwartet? Nicht dein Ernst. Ich verhandele im Taxi um 500 Franc CFA (etwa 75 Cent) und gebe ohne mit der Wimper zu zucken mehrere hundert Euro für Flüge aus. Und die Alternative: Gar nicht verhandeln, weil ich ja so reich bin? Die Gönnerin, the White Saviour. Nicht dein Ernst, Eva.

Etwas ist anders.

Ich stecke so fest. Im System. Als weiße, weitgereiste Akademikerin bin ich mittendrin. Ich bin hier viel allein, grübele, lese. Ein schmerzhafter Prozess. Manchmal bin ich so traurig, erschlagen und habe das Gefühl, ich kann es nur falsch machen. Dann möchte ich am liebsten weinen und denke im gleichen Moment: Fuck White Tears! Toller Film.

Etwas ist anders. Meine Entscheidung ist gefallen. Das war wohl mein letzter Aufenthalt im Globalen Süden, das letzte Mal Volontourism.  Denn was ich im Sinn habe, ist definitiv nicht das, was ich tue. Und diese Entscheidung ist keine Heldentat. Ich brauche dafür kein Lob, schon gar keinen Trost. Der ganze Prozess ist ein Privileg. Alles was ich lernen durfte, ist ein Privileg.

Und nun?

Für die Zukunft nehme ich mir etwas vor: Ich will stärker darüber nachdenken, dass ich diejenige bin, die über ihre Verhältnisse lebt. Auf dem Rücken anderer. Ich will mein Verhalten entsprechend ändern und nicht nur dort, wo es mir gelegen kommt. Ich nehme mir vor, mich in Deutschland für das einzusetzen, was mir wichtig ist. Für Demokratie, für Vielfalt, für gleichberechtigte Teilhabe, Feminismus. Ich nehme mir vor, in meinem Umfeld Menschen verschiedenster Hintergründe zu begegnen. Die Begegnung zu suchen. Solidarisch zu sein. Rassismuskritisch. Und immer, immer wieder eigene Privilegien zu hinterfragen. Langfristig, nachhaltig, machtsensibel.

Und ich nehme mir vor dankbar zu sein. Für jede meiner Stationen im Globalen Süden, durch die ich weit und weiter gekommen bin. Privat, mit weltwärts, mit kulturweit. Und diesmal: Hier in Dakar.

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