Ist Polnisch cool ?

Ja ! Auf jeden Fall ! Wie man sehen konnte, war mein letzter Artikel ja in polnischer Sprache verfasst. Und setzte sich auch mit dieser auseinander. Das war auch schon länger ein Projekt von mir, da mich diese Sprache unheimlich fasziniert. Heute möchte ich darum mal versuchen, die sprachlichen Besonderheiten des Polnischen den Lesern nahezubringen, die des Polnischen nicht mächtig sind. Dabei möchte ich auch aufzeigen, was mich begeistert, an einer Sprache, die im dem deutschen Betrachtungswinkel fast gar nicht erfasst wird.

Auch möchte ich nocheinmal vorbringen, dass ich doch etwas stolz auf mich bin, im Stande zu sein, einen Artikel, wie den letzten in der polnischen Sprache zu verfassen. In gewisser Weise ist das für mich schon eins der finalen Erfolgserlebnisse meines Freiwilligendienstes. Ich bin nämlich auch nach Polen gefahren um ein „anständiges“ Polnisch zu lernen. Warum eigentlich ?

Das fragen mich sehr oft sowohl Deutsche als auch Polen.

Dabei gilt für Deutsche Polnisch als Fremdsprache als relativ exotisch, ich meine ernsthaft: französisch, spanisch, russisch, chinesisch…. Ist das nicht sinnvoller ? Polen schütteln oft den Kopf oder schauen ungläubig, wenn sie erfahren, dass ich als Deutscher (halbwegs ambitioniert) polnisch lerne. Viele Polen sind nämlich in einer Art Hassliebe mit der eigenen Sprache und stöhnen oft über deren Kompliziertheit. Auf der anderen Seite der sind auch sehr viele stolz auf eine Sprache, die eben sehr komplex und vielfältig ist, wobei die Theorien auseinandergehen, auf welchem Platz der weltweiten Rangliste sie sich befindet. Um diesbezüglich mal eine herrlich unkonkrete Antwort zu geben: So einfach ist es nicht.

Natürlich ist es für Muttersprachler einer slawischen Sprache wesentlich einfacher, polnisch zu lernen, als zum Beispiel für Menschen aus dem arabischen oder ostasiatischen Raum. Aus meiner eigenen Erfahrung kann jedoch ich berichten: Als Deutscher hat man gar nicht so schlechte Karten, denn beide Sprachen ähneln sich mehr, als man zuerst denken würde.

Was aber macht denn nun die polnische Sprache und ihre Komplexität aus ? Hier ein paar Einführungsversuche für deutsche Muttersprachler:

1. Sieben Fälle

Was ja doch einigermaßen bekannt ist, ist, dass polnisch eine hohe Anzahl grammatikalischer Fälle hat, Sieben an der Zahl. Ich kann jedoch beruhigen: Die uns aus dem Aus den deutschen bekannten Fälle Nominativ, Akkusativ, Dativ und Genitiv gibt es auch hier. Sie funktionieren sogar mit ein paar Ausnahmen sehr analog zum Deutschen. Dazu kommen noch die drei Fälle Vokativ, Lokativ und Instrumental, die wir im Deutschen nicht kennen, aber eine laut meiner Auffassung eine sehr logische Funktion und Anwendungsweise haben. Außerdem wird der erstere in der Alltagssprache sehr selten verwendet, weshalb er auch eher unwichtig ist.

2. Aussprache

Berüchtigt ist ja in Deutschland ebenfalls die komplizierte Aussprache des polnischen, die vor allem auf die vielen Zischlaute zurückzuführen ist. Auch hier kann ich einigermaßen Entwarnung geben. Es ist durchaus richtig, dass im polnischen sehr viele Zischlaute verwendet werden, doch dass sind keine, die es in der deutschen Sprache nicht gäbe. Die hohe Kunst ist lediglich, diese zu kombinieren. Aber auch das ist mit Übung (die bei jeder Fremdsprache erforderlich ist) mach- und schaffbar. Dazu kommt, dass die Rechtschreibregeln sehr sehr eindeutig sind, und dass alles schreibt, wie man es spricht. Es gibt also keine stummen Buchstaben, Buchstabenkombinationen oder große Abweichungen, wie im französischen oder englischen.

3. Geschlechter

Etwas komplizierter wird es schon mit den Geschlechtern, Zwar gibt es auch, wie im deutschen, drei grammatikalische Geschlechter, die relativ eindeutig anhand der Wortendung bestimmbar sind. Doch sie haben grammatikalisch ein anderes Gewicht. So kann die dritte Person Plural, also „sie“ (die anderen) unterschiedlich gebildet werden, abhängig davon ob ein Mann zu dieser Gruppe gehört oder nicht. Es gibt folglich also eine zusätzliche Mehrzahlbildung, nur für Personen. Grammatikalisch männliche Substantive, die keine Person sind, werden mit der Mehrzahl versehen, wie weibliche oder neutrale Personen und Substantive. Ebenso gibt es für jedes Geschlecht eine eigene Verbkonjugation in der Vergangenheit.

Beispielsweise die gebeugte Verbform „Ich war“

sagt ein Pole: „byłem”

und eine Polin: „byłam”

4. Aspekt

Eine weitere grammatikalische Form, die vielen Polnisch-lernenden Probleme bereitet ist der Aspekt. Dabei handelt es sich um eine bestimmte Einteilung der Verben in „vollendet“ und „unvollendet“. Jedes Verb (bis auf ein paar Ausnahmen) hat also zwei Infinitive, wobei der unvollendete den bloßen Vorgang beschreibt und der vollendete den Vorgang mit dessen Ergebnis. Veranschaulichen kann man dies am besten am Verb „Essen“ In diesem Fall ist jeść(essen) unvollendet und zjeść (aufessen) vollendet, da es den Ausgang/Effekt der Handlung betont. Die Regeln für die Anwendung dieser Verbformen zu lernen ist zwar allein schon anstrengend, aber erschwerend kommt hinzu, dass jedes dieser Infintiv-Paare individuell gebildet wird. Es gibt keine Regel, anhand derer man sich den jeweils anderen Partner herleiten kann. Es kann so einfach sein, dass einfach, wie im Beispiel, ein Präfix dazukommt. Der Infinitiv kann aber auch ein komplett anderer sein, wie beim Beispiel „nehmen“:

unvollendet: „brać

vollendet: wziąć

Das mag alles sehr trocken und theoretisch klingen, doch beschreibt es das Gefühl ganz gut, das jeder hat, der anfängt, polnisch zu lernen. Man wird regelrecht von einer Flut grammatikalischer Regeln, Tabellen und Übungen erschlagen, und kann sich erstmal nicht auf sprachliche Intuition verlassen. Dennoch sollte man betonen, dass man es als Deutscher vergleichsweise einfach hat, polnisch zu lernen. Immerhin gibt es zwischen beiden Sprachen auch viele Analogien, die man sich zu nutze machen kann und die das lernen leichter machen.

Allgemein betrachtet gibt es auch im polnischen unsere grammatikalischen Grundstrukturen, wie Adjektiv, Verb, Substantiv, Adverb, Adjektivsteigerung, Verschiedene Zeitformen, Passiv und Konjunktiv sowie eine ähnliche Syntax usw. Das polnische ähnelt also auch vom Aufbau her sehr anderen europäischen Sprachen, wie Deutsch oder Englisch.

5. Vokabular

Die meisten vokabularischen Ähnlichkeiten gibt es natürlich mit anderen slawischen Sprachen, am meisten mit dem slowakischen, tschechischen, und dem Belarussischen. In einfachen Konversationen können sich Muttersprachler dieser Sprachen oft verständigen. Aber auch einfachstes Kommunizieren in anderen slawischen Sprachen ist manchmal möglich. Grund dafür ist, dass sich die einzelnen slawischen Sprachen erst relativ spät entwickelt haben und sich darum ähnlicher sind, als z.B. die germanischen Sprachen.

Wenn man nun polnische Vokabeln lernt, fällt aber auch direkt auf, dass nicht alles komplett unbekannt erscheint. Es gibt nämlich deutliche internationale Einflüsse. Die markantesten stellen Latein, Deutsch und Englisch dar. Worte wieinwestycja“ „biznesmen und pantofle erklären sich einfach sehr gut selbst und erhöhen auch manchmal den Spaß beim lernen. Auch ich hätte nicht gedacht, wie viele Lehnwörter aus dem Deutschen es tatsächlich im polnischen gibt. Hier ein paar meiner Lieblingswörter:

szpic = Spitze

kircha = protestantische Kirche

kurort = Kurort

pluszaka = Plüschtier

wihajster = „Wie heißt er ?“ → Dingsbums, wofür man keinen Namen kennt

dorożka = Droschke/Kutsche

sejf = Seife

kamerdyner = Kammerdiener

szuflada = Schublade

sznycel = Schnitzel

6. Diminutive

Ein letztes sehr faszinierendes Phänomen der polnischen Sprache ist die Verniedlichung. Diese hatte ich bereits in einem vorigen Blogartikel einmal angesprochen. Es werden aber bei weitem nicht nur Verniedlichungen auf Vornamen angewandt, sondern auch auf andere Substantive und sogar Adverbien. Auch wird der Duminutiv wesentlich öfter angewandt als etwa im deutschen. Was bei uns meist nur Verwendung, bei kleinen Kindern und Liebespärchen findet, zieht sich im polnischen durch fast alle Alters- und Gesellschaftsgruppen.

Anstatt der Worte ptak (= Vogel), krzesło (= Stuhl) oder szybko (= schnell, als Adverb) können auch völlig legitim die Verkleinerungen „ptaszek“, „krzesełko“und „szybciutko“ verwendet werden.

Auch bei uns gibt natürlich Worte, wie „Stühlchen“ oder „Vögelchen“. Dennoch wäre es eher seltsam, wenn Jugendliche meines Alters sich unterhalten würden mit Sätzen, wie „Schau mal, das Vögelchen“ oder „Nimm dir ein Stühlchen“.

Diese sechs Hauptmerkmale und Stereotype beschreiben denke ich nun sehr gut die polnische Sprache in meiner jetzigen Sichtweise. Wie jeder weiß, verändert sich diese Sichtweise auf eine Sprache im Lernprozess stetig. Von schwer zu einfach, von sinnlos zu logisch und von „jedes Wort klingt für mich gleich“ zu „Diese Sprache ist so unglaublich facettenreich, ich habe mich verliebt“. Und genau das ist auch bei mir passiert. Für mich ist der Klang der polnische Sprache ein wunderschönes Zusammenspiel, beeindruckender Laute und einer Sprachmelodie, die wesentlich „emotionaler“ ist, als die deutsche. Beides kann man natürlich in einem geschriebenen Text eher schlecht zeigen.

Für mich ist Polnisch meine Arbeitssprache und natürlich auch Kommunikationssprache im Alltag und ich habe relativ zeitig in meinem Freiwilligendienst angefangen, kein Englisch mehr zu sprechen, was man nun an meinen Polnisch- und Englischkenntnissen hören kann.

Ich freue mich natürlich über jedes bisschen Interesse an der polnischen Sprache, dass ich mit diesem Artikel wecken konnte. Probiert es einfach mal aus, es tut nicht weh, und macht vielleicht sogar ein bisschen Spaß ;)

Viel Spaß beim Stottern und Zunge verknoten ;)

Moritz

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