Permalink

1

Die Stadt, die niemals endet

„Wir sind lange schon auf Reisen
und kommen immer nur so weit,
wie die Ideen uns tragen,
wie der Mangel uns treibt“
(Spaceman Spiff – Vorwärts ist keine Richtung)

Es passiert nicht oft, dass ich nach einem Städtetrip das Gefühl habe, den Ort möglichst bald noch einmal besuchen zu wollen. Meistens reicht der kurze Aufenthalt und das Gefühl „Die Stadt mal gesehen zu haben“. Die nächste Reise darf dann gerne wieder woanders hingehen. Nicht so bei Istanbul: Die bunten Straßen, die Fähren und Brücken, der Blick auf den Bosporus, die Maronenstände, die Farben, die kleinen Läden und Cafés haben mich so begeistert, dass ich mir wünsche, irgendwann einmal dorthin zurückkehren zu können.

Schon die Anreise stand unter dem Zeichen der Begeisterung. Statt eingeengt im Fernbus oder nervös im Flugzeug, durfte ich mich Istanbul auf eine sehr bequeme und bisher unbekannte Art des Reisens nähern: Mit dem Nachtzug, der täglich von Sofia aus in Richtung Türkei fährt, ging es am Donnerstagabend los, um am Freitagmorgen halbwegs ausgeschlafen in Istanbul anzukommen. Halbwegs, weil dieser Schlaf natürlich von deinen Reisegefährten und der nächtlichen Grenzkontrolle abhängt. Diese stört die nächtliche Erholung ungefähr auf der Hälfte der Fahrt – in meinem Fall hieß das: Gerade eingeschlafen, schon wieder aufgeweckt werden. Dass Müdigkeit in meinem Fall selten mit Freundlichkeit verbunden ist, ist sicher bekannt. Dies in Kombination mit dem Anblick von Stacheldrahtzäunen an den EU-Außengrenzen – ein Wunder, dass ich mich auf ein paar muffelige Kommentare beschränken konnte.

Nach der ersten (bulgarischen) Passkontrolle fuhr der Zug weiter in Richtung Türkei. Dort hieß es aussteigen, abstempeln lassen, wieder einsteigen und… warten. Warten auf die zweite Kontrolle, warten auf das Auspacken der Gepäckstücke, warten auf das Wiedereinsetzen des gemütlichen Schaukelns und der beruhigenden Fahrtgeräusche.

Nach gefühlt fünf Minuten Schlaf klopfte es schon wieder an der Abteiltür: „Wir erreichen Istanbul in zwanzig Minuten, bitte Bettzeug zusammenpacken und auf das Aussteigen vorbereiten“. Trotzdem muss ich sagen, dass das Reisen im Nachtzug ab sofort meine Lieblingsart der längeren Fortbewegung ist. Zugfahren und schlafen – zwei Dinge die ich mag, ergeben in meinen Augen eine tolle Mischung.

Da unser Haltebahnhof eher außerhalb lag, mussten wir noch 45 Minuten mit dem Bus fahren. Der erste Eindruck vom Verkehr in Istanbul war bereits mit Blick aus dem Fenster anstrengend und so beschloss ich, noch einmal die Augen zu schließen und öffnete diese erst wieder, als wir endlich in der Stadt angekommen waren. Bis wir in unsere Unterkunft konnten, mussten noch einige Stunden überbrückt werden. Und so hieß es erstmal die Altstadt zu erkunden, schwarzen Tee trinken, spazieren gehen, einen Bazar besuchen und irgendwo etwas zu Essen zu finden. Somit waren auch die grundlegenden und wiederkehrenden Programmpunkte dieses Kurzurlaubs schon abgesteckt und weiter konnte es in Richtung Unterkunft gehen. Da diese nicht im europäischen, sondern im asiatischen Teil der Stadt lag, genauer gesagt im wunderschönen Viertel „Kadiköy“, fuhren wir dazu mit der Fähre. Nach ersten Verwirrungen und der traurigen Feststellung, dass aus dem einjährigen Türkischkurs, den ich einst in der Uni belegt habe, nicht eine einzige Vokabel hängen geblieben ist, schafften wir es dann tatsächlich auf das richtige Boot.

In Kadiköy angekommen, kamen wir aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Hier reihen sich Secondhandläden an Cafés, es gibt Graffiti und bunt bemalte Treppenstufen, Häuser, die mit Holzfassaden und verschnörkelten Ornamenten verziert sind, kleine Restaurants und überall Dinge, die jeden Berliner Hipster neidisch machen würden. Auch unsere Wohnung überraschte uns mehr als positiv und nach einem kurzen Mittagsschlaf meinerseits ging es von dort aus am frühen Abend in Richtung Bosporus. Nur wenige Laufminuten entfernt fanden wir einen kleinen Park und eine schöne Stelle, von der aus wir das Wasser und den Sonnenuntergang bestens im Blick hatten.

Am nächsten Tag sah das Wetter leider nicht mehr ganz so sonnig aus. Graue Wolken, Wind und regnerische Kälte schlugen uns entgegen, als wir die Fähre betraten und zurück in Richtung Altstadt fuhren. Dort spulten wir zunächst das typische Sightseeing-Programm herunter und besuchten die Blaue Moschee und die Hagia Sophia. Später besichtigten wir noch eine riesige Markthalle, den sogenannten „gedeckten Bazar“ und die wirklich sehr beeindruckende Süleymanyie-Moschee. Leider hatten wir für das Museum „Hagia Sophia“ Kombi-Tickets gekauft, so dass ich auch am nächsten Tag noch einmal zur Kultur gezwungen wurde und mit meiner Reisegruppe das archäologische Museum und den Palast des Sultans besuchen musste. Hier konnte ich mal wieder unter Beweis stellen, dass auch mit Mitte zwanzig noch Tendenzen zum nörgeligen Kleinkind vorhanden sein können.

Zum Glück waren diese Programmpunkte irgendwann überstanden und über die Brücke ging es in den Stadtteil „Beyoğlu“. Hier steht der sogenannte Galataturm, der ursprünglich Teil der Stadtbefestigung und Symbol des christlichen Glaubens war. In der langen Zeit zwischen seiner Errichtung und heute, diente er jedoch auch schon als Leuchtturm, als Gefängnis, und als Nachtclub. Heute ist er eine sehr begehrte Aussichtsplattform, welche wir aufgrund der langen Touristenschlangen dann doch lieber nur von unten erlebten. Stattdessen verbrachten wir die Zeit mal wieder mit Kartenspielen und Tee trinken, schlenderten durch die Einkaufszone in Richtung Taksimplatz und suchten am Abend ein im Grünen verstecktes Restaurant auf, bevor es wieder mit der Fähre zurück zur Unterkunft ging.

Für den letzten Tag hatte ich mir etwas besonderes gewünscht: Einen Milchshake trinken, der aus Cornflakes, Eis, zahlreichen Süßigkeiten und auf Wunsch sogar Zuckerwatte bestand. Die Anderen stellten fest, dass sie hier „bereits beim Blick in die Speisekarte Diabetes bekommen würden“. Doch es half alles nichts, auch hier kam das Kleinkind in mir wieder zum Vorschein und schrie „will haben“. Und so mussten diese Bedürfnisse eben  befriedigt werden, bevor wir uns irgendwann wieder in Richtung Europa auf den Weg machen konnten. Hier ging es noch einmal über den Bazar und bald darauf zum Bahnhof, wo wir auf unsere Abreise warteten.

Wie ich es bereits eingangs erwähnt habe: Istanbul hat mich begeistert und mir das Gefühl gegeben, noch so viel mehr von dieser tollen Stadt entdecken zu wollen. Trotzdem wurde diese Freude direkt nach unserer Ankunft in Sofia wieder etwas getrübt. Nachrichten von Journalisten, die aus der Türkei ausgewiesen werden, die Tatsache, dass Wikipedia dort verboten ist und das Gefühl auf offener Straße nicht allzu negativ über den 12. Präsidenten der Türkei reden zu dürfen, waren Teil dieser Reise – ebenso wie das Gefühl, irgendwie nicht zu rosarot über Istanbul berichten zu wollen.

Mit dem Nachtzug von Sofia nach Istanbul

Erster Eindruck von Istanbul: Ganz schön bunt hier!

Colorblocking in Istanbul

Frisch gepresste Säfte an jeder Ecke 🙂

Posen im Sonnenuntergang

Bunte Luftballons im Sonnenuntergang

Das einzige türkische Wort, das ich mir merken konnte! „Elli“ bedeutet auf türkisch ganz einfach „Fünfzig“

Die Reisebegleitung mit dem Rücken zur Stadt

Der Blick auf die Stadt von der Süleymaniye Moschee

Die Süleymanyie Moschee im Abendlicht

Blick auf die Hagia Sophia

Mein Versuch ein schönes Foto von der Straßenbahn zu machen

Der Garten neben dem Archäologischen Museum

Mau!

Symbolbild der Überreizung im gedeckten Bazar

Nochmal gedeckter Bazar

 

Symbolbild für die zahlreichen bunten Straßen Istanbuls

Zum Abschied: ZUCKER FÜR ALLE!

1 Kommentar

  1. Super tolle Bilder von Istanbul. Scheint echt eine Reise wert zu sein, wenn da nicht dieses blöde politische System wäre.
    Liebe „Fünfzig“ 😆 , genieße weiterhin deine Erlebnisse. Es macht so viel Spaß, alles davon zu lesen und zu sehen. 📸

    Liebe Grüße
    Deine Berit

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Zur Werkzeugleiste springen