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Zwei Monate in einem Artikel

„Deine Schönheit bleibt im Innersten verborgen
Nur was dich überlebt ist von Bedeutung für morgen“
(OK KID – Februar)

Zu Weihnachten bekam ich ein Plakat geschenkt, auf dem hundert Dinge aufgelistet sind, die es in Bulgarien zu sehen oder zu erleben gibt. Jede erledigte Aktivität darf mit einer Münze freigerubbelt werden. Bei der Geschenkübergabe fiel das Resultat noch sehr übersichtlich aus. Lediglich der Besuch von Plovdiv, das Wandern im Rila-Gebirge und ein paar Ausflüge in und um Sofia hatte ich bis dahin geschafft. Irgendwie deprimierte mich das. Der Gedanke, dass ein FSJ in Deutschland und eine Urlaubswoche in Bulgarien ähnliche Ergebnisse im Bereich der Landeskunde hervorgebracht hätten, wie diese ersten drei Monate, kam mir nicht nur einmal.

Mittlerweile hat sich das geändert. Im kalten und verschneiten Januar konnte ich nicht nur meine Kenntnisse im Skifahren autodidaktisch erneuern, sondern auch nächtliche Schneeballschlachten im Park, eine WG-Party und meine selbstgebackene Banitza genießen. Das Abenteuer „Zug fahren“ erledigte ich am selben Nachmittag wie die „bulgarischen Kukeri“ sehen. Gemeinsam mit den anderen Freiwilligen fuhr ich am 25. Januar nach Pernik zur Eröffnungsfeier des internationalen Maskeradenfestes (auf bulgarisch „Surva“). Dort sahen wir uns den Umzug der Kukeri an – Menschen verkleiden sich mit Tiermasken, läuten mit Kuhglocken und tragen Fackeln, um die bösen Geister des Winters zu vertreiben und den Frühling einzuleiten.

Das scheint ihnen gelungen zu sein. Denn von dem „sibirschen Winter“, vor dem mich mein Vermieter warnte, habe ich noch nicht viel mitbekommen. Auf den Schnee folgten zwei Regentage und an einem Abend vor drei Wochen roch die Luft plötzlich nach Frühling. Wenn ich nach Feierabend nachhause gehe, ist es nicht mehr stockdunkel. Bereits Anfang Februar gab es lauwarme Temperaturen im zweistelligen Bereich. Praktisch, dass ich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt meine  Dienstreise antreten konnte. Gemeinsam mit einer Kollegin sollte ich zwei der drei deutschen Lesesäle in Bulgarien sowie das neue Goethe-Institut in Bukarest besuchen. Erste Station: Varna am Schwarzen Meer.

In Varna angekommen, spazierten wir durch den Meeresgarten in Richtung Strand. Meine Kollegin Maria kommt ursprünglich aus Varna und konnte mir so viele interessante Dinge über die Stadt erzählen. Sie zeigte mir unter anderem eine kleine Holzbrücke im Park und riet mir, diese mit geschlossenen Augen zu überqueren und mir dabei etwas zu wünschen. Gesagt, getan und siehe da: Mein Wunsch, einen Cappuccino direkt am Strand zu trinken, wurde wahr. Am nächsten Morgen entdeckte ich die magische Anziehungskraft des Meeres und stand deutlich früher als gewöhnlich auf, um vor dem Frühstück noch einen kurzen Spaziergang am Strand zu machen. Später besichtigten wir den Lesesaal, bevor es weiter in Richtung Ruse ging. Ruse ist eine Stadt an der rumänischen Grenze und liegt direkt an der Donau. Hier gibt es zwar keinen Strand, dafür aber ein historisches Stadtzentrum. Ich benannte einen Teil davon in  „Zuckerwattestraße“ um, da es hier statt sozialistischen Grautönen eher romantische Altbaufassaden in hellen Pastelltönen gibt.

Einen ganz anderen Eindruck als Varna hinterließ auch die Bibliothek von Ruse. Während der Lesesaal in Varna in einem sozialistischen Betonklotz untergebracht ist und von innen her eher an einen gemütlichen, aber etwas chaotischen Dachboden erinnerte, zählt die Bibliothek in Russe für mich in ihrer Gesamtheit zu den schönsten Bibliotheken die ich je sah. Meterhohe Regale, gemütliche Sitzecken und viele Pflanzen verleihen ihren Räumlichkeiten einen gewissen Charme. Gekrönt wird dieser durch die fast hundertjährige Uhr, die in einer kleinen Mansarde unter dem Dach untergebracht ist und alle zwei Tage per Hand aufgezogen werden muss.

Da unser Auftrag lautete drei Städte in drei Tagen zu besuchen, ging es keine vierundzwanzig Stunden später weiter nach Bukarest. Bis dahin hatte ich mich kaum mit der rumänischen Hauptstadt auseinandergesetzt. Ich erwartete eine Art zweites Sofia. Umso überraschter war ich, als ich in Bukarest plötzlich an Berlin und Paris denken musste. Die vielen Menschen, der hektische Verkehr, die riesigen Prachtbauten und die zahlreichen Kneipen ließen Sofia im Vergleich plötzlich wie einen gemütlichen Kurort wirken. Nach dem ich mich dann plötzlich auch sehr sehnte.

Irgendwie verrückt, dass es schon wieder ein Jahr her ist, dass ich in Berlin saß und noch keine Ahnung hatte wohin und vor allem letztendlich für wie lange es mich irgendwohin verschlagen sollte. Jetzt bin ich seit einigen Monaten in Bulgarien und fühle mich in Sofia irgendwie zuhause. Das mag auch an meiner Mitbewohnerin und Arbeitkollegin Pia gelegen haben. Für sie endet der Freiwilligendienst am Wochenende. Ihre sechs Monate sind bereits vorbei, während für mich gerade die zweite Halbzeit beginnt. Ich hoffe, dass ich diese genauso gut überstehen werde, auch wenn ich Pia und die anderen Freiwilligen, die bereits wieder in Deutschland sind, höchstwahrscheinlich vermissen werde.

Fotos aus dem Januar:

Pernik: Die traditonellen „Kukeri“, die den Winter vertreiben sollen.

Pernik: Diese Wintergeister sind aber auch gruselig!

Borovetz, autodidaktisches Skicamp Nr. 2: Paul, Elli und Brigitte auf Wilder Fahrt.

Fotos aus dem Februar:

Sofia: Endlich mal wieder klettern.

Varna: Abendspaziergang.

Varna: Morgenrunde.

Varna: Mittagspause.

Ruse: Die „Zuckerwattestraße“ im Stadtzentrum

Bukarest: Ich fand es dort schön und schrecklich zugleich.

Bukarest: Neben hohen sozialistischen Platten auch viel historischer Kram. Auf jedenfall hektischer, pompöser und irgendwie stressiger als Sofia.

Sofia: Abends ist es nicht mehr dunkel und die Luft riecht nach Frühling.

Sofia: Beim Ausflug zu Ikea haben wir sehr wichtige Dinge für die Bibliothek gekauft!

Sofia: Abschiedsrunde 1.0 – Für Finn, Pia, Johanna und Clara ist das FSJ nun vorbei.

 

 

 

 

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