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Der rutschige Start ins Neue Jahr

„Wenn du glaubst, dass du ständig gegen Wände rennst
Sieh es als Vorteil, wenn du endlich alle Wände kennst“
(Neonschwarz – Hinter Palmen)

Achtung, Rutschgefahr! Dieser Warnhinweis sollte dick und fett überall dort in Sofia hingeklebt werden, wo sich Hausbesitzer oder -bewohner nicht die Mühe gemacht haben den Schnee vor der Tür wegzukehren. Außerdem bitte auch noch auf jeden einzelnen der gelben Backsteine mit denen ein Großteil des Stadtzentrums gepflastert ist. Und natürlich überall dort, wo statt normaler Bodenplatten eine Art von Fliesen auf dem Gehweg verlegt wurde. Also eigentlich überall. Denn: In Sofia wird nicht gestreut. Und somit verwandelt sich der Schnee, der in den ersten Tagen des neuen Jahres fast ununterbrochen vom Himmel fiel, mit einsetzendem Tauwetter mehr und mehr in eine stabile Eisfläche. Die tägliche Herausforderung ist es, diese sicher und ohne Zwischenfälle zu überqueren und dabei noch zügig voranzukommen. Denn wie das eben so ist mit den guten Vorsätzen: Die Idee, ab 2019 wieder um 9 Uhr statt um 10 Uhr mit der Arbeit anzufangen (Gleitzeit sei Dank) ließ sich schwerer realisieren als zunächst gedacht. Irgendwas war an den ersten Abenden des neuen Jahres immer los und somit habe ich den Kampf gegen meine innere Uhr (spät ins Bett, spät raus aus dem Bett) wieder einmal verloren.

2019 begann für mich, wie bereits in meinem letzten Post von 2018 erwähnt, nicht in Sofia, sondern in der Nähe der Stadt Gotze Delchev, genauer gesagt in dem 40-Seelen Dorf namens Delchevo. Hier verbrachte ein paar schöne Urlaubstage mit einer bunt gemischten Reisegruppe, bevor es am 1. zurück in die vertraute Umgebung ging. Hier dauerte es nicht lange und der Alltag hatte mich wieder. Ich gehe täglich zur Arbeit, hatte schon viermal Sprachkurs und sehe die bekannten Gesichter wieder. Alles wie immer also, oder doch nicht?

Tatsächlich brachte der Jahreswechsel ein paar Änderungen mit sich. Zunächst einmal haben wir eine neue Freiwillige und für Pia und mich heißt das auch, dass wir gleich zwei neue Mitbewohner in die WG bekommen haben. Clara, die eigentlich in Russland eingesetzt war und dort Probleme mit dem Visum hatte und Fabian, einen deutschen Erasmus-Studenten. Außerdem bekam ich am ersten Januarwochenende mal wieder ein sehr vertrautes Gesicht zu sehen, dessen letzter Anblick schon wieder mehr als sechs Monate zurücklag: Mein zweiter Besuch aus Deutschland stand an. Sophie, die ich noch aus dem ersten Semester in Leipzig kenne und die mittlerweile längst in Frankfurt (Main) wohnt, hatte sich auf den Weg gemacht um mir wiedereinmal ihre Leidenschaft für „den Osten“ unter Beweis zu stellen. Eine bessere Jahreszeit hätte sie sich dafür nicht aussuchen können – selten sah Sofia so authentisch „osteuropäisch“ aus, wie an diesen eiskalten Wintertagen.

Gemeinsam stapften wir drei Stunden lang durch den Schnee um uns bei einer Stadtführung mehr über die kommunistische Vergangenheit Bulgariens erläutern zu lassen. Die Tatsache, dass ich bis dahin nicht wusste, dass ein Stück Berliner Mauer auf einem meiner Lieblingsplätze in Sofia steht, spricht dafür, dass diese Unternehmung trotz gewisser Vorkenntnisse meinerseits einen gewissen Bildungsauftrag erfüllt hat. Zum Ausgleich verbrachten wir die restliche Zeit meistens sehr kapitalistisch. Entweder in einem Restaurant oder einem Geschäft, einer Bar oder einfach nur auf meinem Sofa – mit Tee und Schokolade in der Hand.

Damit mir nach so viel freundschaftlichem Input nicht die Decke auf den Kopf fallen konnte, beschloss ich mich am darauffolgenden Wochenende den anderen Freiwilligen (und dem Praktikanten vom Goethe-Institut) anzuschließen. Sie wollten nach Plovdiv fahren. Dort war ich ja eigentlich erst im November gewesen und wirklich Lust auf nochmal Sightseeing, vor allem bei diesen Temperaturen, hatte ich eigentlich nicht. Aber da es bei diesem Ausflug eigentlich mehr um die Eröffnung als diesjährige „Europäische Kulturhauptstadt“ gehen sollte, fuhr ich mit. Eine sehr gute Entscheidung, wie sich im Nachhinein herausstellte. Zum einen lag unsere Wohnung direkt im Zentrum der Stadt. Den Weg dorthin wies uns nicht der Stern von Bethlehem, sondern der Fernsehturm zu Babel: In die Mitte einer großen Straße hineingepflanzt machte ein mehrstöckiger Block, bestehend aus Bildschirmen, Boxen und sonstiger Technik die Nacht von Freitag auf Samstag zum Tag. Im Viertelstundentakt wechselten Lichter und Töne sowie deren Intensität: Generalprobe für die große Veranstaltung am nächsten Tag.

Diese sollte jedoch erst am Abend stattfinden. Wie bereits erwähnt: Nochmal Lust auf antikes Theater oder kommunistisches Kriegerdenkmal hatte ich an diesem Wochenende nicht. Also trafen Finn, Nele und ich uns mit einer deutschen Lehrerin, bzw. Schulinspektorin, aus Plovdiv zum Kaffee, während die anderen Drei sich die historische Altstadt anschauten. Aus einem Kaffee wurde bei mir eine heiße Schokolade und später der gemeinsame Besuch der Eröffnunsfeier. Dort zitterten wir mehrere Stunden, während wir traditionelle bulgarische Tänze und moderne Bearbeitungen des Mottos „заедно“ („Zusammen“) beklatschten und verschiedenen Eröffnungsreden lauschten. 

Am nächsten Tag ging es zurück nach Sofia und am Montag ganz gewohnt ins Goethe-Institut. Hier geht auch alles seinen gewohnten Gang. Einige Projekte vom letzten Jahr, wie beispielsweise der Edit-a-thon und die Buchmesse bedürfen noch einiger Nachbereitung, aber ansonsten gibt es eigentlich wenig Nervenaufreibendes auf das ich mich gerade konzentrieren muss.

Und somit kann ich meine Tage damit verbringen durch die Regale zu streifen und den Bestand zu sortieren. Da es immer etwas chaotisch zugeht, ist diese Aufgabe gar nicht so einfach, wie zunächst gedacht. Nicht immer steht das gesuchte Buch dort, wo es stehen sollte. Manchmal taucht es gar nicht mehr auf – oder Stunden später, jedoch an ganz unvermuteter Stelle. Trotzdem bereitet mir diese Aufgabe viel Spaß. Wenn ich ein interessantes Buch entdecke, kann es vorkommen, dass ich mich erstmal eine halbe Stunde damit auf den Boden der Bibliothek setze (oder lege), um es mir in Ruhe anzuschauen. Außerdem gehören zum Bestandsortieren auch kleine Aufräumarbeiten dazu. An manchen Tagen finde ich Sachen in den Regalen, die dort definitiv nicht hingehören. Oder ich spitze die Buntstifte in der Kinderecke an.

Neben diesen sehr praktischen Übungen gibt es natürlich trotzdem auch E-Mails die beantwortet werden wollen. Gerade arbeite ich an einem kleinen Projekt das sich „Nacht der Literaturen“ nennt. Diese soll im Mai stattfinden und wird vom Tschechischen Zentrum in Sofia initiiert. Die Idee ist es, bulgarische Übersetzungen von Texten aus verschiedenen europäischen Ländern vorzutragen. Neben Tschechien und Deutschland beteiligen sich beispielsweise auch das Institut Francais und das British Council. Ich organisiere den Beitrag des Goethe-Instituts. Gesucht wurde ein zeitgenössisches deutsches Buch, das erst nach 2000 verlegt wurde und das natürlich ins Bulgarische übersetzt wurde. Meine Wahl viel auf „Das Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells. Sowohl Buch als auch Autor gehören seit längere Zeit zu meinen persönlichen Favoriten.

Momentan scheint es also bei mir zu laufen. Es kann sein, dass es nur die anfängliche Neujahrseuphorie ist, die sich momentan noch wacker hält und mich zur guten Laune zwingt. Von den Zweifeln, die mich im November beschlichen und dem kurzen Gefühl von Heimweh, dass sich nach den Weihnachtsferien in Deutschland plötzlich einstellte ist, zumindest im Moment, nicht mehr viel übrig.

Nico genießt den Ausblick auf den Party-Turm in Plovdiv – er ahnt noch nicht, dass er bis 4 Uhr morgens Freude daran haben wird

Diesen Hinweis hätte es in Plovdiv gar nicht gebraucht! Da lag kein Schnee – im Gegensatz zu Sofia.

Das Motto für Plovdiv 2019: Zusammen

Bei eisigen Temperaturen warteten wir auf die Eröffnung von Plovdiv als diesjährige „Europäische Kulturhauptstadt“

Ich sortiere und sortiere und sortiere…

Berliner Mauerstücke dienen heute als Kunst.

Nochmal Kunst – eine bunte Treppe in einem meiner neuen Lieblinsgeschäfte in Sofia.

Sophie und ihr Ausflug in die bulgarische Küche.

Sofia – das Winterwunderland.

Das obligatorische Schneefoto von der Newski-Kathedrale, an der ich täglich vorbeikomme.

„Der deutscheste Moment meines Lebens“ – Feldgiekerabend bei Finn und Paul. Oder auch „Es gibt Stulle mit Brot“.

Bulgarien ist, wenn du dich über die Anwesenheit einer Duschkabine freust!

Nochmal ein Stück Berliner Mauer

„Der wilde Osten“ – ganz verschneit.

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