{"id":704,"date":"2014-06-15T11:31:27","date_gmt":"2014-06-15T09:31:27","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/?p=704"},"modified":"2014-06-15T11:31:27","modified_gmt":"2014-06-15T09:31:27","slug":"die-grosse-glocke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/2014\/06\/15\/die-grosse-glocke\/","title":{"rendered":"Die gro\u00dfe Glocke"},"content":{"rendered":"<p>Es war warm an dem Tag. Endlich. Der Kalender zeigt Mittwoch, den siebten Mai 2014. Auf alles vorbereitet sitze ich vor der Schule, eine Pita in der Hand, und gucke in die Sonne. Feierabend schon seit 20 Minuten. Doch bis zum Stundenende warten wir noch.<\/p>\n<p>Kurz vor Stundenende. Alles ist still. Alles. Die V\u00f6gel zwitschern, die Autos d\u00fcsen durch schon seit langem gr\u00fcne B\u00e4ume versteckt vorbei, kein T\u00fcrenklappern, kein Garnichts. Man wartet. Auf die Glocke.<\/p>\n<p>Dann klingelt es. Genauso laut wie immer, genauso schrill wie immer. Nur&#8230; h\u00f6rt es nicht mehr auf. Die Milisekunde zu viel. Da, die Erkenntnis. Man hat die Sch\u00fclergesichter vor sich. Die normale Ruhe, die \u00dcberraschung &#8211; der Jubel.<\/p>\n<p>Und dann kriegt sich niemand mehr ein. ALLES fliegt aus den Fenstern. Stifte, Schultaschen, Papier verdunkelt den Himmel, die Autos sind nurnoch schemenhafte Schw\u00e4mme, die vorbeiflitzen, Motoren werden \u00fcbert\u00f6nt. Die Schule br\u00fcllt vor bosnischem Temperament.<\/p>\n<p>Es donnert, die Treppe wird in Abgang genommen, und da kommt er schon: Der erste Maturant, noch bevor das lange Klingeln aufh\u00f6rt zu l\u00e4uten. Fliegen tut er, heraus aus der Eingangst\u00fcr, die der Hausmeister mit Tr\u00e4nen in den Augen offenh\u00e4lt. Fliegen tut er so, dass sein Kopf fast oben am T\u00fcrrahmen anst\u00f6\u00dft. Die Arme weit nach Hinten gestreckt, das Gesicht genie\u00dferisch in die erl\u00f6sende Sonne gereckt, den Rucksack links liegen lassend. Drei Sekunden sp\u00e4ter kommt sie, die Meute. Der letzte Schultag des Abschlussjahrgangs ist vorbei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Lehrer hatte mir netterweise vorher gesteckt, dass ich doch noch eine Stunde warten soll, bis ich nach Hause gehe. Was sich ausgezahlt hat. Die Stra\u00dfe wurde erstmal blockiert und mit schallenden Liedern besungen und beschrien. Lehrer standen an den Fenstern wie die Sch\u00fcler auf der Stra\u00dfe, um ihr L\u00e4cheln und ihre Tr\u00e4nen noch ein letztes Mal zu zeigen. Diese Sch\u00fcler bekommt man jetzt nurnoch auf dem Maturantenball und der Abschlusspr\u00fcfung zu Gesicht.<\/p>\n<p>Die zweite gro\u00dfe Glocke schallerte an meiner letzten Schule diesen Freitag. Nur bei weitem nicht so unerwartet. Die restlichen Sch\u00fcler des Kantons Sarajevo haben seit Freitag offiziell zweieinhalb Monate Sommerpause. Und ich somit auch. Die Unerwartung und somit der geniale \u00dcberraschungseffekt, den ich zu meiner gro\u00dfen Freude miterleben durfte, ist nicht wie im Planerdeutschland von vorn herein festgelegt: Man muss genauso viele Unterrichtsstunden abarbeiten, wie am Schuljahresbeginn geplant waren. Wenn alle durch sind, dr\u00fcckt man eben etwas l\u00e4nger auf den Klingelknopf.<\/p>\n<p>Seit Anfang der letzten Woche wird sich verabschiedet, Eis gegessen und beschenkt. Man merkt genau, wer dankbar ist und wer nicht, Sch\u00fcler wie Lehrer. Ob man sich mit Kollegen nichtmal die Hand gibt oder doch f\u00fcr eine geschlagene Minute in den Armen liegt, zeigt, wo man was wie richtig und was woanders nicht so richtig gemacht hat. Auch, wenn man den Geschenkestapel lieber nicht ale Richtlinie f\u00fcr getane Arbeit sehen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine gro\u00dfe Glocke klingelt Anfang Juli. Dann hei\u00dft es Aufbruch, mit dem Fahrrad an der Donau entlang nach Hause. Letzte Sachen werden gekl\u00e4rt, die Zeit genossen, Sch\u00fcler und Freunde werden noch tausend Kaffees und Rakijas trinken m\u00fcssen, bis sie mich dann doch endlich los sind. Verschwinden wird man aus diesem Schulapparat, n\u00e4chstes Jahr kommen zum Gl\u00fcck meiner Sch\u00fcler und Kollegen hier Nachfolger, um den Laden nochmals zu erfrischen. Verschwinden wird man aus diesem Land, zumindest vorest. Verschwinden und nie wiederkommen wird auch die Stimmung dieses Jahres &#8211; arbeiten wird man so nicht wieder, leben so auch nicht. So sch\u00f6n. Vielleicht ist es gerade so toll, ein Jahr begrenzt irgendwo zu sein. Da h\u00f6rt man n\u00e4mlich wirklich mal auf, wenn es am sch\u00f6nsten ist. Wiederkommen aber werde ich. Und ich hab ja jetzt noch drei Wochen.<\/p>\n<p>Nur, dass der Finger erstaunlich bedrohlich \u00fcber meinem Klingelknopf verweilt. Mir aber noch die Zeit gibt, in Ruhe alles zu packen und diese letzten Monate genussvoll ausklingeln zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war warm an dem Tag. Endlich. Der Kalender zeigt Mittwoch, den siebten Mai 2014. Auf alles vorbereitet sitze ich vor der Schule, eine Pita in der Hand, und gucke in die Sonne. Feierabend schon seit 20 Minuten. Doch bis zum Stundenende warten wir noch. Kurz vor Stundenende. Alles ist still. Alles. 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